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Konzepte kontrafaktischen Denkens

Eine Rezension von Silvia Boide

Birke, Dorothee; Butter, Michael; Köppe, Tilmann (Hg.): Counterfactual Thinking - Counterfactual Writing. Berlin/New York: de Gruyter, 2011.

Der Sammelband zum kontrafaktischen Denken und Schreiben bietet einen vielseitigen Einstieg zum Konzept von Kontrafaktizität in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Ohne dass diese Brücke bereits geschlagen werden soll, regt er einen interdisziplinären Austausch zum Konzept der Kontrafaktizität als Grundkonstante menschlichen Denkens an. Die gut strukturierte Einleitung des Bandes leistet dabei die wichtige disziplinäre Einordnung der Beiträge und die allgemein verständliche Reformulierung der Grundgedanken der einzelnen Aufsätze. Wer an kontrafaktischem Denken in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen interessiert ist, erhält mittels der hier versammelten Aufsätze einen ersten Eindruck über die vielfältigen Forschungsmöglichkeiten zum Thema und kann sich inspirieren lassen.
 


Der englischsprachige Sammelband "Counterfactual Thinking, Counterfactual Writing" stellt Aufsätze aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Philosophie, Wissenschaftsgeschichte, Geschichtswissenschaft, Sozialwissenschaft, Psychologie, Physik und Literaturwissenschaft vor, die sich alle dem kontrafaktischen Denken und Gedankenexperimenten aus ihrer jeweiligen disziplinären Perspektive nähern. Die Diversität der Definitionen in den unterschiedlichen Disziplinen möchten die Herausgeber jedoch nicht als Manko sehen, sondern eher als einen Ausgangspunkt, von dem aus interdisziplinärer Austausch möglich werden soll und der besonders fruchtbare Diskussionen zur Folge haben kann.
Unterschieden werden die Disziplinen dahingehend, ob in ihrem Forschungsgebiet kontrafaktisches Denken als Studienobjekt, wie beispielsweise in der Psychologie, oder als Methode, zum Beispiel in der Geschichtswissenschaft bzw. Physik, anzusehen ist. Ziel des Sammelbandes sei ein Überblick über aktuelle Definitionen von Kontrafaktizität in den genannten Disziplinen. Die geschichtliche Entwicklung kontrafaktischen Denkens wird zugunsten einer Bestandsaufnahme der aktuellen einschlägigen Forschung explizit ausgespart.
Die Einleitung formuliert klar die Ziele und Grenzen des Bandes. Die Herausgeber ordnen die einzelnen Beiträge nach ihrer disziplinären Zugehörigkeit und nehmen eine Verortung in der Forschungslandschaft vor. Allgemein verständlich formuliert schafft die Einleitung die gemeinsame Basis für die spezieller gehaltenen einzelnen Artikel. Außerdem macht sie bewusst, dass  "counterfactuality" nicht mit "fictionality" gleichzusetzen ist, sondern genau mit dieser Gegenüberstellung von Fakt und Fiktion spielt. Damit rahmt sie die einzelnen sehr diversen Beiträge optimal und schafft Orientierung für Leser und Leserin in diesem vielfältigen Forschungsfeld.

In den drei philosophischen Perspektiven zum Thema nehmen Albrecht und Danneberg zunächst einleitend eine Definition kontrafaktischer Imaginationen vor und grenzen sie gegenüber Abstraktion, Idealisierung, Modell und Gedankenexperiment ab. Anschließend beschäftigen sich zwei Beiträge mit der Bedeutung von Gedankenexperimenten bei der Lektüre fiktionaler Texte (Klauk). Dabei kommt auch die kognitive Signifikanz von Fiktion zum Tragen, da auf fiktionaler Ebene dieselben Einordnungsprozesse wie bei Ereignissen der aktualen Welt eingesetzt würden (Dohrn).

Im einzigen genuin naturwissenschaftlichen Beitrag des Bandes erläutert Elwenspoek anhand mehrerer Beispiele, welche grundlegende Rolle kontrafaktisches Denken als Werkzeug der Physik spielt und in welchen Situationen es zum Einsatz kommt.
Aus dem Bereich der Psychologie befasst sich Patrizia Catellani zunächst mit den Funktionen kontrafaktischer Aussagen im politischen Diskurs. Anhand empirischer Studien identifiziert sie verschiedene Muster und ihre Parameter bei der Anwendung kontrafaktischer Aussagen, mit deren Kenntnis die Sensibilität für die Strukturen und verwendeten Instrumente im politischen Diskurs erhöht werden kann.
Martin Hilpert nimmt den für jede Verarbeitung kontrafaktischer Aussagen grundlegenden  Vorgang konzeptueller Integration (conceptual blending) in den Blick. Die Erforschung der menschlichen Fähigkeit, konfligierende Aussagen mental zu verarbeiten, kann aus Sicht der kognitiven Linguistik als Basis für die restlichen hier versammelten Ansätze gewertet werden.

Kleebergs Aufsatz zu Ernst Machs und Max Webers Auffassungen von Gedankenexperimenten bietet dann einen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte. Während beide Autoren kontrafaktisches Denken als Verdeutlichung von Kausalzusammenhängen bewerteten, sprach sich Weber doch explizit gegen den methodischen Einsatz in der Geschichtswissenschaft aus. Bewertungen kontrafaktischen Denkens als Methode in den Geschichts- und Sozialwissenschaften aus heutiger Sicht ergänzen diese historische Perspektive. Obwohl zu jeder der Disziplinen nur ein Beitrag vorliegt, geht aus beiden Aufsätzen hervor, dass es in den Fachrichtungen jeweils unterschiedliche Auffassungen gibt. Während Berger Waldenegg dies für die Geschichtswissenschaft eher vorsichtig abwägt, plädiert Lebow für den Einsatz kontrafaktischen Denkens als notwendiger Ergänzung der Arbeit in den Sozialwissenschaften.

Speziell die Literaturwissenschaft profitiert vom Konzept der Kontrafaktizität, da sie an die verschiedenen disziplinären Definitionen anknüpfen und diese für die Analyse literarischer Texte nutzbar machen kann. Das deutet sich in den letzten fünf Beiträgen des Bandes an.
Andreas Martin Widmann schlägt eine Unterteilung des kontrafaktischen historischen Romans in Plot-Typ und Story-Typ vor. Während beim Plot-Typ die chronologische Ordnung der allgemein als faktisch akzeptierten Ereignisgeschichte beibehalten und lediglich die kausalen Verbindungen modifiziert würden, seien es beim Story-Typ die sofort ins Auge stechenden veränderten Ereignisfolgen, die einen Text als solchen qualifizierten.
Birte Christ erörtert in ihrem Artikel, welche Funktionen kontrafaktisches Erzählen in engagierter feministischer Literatur übernehmen kann. Sie illustriert fallbezogen, wie kontrafaktische Elemente in feministischer Fiktion einerseits Missstände der aktualen Welt in der Gegenüberstellung mit einer kontrafaktischen Welt aufdecken können; andererseits stellt sie heraus, wie diese auch eine synthetische oder auflösende Wirkung der binären Opposition von male/female haben können.
Rüdiger Heinze bietet in seinem Beitrag eine Typologie von vier verschiedenen Typen des Zeitreise-Romans an, für die kontrafaktisches Denken von zentraler Bedeutung ist, da alternative Chronologien direkt gegenübergestellt werden.
Robyn Warhol und Richard Saint-Gélais befassen sich schließlich mit dem Konzept der "counterfictionality", das beide jedoch wiederum unterschiedlich fassen: einerseits intratextuell (Warhol), in der Untersuchung des explizit "Nicht Erzählten" eines Textes. Andererseits stellt Saint-Gélais eine intertextuelle Variante des kontrafaktischen Erzählens vor, bei der anstelle realgeschichtlicher Ereignisse die fiktionale Chronologie eines anderen Erzähltextes modifiziert und dies explizit kommentiert wird.

Insgesamt zeigen die Einleitung und vierzehn Aufsätze des Bandes einen Ausschnitt des großen Spektrums möglicher Ansätze, die mit dem Konzept der Kontrafaktizität arbeiten. Der Band lädt dazu ein, sich interdisziplinär mit der Grundkonstante des kontrafaktischen Denkens zu befassen. Aktuell beschäftigt sich die an der Universität Konstanz koordinierte DFG-Forschergruppe "What If. On the Meaning, Relevance, and Epistemology of Counterfactual Claims and Thought Experiments" mit der interdisziplinären Vernetzung zu diesem Thema.


Birke, Dorothee/Butter, Michael/Köppe, Tilmann (Hg.): Counterfactual Thinking – Counterfactual Writing. Berlin: De Gruyter, 2011. 256 Seiten, Hardcover, 69,95 Euro. ISBN: 978-3-11-026858-4


Inhaltsverzeichnis


DOROTHEE  BIRKE/MICHAEL BUTTER/TILMANN KÖPPE
Introduction: England Win … S. 1

ANDREA ALBRECHT/LUTZ DANNEBERG
First Steps Toward an Explication of Counterfactual Imagination … S. 12

TOBIAS KLAUK
Thought Experiments and Literature … S. 30

DANIEL DOHRN
Counterfactual Explanation in Literature and the Social Sciences … S. 45

MIKO ELWENSPOEK
Counterfactual Thinking in Physics … S. 62

PATRIZIA CATELLANI
Counterfactuals in the Social Context: The Case of Political Interviews and Their Effects … S. 81

MARTIN HILPERT
A Cognitive Linguistic Perspective on Counterfactuality … S. 95

BERNHARD KLEEBERG
Significance an Abstraction: Scientific Uses of Counterfactual Thought Experiments in the Early 20th Century … S. 112

GEORG CHRISTOPH BERGER WALDENEGG
What-If? Counterfactuality and History … S. 130

RICHARD NED LEBOW
Counterfactuals, Contingency, and Causation … S. 150

ANDREAS MARTIN WIDMANN
Plot vs. Story: Towards a Typology of Counterfactual Historical Novels … S. 170

BIRTE CHRIST
"If I Were a Man": Functions of the Counterfactual in Feminist Fiction … S. 190

RÜDIGER HEINZE
Temporal Tourism: Time Travel and Counterfactuality in Literature and Film … S. 212

ROBYN WARHOL
"What Might Have Been Is Not What Is": Dickens's Narrative Refusals … S. 227

RICHARD SAINT-GELAIS
How To Do Things With Worlds: From Counterfactuality to Counterfictionality … S. 240

List of Contributors … S. 153


Travelling the Concept(s) of Counterfactuality

This volume on counterfactual thinking and writing offers a broad introduction to the concept of counterfactuality in various scientific and scholarly disciplines. Without aiming at fulfilling the goal yet, it proposes interdisciplinary work on the concept of counterfactuality as a process of human thought. The well-structured introduction organizes the different contributions and rephrases their basic ideas in an accessible language. Anybody interested in counterfactual thinking in different scholarly disciplines may get an impression of the various possible research questions in the field from the book and find inspiration for their own projects.


© bei der Autorin und bei KULT_online