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Die Auflösung der Aporien der Moderne? – Ein Entwurf aus Lateinamerika


Eine Rezension von Marietta Mayrhofer-Deak (Universität Wien)

Dussel, Enrique: Der Gegendiskurs der Moderne. Kölner Vorlesungen. Wien: Turia & Kant, 2012.

Der Gegendiskurs der Moderne des argentinisch-mexikanischen Philosophen Enrique Dussel, Hauptvertreter der lateinamerikanischen Philosophie der Befreiung, kann als Versuch gelesen werden, Lateinamerika wieder in die Geschichte der Philosophie einzusetzen. Mit der Auseinandersetzung um das Recht zur kolonialen Beherrschung beginnt Dussel zufolge der philosophische Diskurs der Moderne. Eine Überwindung bzw. eine Aufhebung des eurozentrischen Charakters der Moderne könne durch einen interkulturellen Dialog, der als Süd-Süd-Kooperation beginnt, realisiert werden. Das Buch bietet einen lesenswerten Einblick in eine mögliche lateinamerikanische Sicht auf die Moderne.
 
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Jürgen Habermas fragte einst, wer wenn nicht Europa denn aus eigener Tradition die Kraft zur Vision aufbringen könne, um die Aporien der Moderne aufzulösen. Der argentinische, im mexikanischen Exil lehrende Hauptvertreter der Philosophie der Befreiung, Enrique Dussel, gibt in seinen Kölner Vorlesungen, die unter dem Titel Der Gegendiskurs der Moderne im Verlag Turia + Kant in deutscher Übersetzung erschienen sind, eine ganz konkrete Antwort auf diese Frage: Lateinamerika.

Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Christoph Dittrich, der das Werk aus dem Spanischen übersetzt hat. Es gliedert sich in drei Kapitel (Vorlesungen): 1. Anti-cartesianische Meditationen: Über den Ursprung des philosophischen Gegendiskurses der Moderne, 2. Von der Kritischen Theorie zur Philosophie der Befreiung (Themen eines Dialogs) und 3. Transmoderne und Interkulturalität (aus Sicht der Philosophie der Befreiung).

Primäres Kennzeichen eines Gegendiskurses ist Habermas zufolge der Umstand, dass in ihm "die Zeitgeschichte zu philosophischem Rang" erhoben werde. In den Theorieentwürfen wird auf die brennenden Probleme der Aktualität Bezug genommen. Zwar stimmt Dussel in diesem Punkt mit Habermas überein, doch unterscheiden sich die Konzeptionen der beiden Philosophen grundlegend.

Dussel geht es zunächst darum, Lateinamerika wieder in die Geschichte der Philosophie "einzusetzen" (S. 22). Auf Ebene der Theorie ist der Einfluss der Weltsystemtheorie auch in diesem Band spürbar, wobei Dussel, wie andere Mitglieder der Gruppe "Modernität/Kolonialität" (Escobar, Coronil, Quijano, Mignolo usw.), stets von einem modernen und kolonialen Weltsystem spricht. Dussel fasst die bereits in älteren Publikationen angeführten Argumente, die er u.a. mit Immanuel Wallerstein, Anibal Quijano und Walter Mignolo entwickelt hat, in diesem Werk nur überblicksmäßig zusammen. Bezüge zur Dependenztheorie, zum postkolonialen Ansatz und zur Kritischen Theorie werden teils explizit diskutiert, teils über Literaturhinweise vermittelt (S. 99ff.).

Primär geht es Dussel um eine Rekonstruktion des Begriffs "Moderne" in einer "externen", d.h. in einer globalen Perspektive (S. 156). Er unterscheidet eine erste "ibirische" Moderne (1492 bis ca. 1630, sie weist über Andalusien muslimische Züge auf und wird von der portugiesischen bzw. spanischen Expansion geprägt), eine zweite (1630-1688), und eine dritte Moderne (1688-1789 sowie 1789-1989). Erst in diesen 200 Jahren zwischen 1789 und 1989 löste Europa China als Zentrum des Welthandels ab. Als hierfür entscheidend erachtet Dussel den Transfer von Silber aus Lateinamerika nach Europa/China und die folgende Industrielle Revolution. Europa habe sich in dieser Zeit zum Mittelpunkt und Ziel einer vernünftigen Fortschrittsgeschichte erklärt, die Moderne als intra-kontinentales Phänomen erachtet und die eigene Philosophie als Inbegriff für die Philosophie tout court verstanden.

Dem versucht Dussel etwas entgegen zu halten und setzt bei jenem Mann an, der traditionell als "Vater" der "neuzeitlichen Philosophiegeschichte" bezeichnet wird: René Descartes.

Steht Descartes auch aus globaler Perspektive am Beginn einer neuen Ära? Der cartesianische Dualismus (Trennung von Geist und Materie, Subjekt und Objekt) hat die Entwicklung der Natur- und Geisteswissenschaften zweifelsohne entscheidend geprägt. In Descartes Metaphysik ist auch die für die europäische Geistesgeschichte charakteristische instrumentelle Sicht auf die Natur angelegt – Tiere sind ihm, da sie nicht über Sprache (langue) verfügen, bloße Maschinen.

Dussel zufolge beginnt diese neue Weltsicht jedoch nicht mit Descartes. Vielmehr gebe es eine Verbindung zwischen dem in der sogenannten zweiten Moderne (1630-1688) schreibenden Descartes und dem älteren philosophischen Diskurs zur Frage des Rechts auf Beherrschung der Natur / der Wilden (Ginés de Sepúlveda, Montaigne).

In diesem Diskurs habe sich ein tautologisches Argument durchgesetzt: die herrschende Kultur bringe der "rückständigen" Kultur die Wohltaten der Zivilisation und dürfe sie daher beherrschen. Die eigene Kultur sei überlegen eben weil sie die eigene und herrschende Kultur sei (Eurozentrismus, S. 42). Dussel führt aus, dass die (logischen) Gegenargumente in diesem Diskurs an den Rand gedrängt bzw. zum Verschwinden gebracht wurden. Dussels Erzählung stellt jedoch den so genannten "Gegendiskurs" von Bartolomé de las Casas und Guamán Poma de Ayala, welche das Recht auf koloniale Beherrschung existenziell und philosophisch in Frage stellten, ins Zentrum (S. 59).

Dussel argumentiert, dass Descartes' ego cogito in historischer Folge ein cogiatatum bildete, das die Leiblichkeit der kolonialen Subjekte als ausbeutbare Maschinen, als "Nicht-Menschen" situierte (S. 95). Gleichzeitig wurde es unterlassen, das erkennende Subjekt in historisch-sozialen Bezügen zu verorten.

Wie bereits Zygmunt Bauman (2005) dargelegt hat, kann in der Moderne – wie im Bergbau – Neues nicht geboren werden, wenn nicht etwas anderes abgelegt, weggeworfen oder zerstört wird. Zu diesem "Abfall", der im System der modernen Produktion unsichtbar bleiben soll, zählt Dussel das System der lateinamerikanischen hacienda, das System der mita und der Silberförderung in Minen, das System der Plantagen mit aus Afrika ins tropische Amerika verschleppten SklavInnen etc. (S. 103).

Die Beachtung dieses "Abfalls" ist im sogenannten Projekt Transmoderne wichtig. Die Transmoderne beginnt Dussel zufolge dann, wenn der Wert dessen bejaht wird, was von der Moderne "zur zurückgewiesenen, ungeachteten und nutzlosen Exteriorität der Kulturen" erklärt wurde (S. 135ff.). Die Philosophie der Befreiung müsse von den Ausgeschlossenen des globalen Systems, den peripheren Ländern, von den in der inneren Ordnung von Staaten Ausgeschlossenen, von den verarmten Massen her denken (S. 99). Als kritische Kulturphilosophie müsse die Philosophie der Befreiung eine neue Elite hervorbringen, deren "Aufklärung" sich mit den Interessen des sozialen Blocks der Unterdrückten (popolo nach Gramsci) verbindet (S. 147). Das Buch endet mit einem Plädoyer dafür, den (symmetrischen) Süd-Süd-Dialog zu intensivieren, bevor ein – angesichts der aktuellen Umweltkrise dringend notwendiger – Nord-Süd-Dialog begonnen werden kann.

Insgesamt sind Dussels Texte sehr dicht geschrieben. Sie werfen Fragen auf und geben Impulse zur Auseinandersetzung mit globalen Konzepten. Allerdings setzt der Band Vorwissen in Philosophiegeschichte und Globalgeschichte voraus. Auch sollten die innereuropäischen Diskussionen um die Moderne, die Kritische Theorie, die Dependenztheorie, die Postkoloniale Theorie, Konzepte wie Modernität/Kolonialität und die Philosophie der Befreiung in den Grundzügen bekannt sein. Als Einführung eignet sich das Buch daher meines Erachtens nicht.

Für Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen, die sich mit Aspekten der "Moderne" beschäftigen, ist eine Auseinandersetzung mit Dussels Werk jedoch gewiss perspektivenerweiternd. Mag man auch nicht alle Thesen bzw. alle Verknüpfungen, die Dussel aufzeigt, als schlüssig erachten – Dussel teilt in diesen Vorlesungen mit der Zuhörer- und Leserschaft jenes Wissen, das nötig ist, um in einem interkulturellen Dialog die Welt- und Philosophiegeschichte mit lateinamerikanischen Augen sehen zu können. Aus diesem Grund ist das Buch lesenswert.


Dussel, Enrique: Der Gegendiskurs der Moderne. Kölner Vorlesungen. Übers. v. Christoph Dittrich., Wien/Berlin: Turia + Kant, 2012. 186 S., broschiert, 20 Euro, ISBN 3851326717


Inhaltsverzeichnis

Die Entbehrung des Anderen. Enrique Dussels Kritik der Moderne... 9   

Erste Vorlesung
Anti-Cartesianische Meditationen:
Über den Ursprung des philosophischen Gegendiskurses der Moderne... 21

§ 1. War René Descartes der erste moderne Philosoph?... 22
§ 1.1. Wo und wann wird der Ursprung der Moderne traditionell angesetzt?... 22
§ 1.2. Descartes und die Jesuiten... 29
§ 1.3. Descartes und der Augustinismus des ego cogito.
Das "neue Paradigma" der Moderne... 33
§ 1.4. Die ratio mathematica, der epistemische Rationalismus
und die Subjektivität als Grundlage der politischen Beherrschung der
kolonialen, farbigen und weiblichen Körper... 37

§ 2. Die Krise des "alten Paradigmas" und die ersten modernen Philosophen.
Ginés de Sepúlveda: ego conquiro... 40

§ 3. Die erste akademisch-metaphysische Philosophie
der Frühmoderne: Francisco Suárez... 44

§ 4. Der erste philosophische Gegen-Diskurs der Frühmoderne.
Die Kritik am europäischen Weltreich: Bartolomé de Las Casas... 50

§ 5. Die Kritik an der Moderne aus der Perspektive "radikaler Exteriorität".
Der kritische Gegen-Diskurs von Felipe Guamán Poma de Ayala... 65

§ 6. Schlüsse... 92

Zweite Vorlesung
Von der kritischen Theorie zur Philosophie der Befreiung
(Themen eines Dialogs)... 99

§ 1. Die ersten Kontakte mit der Frankfurter Schule
(die "erste Generation")... 100

§ 2. Der Dialog mit der Diskursethik
(die "zweite Generation" der Kritischen Theorie)... 108

§ 3. Themen eines möglichen Dialogs mit der "dritten Generation"... 117
§ 3.1. Der kritische Diskurs der Gemeinschaft der Unterdrückten und Ausgeschlossenen... 118
§ 3.2. Die Frage "des Sozialen": die materialen Felder kreuzen das Politische... 125
§ 3.3. Eine Anmerkung zur politischen Organisation: die strategische Aktion... 132

Dritte Vorlesung
Transmoderne und Interkulturalität (aus Sicht der Philosophie der Befreiung)... 135

§ 1. Auf der Suche nach der eigenen Identität. Vom Eurozentrismus zur kolonialen Entwicklungsideologie... 135

§ 2. Kulturelles Zentrum - kulturelle Peripherie.Das Problem der Befreiung... 144

§ 3. Die Volkskultur: kein einfacher Populismus... 149

§ 4. Moderne, Globalisierung des Okzidentalismus, liberaler Multikulturalismus und das militärische Imperium des "Präventivkriegs"... 154

§ 5. Die Transversalität des modernen und interkulturellen Dialogs: Eine wechselseitige Befreiung der postkolonialen Kulturen der Welt... 164
§ 5.1. Affirmation der missachteten Exteriorität... 170
§ 5.2. Kritik der eigenen Tradition aus den Vorräten der eigenen Kultur... 172
§ 5.3. Widerstandsstrategie. Die hermeneutische Zeit... 177
§ 5.4. Interkultureller Dialog zwischen den Kritikern der eigenen Kulturen... 178
§ 5.5. Eine Strategie von befreiendem und trans-modernem Wachstum... 180

Literatur... 183

Quellennachweis... 189


Overcoming the Aporia of Modernity – A Proposal from Latin America

With a title that translates as "The Counter Discourse of Modernity", this work by the Argentinean and Mexican philosopher Enrique Dussel can be interpreted as an attempt to reintroduce Latin America into the history of philosophy. According to Dussel, the philosophical discourse about the modern age begins with the debate concerning the right to colonize. The eurocentric character of modernity could be dispelled by an intercultural dialogue, beginning with a South-South-cooperation. The book opens up a thought-provoking and worthwhile reading for a Latin American perspective on modernity


© bei der Autorin und bei KULT_online