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Gadamer und das Bild als Ereignis

Eine Rezension von Isabella Augart

Delarue, Dominic; Schulz, Johann; Sobez, Laura (Hg.): Das Bild als Ereignis. Zur Lesbarkeit spätmittelalterlicher Kunst mit Hans-Georg Gadamer. Heidelberg: Winter, 2012.

Der Band versammelt 16 ausgewählte Beiträge der Tagung "Das Bild als Ereignis", die im Februar 2011 am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg stattfand. Im Fokus des Tagungsbandes steht das Ziel, Hans-Georg Gadamers Auffassung vom Kunstwerk als "sich wandelndes Subjekt, das uns dialogisch gegenübertritt" (S. 11) für die kunsthistorische Forschung zur spätmittelalterlichen Kunst fruchtbar zu machen. Aus der interdisziplinären Perspektive der Philosophie und Kunstgeschichte werden dazu Fragen nach der Lesbarkeit der Bilder und nach Aktualisierungsprozessen des Werkes in der Kunstbetrachtung gestellt. 


Mit der Öffnung der Kunstwissenschaft hin zu Fragen nach Lesbarkeit und Rezeption von Kunstwerken, hat die Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen derartiger Rezeptionskontexte an Bedeutung gewonnen. Der Tagungsband Das Bild als Ereignis untersucht die Ereignishaftigkeit spätmittelalterlicher Kunst vor dem Hintergrund des bei Hans-Georg Gadamer entwickelten anti-essentialistischen Kunstverständnisses. 1960 prägte Gadamer in seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode die philosophische Hermeneutik als Beschreibung des Verstehens und der Deutung des Verstandenen (Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (1960), Gesammelte Werke 1, Tübingen 2010). Zentral in Gadamers Bildauffassung ist der Gedanke, dass ein Kunstwerk nicht ein "distanziertes, von Betrachter und zeitlichem Kontext" (S. 16) unabhängiges Objekt ist, sondern vielmehr seine Sinndimension gerade erst in der jeweiligen dialogischen Begegnung mit dem Betrachter" gewinne. Der Tagungsband Das Bild als Ereignis setzt sich zum Ziel, Gadamers hermeneutischen Zugang für die spätmittelalterliche Kunst fruchtbar zu machen. Die exzellente Einleitung der Herausgeber Dominic E. Delarue, Johann Schulz und Laura Sobez (S. 11-80) entfaltet in umsichtiger Argumentation die bildhermeneutischen Überlegungen Gadamers. Kernbegriffe wie der Ereignischarakter des Werkes, der Vergleich von Kunstwerk und Spiel, die zeitliche Dimension in der Begegnung von Werk und Betrachter als Gelegenheit oder Okkasionalität sowie schließlich der Begriff der Darstellung werden erläutert. Ein umfangreiches und aktuelles Literaturverzeichnis zu Positionen der Bildhermeneutik und zahlreiche Bildverweise ergänzen die fundierte Reflexion zu Gadamers Bilddenken.

Im Mittelpunkt des ersten Teils des Bandes steht die Auseinandersetzung mit dem Begriff des "Ereignisses". Gadamer vermerkt in Wahrheit und Methode zum Ereignischarakter des Werkes: "Jede Aufführung ist ein Ereignis, aber nicht ein Ereignis, das als ein eigenes dem dichterischen Werke gegenüber oder zur Seite träte - das Werk selbst ist es, das sich in dem Ereignis der Aufführung ereignet" (S. 152). Einzelbeobachtungen zu Gadamers Ereignisbegriff werden in den philosophischen Aufsätzen von Martin Gessmann, Arno Schubbach, Toni Hildebrandt und Tobias Keiling präsentiert. Die anschließenden kunsthistorischen Beiträge erarbeiten in vielfältiger Weise die Funktionsweise und ästhetische Struktur des "Ereignisbildes". So beschreibt Heike Schlie in ihrem Aufsatz Velázquez' Die Übergabe von Breda als Ereignisbild eines militärischen Sakraments. Velázquez Bildfindung von 1635 nimmt nach Auffassung der Autorin unter den Schlachtenbildern aus dem Ausstattungsprogramm des Palast Bueno Retiro in Madrid eine besondere Rolle ein, da sich hierbei die Repräsentation der spanischen Herrschaft mit der Aktualisierung einer Sakramentsdarstellung verbindet. Dabei gelingt es Schlie zu zeigen, dass in der Bildstruktur eine typologische Strukturbeziehung zwischen der Herrschaftslegitimation des spanischen Königs und der Einsetzung des ersten Meßopfers durch die alttestamentlichen Personen Abraham und Melchisedech vorliegt. Die thematische Verschleifung zwischen der ikonographischen Analyse und der konsequenten Herleitung des "Vollzugs" aus Gadamers Bildphilosophie gelingt in Schlies sprachlich ansprechendem Beitrag in herausragender Weise.

Der Themenkreis des "Spiels" und des "Vollzugs" nimmt im zweiten Teil des Tagungsbandes seinen Auftakt. Gadamer verweist, Huizingas Überlegungen zum Homo Ludens und der Genese der Kultur durch das Spiel (1956) folgend, auf die Nähe zum Spiel als Wesensgrundlage des Kunstwerkes. Wie im Schauspiel oder Ritual die Sinndimension erst durch das Miteinander der Akteure in der Aufführungssituation generiert wird, so gewinne auch das Kunstwerk erst durch die Partizipation des Betrachters seinen jeweiligen Sinn. Das Werk erfährt seinen "Vollzug" dabei in der Begegnung mit dem Betrachter und ist erst in dieser kommunikativen Situation. Diese "Prozessualität" der Kunst wird in den Beiträgen von Fabian Wolf, Benjamin Rux, Julia Carrasco und Katharina Frank pointiert herausgearbeitet.

Im Mittelpunkt des dritten Teils steht die Frage nach der "Lesbarkeit" des Bildes. Hans-Georg Gadamer beschreibt 1974 in Die Aktualität des Schönen die mittelalterliche Kunst noch als "klar lesbar wie eine Zeichenschrift, eine Schrift aus Bildzeichen" (Hans Georg Gadamer: Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel, Symbol und Fest (1974), Stuttgart 1977, S. 9). Gleichwohl scheint gerade mittelalterliche religiöse Kunst in der musealen Präsentation in besonderer Weise aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst. Die Beiträge von Tobias Noll, Milan Weinert und Christian Nille widmen sich der Aktualisierung des Bildes in der jeweiligen räumlichen Situation des Betrachters, für welche die Autoren den Begriff des "Ereignisraumes" vorschlagen. Ein zentraler Erkenntnisgewinn dieser Beiträge besteht in der ebenso präzisen wie umfassenden Erfassung der zeitlichen Transformationsprozesse zwischen Rückbezug und Verweis auf künftiges Geschehen, zwischen dem Entstehungszusammenhang und der erneuten Sinngenerierung in der heutigen Wahrnehmungssituation. Mit ihren Werkanalysen rekonstruieren die Aufsätze von Carolin Rinn, Andreas Uhr, Susanne Ruf und Noura Dirani die Entstehungskontexte von Kunstwerken vor dem Hintergrund von Gadamers Überlegungen zur "Gelegenheit" ("Okkasionalität") des Werkes. Besonders hervorzuheben ist dabei der Ansatz, die Okkasionaliät des Werkes nicht als äußeren Kontext, sondern als werkimmanenten Bezug zur damaligen Lebenswelt zu deuten.

Die Leistung des Bandes liegt sowohl in der Fülle der Einzelbeobachtungen und innovativen Werkanalysen aus dem spätmittelalterlichen Kunstkreis, als auch in den fundierten und gelungenen Reflexionen von Gadamers Bildverständnis in den jeweiligen Beiträgen begründet. Der Tagungsband liefert damit einen gewichtigen Beitrag zur Bildhermeneutik, der in seiner thematischen Engführung und interdisziplinären Verschränkung der einzelnen Beiträge für den Zeitraum der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kunst bisher noch nicht vorliegt.


Delarue, Dominic; Schulz, Johann und Sobez, Laura (Hg.): Das Bild als Ereignis. Zur Lesbarkeit spätmittelalterlicher Kunst mit Hans-Georg Gadamer. Heidelberg: Winter, 2012. 489 S., kartoniert, 66 Euro. ISBN: 978-3825360368


Inhaltsverzeichnis


Vorwort...7
Dominic E. Delarue, Johann Schulz & Laura Sobez - Spiel, Gelegenheit und Darstellung. Hans-Georg Gadamer und das Bild als Ereignis in der Kunst des Spätmittelalters...11
Wege der philosophischen Hermeneutik zum Bild...81
Martin Gessmann - Die Hermeneutik und ihre Zukunft. Vom Text zum Bild zur Praxis...83
Arno Schubbach - Darstellung und Ereignis. Gadamers Bildbegriff zwischen Platon und Kant...103
Toni Hildebrandt & Tobias Keiling - Ein Bild, das verstanden werden kann, ist Sprache? Zur Geschichte der Bildhermeneutik...127
Heike Schlie - Die Übergabe von Breda von Diego Velázquez als militärisches Sakrament. Hans-Georg Gadamer, Carl Justi und die Idee des Vollzugs in der Kunst...161
Laura Sobez - Vom Aufgehen im Spiel der Darstellung...205
Fabian Wolf - Die Geburt Christi als Ereignisbild. Wechselbeziehungen zwischen Bildtradition und der Vision der heiligen Birgitta von Schweden...209
Benjamin Rux - Von Rittern und Triumphatoren. Reiterbilder in Büchern des Quattrocento...235
Julia Carrasco - Hans Baldung Griens Sündenfallholzschnitt von 1511. Narrative und appellative Strukturen im zeitgenössischen Kontext    ...261
Katharina Frank - Sündenvergebung und Bildlektüre. Formen protestantischer Lehrbilder in der Cranach-Werkstatt...281
Johann Schulz - Ereignisräume...299
Thomas Noll - Totengedächtnis und 'Ereignis'. Das Epitaph der Familie Bubenhofen des Meisters von Meßkirch...303
Christian Nille - Architektur - Bild - Ereignis. Überlegungen zu einer situativen Ikonographie der Architektur am Beispiel der Reimser Kathedrale...333
Milan Wehnert - Monastische Elitekultur um 1400. Die Professdarstellungen des St.-Bertin-Retabels ...355
Dominic E. Delarue - Kunst und Okkasionalität  - Werke im Kontext ihrer Genese?...383
Carolin Rinn - Kontinuität und Wandel im Antwerpener Diptychon des "Meisters von 1499"...387
Andreas Uhr - Nürnberger Speerbildchen. Gebrauchsgraphik im 15. Jahrhundert...411
Susanne Ruf - Maria Mediatrix. Eine Skulptur Nicolaus Gerhaerts von Leyden im Kontext der Hardenrath-Stiftungen an St. Maria im Kapitol zu Köln...433
Noura Dirani - Zwischen Brügge und Chieri. Die Stiftungen der Familie Villa für die italienische Heimat...455


Gadamer and the 'Eventfulness' of an Artwork

The 16 essays in this volume emerged out of the conference "Das Bild als Ereignis", organized in February 2011 at the University of Heidelberg. This volume proposes a reading of late medieval art in light of Hans-Georg Gadamer's approach to the eventfulness of an artwork. The collection of essays argues for possible ways to tie in Gadamer's account of aesthetic experience as a dialogical interaction between the beholder and an ever-changing artwork (p. 11) with current art historical practice. Interdisciplinary perspectives from the fields of philosophy and the history of art explore the processes through which medieval art might be understood as an interlocutor by the beholder today.


© bei der Autorin und bei KULT_online