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Eine Stadt im Wandel – Venedig im späten 18. Jahrhundert


Eine Rezension von Katharina Pfeiffer

Fajen, Robert: Die Verwandlung der Stadt. Venedig und die Literatur im 18. Jahrhundert. München: Fink, 2013.

Im 18. Jahrhundert befand sich Venedig sowohl in einer Phase der kulturellen Blüte als auch des sozialen Umbruchs und gesellschaftlichen Wandels, worüber besonders in literarischen Werken reflektiert wird. In seiner sehr gelungenen Studie analysiert Robert Fajen die venezianische Literatur aus der Zeit zwischen den späten 1740er und 1760er Jahren, um die Veränderung von Selbst- und Fremdwahrnehmung der Venezianer und die damit verbundenen Spannungen nachzuzeichnen. Gleichzeitig wirft er einen kritischen Blick auf die bisherige Forschung zu Carlo Goldoni. 


Bei dieser literatur- und kulturwissenschaftlichen Studie des Hallenser Romanistikprofessors Robert Fajen zur venezianischen Literatur des 18. Jahrhunderts handelt es sich um die erweiterte Fassung seiner 2009 an der Universität Würzburg angenommenen Habilitationsschrift. In sehr anschaulicher Weise stellt der Autor darin die Veränderung von Selbst- und Fremdwahrnehmung der Venezianer sowie die damit verbundenen Spannungen dar. Das Bild der Lagunenstadt entsteht in Texten, in denen sie "gestaltet, ästhetisch reflektiert […] [und] kontrovers diskutiert [wird]" (S. 31). Im Venedig des 18. Jahrhunderts blühten die Theater und die Lyrik, gleichzeitig befand sich die Stadt in einer Phase zahlreicher gesellschaftlicher Umbrüche, die eine intensive kulturelle Tätigkeit nach sich zogen (vgl. S. 44, 49, 54).

Fajen erschließt mit seiner Studie wissenschaftliches Neuland: bisher wurde die Vielfalt der venezianischen Literatur des 18. Jahrhunderts kaum untersucht, weil sich die Forschung in der Vergangenheit vor allem auf die Werke Carlo Goldonis konzentrierte (vgl. S. 55). Fajens Textkorpus umfasst Werke venezianischer Autoren aus den späten 1740er Jahren bis in die 1760er Jahre, weil in diesem Zeitraum in Venedig "die literarische Produktion sowohl quantitativ wie auch qualitativ auf allen Gebieten herausragt" (S. 78). Das Jahr 1762 markiert dabei einen Wendepunkt, denn Goldoni zog nach Paris und auch sein Rivale Pietro Chiari verließ die Lagunenstadt. Fajen berücksichtigt neben den Texten von Goldoni und dessen Konkurrenten auch Randformen der venezianischen Literatur des betreffenden Zeitraumes, so die handgeschriebene erotische Literatur, Parodien und Romane.

Wiederkehrende Themen dienen als Orientierungspunkte für die Beschreibung der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse und sozialen Umbrüche in Venedig. Zuerst ist das "problematische Verhältnis von Eigenem und Fremdem zu nennen" (S. 80), denn Zugereiste hatten andere soziale Praktiken und Verhaltensformen in die Lagunenstadt gebracht und deren Identität verändert (vgl. S. 123). Zudem wandelten sich die Umgangsformen zwischen den Geschlechtern. Die (Patrizier)Frau lebte nicht mehr zurückgezogen, sondern betrieb in Kaffeehäusern oder daheim Konversation und umgab sich gern mit einem cicisbeo, einem galanten Kavalier. Da das Phänomen des cicisbeo bis heute kaum wissenschaftlich untersucht wurde, leistet Fajen hier einen wichtigen Beitrag zur Forschung (vgl. S. 171). Weiterhin entstand eine neuartige Geselligkeitskultur, die an spezielle Räume, wie  das "Landhaus der Sommerfrische" (villeggiatura), geknüpft war (vgl. S. 80, 223 f.).

Zu den oben genannten Themen zeigt Robert Fajen stets beide Seiten der Medaille. So sehen Giuseppe Antonio Costantini in Lettere critiche (1743) und Gasparo Gozzi in Lettere diverse (1756) traditionelle Ehe- und Familienstrukturen durch die Sommerfrische in Gefahr. Pietro Chiari hingegen betrachtet in seinen später erschienenen Commedie da camera (1770) das offenere Verhältnis der Geschlechter zueinander als unproblematisch, weil die kulturelle Krise zu diesem Zeitpunkt bereits an Brisanz verloren hat (vgl. S. 229 ff.).

Goldonis Theaterstücke nehmen in dieser Untersuchung eine zentrale Rolle ein, weil in ihnen die für die Selbstbeschreibung Venedigs relevanten Themen beobachtbar werden (vgl. S. 67). Fajen wirft einen kritischen Blick auf den venezianischen Schriftsteller und die bisherige Goldoni-Forschung. Er widerlegt in seiner Studie etwa die These, dass Goldoni ein bürgerliches Theater für ein bürgerliches Publikum habe schaffen wollen. Der Autor sieht den Fehler in der Gleichsetzung der fiktiven Figuren mit den realen Rezipienten. Der Händler auf der Bühne bedeute nicht automatisch, dass auch Händler im Zuschauerraum sitzen (vgl. S. 60). Fajen versteht deshalb die so genannte "commedia borghese" nur als Gattungsbegriff, der "nicht auf die Gesellschaftsstruktur, sondern lediglich auf den Ton der Stücke und die in ihnen verhandelten Werte, Normen und Konzepte bezogen wird" (ebd.).

Fajens Studie ist im Großen und Ganzen spannend geschrieben. Gegen Ende finden sich einige stellenweise sehr referierende Passagen, die problemlos kürzer gefasst werden könnten. Alle italienischen Zitate wurden ins Deutsche übersetzt und somit sprachliche Barrieren abgebaut. Die zahlreichen Abbildungen schließlich werten den Band optisch auf. Alles in allem handelt es sich um eine sehr lesenswerte Studie, die nicht nur für Romanisten interessant sein dürfte.


Fajen, Robert: Die Verwandlung der Stadt. Venedig und die Literatur im 18. Jahrhundert. München: Wilhelm Fink, 2013. 399 S., gebunden, 38 s/w Abb., 49,90 €, ISBN: 978-3-7705-5391-4 


Inhaltsverzeichnis

VORBEMERKUNG    9

I. DIE UNWIRKLICHKEIT DER STADT:
GIANDOMENICO TIEPOLO, IL MONDO NUOVO (1757)    11

II. DIE STADT DER TEXTE    33
1. Stadt und Literatur: Theorie eines Wechselspiels    33
2. Ein Paradigma: Venedig und die Literatur um 1750    46

III. EIN AUTOR IN DER STADT: PROBLEME UND
PERSPEKTIVEN DER GOLDONI-FORSCHUNG    57
1. Eine Komödie für das Bürgertum?    57
2. Ein Theater für die Stadt    65
3. Goldoni und das Patriziat    67

IV. DIE ALTE UND DIE NEUE STADT    81
1. Venedigs gespaltene Identität    81
2. Grenzen des Kompromisses:
Carlo Goldoni, L'uomo prudente    82
3. Die alte Stadt oder: Ein Katalog autochthoner
Lebensformen    96
4. Die neue Stadt oder: Die Macht des Imaginären    109

V. DIE FREMDEN IN DER STADT    119
1. Identität und Isolation: Venedigs xenophobes Erbe    119
2. Die neuen Fremden oder:
Die Hauptstadt des Vergnügens    121
3. Die Fremdheit moderner Verhaltensformen:
Carlo Goldoni, La vedova scaltra    123
4. Fremdkörper in der Stadt: Carlo Goldoni, Il campiello    129
5. Die Fiktion des fremden Blicks:
Francesco Gritti, La mia istoria (I)    135
6. Die Stadt im Märchenland: Carlo Gozzi, Il re cervo    141

VI. EINE NEUE SPHÄRE DER KOMMUNIKATION:
CONVERSAZIONE UND CICISBEISMO IN
DER MORALISTISCHEN LITERATUR    149
1. Bindeglieder im Text der Selbstbeschreibung    149
2. Geselligkeit als Gefahr: Kritik der modernen
Conversazione    151
2.1. Der bedrohliche Raum des freien Wortes:
Giuseppe Manzoni, Ritratti critici    151
2.2. Klerikale Provokationen: Stefano Zucchino Stefani,
Lo specchio del disinganno    155
2.3. Die conversazione als politisches Medium:
Giuseppe Antonio Costantini,
Lettere missive, e responsive    161
3. Störenfriede im Haus: Das Problem der cicisbei    171

VII. DAS KAFFEEHAUS ODER:
DIE TAUSEND AUGEN DER STADT    183
1. Räume des Anderen: Pietro Chiari, Lettere scelte    183
2. Räume der Mehrdeutigkeit: Carlo Goldoni,
La bottega da caffè    195
3. Räume der Beobachtung: Carlo Goldoni,
La bottega del caffè    203

VIII. DIE VILLEGGIATURA ODER:
DIE ZERSTREUUNG DER STADT    223
1. Die Urbanität des Landlebens    223
2. Ein Ort der Literatur:
Goldoni und die villeggiatura von Bagnoli    224
3. Kritik moderner Geselligkeit oder:
Die Weiblichkeit der villeggiatura    229
4. Die Steigerung der Stadt oder:
Die Tyrannei der conversazione    232

IX. REGRESSION UND ENTFREMDUNG:
VENEDIGS ›VERBORGENE‹ LITERATUR    243
1. Obszönität als adeliges Privileg    243
2. Die città-donna im Zerrspiegel des libertinen Theaters    256
3. Schiffbruch des Sinns oder: Die totale Parodie    267

X. ANFANG UND ENDE DER IDENTITÄT:
FORMEN UND FUNKTIONEN DER COMMEDIA VENEZIANA    275
1. Eine Form für die Stadt    275
2. Die Gegenwart der Stadt: Carlo Goldoni, Le massere    286
3. Endspiele einer Gattung:
Die commedia veneziana der sechziger Jahre    299
3.1. Die Wiederkehr der Politik:
Carlo Goldoni, I rusteghi / Sior Todero brontolon    299
3.2. Ein Fest des Zerfalls: Francesco Gritti, L'acqua alta    323

XI. IMAGINÄRE REISEN DER STADT:
VENEDIG UND DER ROMAN    347
1. Erzählen im Zeichen der Heterotopie:
Pietro Chiari, La Viniziana di spirito    347
2. Reisen am Abgrund: Antonio Piazza, L'Italiano fortunato    353
3. Die Polyphonie der Stadt:
Francesco Gritti, La mia istoria (II)    358

XII. DIE VERWANDELTE STADT: VENEDIGS NEUER MYTHOS    373

BIBLIOGRAPHIE     377
1. Primärliteratur    377
1.1. Handschriften    377
1.2. Gedruckte Werke    377
2. Sekundärliteratur    381

REGISTER    391


A City in Transition – Venice in the Late 18th Century

The 18th century was for Venice a period of flourishing cultural production as well as social changes which are discussed in many literary works. In a study worth the reading, Robert Fajen analyses the Venetian literature published in the late 18th century and describes the changes concerning the perception of the Venetian people by themselves and by foreigners. The author seeks to explain the growing tensions in the Venetian society of the time. In addition, he discusses the state of research on Carlo Goldoni.


© bei der Autorin und bei KULT_online