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Die Datenbank als Kulturtechnik – Genealogie, Politik und Praxis

Eine Sammelrezension von Friedolin Krentel

Böhme, Stefan; Nohr, Rolf F.; Wiemer, Serjoscha (Hg.): Sortieren, Sammeln, Suchen, Spielen. Die Datenbank als mediale Praxis. Münster: LIT Verlag, 2012.

In dem Sammelband Sortieren, Sammeln, Suchen, Spielen. Die Datenbank als mediale Praxis der Herausgeber Stefan Böhme, Rolf F. Nohr und Serjoscha Wiemer beleuchten insgesamt 15 Beiträge die Datenbank als eine heute nicht mehr wegzudenkende Kulturtechnik. Mit besonderem Fokus auf die Praktiken Sortieren, Sammeln, Suchen und Spielen werden an zahlreichen Beispielen vielschichtige Facetten von Datenbanken identifiziert und beschrieben, um diese dann mit Bezug zu wichtigen medienwissenschaftlichen Analysen wie Lev Manovichs Database as Symbolic Form (1999) und Mark Posters The Second Media Age (1995) als mediale Praktiken zu konzeptualisieren. 

> English Abstract     > Inhaltsverzeichnis

Allgegenwärtig und häufig unsichtbar sind "Datenbanken […] zentrales Element einer modernen Wissenskultur" (S. 18) und werden im medienwissenschaftlichen Diskurs als unser Denken und Handeln entscheidend prägende Kulturtechnologie betrachtet: Die mit Datenbanken verbundenen Praktiken und Logiken brechen bisherige lineare Ordnungsstrukturen auf (vgl. Manovich 1999) und sind selbst als Teil von Macht- und Subjektivierungsdiskursen zu verstehen (vgl. Poster 1995).

An eben diese beiden Diskussionsstränge knüpft der von Stefan Böhme, Rolf F. Nohr und Serjoscha Wiemer herausgegebene Sammelband Sortieren, Sammeln, Suchen, Spielen. Die Datenbank als mediale Praxis an. Er ist aus der gleichnamigen Abschlusskonferenz des Forschungsprojekts Strategie spielen. Steuerungstechniken und strategisches Handeln in populären Computerspielen (am Beispiel von Wirtschafts-, Militär- und Aufbausimulationen) (Braunschweig, 3.-5. März 2011) hervorgegangen und entwirft aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive heraus einen facettenreichen Blick auf die konzeptuellen Strukturen und Logiken der Datenbank sowie auf die mit diesen assoziierten Praktiken.

In ihrer Einleitung identifizieren die Herausgeber die Praktiken Sortieren (S. 12), Sammeln (S. 12-13), Suchen (S. 14) und Spielen (S. 15-18) als bedeutsame Aspekte einer Analyse der medialen Praxis der Datenbank. Entsprechend werden entlang dieser vier Praktiken in den folgenden 14 Beiträgen sowohl historische, konzeptuelle und technische wie auch politische und ästhetische Dimensionen von Datenbanken aufgezeigt. Den Herausgebern gelingt es an dieser Stelle sehr gut, der beträchtlichen Spannweite der Analysefoki eine angemessene Rahmung zu geben und den Leser_innen eine logische Strukturierung der Beiträge an die Hand zu geben. Diese klare Strukturierung in die drei Abschnitte "Genealogie & Archäologie der Datenbank", "Die Politiken der Datenbank" und  "Die Praktiken der Datenbank" liefert zudem eine gute Orientierung für eine themenspezifische Auswahl einzelner Beiträge.

Am Anfang steht ein archäologischer Rückblick auf frühe (Vor-)Formen der Datenbank. Es gelingt den Autor_innen, das Phänomen Datenbank als eine innerhalb unterschiedlicher Kontexte und in Anknüpfung an bereits bestehende Konzepte 'gewachsene' Kulturtechnologie auszuweisen: Lena Christolova (S. 31-54) beschreibt, wie die modernen Datenbanken zugrundeliegende Funktionsweisen und Strukturen bereits mehr als ein Jahrhundert zuvor zur Organisation und Repräsentation von Wissen entwickelt wurden. Die Entwicklung von modernen Datenbankkonzepten stellt Marcus Burkhardt (S. 55-74) zufolge eine besondere Herausforderung dar. Es müssen wechselseitig semantische Informationen für die Verarbeitung in "nicht-semantischen Routinen" (S. 57) in Syntax übersetzt werden und umgekehrt. Das konzeptuelle Schema nimmt somit die "Scharnierstelle" zwischen der Computerlogik und den Gebrauchslogiken der Nutzer ein (S. 68).

Der zweite Abschnitt widmet sich den gegenwärtigen 'Politiken der Datenbank'. In den Blick genommen werden dabei u.a. die Machtstrukturen globaler Datenbanksysteme wie Facebook, die dem Versprechen der Demokratisierung und Nivellierung von Machtunterschieden im Web 2.0 einen zentralistisch-absolutistischen Grundcharakter der Anbieter entgegenhalten (vgl. Martin Warnke, S. 122-136). Als Gegenentwurf zu hegemonialen Datenbanken analysiert Harald Hillgärtner (S. 137-158) am Beispiel des Open-Street-Map-Project die epistemologische Bedeutung von Datenbanken als ordnende und (Spezial)Wissen aggregierende und synthetisierende Technik (S. 154).

Dominierten bisher die Praktiken des Sortierens, Sammelns und Suchens, so verlagert sich der Fokus im dritten Abschnitt mehrheitlich auf die Praktik des Spielens. Anhand zahlreicher Beispiele kann gezeigt werden, dass die im Rahmen von Strategiespielen durch Spieler_innen vorgenommenen Handlungen letztendlich auf der Manipulation von Datenbanken funktionieren. Verschwinden die Datenbanken zunächst hinter einer an die Erzählung des Spiels angepassten Interfaceästhetik, werden sie spätestens durch Karteneditoren wieder sichtbar (vgl. Gunnar Sandkühler, S. 233-252). Weiterhin analysieren Christian Huberts und Robin Krause Datenbanken als Spielräume (S. 315-338). Sie plädieren dafür, Datenbaken "[i]m praktischen Vollzug des Spiels […] auch als komplexe kulturelle Interfacemetaphern für spezifische Spielmechaniken und Raumlogiken" (S. 336) zu verstehen.

Zwar könnten auf der formalen Seite in der Einleitung eine Reihe von Buchstabendrehern, Rechtschreibfehlern und fehlende Leerzeichen sowie die unter den bibliografischen Daten angegebene falsche ISBN-Nummer (sie verweist auf das 2012 ebenfalls in der Reihe Medien'Welten erschienen Band Metal Matters. Heavy Metal als Kultur und Welt, herausgegeben von Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab) Unmut entstehen lassen. In Anbetracht des durchweg hohen inhaltlichen Niveaus und der ausgezeichneten Strukturierung der Beiträge entlang der Praktiken Sortieren, Sammeln, Suchen und Spielen sollten diese formalen Mängel aber nicht überbewertet werden.

Der Band stellt eine gelungene Bereicherung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Datenbanken dar, die trotz (oder auch gerade wegen) der primär medienwissenschaftlichen Färbung der Autor_innen über ein fachverwandtes Zielpublikum hinauswirken kann. Beispielsweise kann den in diesem Band versammelten Beiträgen aus sozialwissenschaftlicher Sicht ein im hohen Maße anregendes Anknüpfungspotential attestiert werden. Die zumeist auf einer (medienwissenschaftlich) empirisch-anonymen Analyseebene konzeptualisierten vielschichtigen Praktiken und Aspekte von Datenbanken bieten hierzu immer wieder konkrete Ansatzpunkte, die als Ausgangspunkt für sozialwissenschaftliche Fragestellungen dienen können. Angesichts der breiten transdisziplinären Aktualität des Themas können die Beiträge damit viele wichtige Impulse zum Weiterdenken (und -forschen) liefern und in diesem Sinne die wechselseitige interdisziplinäre Befruchtung zwischen Medienwissenschaften und Sozialwissenschaften vorantreiben.

Manovich, Lev (1999): Database as Symbolic Form. In: Convergence: The International Journal of Research into New Media Technologies. Nr. 5, S. 80-99.
Poster, Mark (1995): The Second Media Age. Cambridge: Polity Press.


Böhme, Stefan; Rolf F. Nohr und Serjoscha Wiemer (Hg.): Sortieren, Sammeln, Suchen, Spielen. Die Datenbank als mediale Praxis. Münster / Hamburg / Berlin / London: Lit Verlag, Reihe: Medien'Welten. Braunschweiger Schriften zur Medienkultur Bd. 20, 2012. 352 S., broschiert, 29,90 Euro. ISBN: 978-3-643-11728-1


Inhaltsverzeichnis

Stefan Böhme / Rolf F. Nohr / Serjoscha Wiemer
Einleitung   9

Genealogie & Archäologie der Datenbank
Lena Christolova
Das Mundaneum oder das papierne Internet von Paul Otlet und Henri La Fontaine   31

Marcus Burkhardt
Informationspotentiale. Vom Kommunizieren mit digitalen Datenbanken   55

Theo Röhle
"Grand games of solitaire". Textuelle Ordnungen in den Digital Humanities   75

Uwe Wippich
Eugenische Daten – Die Datenbankpraktiken des Eugenics Record Office   97

Die Politiken der Datenbank
Martin Warnke
Datenbanken als Zitadellen des Web 2.0   122

Harald Hillgärtner
"Oh wie süß ist doch die Datenbank! " Zum Aspekt nicht-hegemonialer Datenbanken   137

Tobias Conradi
Prüfen und Bewerten – Redaktionelle Medien als Gatekeeper der Datenbank?   159

Julius Othmer / Stefanie Pulst / Andreas Weich
WTF is my GearScore? – Risiko und Sicherheit als datenbankgenerierte Elemente im Computerspiel   183

Die Praktiken der Datenbank
Felix Raczkowski
Von fiktiven Enzyklopädien und realen Datenbanken – Ästhetiken von Fan-Wikis   209

Gunnar Sandkühler
Die Datenbank als Karte. Zur Verwendung von GIS-Informationssystemen im Computerspiel   233

Ralf Adelmann
"There is no correct way to use the system". Das doppelte Subjekt in Datenbanklogiken   253

Irina Kaldrack
Gehen in der Datenbank – der BMLwalker   269

Florian Krautkrämer
Database Cinema? Datenbankästhetik im Film   295

Christian Huberts / Robin Krause
Datenbanken als Spielräume – "This is a path winding through a dimly lit forest"   315


Autorennachweis   339

Bildnachweis   345


The Database as Cultural Technique – Genealogy, Politics and Practices

In the volume Sortieren, Sammeln, Suchen, Spielen. Die Datenbank als mediale Praxis, edited by Stefan Böhme, Rolf F. Nohr, and Serjoscha Wiemer, all 15 contributions investigate databases as a cultural technique, which obviously seems to be a constituent element of our current time. By focusing on the practices of arranging, collecting, searching, and gaming, the contributions give many examples in the name of identifying the multiple facets of databases, and conceptualize them by means of some important analyses like Lev Manovich's Database as Symbolic Form (1999) and Mark Poster's The Second Media Age (1995) in the field of media studies as media practice.


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