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Er ist einfach nicht tot zu kriegen – Der Vampir im Spannungsfeld des Kulturtransfers

Eine Rezension von Anna Isabell Wörsdörfer

Soloviova-Horville, Daniela: Les vampires. Du folklore slave à la littérature occidentale. Paris: L'Harmattan, 2011.

Die französische Komparatistin Daniela Soloviova-Horville nähert sich der Figur des grenzgängerischen Vampirs, indem auch sie disziplinäre Grenzen überschreitet und in der aus ihrer Dissertation hervorgegangen Studie Les vampires. Du folklore slave à la littérature occidentale sowohl Textzeugnisse mehrerer europäischer Sprach- und Kulturräume als auch verschiedenste Untersuchungsmethoden aus Ethnologie, Ideengeschichte und Literaturwissenschaft innovativ zusammenführt. Dabei verfolgt sie eine konsequent historische Perspektive, um so einerseits die diversen Vampirvorstellungen in Folklore, Gelehrtenwelt und Fiktion zu periodisieren und sie andererseits mit zeitgenössischen soziokulturellen Phänomenen in Beziehung zu setzen. Horville gelingt es dergestalt nicht nur, die Repräsentationen des Vampirs in seiner dominierenden Figuration als Blutsauger verstehbar zu machen, sondern ihn auch davon zu lösen und gerade mit seinen Metamorphosen das Motiv für das Überdauern seiner 'Spezies' herauszuarbeiten. 


Bulgarien in vager Vergangenheit: Ein Ehepaar fährt mit der Kutsche durch einen Wald. Plötzlich verschwindet der Ehemann. Die Frau wird von einem großen Wolf attackiert. Unter ihren Hilferufen zerfetzt die Bestie ihre Kleider und fügt ihr schwere Bisswunden zu. Der Ehemann kehrt erst zurück, als der Wolf verschwunden ist. Zur Beruhigung redet er seiner verstörten Frau gut zu. Da erkennt sie die Stoffreste ihres Kleides zwischen seinen Zähnen. – Er ist ein Vampir.
So gestaltet sich die Handlung einer jener Geschichten (vgl. S. 69) über 'wiederkehrende Tote', von denen die osteuropäische Folklore ein wahres Arsenal beherbergt. Daniela Soloviova-Horville hat sich zur Aufgabe gemacht, dieses erstmals systematisch und vor dem Hintergrund des Kulturtransfers mit der westeuropäischen Rezeption – den gelehrten Vampirismus-Debatten des 18. Jahrhunderts und den literarischen Gestaltungen des 19. Jahrhunderts – zu untersuchen.

Trotz des anhaltenden Hypes um den Vampir, den er aktuell insbesondere der Jugendliteratur und der massenwirksamen angloamerikanischen Filmindustrie zu verdanken hat, werden seine slawischen Ursprünge auch von der Forschung teils aufgrund sprachlicher Barrieren, teils aufgrund disziplinärer Engstirnigkeit noch immer unangemessen berücksichtigt. Dank ihrer bulgarischen Wurzeln (gepaart mit profunden Russischkenntnissen) und ihres komparatistisch geprägten Wissenschaftsverständnisses besitzt Horville jene Voraussetzungen, welche die Erwartungen an eine Fokuserweiterung des Themas wecken – Erwartungen, die sie, um es vorwegzusagen, in vollem Umfang erfüllt.
Durch intensives Quellenstudium erschließt die Verfasserin ein reiches Textmaterial und führt bestehende Arbeiten (z.B. Lecouteux: Histoire des vampires, 1999) erheblich fort. Sie kann zeigen, dass der Vampirglaube im Zuge der Christianisierung, genauer: der Einführung des Totenbegräbnisses, und unter Einfluss der Bogomilen-Häresie, nämlich deren Dämonisierung des Leichnams, entstanden ist. Auf Grundlage der slawischen Konzeption des Vampirs – den potentiellen Anwärtern, seiner Erscheinung und Nähe zu anderen Wesen (etwa dem Werwolf) sowie den Schutz- und Vernichtungsarten – gelangt Horville schlüssig zu seinen Hauptfunktionen im östlichen Kulturraum: Der Wiedergänger diente den Menschen in Zeiten der Krise (in der Trauer, während Seuchen) zur Kanalisierung ihrer Ängste und zur Aufrechterhaltung der Ordnung.

Im zweiten und dritten Teil der Untersuchung steht der ostwestliche Kulturkontakt im gelehrten und literarischen Umfeld im Blick, der schon häufiger Analysegegenstand war und bereits fundierte Vampir-Standardwerke hervorgebracht hat (Copper: The vampire in legend, art and fact, 1973; Schaub: Blutspuren, 2008). Allerdings erreicht Horville mit ihrer historisch-soziokulturellen Kontextualisierung, etwa in der Konnexion der Vampirismus-Debatte mit den medizinischen Diskursen des 18. Jahrhunderts über Blutkreislauf und Anatomie, eine bislang unerreichte Tiefe, die ihre Studie über die teils schematischen Vorgänger hinausragen lässt. Mit dem Fokus auf frankophonen Gelehrtenkreisen – eine stärkere Einbeziehung englischer und deutscher Texte wäre wünschenswert gewesen – gelingt es ihr, die etappenweise Integration des Vampirs in die westeuropäische Vorstellungswelt aufzuzeigen: Von den offiziellen Untersuchungen zweier Vampirfälle (1725/1732), über Presseartikel bis zu Lexikoneinträgen erhält er das Attribut eines Blutsaugers, welches ihm in der slawischen Folklore noch nahezu fehlte.
Das literarische Panorama ist gleichermaßen breitgefächert wie detailliert: Das Korpus umschließt Texte von Goethe und Tolstoi ebenso wie die englischen 'Klassiker' von Polidori und Stoker, legt den Akzent aber klar auf französische Werke. Da der Analyseschwerpunkt auf der Literatur des 19. Jahrhunderts liegt, klammert Horville Texte jüngeren Datums aus, wenn diese die Arbeit auch (gemeinsam mit Vampirdarstellungen anderer Medien) abgerundet hätten. Den Wiedergänger mit literarischen Themen und Moden der Zeit (z.B. der Melancholie, dem Dandy) zusammenführend, differenziert sie mehrere Vampirtypen, etwa die schöne Tote in Gautiers La morte amoureuse, die vampirische femme fatale der zweiten Jahrhunderthälfte oder den Vampir als Verbrecher und Verwandlungskünstler im Feuilletonroman. Mit der Vielgestaltigkeit verweist sie einleuchtend auf die immense Flexibilität der Figur, die ihren beständigen Erfolg garantiert.

Horvilles Studie ist neben einer beachtlichen, nach Gattungen gegliederten Bibliographie mit einem nützlichen Orts- und Namensverzeichnis ausgestattet, das die gezielte Suche nach Einzelaspekten erlaubt. Die Autorin, die die überzeitlich-unwandelbaren Aspekte in der Imagination des lebenden Toten wie auch den Wandel der Vorstellungen in Raum und Zeit gründlichst reflektiert, schließt mittels ihres innovativen Ansatzes, der erstmals systematisch kulturelle Austauschprozesse in den Blick nimmt, eine Lücke in der Vampirforschung: Die vorliegende Monographie stellt eine Bereicherung für jeden Literaturhistoriker und Volkskundler auf den Spuren Draculas und seiner Kinder dar.
   

Soloviova-Horville, Daniela: Les vampires. Du folklore slave à la littérature occidentale. Paris: L'Harmattan, 2011. 366 S., broschiert, 33,50 Euro. ISBN: 978-2-296-12503-2


Inhaltsverzeichnis

Préface … 7
Introduction … 9

La vision du vampire chez les slaves … 15

Chapitre I … 17
Émergence des croyances aux morts incarnés (VIe-XIIIe siècle) … 17
1- Inhumation et crainte des morts … 22
2- L'influence bogomile … 30
3- L'Église face aux cultes païens des morts … 32
4- L'évolution des croyances slaves aux vampires … 39

Chapitre II … 43
Représentations du vampire chez les Slaves du Sud (XIVe-XIXe siècle) … 43
1- Le contexte historique … 43
2- État des lieux des sources documentaires … 46
3- Figurations du vampire … 53

Chapitre III … 91
Traitement thématique des croyances des Slaves méridionaux … 91
1- La métamorphose posthume, entre imagination et réalité … 91
2- Impureté et contagion … 98
3- Entre ordre et désordre social … 106

La divulgation des pratiques slaves en Occident au XVIIIe siècle … 111

Chapitre I … 113
Les précurseurs du vampire en Europe centrale et occidentale … 113
1- En manière d'introduction … 113
2- Le legs des chroniques médiévales (XIIe-XIIIe siècle) … 117
3- Le témoignage des ouvrages historiques, théologiques et philosophiques (XIVe-XVIIe siècle) … 121
4- Les relations de voyage: le brucolaque de Grèce et des îles grecques (XVIIe-XVIIIe siècle) … 131

Chapitre II … 141
La découverte du vampire slave au siècle des Lumières … 141
1- Le prologue (1680-1725) … 141
2- L'art de l'événement: les cas serbes colportés par la presse occidentale … 146

Chapitre III … 165
Les interprétations du vampirisme au XVIIIe siècle … 165
1- Entre crédulité et esprit critique: le débat entre clercs et philosophes. Les explications rationalistes du marquis D'Argens et de La Mettrie … 165
2- L'énigme des vampires, miroir de la médecine et de la société des Lumières … 185
3- La contribution des lexicographes et des Encyclopédistes: le sacre du mot « vampire » … 204

Le vampirisme comme thème dans la littérature occidentale du XIXe siècle … 223

Chapitre I … 225
L'avènement du mort séducteur et le règne des plaisirs effroyables du macabre … 225
1- L'amant(e) d'outre-tombe … 228
2- Seul parmi la multitude: esquisse du héros fatal … 242
3- Le vampire à la conquête du théâtre de boulevard … 256

Chapitre II … 269
Le retour du vampire pseudo slave … 269
1- Les compilations, ouvrages indémodables … 269
2- La réhabilitation des superstitions et des croyances populaires au début du XIXe siècle … 271
3- Aux pays des « sauvages » européens. La Dalmatie et le Monténégro, berceaux du vampirisme en Europe … 274
4- Du récit de voyage à la mystification littéraire. Les amateurs de 'couleur locale': Nodier et Mérimée … 278
5- Un mystificateur facétieux: Alexeï Tolstoï … 283

Chapitre III … 289
La géographie imaginaire du vampirisme dans la littérature populaire … 289
1- De l'Illyrie aux Carpates, entre monts et merveilles … 289
2- Des campagnes sauvages aux bas-fonds urbains … 293
3- Aux frontières du réel. Les avatars de l'anti-roman … 300
4- Dracula et les nouveaux lieux communs du vampirisme … 307

Conclusion … 315
Bibliographie … 323
Index des noms propres … 347
Index géographique … 359
Table des matières … 365


He just goes on forever – The vampire between the poles of Cultural Transfer

Daniela Soloviova-Horville, a French expert in comparative literature studies, approaches the cross-bordering figure of the vampire by also crossing disciplinary borders: in Les vampires. Du folklore slave à la littérature occidentale based on her doctoral thesis, she assembles textual material belonging to several European language and cultural areas and innovatively combines different methods borrowed from ethnology, the history of ideas, and literary studies. She strictly focuses an historical perspective for a double aim: on the one hand she places the various ideas of the vampire appearing in folklorist and literary traditions as well as in erudite milieus into History; on the other she connects them with contemporary socio-cultural phenomena. In this way, Soloviova-Horville manages not only to make comprehensible the vampire's representations in his dominant figuration as a bloodsucker but also to free him of this idea: She shows that it is exactly his ability to metamorphose that secures the 'species'' survival.


© bei der Autorin und bei KULT_online