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Pop in Theorie und Praxis. Eine breitgefächerte Darstellung der Theoriefrage in der aktuellen deutschen Popforschung

A review by Arvi Sepp

Jacke, Christoph; Ruchatz, Jens; Zierold, Martin (Hg.): Pop, Populäres und Theorien: Forschungsansätze und Perspektiven zu einem prekären Verhältnis in der Medienkulturgesellschaft. Hamburg: LIT, 2011.

Im Konferenzband Pop, Populäres und Theorien. Forschungsansätze und Perspektiven zu einem prekären Verhältnis in der Medienkulturgesellschaft wird die Reichweite unterschiedlicher theoretischer Herangehensweisen an das Populäre sichtbar gemacht. Der Band legt das Hauptgewicht auf interdisziplinäre Diskussionen und Analysen, die kultur-, kommunikations- und medienwissenschaftliche Ansätze miteinander verbinden. Trotz einiger struktureller und argumentativer Schwachstellen stellt der Konferenzband  eine breitgefächerte und verdienstvolle Wiedergabe der aktuell im deutschen popwissenschaftlichen Feld geführten Debatten dar.
 


Der von Christoph Jacke, Jens Ruchatz und Martin Zierold herausgegebene Band Pop, Populäres und Theorien geht auf die 2010 an der Universität Paderborn veranstaltete Jahrestagung der AG Populärkultur und Medien innerhalb der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) zurück. Dass die Beziehung zwischen Poptheorie und -praxis zwar spannungsvoll, aber gerade deshalb medien- und kommunikationswissenschaftlich produktiv ist, bildet den Dreh- und Angelpunkt des Sammelbandes. Die Herausgeber deklarieren ihn in der Einführung als Versuch, "eine produktive Debatte über das grundsätzliche prekäre Verhältnis zwischen Pop und Theorien" zu führen (S. 10). Dabei wollen sie keine exhaustive Bestandsaufnahme des deutschen Forschungsstandes in den Blick nehmen und auch keine hermetische Großtheorie formulieren.

Die aus der  Podiumsdiskussion über die Modalitäten des Theoriebedarfs für die Popkultur hervorgehende erste Sektion – "Diskussionen" – macht in den vier Beiträgen von Christina Bartz, Thomas Hecken, Marcus S. Kleiner und Jens Ruchatz die Reichweite unterschiedlicher Herangehensweisen an die Populärtheorie sichtbar. Die kultur- und medienwissenschaftliche Ansätze fruchtbar miteinander verbindenden Diskussionsbeiträge spannen einen weiten Bogen von historischen Kontextualisierungen über soziokulturell-konstruktivistische Analysen hin zu systemtheoretischen Erwägungen. In theoretischer Hinsicht werden hier die für den weiteren Verlauf des Bandes wesentlichen Grundlagen gelegt. Angesichts der zutreffenden Feststellung von Jens Ruchatz, dass es bislang – trotz reger Publikationstätigkeit im Wissenschaftsgebiet – noch weitgehend "an stringenter Theoriearbeit und -diskussion fehlt" (S. 64), liefern die Beiträge theoretische sowie auch gegenstandsbezogene Analysen.

Kenntnisreich verortet Christiane Bartz in Ihrem Eröffnungsbeitrag, "Aus Sicht der Medienwissenschaft", ihr Popanalysemodell im Umgang mit Massenmedien und benachbarten Disziplinen wie Germanistik bzw. Literaturwissenschaft medienwissenschaftlich. Bartz plädiert für "eine eigenständige Theoriebildung zur Populärkultur" (S. 24). Im Gegensatz dazu gibt Thomas Hecken in seinem Aufsatz "Abstraktes zur Theorie des Populären" das wissenschaftstheoretische Plädoyer ab, durch bereits vorhandene und bewährte Ansätze das Populäre zu erfassen (vgl. S. 38-42). Marcus Kleiners Beitrag analysiert den deutschen institutionellen Rahmen der Poptheorie-Bildung und betont dabei, dass "ein close reading von Popkulturen" der Spezifik des Populären gerecht werden soll (S. 57). Im darauffolgenden Beitrag hinterfragt Jens Ruchatz genau diesen oftmals vorgebrachten Sonderstatus der Populären und äußert den Wunsch "einer wechselseitigen Erhellung des Populären und des Medialen" (S. 76). Ein 31 Seiten umfassendes Interview von Christoph Jacke mit Diedrich Diederichsen schließt die erste Sektion ab.

Die zweite Sektion des Buches ("Beiträge") versammelt sieben Aufsätze, in denen die AutorInnen die theoretischen Implikationen spezifischer Fallanalysen erörtern. Sie bieten dem Leser unter anderem eine subjektorientierte Auseinandersetzung mit der Materialität des Akustischen in der Popkultur (Jochen Bonz), ein kultursoziologisches "Prosumé" über Theodor W. Adornos Theorie der Kulturindustrie (Mathias Mertens), eine institutionstheoretische Analyse des Musikjournalismus als kanonbildender Instanz der Populärkultur (Benjamin Schäfer), eine philosophische Erörterung der Filmtheorie Stanley Cavells sowie ihre praktische Anwendung auf den Film Stuck on You von den Brüdern Farrelly (Herbert Schwaab) sowie eine von Martin Seeliger erarbeitete organisationssoziologische Analyse "der Herstellung (pop-)kultureller Formen" (S. 203). Unter Rückgriff auf Urs Stäheli und Michel Foucault stellt Sabine Eggmann überzeugend eine diskursanalytische Herangehensweise an das Populäre vor. Ebenfalls in Anlehnung an Foucault betrachten Sascha Trültzsch und Thomas Wilke das Populäre als "Dispositiv" (S. 224).

So reichhaltig und weit perspektiviert die Beiträge im durchaus verdienstvollen Tagungsband sind, so erschwert doch mangelnde Stringenz in der Einführung, die Theorie und Argumentation in den einzelnen Beiträgen nachvollziehen zu können. Eine präzisere Klärung der Zielsetzung, des konzeptuellen Apparates, der theoretischen Ansätze sowie auch des Forschungsstands hätte hier geholfen. Dem Leser wäre tatsächlich gedient gewesen, wenn zentrale, durchgängig verwendete Begriffe – wie etwa 'Pop', 'Popkultur', 'Populäre Kultur', 'Populär' – eingangs konsequenter erklärt worden wären. Aufgrund einer stets aufs Neue angesetzten Begriffsexplikation in den einzelnen Beiträgen gerät der argumentative Leitfaden des Bandes des Öfteren aus dem Blick. Symptomatisch hierfür sind die verschiedenen konzeptuellen Exkurse: Bei Jens Ruchatz findet sich beispielsweise "ein Ausflug in die Etymologie des Wortes 'Theorie'" (S. 68), während Sabine Eggmann einen historischen Exkurs über den 'Popularbegriff' (vgl. S. 141-142) anbietet.

Eine explizitere Leserlenkung durch eine themenorientierte Struktur und eine Übersicht gewährende Einführung, in der die versammelten Beiträge synthetisch vorgestellt worden wären, wäre sicherlich gewinnbringend gewesen. Ein Schlussaufsatz, dem als Grundlage der zu viel vorwegnehmende Ausblick in der Einführung (vgl. S. 12-13) hätte dienen können, hätte darüber hinaus die beiden Sektionen des Sammelbandes umklammern und systematisch zueinander in Verbindung zu setzen vermocht. Dessen ungeachtet gibt Pop, Populäres und Theorien hochgradig stimulierende Denkanstöße, eröffnet neue Fragehorizonte und lädt sowohl Forschende sowie auch Studierende zu weiteren Diskussionen um das konflikthafte Pop-Theorie-Verhältnis ein, was durchaus als Verdienst zu bezeichnen ist.


Christoph Jacke, Jens Ruchatz, Martin Zierold (Hg.): Pop, Populäres und Theorien. Forschungsansätze und Perspektiven zu einem prekären Verhältnis in der Medienkulturgesellschaft. Münster: Lit-Verlag, 2011 (Populäre Kultur und Medien Bd. 2). 240 S., broschiert, 24,90 EUR. ISBN 978-3-643-10971-2


Inhaltsverzeichnis

Christoph Jacke/Jens Ruchatz/Martin Zierold:
Einleitung - Pop, Populäres, Theorien 7


Sektion 1: Diskussionen
Wozu Theorien des Pop(ulären)? Eine Diskussion zwischen
Christina Bartz, Thomas Hecken, Marcus S. Kleiner und Thomas Hecken 17

Christina Bartz:
Aus der Sicht der Medienwissenschaft 18

Thomas Hecken:
Abstraktes zur Theorie des Populären 31

Marcus S. Kleiner:
Pop-Theorie. Ein deutscher Sonderweg 45

Jens Ruchatz:
"Der Text ist meine Party" - Sechs Punkte zum Theoriebedarf der Erforschung
des Populären 64

Diedrich Diederichsen/Christoph Jacke:
Die Pop-Musik, das Populäre und ihre Institutionen. Sind 50 Jahre genug?
Oder gibt es ein Leben nach dem Tod im Archiv? Ein Gespräch 79


Sektion 2: Beiträge

Jochen Bonz:
Soziologie des Hörens. Akustische Konventionalität und akustische Materialität als Kategorien subjektorientierter Popkulturforschung 113

Sabine Eggmann:
Das "Populäre" aus diskursanalytischer Sicht. Möglichkeiten der Theoretisierung 139

Mathias Mertens:
Prosumé über Popkultur 152

Benjamin Schäfer:
Popkritik und Popkanon. Möglichkeiten und Probleme der Erforschung von Musikjournalismus als kanonbildender Instanz in der Populärkultur 165

Herbert Schwaab:
Die Komödie der Verleugnung. Über Stanley Cavell, eine Philosophie des Populären
und Stuck on You von Peter und Bobby Farrelly 185

Martin Seeliger:
Kultur - Struktur - Handlung. Symbolische Formen und Organisationen als zwischen Struktur- und Handlungsebene vermittelnde Instanzen 203

Sascha Trültzsch/Thomas Wilke:
Zum Schwellenwert des Populären. Überlegungen und Bausteine zu einer Theorie
des Populären 219

Über die Autoren 236


Pop in Theory and Practice. A Wide-Ranging Account of the State of Theory in Current German Pop Research

In the conference proceedings Pop, Populäres und Theorien. Forschungsansätze und Perspektiven zu einem prekären Verhältnis in der Medienkulturgesellschaft (Pop, the Popular, and Theories. Research Methods and Perspectives on a Precarious Relationship in the Media-Culture Society), the breadth of various theoretical approaches to the popular is made visible. The book emphasizes the importance of interdisciplinary discussion and analysis, in which methods from cultural, communication and media studies are connected. In spite of a number of shortcomings with regard to the book's overall structure and argumentative line, it can be regarded as a wide-ranging and meritorious presentation of current theoretical discussions in the German-speaking popular culture debate.

Die Redaktion weist darauf hin, dass die HerausgeberInnen des rezensierten Buches Mitglied des Graduiertenzentrums  sind/waren, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.

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