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Historie und Historiographie aus Borges' Perspektive


Eine Rezension von Silvia Boide

Rath, Christine: Schamhafte Geschichte. Metahistorische Reflexionen im Werk von Jorge Luis Borges. Bielefeld: transcript, 2011.

Christine Rath schlägt in ihrer Dissertationsschrift eine neue Lektüre des Werks des argentinischen Autors Jorge Luis Borges vor. Nicht nur als phantastischer Autor, so Rath, sollte Borges gelesen werden, sondern insbesondere auch als Autor, der sich in seinen zahlreichen Essays und Kurzgeschichten immer wieder mit Fragestellungen der Geschichte und der Geschichtsschreibung auseinandersetzt. Raths Monographie bietet nun eine solche Lesart an und kontextualisiert sie historisch mit dem öffentlichen argentinischen Diskurs über die Geschichtsschreibung. Der Leser hätte von einer thematisch strukturierten Anordnung der Textanalysen profitiert, erhält aber dennoch eine spannende Erweiterung der Perspektive auf das Werk Jorge Luis Borges'. 


Jorge Luis Borges (1899-1986), der argentinische Autor schlechthin, wurde lange Zeit vor allem als Verfasser phantastischer Kurzgeschichten rezipiert, die sich durch metafiktionale Reflexionen und Gedankenspiele auszeichnet. Wie sehr sich Borges auch mit Fragen der Geschichte und der Geschichtsschreibung in seinem Werk auseinandersetzt, kann man in Christine Raths Monographie Schamhafte Geschichte. Metahistorische Reflexionen im Werk von Jorge Luis Borges erfahren.

Als Desiderat formuliert die Hispanistin in ihrer Dissertationsschrift eine Relektüre der Kurzgeschichten und Essays des argentinischen Autors aus einer Perspektive, die diese nicht auf eine phantastische Lesart reduziert, sondern die zahlreichen metahistorischen und metahistoriographischen Reflexionen darin wahrnimmt und in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. In der Einleitung stellt Rath als zentrales Ziel der Monographie die Schließung dieser Lücke vor, wozu Borges' Rezeption des argentischen historischen Diskurses ihr den Kontext dieser Lesart bietet. Wünschenswert wäre in der Arbeit eine stärkere Rahmung durch Einleitung und Schlussteil gewesen, die auf insgesamt etwas mehr als sieben Seiten diese Aufgabe nicht erfüllen können. Durch Überleitungen zwischen den Kapiteln und eine ausführlichere Einleitung hätte der Lesefluss deutlich verbessert werden können.

Im zweiten Kapitel gibt die Autorin einen Überblick über die Entwicklung des historischen Diskurses in Argentinien, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Anfänge der argentinischen Geschichtsschreibung einleitet. Im Mittelpunkt zweier Polemiken um die Biographie Historia de Belgrano von Bartolomé Mitre steht die Diskussion um den Wahrheitsgehalt dokumentengestützter Geschichtsdarstellung.

Als theoretische Grundlagen für ihre Lektüre der Kurzgeschichten Borges' wählt Rath dann Ricœurs Publikationen Zeit und Erzählung I bis III sowie weitere Untersuchungen des Philosophen zu Geschichte, Gedächtnis und Historiographie, die sich mit der Nähe von fiktionalem und historiographischem Erzählen auseinandersetzen. Das Ähnlichkeitsverhältnis dieser Erzählmodi sieht Rath in Borges' Werk immer wieder reflektiert. Da sie in Ricœurs Schriften jedoch eine Auseinandersetzung mit dem historischen Roman vermisst, führt sie zur Ergänzung in einem weiteren Kapitel Ansgar Nünnings Typologie der Gattung Von historischer Fiktion zu historiographischer Metafiktion 1 (1995) ein, die insbesondere mit der Unterform der "historiographischen Metafiktion" eine für die Studie wichtige Terminologie liefert.

Ein weiteres Kapitel zu den essayistischen Texten des argentinischen Autors greift bereits die Themen auf, die in den Lektüren der Kurzgeschichten im sechsten Teil der Arbeit immer wieder als metahistoriographische Reflexionen aufgefunden werden: Fragen nach der Repräsentation von Geschichte im Text, des Konstruktcharakters von Geschichte, Selektionsprozessen und Kausalität in der Geschichtsschreibung. Den titelgebenden Begriff der "schamhaften Geschichte" findet man ebenfalls in einem dieser Essays, dem 1952 erschienenen "El pudor de la historia", der sich als einziger in Borges' Werk  "über poetologische Fragestellungen hinaus direkt und ausschließlich mit dem Wesen der Geschichtsschreibung auseinandersetzt" (S. 96). Die Geschichte werde immer von den Siegern geschrieben und hinter den Daten der Geschichtsschreibung verberge sich stets noch eine weitere Geschichte, die wahre  "schamhafte Geschichte" (vgl. S. 96 ff.).

Das sechste Kapitel bildet schließlich den Schwerpunkt der Arbeit und stellt in zwölf Unterkapiteln Lektüren von Erzählungen und Kurzgeschichten des Autors vor. Pro Kapitel wird ein Text analysiert, wobei das Kapitel 6.3, das zugleich zwei Kurzgeschichten behandelt, eine Ausnahme darstellt. Die meisten der untersuchten Texte stammen aus den Kurzgeschichten-Bänden Ficciones oder El Aleph. Jede Lektüre beginnt mit einer kurzen Einordnung in Borges' Gesamtwerk, an die sich eine Inhaltsangabe anschließt. Danach folgt die Analyse anhand der in Kapitel drei und vier vorgestellten Begrifflichkeiten von Ricœur und Nünning und eine Kontextualisierung mit der in Borges' Essays auffindbaren Kritik an der Historiographie. Auch wenn, wie man auf den ersten Blick an den Überschriften der Unterkapitel ablesen kann, jeweils ein Aspekt des metahistoriographischen Erzählens (z.B. die (Un-)Zuverlässigkeit des menschlichen Gedächtnisses; Kap. 6.8 zu"La otra muerte") im Vordergrund steht, treten in der Analyse der Texte doch immer wieder dieselben Muster an die Oberfläche. Daher wirkt  die Lektüre der Textanalysen nach einigen Kapiteln leider wiederholend. Jedes Kapitel verweist auch in der Analyse immer wieder im Text und in den Fußnoten auf andere, ähnlich strukturierte Texte Borges', womit sich die Frage stellt, ob nicht eine andere Struktur, zum Beispiel anhand der wiederauftretenden metahistoriographischen Reflexionsmuster, dem sechsten Kapitel der Arbeit gut getan hätte.

Nichtsdestotrotz bietet Christine Raths Monographie eine aufschlussreiche Lektüre der Borges'schen Kurzgeschichten und Erzählungen, inklusive ihrer Einbettung in das essayistische Werk des Autors und in den historischen Diskurs in Argentinien.


Rath, Christine. Schamhafte Geschichte. Metahistorische Reflexionen im Werk von Jorge Luis Borges. Bielefeld: transcript Verlag, 2011. 266 S., kartoniert, 35,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1766-5


Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung 7

2. Der historische Diskurs in Argentinien 11
2.1 Mitre vs. López: Anfänge einer historischen Disziplin 11
2.2 Paul Groussac und der "culto del fetiche documental" 14
2.3 Die Rolle des historischen Romans im Prozess des "nation-building" 18
2.4 Die Professionalisierung der Geschichtswissenschaft: Die Nueva Escuela Histórica 21
2.5 Geschichte als Geschichte der Gegenwart? Die Rezeption Croces durch die Nueva Escuela Histórica 28
2.6 Zeitphilosophie: Bergson und die Annales-Schule 33
2.7 Der Revisionismus 38

3. Erzählte Geschichte 43
3.1 Zeit und Erzählung 44
3.2 Historisches und literarisches Erzählen 48
3.3 Die Rolle des Zeugnisses 58

4. Revision und metahistorische Reflexion im historischen Roman des 20. Jahrhunderts 61
4.1 Der historische Roman als fiktionales Gegenstück zu historischem Erzählen 62
4.2 Spielarten fiktionaler Geschichtsdarstellung: Eine Typologie des historischen Romans 65
4.3 Historiographische Metafiktion in Lateinamerika 68

5. Geschichtsreflexion in den essayistischen Texten von Jorge Luis Borges 73
5.1 Sprachkritik: "La representación no tiene sintaxis" 74
5.2 Selektion und Kombination als konstitutive Merkmale der Biographie 76
5.3 "Schopenhauer que acaso descifró el universo": Geschichtsskeptizismus bei Arthur Schopenhauer 79
5.4 Der Kausalaberglaube 85
5.5 "Una realidad más compleja": Die Schwierigkeit der Repäsentation 93
5.6 Schamhafte Geschichte 96

6. Lektüren 101
6.1 Evaristo Carriego: Eine "Milieubiographie" nach dem Vorbild Paul Groussacs 101
6.2 Historia universal de la infamia: Unmoralische Biographien und das Ende der Universalgeschichte 107
6.3 "Biografia de Tadeo Isidoro Cruz" und "El Fin": Arbeit am Mythos 118
6.4 "Pierre Menard, autor del Quijote": Unzuverlässiges Erzählen und Geschichte als "re-enactment" 124
6.5 "Tema del traidor y el héroe": Inszenierte Geschichte 143
6.6 "Historia del guerrero y de la cautiva": Ereignis- vs. Strukturgeschichte 155
6.7 "El jardin de las senderos que se bifurcan": Organische Zeit und Kausalaberglaube 163
6.8 "La otra muerte": Versionenpluralität und die Partialität des Zeugnisses 179
6.9 "Emma Zunz": Interpretation und Performanz 192
6.10 "El milagro secreto": Das Scheitern der narrativen Konfiguration 207
6.11 "Deutsches Requiem": Die Krise der Repräsentation 216
6.12 "Guayaquil": Der karthagische Blickwinkel 225

7. Schlussbetrachtung 237

Danksagung 243

Siglenverzeichnis 245

Literaturverzeichnis 247


History and Historiography from Borges' Point of View

In her doctoral thesis, Christine Rath proposes a new perspective on the œuvre of Argentinian author Jorge Luis Borges. He should be read not simply as an author of fantastical tales, Rath argues, but also as an author who deals with problems of history and historiography in his essays and short stories. Rath's monograph offers this perspective and contextualizes Borges' texts historically within the Argentinian discourse on historiography. Structuring the text analyses according to thematic foci would probably have simplified reading, but nevertheless the text offers an exciting new perspective on the works of Jorge Luis Borges.



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