Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

Die Fallen der Kulturalisierung. Michael Poerner untersucht chinesische Identitätsentwürfe in der globalisierten Wirtschaftsgesellschaft.

Eine Rezension von Dagmar Lorenz

Poerner, Michael: Chinesisch in der Fremde. Interkulturelles Rezeptwissen, kollektive Identitätsentwürfe und die internationale Expansion chinesischer Unternehmen. Münster: Waxmann, 2011.

Der  Aufstieg Chinas zur globalen Wirtschaftsmacht basierte bisher auf den Investitionen westlicher Firmen in Festlandchina. Inzwischen expandieren jedoch auch chinesische Unternehmen in westliche Industriestaaten und stoßen dort häufig auf massive Probleme im Umgang mit anderen Kommunikationskulturen. Ausgehend von dieser Situation befasst sich Michael Poerner in seiner Dissertation mit der Frage, wie sich die Auseinandersetzung chinesischer Akteure mit kultureller Alterität in wirtschaftlichen Zusammenhängen gestaltet. Um sie zu beantworten, untersucht der Autor die vorherrschenden Muster kultureller Identitätskonstruktion und ihre historischen Entstehungskontexte, wie sie sich sowohl im chinesischen Wissenschaftsbetrieb, als auch in der interkulturellen Ratgeberliteratur für chinesische Geschäftsleute darstellen. Darüber hinaus werden die Schwächen eines auch in westlichen Diskursen verbreiteten Mainstream-Kulturalismus aufgezeigt. Poerner deutet hierzu plausible Alternativen an, denen man eine breitere Ausführung gewünscht hätte. 


Die Wirtschaftsmacht China begnügt sich nicht mehr mit der Rolle als "Werkbank der Welt". Inzwischen expandieren chinesische Unternehmen mit staatlicher Unterstützung in westliche Märkte und Produktionsstandorte. Diese Neuausrichtung chinesischer Außenwirtschaftspolitik verändert zugleich die "Parameter bei der Konfrontation mit kultureller Alterität im gegenwärtigen China". Dies konstatiert Michael Poerner in der Einleitung (S. 11) zu seiner am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Mainzer Universität erarbeiteten Dissertation, die in geringfügig veränderter Fassung unter dem Titel Chinesisch in der Fremde erschienen ist.

In seiner Arbeit sucht Poerner zwei Dimensionen der Auseinandersetzung mit kultureller Alterität im heutigen China zusammenzuführen: zum einen die "mikroanalytische Ebene" (S. 11)  des Umgangs mit jenen kulturellen Unterschieden, die sich als Problemfelder im Zuge chinesischer Direktinvestitionen im Ausland auftun, zum anderen – aus  makroanalytischer Perspektive -  der Umgang mit kultureller Alterität innerhalb der Selbstbehauptungsdiskurse im modernen China seit dem 19. Jahrhundert (S. 12).

Angesichts dieser komplexen Fragestellung, die der Autor zudem teils auf der Ebene praxisorientierten interkulturellen "Rezeptwissens", teils auf der Ebene wissenschaftstheoretischer Modelle, bzw. Paradigmen untersucht, ist eine "wissenschaftstheoretische Positionsbestimmung" (S. 13), wie sie Poerner im ersten Teil seiner Arbeit vornimmt, unabdingbar. In Kapitel 2 verortet der Autor seine Arbeit im interdisziplinären Feld zwischen moderner Chinawissenschaft und einer "kulturwissenschaftlich ausgerichteten Translationswissenschaft" (S. 13), wobei er in Übereinstimmung mit einer neueren Forschung sowohl für eine kulturwissenschaftliche Erweiterung des Übersetzungsbegriffs, als auch für ein Kulturverständnis plädiert, das "Kultur" nicht als eindeutig abgrenzbare Entität mit essentialistisch bestimmbaren Eigenschaften definiert, sondern als dynamisch zu verstehendes Geflecht von Wissensbeständen, das sich zudem erst in der Auseinandersetzung mit anderen Kontexten konstituiert.

Im zweiten Teil seiner Arbeit (Kapitel 3) wendet sich der Autor der chinesischen Außenwirtschaftspolitik zu. Einer datenbasierten Darstellung der Internationalisierung chinesischer Unternehmen unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands als Zielland chinesischer Direktinvestitionen (Kapitel 3.1, 3.2), folgt eine Skizzierung der politisch-rechtlichen, betriebswirtschaftlichen und sprachlich-kulturellen Herausforderungen, denen sich chinesische Unternehmen in Industriestaaten ausgesetzt sehen (Kap. 3.3).

Der dritte Teil (Kapitel 4) ist dem Umgang mit interkulturellen Fragestellungen gewidmet. Anhand originalsprachlicher Referenztexte untersucht Michael Poerner das Forschungsfeld der interkulturellen Kommunikation, wie es sich sowohl im internationalen Kontext nach dem Zweiten Weltkrieg (Kapitel 4.1), als auch in der VR China seit dem Ende der 1990er Jahre (Kapitel 4.2) darstellt. In begrüßenswerter Deutlichkeit analysiert Poerner die Schwachstellen eines populären Mainstream-Kulturalismus, der etwa in der angelsächsischen Publizistik unter postkolonialistischem Vorzeichen noch eine beachtliche Rolle spielt. Poerner zeigt, wie die simplifizierenden Annahmen z.B. einer spezifisch "asiatischen" Methodik auf einem Kulturverständnis beruht, das mit dem der "Nationalcharakterforschung vor etwa einem halben Jahrhundert identisch ist" (S. 77). Indes verrät  Poerners Analyse der in China stattfindenden Diskurse über kulturelle Differenz, dass auch dort mit eben denselben essentialistischen Klischees in Bezug auf "die westliche Kultur" gearbeitet wird – die von Poerner in Kapitel 4.3 angeführten Beispiele für interkulturelle Ratgeberliteratur in China belegen dies (S. 111).

Im vierten Teil (5. Kapitel) führt Michael Poerner aus, wie sehr diese chinesische Perspektive kulturalistischen Denkens sowohl durch bestimmte Positionen innerhalb der "cultural" und postcolonial studies" aus dem angelsächsischen akademischen Betrieb gekennzeichnet ist, als auch von Selbstbehauptungs- und Identitätsdiskursen chinesischer Intellektueller seit dem 19. Jahrhundert geprägt wird (Kapitel 5.2, 5.3). Letztere gehen spätestens seit den 1990er Jahren einher mit einer von der chinesischen Staatsmacht absichtsvoll gesteuerten "funktionalen Retraditionalisierung" (S. 192). Ausgewählte Elemente der chinesischen Kultur werden dabei instrumentalisiert, um ein sich vom "Westen" abgrenzendes Selbstbild als Chinesen unter dem "Paradigma chinesischer Exzeptionalität" (S. 243) zu konstruieren und die eigene politische Machtposition zu legitimieren (S. 199). Wie in diesem Zusammenhang auch Wirtschaftshandeln kulturalisiert und essentialisiert wird, verdeutlicht Poerner zum Schluss seiner Studie am Beispiel der chinesischen Managementlehre, deren vermeintliche Charakteristika wie etwa "die Herstellung ganzheitlicher Harmonie" (S. 236) an die Debatte um asiatische und westliche Wertvorstellungen aus den 1990er Jahren erinnern. Damals wie heute dient dabei "der Westen" als negativistische Kontrastfolie zwecks Bestimmung der eigenen (positiven) Identität. Darüber, wie sich ein solcherart konstruiertes Selbstbild Chinas künftig auf Weltwirtschaft und Weltpolitik auswirken wird, schweigt der Autor diplomatisch in seinem Schlusswort. 

Fazit:

Ein beachtliches Verdienst dieser Arbeit besteht darin, die Zusammenhänge zwischen einem  forcierten Kulturalismus, chinesischen Identitätsdiskursen und Programmatiken des Wirtschaftshandelns sichtbar werden zu lassen. Was die Überwindung längst obsoleter kulturalistischer Positionen angeht, so hätte man zu den "Möglichkeiten einer Paradigmenkorrektur"  (Kapitel  4.1.5), die Poerner vorschlägt, gerne noch mehr erfahren. Dennoch: zweifellos eine lesenswerte Studie!


Poerner, Michael: Chinesisch in der Fremde. Interkulturelles Rezeptwissen, kollektive Identitätsentwürfe und die internationale Expansion chinesischer Unternehmen. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann, 2011 (Münchener Beiträge zur Interkulturellen Kommunikation. Herausgegeben vom Institut für Volkskunde/ Europäische Ethnologie, Institut für Interkulturelle Kommunikation, Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Band 24, hg.v. Alois Moosmüller/Klaus Roth). 312 Seiten, broschiert, 34,90 Euro. ISBN: 978-3-8309-2563-7 Zur Verlagshomepage...



Inhaltsverzeichnis

1  Einleitung…11

2  Wieso, weshalb, warum? – Wissenschaftliche Positionsbestimmung…17
2.1  Wissenschaft  als Wahrheitssuche? – Wissenschaftstheoretische Präsuppositionen…17
2.2  Disziplinäre Zuordnung – Zwischen Interdisziplinarität und Interkulturalität…24

3  Auf nach draußen! – Die internationale Expansion chinesischer Unternehmen…33
3.1  Neuorientierung in der chinesischen Außenwirtschaftspolitik…36
3.2  Kennzeichen chinesischer Auslandsdirektinvestitionen…43
3.3  Skizze der Herausforderungen…49
3.3.1  Politisch-rechtlich…50
3.3.2  Betriebswirtschaftlich…52
3.3.3  Sprachlich-kulturell…53

4  Anleitung für den Umgang mit kultureller Differenz? – Anwendungsorientierte Perspektiven…55
4.1  Interkulturelle Kommunikation als  Wissenschaft…58
4.1.1  Ethische Wende und gesellschaftliche Verantwortung…58
4.1.2  Von sprachlicher Relativität zum Nationalcharakter…60
4.1.3  Kultur als Kommunikation und "Software of the Mind"…64
4.1.4  Kulturalisierung als Ausweg?...71
4.1.5  Möglichkeiten einer Paradigmenkorrektur…76
4.2  Zwischen Theorieimport und Essentialisierung – Festlandchinesische Diskussionen…82
4.2.1  Sprache und Kultur – Fremdsprachendidaktik und interkulturelle Kommunikation…84
4.2.2  Kultur als Alleinstellungsmerkmal? – Grundlegende Charakteristika chinesischer Kultur…94
4.3  Fallbeispiel: To-Do or Not-To-Do? – Interkulturelles Rezeptwissen und kulturelle Alterität…108
4.3.1  Die kulturwissenschaftliche Relevanz interkultureller Ratgeberliteratur…110
4.3.2  Interkulturelle Ratgeberliteratur in China…111
4.3.3  Im Westen alles anders? – Hinweise zu Verhaltenskonventionen im internationalen Geschäftsleben…116
4.3.4  Beide Hände auf den Tisch…und nicht lachen! – Die Darstellung deutscher Geschäftsleute…129

5  Die Herausforderung des Fremden – Fluchtlinien geistesgeschichtlicher Kontextualisierung…137
5.1  Homogenität, Distinktion, Reziprozität – Kennzeichen kollektiver Identitätskonstruktionen…140
5.1.1  Symbolische Formationen…141
5.1.2  Der funktionale 'Blick zurück'…146
5.2  Selektivität, Modifikation, Adaption – Grundzüge von Identitätsdiskursen seit dem 19. Jahrhundert bis Ende der 1970er Jahre…151
5.2.1  Kulturtransfer und die 'Öffnung' Chinas?...154
5.2.2  Spektrum kultureller Reorganisation…167
5.3  Ancienität, Kontinuität, Superiorität – Facetten kultureller Rückbesinnung in der Gegenwart…180
5.3.1  Neubeginn und Orientierungslosigkeit…183
5.3.2  Sinnsuche und kulturelle 'Renaissance'…187
5.4  Fallbeispiel: Der chinesische Homo oeconomicus – Management mit chinesischen Charakteristika?...202
5.4.1  Das Paradigma chinesischer Exzeptionalität…202
5.4.2  Kulturell gewendete Wirtschaftswissenschaft…207
5.4.3  Transkulturelle Wechselwirkungen…214
5.4.4  Der 'Shanghaier Kreis'…219
5.4.5  Der 'Vater chinesischen Managements'…229

6  Fazit…241

7  Anhang…245
7.1  Literatur…245
7.2  Abbildungsverzeichnis…308


Constructing Cultural Identity. Michael Poerner about Chinese Perspectives on Intercultural Business Communication.

The status of China as an economic powerhouse is originally based on investments made by western companies in mainland China. But this situation is about to change. Meanwhile a number of Chinese companies are expanding into industrialized (western) nations encountering severe problems of intercultural confrontation. By considering these new frame conditions Michael Poerner shows how Chinese academics and the media discuss cultural difference in the field of economics. In his doctoral thesis he analyses patterns of Chinese identity constructions, self perception, and the perception of "western culture". In addition the author regards the international academic discourse on "Asian communication" as depending on a rather simplified model of culture lacking valid data and a modern theoretical foundation.


© bei der Autorin und bei KULT_online