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From Comic Strips to Graphic Novels. Ein narratologisch gefärbter Blick auf das Genre des grafischen Erzählens

Eine Rezension von Mareike Hoeckendorff

Stein, Daniel; Thon, Jan Noël (Hg.): From Comic Strips to Graphic Novels. Contributions to the Theory and History of Graphic Narrative. Berlin/New York: de Gruyter, 2013.

Der Sammelband "From Comic Strips to Graphic Novels" zeigt verschiedene Herangehensweisen an das Genre der grafisch unterstützten Erzählung und fasst sie zu einer Gesamtperspektive auf die Disziplin der Comictheorie zusammen. Beginnend mit narratologischen Einzelbetrachtungen wird der Blick des Lesers auf immer größere Zusammenhänge gelenkt; Themengebiete der Comics und Graphic Novels, die Geschichte des Genres und dessen kulturelle Zusammenhänge rücken in den Fokus. Auf diese Weise wird ein Bogen geschlagen, der die Tradition der Erzählforschung mit den vergleichsweise jungen Genres der Comics und Graphic Novels verbindet. Zwar wird an mancher Stelle auf tiefer gehende Betrachtungen verzichtet, dennoch stellt der vorliegende Band einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Position des grafischen Erzählens innerhalb der Erzählforschung dar.
 


Der erste Teil dieser Anthologie zeigt, dass die Konzepte der klassischen Narratologie nicht unmodifiziert auf Comics angewendet werden können. Von diesen Konzepten ausgehend wird dargelegt, welche Eigenheiten bei der Analyse der Erzählweise von Comics zu beachten sind. So untersucht Silke Horstkotte die Begrifflichkeit des Zooms als verbindenden Ausdruck von Räumlichkeit in den Panels und Rahmen der Comiczeichnung mit der zeitlichen Bestimmung der Frequenz. Daran anschließend beschreibt Karin Kukkonen wie das Genre des Comics an die räumlichen und zeitlichen Erfahrungen des Lesers anknüpft. Einem ambivalenten Themenkomplex innerhalb der Erzählforschung nehmen sich Jan Noël Thon und Kai Mikkonen an. Sie wenden sich der Frage zu, wie mit Konzepten um Erzähler, Autorschaft und Subjektivität angesichts eines grafischen Genres umgegangen werden kann. Dabei  belegt die virtuose Verwendung von Begrifflichkeiten der klassischen sowie der poststrukturalistischen Narratologie eine sinnhafte Verankerung in der Erzähltheorie.
    
Das zweite Kapitel versammelt Artikel, die sich mit Phänomenen der Comictheorie beschäftigen. Wieder lässt sich eine grobe thematische Zweiteilung feststellen. Während die ersten Beiträge die Rolle des Autors betrachten, fokussieren die Folgenden mediale Parameter wie Intermedialität oder den Einsatz von Fenstern, Rahmen und Panels. Vor allem die ersten beiden Aufsätze dieses Abschnitts erweisen sich als fruchtbare Lektüre auch für Erzähltheoretiker anderer Schwerpunktbereiche. Am Beispiel des Comics wird gezeigt, wie der leichtfüßige Umgang mit Fakten und Fiktionen in einer Analyse beachtet werden kann. Auch das Konzept der Autorschaft – im Comic nicht selten ein Spiel mit den (grafischen) Metaebenen – wird ganz selbstverständlich analytisch verwertet. Nancy Petri und Daniel Stein holen so ausgehend vom betrachteten Genre Kategorien in die Erzähltheorie zurück, die über lange Zeit bewusst ausgegliedert wurden. Dabei bleibt auch die spezielle Fankultur der Comics und Graphic Novels nicht unberücksichtigt.

Schwieriger fällt der Anschluss an verwandte Disziplinen bei den sehr spezifischen Betrachtungen von Gabriele Rippl, Lukas Etter und Greg M. Smith. Hier wird der Versuch unternommen, an andere Medien wie die Musik oder digitale Geräte anzuknüpfen. Diese Relationalitäten lassen sich jedoch kaum umkehren oder in andere Zusammenhänge transponieren.

Obwohl der Titel "From Comic Strips to Graphic Novels" den Eindruck vermittelt, dass hier eine Gesamtgeschichte des Genres dargelegt wird, strebt der vorliegende Sammelband dies nicht an. Wenn Jared Gardner und Christina Meyer im dritten Teil anhand ausgewählter Beispiele die Narrativität des Genres betrachten, so geschieht dies in dem Bewusstsein, dass nie sämtliche Ausprägungen berücksichtigt werden können. Wenn Pascal Lefèvre über die Entwicklung des flämischen Comics in Belgien in Abgrenzung zum französischen Bande Dessiné raisonniert, so ist klar, dass ein spezieller kultureller Kontext betrachtet wird. Auch die von Henry Jenkins ausgeführten Betrachtungen der Rückbezüge auf die Entwicklung des Comics in einer grafischen Erzählung zeugen von dem Wissen, dass es mehr als eine Genregeschichte gibt. So bleiben die komplexen Gegebenheiten des Forschungsgegenstandes als solche erhalten und anwendbare Herangehensweisen werden präsentiert.

Auch im letzten Teil widmen sich je zwei Autoren einer Prämisse. Die erste Perspektive geht von einem nationalkulturellen Verständnis aus. So betrachtet Julia Round die anglo-amerikanische Ausprägung des Genres, während Jaqueline Berndt sich dem asiatischen Manga annimmt. Sie verweisen beide sowohl auf die kulturellen Eigenheiten, die teilweise eine Übersetzung oder Kontextualisierung in fremde Kulturzusammenhänge bräuchten. Bei Jan Baetens, Steven Surdiacourt und Monika Schmitz-Emans mündet die Idee der Interkulturalität in den Versuch, das Comicgenre an sich in einen kulturübergreifenden Gesamtzusammenhang der Literaturwissenschaft einzuordnen. Baetens und Surdiacourt gehen darüber hinaus auch auf die alltagskulturelle Bedeutung des Genres ein, indem sie Fragen der Zugehörigkeit zu Jugend- oder Erwachsenenkulturen bzw. zu medialen Zusammenhängen stellen.  

"From Comicstrips to Gaphic Novels" bietet insgesamt viele Ansatzpunkte für tiefere Betrachtungen, lässt den spezialisierten Leser aber teilweise unbefriedigt zurück. Viele Bereiche der Comictheorie werden gezeigt und viele Konzepte verwandter Disziplinen genutzt. Der genuine Charakter des Mediums wird allerdings  zu wenig herausgehoben. So fällt es teilweise schwer, Ergebnisse in die Ausgangstheoriegebiete zurückzuführen und so für eigene Ansätze nutzbar zu machen. Außerdem sind die Aufsätze zum Teil derart spezifisch, dass sie nur noch vage an den Gesamttitel des Bandes angelehnt wirken.

Auch wenn der Leser ohne ein konkretes Bild einer Gesamtheit von Theorie und Geschichte der grafischen Erzählung zurückbleibt, greift der vorliegende Sammelband viele aktuelle Diskussionen auf. So entsteht der Eindruck einer kaleidoskopartig aufgefächerten Momentaufnahme dessen, was derzeit in der Comictheorie betrachtet wird. Auf diese Weise fügt dieser Sammelband der Reihe Narratologia, in der er erschienen ist, eine neuartige und leicht exotische Komponente hinzu.


Stein, Daniel; Thon, Jan-Noel (Hg.): From Comic Strips to Graphic Novels. Contributions to the Theory and History of Graphic Narrative. Berlin: De Gruyter, 2013. 416 S., 99,95 Euro. ISBN: 978-3-11-028202-3


Inhaltsverzeichnis

DANIEL STEIN AND JAN-NOËL THON Introduction: From Comic Strips to Graphic Novels...................... 1

PART I GRAPHIC NARRATIVE AND NARRATOLOGICAL CONCEPTS 
SILKE HORSTKOTTE Zooming In and Out: Panels, Frames, Sequences, and the Building of Graphic Storyworlds................................... 27

KARIN KUKKONEN Space, Time, and Causality in Graphic Narratives: An Embodied Approach........................................................ 49

JAN-NOËL THON Who's Telling the Tale? Authors and Narrators in Graphic Narrative................................ 67

KAI MIKKONEN Subjectivity and Style in Graphic Narratives..................................   101

PART II GRAPHIC NARRATIVE BEYOND THE 'SINGLE WORK' 

NANCY PEDRI Graphic Memoir: Neither Fact Nor Fiction.................................. 127

DANIEL STEIN Superhero Comics and the Authorizing Functions of the Comic Book Paratext....................... 155

GABRIELE RIPPL AND LUKAS ETTER Intermediality, Transmediality, and Graphic Narrative..................... 191

GREG M. SMITH Comics in the Intersecting Histories of the Window, the Frame, and the Panel.................................... 219
 
PART III GENRE AND FORMAT HISTORIES OF GRAPHIC NARRATIVE 

JARED GARDNER A History of the Narrative Comic Strip...................................... 241

PASCAL LEFÈVRE Narration in the Flemish Dual Publication System: The Crossover Genre of the Humoristic Adventure......................  255

CHRISTINA MEYER Un/Taming the Beast, or Graphic Novels (Re)Considered...............  271

HENRY JENKINS Archival, Ephemeral, and Residual: The Functions of Early Comics in Art Spiegelman's In the Shadow of No Towers....................  301

PART IV GRAPHIC NARRATIVE ACROSS CULTURES 

JULIA ROUND Anglo-American Graphic Narrative...........................................  325

JAN BAETENS AND STEVEN SURDIACOURT European Graphic Narratives: Toward a Cultural and Mediological History................................ 347

JAQUELINE BERNDT Ghostly: 'Asian Graphic Narratives,' Nonnonba, and Manga............... 363

MONIKA SCHMITZ-EMANS Graphic Narrative as World Literature....................................... 385

Index (Persons).................................................................... 407

Index (Works)...................................................................... 413


From Comic Strips to Graphic Novels. A Narratological Perspective of the Genres of Graphic Narration

The anthology "From Comic Strips to Graphic Novels" shows different approaches to the genre of graphic narrative and combines them in an overall perspective on the discipline of comic theory. The volume starts with narratological analyses of specific narratives and then focuses on increasingly broad topics - general aspects of the medium, the history of the genre and its cultural contexts are shown. Thus narratology is combined with the relatively young genre of comics and graphic novels. This volume provides an important contribution to strengthening the position of the graphic narrative within the field of narrative research, although deeper considerations are sometimes neglected in favour of a perspective on wider contexts.



© bei der Autorin und bei KULT_online