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Globale Perspektiven neu gedacht

Eine Rezension von Marietta Mayrhofer-Deak

Chakrabarty, Dipesh: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Frankfurt a. M./New York: Campus, 2010.

Die Essaysammlung Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung des indischen Historikers Dipesh Chakrabarty enthält Aufsätze aus Habitations of Modernity (2002), Provincializing Europe (2000) sowie, neben dem aktuellem Vorwort und einem Interview, auch zwei neuere Essays von Chakrabarty. In letzteren beschäftigt sich der Autor mit den Problemen Erderwärmung und Klimawandel. Chakrabarty versucht aufzuzeigen, weshalb eine Überwindung der "Fiktion Europa" in den Geistes- und Sozialwissenschaften sinnvoll wäre und welche Probleme dieses Projekt, Europa zu "provinzialisieren", mit sich bringt. Der Band eignet sich meines Erachtens gut als Einstiegslektüre in das Feld der postkolonialen Geschichtsschreibung.
 


In den Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte merkt Hegel an: "Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte." (Hegel, Werke, Bd. 12, S. 134)

Dipesh Chakrabarty ist heute Professor für die Geschichte Südasiens an der University of Chicago, aufgewachsen ist er jedoch in Kalkutta. Wenn Chakrabarty von "Europa" spricht, meint er nicht die geographische oder politische Einheit, die gemeinhin als Europa bezeichnet wird, sondern eine imaginäre Entität, eine Fiktion mit eurozentristischen Zügen (S. 46). Im kolonialen Indien wurde die europäische Geschichte als unumstößliches Modell für die Geschichte an sich aufgefasst. Selbst die Sozialwissenschaften nahmen an, dass nur Europa "theoretisch", auf der Ebene der prägenden Grundkategorien, erkennbar sei. Alle anderen Geschichten fasste man als "Gegenstand der empirischen Forschung" auf, die "einem theoretischen Skelett, welches substantiell 'Europa' ist, Fleisch und Blut" verleihen (ebd.). Der Wunsch, "europäisch" bzw. "modern" zu sein, durchdrang die gesamte indische Gesellschaft, die private Sphäre (Ordnung und Disziplin im Haushalt), die öffentliche Sphäre (vom Staat durchgesetzte Herrschaft des Rechts) und selbst die Sphäre des Intimen (Selbstschaffung des indischen Mannes, S. 48-52).

Der erste Aufsatz der Essaysammlung Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung mit dem Titel "Eine kleine Geschichte der Subaltern Studies" erzählt von den Anfängen der Subaltern Studies Group in den 1980er Jahren. Die Wissenschaftler, darunter Ranajit Guha und Chakrabarty selbst, setzten sich das Ziel, die indische Geschichtsschreibung neu zu bestellen (S. 24). Zentral war dabei die Erkenntnis, dass gewisse Kategorien der europäisierten Geschichtsschreibung im indischen Kontext einer Neudefinition bedurften. So bezog man gemeinhin den Begriff des "Politischen" nur auf den formalen Aspekt des Regierungs- und Verwaltungswesens und schrieb den Bauern eine apolitische Haltung zu. Die Neudefinition des Politischen im Sinne von: "als Subjekt gestalterisch sein" und die Loslösung des Begriffs von europäischen Ursprüngen machten die "Eigenart der politischen Moderne im kolonialen Indien" erst deutlich (S. 39). Die Historiker zeigten auf, dass die indischen Bauern schon "politisch" (im obigen Sinne) gewesen waren, bevor die Briten ihnen staatsbürgerliche Rechte zugestanden.

In "Europa provinzialisieren: Postkolonialität und die Kritik der Geschichte" führt Chakrabarty seine zentralen Thesen weiter aus. In der bürgerlichen Ordnung seien die Themen Staatsbürgerschaft und Modernität eng an die universalistischen Behauptungen der europäischen politischen Philosophie gekoppelt: Historiker aus der "Dritten Welt" lernen "Europa" als "Urheimat des Modernen" kennen, "europäische" Historiker nehmen die Vergangenheiten der Mehrheit der Menschen hingegen nicht oder nur "europäisiert" wahr (S. 42, "asymmetrische Unkenntnis"). Vor diesem Hintergrund entwirft Chakrabarty das Projekt, "Europa provinzialisieren". Es betreffe eine Geschichte, die noch nicht existiert; es gehe nicht um eine simple und pauschale Ablehnung der Moderne, liberalen Werten, Ansprüchen auf universale Gültigkeit etc., vielmehr solle erklärt werden, wie die Erzählungen von Staatsbürgerschaft und Moderne "auf gleichsam natürliche Weise zu 'Geschichte'" wurden (S. 64). Beide Erzählungen sollten mit Erzählungen anderer menschlicher Bindungen überschrieben werden (S. 65).

Chakrabartys Grundüberlegungen zeugen von der Schwierigkeit, das Projekt "Globalgeschichte" praktisch umzusetzen. Sein Buch richtet sich auch an Mitglieder der Eliten postkolonialer Gesellschaften, die von eurozentristischen Interpretationen der eigenen und der europäischen Kultur tief geprägt wurden. Wie andere Vertreter der postkolonialen Theorie betont Chakrabarty die Notwendigkeit, eine neue kritische Sicht auf die ehemaligen Kolonien und auf Europa selbst zu entwickeln. Schließlich wäre eine Überwindung der Fiktion "Europa" im Interesse aller. Problemlagen um Erderwärmung und Klimawandel – ganz allgemein Fragen der Umwelt – können im 21. Jahrhundert nur global und gemeinsam gelöst werden. Es wäre daher von größter Dringlichkeit in einen interkulturellen Dialog einzutreten, der zu Tage bringe, wie "wir kulturelle und historische Unterschiede denken, wie wir uns darauf beziehen und wie wir über solche Unterscheidungen hinweg ins Gespräch kommen können" (S. 154).

Die Idee, den konzeptuellen Rahmen, in dem die Geschichte(n) einer Kultur festgemacht werden, kritisch zu examinieren, teilt Chakrabarty mit Intellektuellen aus Afrika (z.B. Kwasi Wiredu) und Lateinamerika (z.B. Enrique Dussel); zudem steht Chakrabarty für ein Kollektiv. Wenn auch nicht immer exakt festgemacht werden kann, wo Chakrabartys eigene Positionierung beginnt und an welchen Stellen auf gemeinsame Grundannahmen der Subaltern Studies Group zurückgegriffen wird, so steht doch unzweifelhaft fest, dass Chakrabarty das Thema Globalgeschichte auf einer neuen Diskussionsebene "hörbar" gemacht hat.

Ein Wermutstropfen ist allerdings der stets fragmentarische Charakter der Gedanken Chakrabartys. Vergeblich sucht man nach einer ausführlichen Darstellung von "subalternen Geschichten", nach Antworten auf die in den letzten Jahren diskutierten kritischen Einwände, nach einem klaren, in sich geschlossenen Programm. Wo steht das Projekt "Europa provinzialisieren" heute? Die These, dass die herkömmliche Geschichtsforschung provinziell betrieben wurde – von Palästina, Griechenland und Rom zur "europäischen und amerikanischen Geschichte" – überzeugt; doch fehlt ein Parameter, der es ermöglichen würde, die Anstrengungen der letzten Jahre auf dem Gebiet der Globalgeschichte zu würdigen.

Der Band eignet sich meines Erachtens dennoch gut als Einstieg in das Feld postkolonialer Geschichtsschreibung. Mag die Auseinandersetzung aus heutiger Sicht auch aktualisierbar sein, sie bleibt substantiell. Das Werk besticht zudem sprachlich: Chakrabarty schreibt verständlich und zudem nahezu poetisch, was auch im Großen und Ganzen gelungen ins Deutsche übertragen wurde. Der Grundton des Werkes ist nicht Bitterkeit und Rechthaberei; viele der programmatischen Stellen sind sogar heiter umleuchtet. Chakrabarty fragt nicht unüberlegt: "Was tun?" sondern setzt bei der Frage "Wie denken?" an. Diese Herangehensweise bzw. dieser Umgang mit einer nach wie vor hochkomplexen Thematik, hinterlässt einen positiven und hoffnungsvollen Gesamteindruck.


Chakrabarty, Dipesh: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Übers. v. Robin Cackett. Frankfurt a. Main/New York: Campus Verlag, 2010. 207 S., broschiert, 24,90 Euro, ISBN: 978-3-593-39262-2


Inhaltsverzeichnis


Vorwort... 9

I. Subalterne Geschichten
Eine kleine Geschichte der Subaltern Studies... 19
Europa provinzialisieren: Postkolonialität
und die Kritik der Geschichte... 41
Minderheiten, Geschichte, subalterne Vergangenheiten... 67
Subalterne Geschichten und
nichtaufklärerischer Rationalismus... 89

II. Postkolonialismus und Globalisierung
Die zwei Geschichten des Kapitals... 115
Humanismus in einer globalen Welt... 149
Das Klima der Geschichte: Vier Thesen... 169

Interview
Keine Angst vor Kräften der Geschichte... 199

Nachweise... 209

Literatur... 211


Rethinking Global History

The German essay collection Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung consists of essays by the Indian historian Dipesh Chakrabarty, some of which were published for the first time in Habitations of Modernity (2002) and Provincializing Europe (2001). It also contains a new foreword, an interview with the author, and two recent publications about global warming and climate change. Chakrabarty tries to illuminate why it makes sense to overcome the "imaginary figure" of Europe in social sciences as well as in the humanities, and shows which difficulties are associated with the project of "provincializing Europe". The book can be considered as a useful introduction to postcolonial historiography.


© bei der Autorin und bei KULT_online