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Globalisierung als Koralle: Komplexe Verflechtungen und weltweite Bewegungsmuster

Eine Rezension von Alexander Matschi

Ette, Ottmar: TransArea. Eine literarische Globalisierungsgeschichte. Berlin/New York: de Gruyter, 2012.

Die neueste Monographie des Romanisten Ottmar Ette untersucht die wechselseitigen Verflechtungen der Literatur- und Globalisierungsgeschichte von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart aus einer bewegungsorientierten Perspektive. Dabei geht er der Frage nach, welche Kontinuitäten und Diskontinuitäten die – realen und imaginierten – weltweiten Bewegungsmuster in den "vier Phasen beschleunigter Globalisierung" (S. 7) geprägt haben; zudem wird analysiert, wie einige dieser Choreographien bis heute fortwirken. Ausgehend von der Prämisse, dass die Einzigartigkeit von Literatur schon immer in einer kulturelle und geographische Grenzen überschreitenden Genese und einem entsprechenden Wirkungsradius lag, untersucht dieser Band dynamische globale Bewegungsräume und die Inszenierung von deren multiplen Logiken in verschiedenen literarischen und medialen Gattungen.
TransArea entfaltet so ein vielschichtiges Panorama globaler Bewegungsgeschichte(n), deren "Polylogik" (S. 5) mittels einer differenzierten Poetik der Bewegung präzise beschrieben und vielfältig aufeinander bezogen werden. 


Im einleitenden Kapitel arbeitet Ottmar Ette Grundlagen einer "Poetik der Bewegung", also eines "ausreichend ausdifferenzierte[n] und präzise[n] terminologische[n] Vokabular[s] für Bewegung, Dynamik und Mobilität" (S. 28) heraus und bietet einen einführenden Überblick über zentrale Charakteristika und epochale Veränderungen in den "vier Phasen beschleunigter Globalisierung" (S. 7). Grundlegend für Ettes Poetik der Bewegung ist neben den unterschiedlichen Abstufungen von Bewegungen im Raum – "translokale, transregionale, transnationale, transareale und transkontinentale Bewegungen" (S. 39-40) – der Begriff der Vektorisierung, den er definiert als "[d]ie Speicherung alter (und selbst künftiger) Bewegungsmuster, die in aktuellen Bewegungen aufscheinen und von neuem [im Medium der Literatur] erfahrbar werden" (S. 29). Literatur stellt Ette zufolge gerade deswegen das ideale Medium zur Bewahrung der mannigfaltigen Komplexitäten des Lebens auf unserem Planeten dar, weil sie eben nicht versucht, diese einer einzigen, alles beherrschenden Logik zu unterwerfen, sondern Polylogiken, das heißt, an vielen verschiedenen Orten entwickelte und daher hochgradig heterogene Logiken, aktiv mitgestaltet (vgl. S. 5). In den folgenden vier Kapiteln untersucht Ottmar Ette die in der Literatur und anderen Medien inszenierten (Dis-)Kontinuitäten der Wege und Vektorisierungen des Wissens in den vier Phasen beschleunigter Globalisierung anhand ausgewählter Beispiele.

Die im Kapitel "Globalisierung I" (S. 53) behandelte erste Phase (um 1500 bis ca. 1550) umfasst die primär von Spanien und Portugal vorangetriebene kolonialistische Expansion europäischer Staaten in der Frühen Neuzeit, die ihre Initialzündung durch Kolumbus' 'Entdeckung' Amerikas 1492 erhielt. In diesem Kontext identifiziert Ottmar Ette die Tropen – und insbesondere die Karibik – als die paradigmatische TransArea, also eine geopolitische Weltregion, die sich nur aus dem vielschichtigen Zusammenspiel der sie im Inneren konstituierenden Beziehungen ("interne Relationalität" [S. 88]) und der vielfältigen Beziehungen mit anderen Areas ("externe Relationalität" [S. 88]) adäquat begreifen lässt. Ette zufolge besteht der zentrale Impetus der "TransArea Studies" (S. 40-49) daher in der Erkenntnis, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit solchen TransAreas die Ergänzung traditioneller Area Studies durch "transareale Studien" (S. 40) – also geographische und disziplinäre Grenzen bewusst überschreitende Forschungsarbeiten – erfordert, weil sonst wesentliche Aspekte dieser höchst komplexen Bewegungsräume den disziplinären Zuständigkeiten zum Opfer fielen.
Die zweite Phase erstreckt sich von ca. 1750 bis 1800 und findet ihren prägnantesten Ausdruck in den Forschungs- und Eroberungsreisen eines James Cook, wobei die iberischen Kolonialmächte zunehmend von ihren aufstrebenden Konkurrenten England und Frankreich abgelöst wurden. Das Kapitel "Globalisierung II" (S. 105) beschäftigt sich dementsprechend mit der systematischen Perfektionierung der global ausgreifenden, aber stets von Europa aus gesteuerten Ausbeutung der Tropen, die sich rund um den Globus in eurozentrischen Handelsrouten sowie der gewinnorientierten Versklavung außereuropäischer Ethnien niederschlug. In diesem Prozess entfaltete gerade auch die fortschrittsgläubige europäische Wissenschaft eine ungeheure zerstörerische Kraft.
In der dritten Phase, die die Hochzeit des europäischen Imperialismus (ca. 1870 bis 1914) umfasst, gesellt sich zu den europäischen Kolonialmächten mit den USA zum ersten Mal eine zumindest geographisch nichtabendländische Großmacht hinzu, die aus dem Freiheitskampf ehemaliger Siedlerkolonien hervorgegangen war. Im Kapitel "Globalisierung III" (S. 161) demonstriert Ette daher, wie die jahrhundertelangen Migrationen aus allen Teilen der Welt in die Karibik diese Area bereits zwischen ca. 1870 und 1900 in Ansätzen zu einem "Erprobungsraum einer Gesellschaft globalen Zuschnitts" (S. 207) werden ließen; eine Entwicklung, die sich im 20. Jahrhundert intensivieren und das erstmals 1940 vom kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz formulierte Konzept der Transkulturalität hervorbringen sollte.
Die vierte Phase, die um 1980 beginnt und bis in die Gegenwart hineinreicht, wird schließlich zum Großteil von den Vereinigten Staaten dominiert (vgl. S. 7-26). Das letzte Kapitel ("Globalisierung IV", S. 221) befasst sich folglich mit Phänomenen zeitgenössischer Globalisierung, wie zum Beispiel die Problematik der Immunschwächekrankheit Aids oder die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter. Als Leitmetapher dient dabei die Koralle, die Ette von Khal Torabully, einem mauritianischen Kulturtheoretiker, übernimmt (vgl. S. 294-297 sowie Khal Torabully: Chair Corail, Fragments Coolies. Guadeloupe 1999, S. 82). Gerade weil die Koralle als lebendiger und mobiler Organismus immer schon das Phänomen der Migration mit einschließt, eignet sie sich in besonderer Weise als neue kulturelle Leitmetapher für das längst Realität gewordene Zeitalter der Transkulturalität, das zunehmend durch transareale "Literaturen ohne festen Wohnsitz" (Ottmar Ette: ZwischenWeltenSchreiben – Literaturen ohne festen Wohnsitz. Berlin 2005) geprägt sein wird.

Der im einführenden Kapitel weit gespannte Bogen, eine "literarische Globalisierungsgeschichte" (Untertitel) zu entwerfen, wird über alle vier folgenden Kapiteln eindrucksvoll durchgehalten und kulminiert im programmatischen Fazit, das Zeitalter "transarealer Literaturen und Kulturen" (S. 314) sowie gerade auch das entsprechender Theorien habe bereits begonnen (vgl. S. 314). Die an vorhergehende Forschungsbeiträge des Autors anknüpfende Monographie löst damit nicht nur den eigenen Anspruch ein, sondern stellt auch eine Pionierstudie in selbigem Forschungsfeld dar, die zur weiteren Auseinandersetzung mit transarealen Phänomenen im Bereich der Literaturen und Kulturen der Welt einlädt. Die Bandbreite der behandelten Werke – von den frühneuzeitlichen Weltkarten eines Juan de la Cosa über die Forschungen Alexander von Humboldts bis zur global präsenten Kunst des chinesischen Dissidenten Ai Weiwei in der Gegenwart – beeindruckt durch ihre außerordentliche Vielfalt, wenn auch die Repräsentativität bisweilen durch die weitgehende Nichtberücksichtigung von Kunstwerken aus der globalen Einflusssphäre des britischen Empire etwas beeinträchtigt wird. Sowohl auf der theoretischen wie der analytischen Ebene überzeugt der vorliegende Band durch eine stringente, die vier Phasen beschleunigter Globalisierung virtuos verknüpfende Argumentation sowie eine brillant in Szene gesetzte, kenntnisreiche Detailfülle.
Mit dieser die von Ottmar Ette selbst initiierten Forschungsrichtung "TransArea Studies" weiterführenden Studie setzt der Autor neue Maßstäbe in der Erforschung der Grenzen überschreitenden und daher von den Nationalphilologien gerne vernachlässigten Literaturen der Welt.  Darüber hinaus skizziert diese Mongraphie Wege zur Beantwortung der spannenden Frage, wie die in den einzelnen Disziplinen ebenfalls meist stiefmütterlich behandelten Kulturbeziehungen zwischen weiteren geopolitischen Areas – z.B. die zwischen Südamerika und dem arabischen Kulturkreis – aus bewegungsgeschichtlicher Perspektive in innovativer Weise analysiert werden können. Alles in allem stellt TransArea – Eine literarische Globalisierungsgeschichte daher eine unverzichtbare Lektüre für all jene dar, die sich näher mit dem Forschungsgebiet 'Literatur und Globalisierung' beschäftigen wollen.

   
Ette, Ottmar: TransArea – Eine literarische Globalisierungsgeschichte. Berlin/Boston: Walter de Gruyter, 2012. 314 S., kartoniert, 99,95 Euro. ISBN: 978-3-11-028709-7


Inhaltsverzeichnis

Windrose der Begriffe:
Globalisierungen, Vektorisierungen, Literaturen der Welt: Transareale Studien      1

Globalisierung I.
Im Gitternetz des Abendlands:
Fülle und Falle der europäischen Projektion weltweiter Bewegungs-Räume  53

Globalisierung II.
Im Disput um die Welt:
Diskurse der Tropen und Tropen der Diskurse weltweiter Expansion  105

Globalisierung III.
Im Zeichen einer neuen Weltmacht:
Von der Fülle der Abwesenheit und der Falle der Macht 161

Globalisierung IV.
Im Netz transarchipelischer Beziehungen:
Von der Fülle des Polyperspektivischen und der Falle einsprachiger Globalisierung  221


Globalization as a Coral: Complex Interrelations and Global Movement Patterns

The latest monograph by German Romance scholar Ottmar Ette examines the mutual intertwining of literary history and the different phases of globalization from the Early Modern Age to the present from a motion-oriented perspective. It pursues the question of which continuities and discontinuities have shaped the – real and imagined – global movement patterns in "vier Phasen beschleunigter Globalisierung" (p. 7). Moreover, it analyses the persistence of some of these choreographies in contemporary global phenomena. Based on the fundamental hypothesis that the unique characteristics of literature have always been its both transareal and transcultural genesis and scope of effect, this volume investigates dynamic global spaces of motion and the enactment of their multiple logics in various literary and media genres. Thus, TransArea unfolds a complex panorama of global histories of motion, the "polylogic" (S. 5) of which is described accurately and correlated in multiple ways.


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