Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

Der Kulturkritiker – ein Abziehbild?


Eine Rezension von Christian Wilke

Jung, Theo: Zeichen des Verfalls. Semantische Studien zur Entstehung der Kulturkritik im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012.

Die 2012 erschienene Dissertation des Historikers Theo Jung belegt materialreich und überzeugend die 2007 von dem Germanisten Georg Bollenbeck aufgestellte These, dass die moderne Kulturkritik im Kontext der Verzeitlichung historischer Semantik (Koselleck) im späten 18. Jahrhundert entsteht. Sie zeigt ebenso überzeugend, dass historisch orientierte Kritik am eigenen Kulturganzen sich als ein Diskurs, d.h. als überindividueller Sprachmodus formiert und beschreiben lässt. Leider verschweigt Jung weitgehend, dass die Kulturkritik der Aufklärung sich nicht in haltloser Schwarzmalerei erschöpft, sondern auch philosophisch differenzieren und würdigen lässt. 


Wer ein vertieftes Verständnis für die prekäre Begründungsbasis moderner und postmoderner Kultur- und Gesellschaftskritik entwickeln will, kommt derzeit um eine leidenschaftlich geführte Debatte nicht herum, in der seit 2007 nun die dritte Monographie in Folge erschienen ist. Dass Theo Jungs 2011 mit dem Dissertationspreis der Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft ausgezeichnete Dissertation diese Debatte ebenso substantiell wie streitbar ergänzt und sie nicht synthetisch zusammenführt, zeigt, wie ertragreich und brisant das Thema ist: Kulturkritik nicht als Antimodernität oder Gegenaufklärung, sondern als Grundbegriff der modernen Geistesgeschichte, ja Kind der Aufklärung. Wer sich mit diesem Thema vertraut machen möchte, dem sei zu Folgendem geraten: Georg Bollenbeck: Eine Geschichte der Kulturkritik: von J.J. Rousseau bis G. Anders. München: 2007.

Wer sich hier auskennt, wird erfreut sein zu hören, dass Theo Jung eine meisterliche, auf deutschen, englischen und französischen Quellen basierende Erhärtung der bollenbeckschen These gelingt, moderne Kulturkritik sei im Kontext der Verzeitlichung historischer Semantik im späten 18. Jahrhundert entstanden. Nach einer geringfügigen Modifizierung der koselleckschen Verzeitlichungsthese anhand der Querelle des Anciens et des Modernes (Kapitel I) zeichnet Jung in vier thematisch ausgerichteten Hauptkapiteln (Kommerzialisierung, Scheinwelt der Geselligkeit, Sprachverfall und Rationalismus) unmittelbare Vorgeschichten der Kulturkritik nach und zeigt, wie der Übergang von der Semantik zyklischer oder binärer (früher/heute) hin zu prozesshaft-geschichtlicher Zeit stets auch die Differenz zwischen vor- und modernen Kritikformen markiert.

Ab hier aber scheiden sich die Geister. Mit der Methode der Diskursanalyse wählt Theo Jung eine Einstellungsgröße, die nicht die philosophischen Manöver der geistesgeschichtlichen Gipfelstürmer unter den Kulturkritikern des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts unter die Lupe nimmt. Was hier methodisch an originellem Denken einzig zählt, ist das, was sich ebenso auch in der gewöhnlichen Öffentlichkeit und in gelehrten Plattitüden finden lässt, das, was sich autor-, werk- und nationenübergreifend als kulturkritischer Schematismus wiederholt. Nach meiner Einschätzung und natürlich der lehrreichen Lektüre trifft auch diese zweite Basisthese – die zum Diskurs erstarrte Gestik 'geschichtsphilosophischer' Vorverurteilung eigener Gegenwart – absolut ins Schwarze selbst und gerade damit, dass dieser immens vereinfachende Diskurs weit in unseren geliebten Kanon hineinreicht.

Makroskopisch gesehen erscheint der Kulturkritiker als das Abziehbild seiner selbst: Salbungsvoll-pathetisch sieht er das Schlechte (Nivellierende, Oberflächliche, Gekünstelte etc.) in der Kultur als das Schlechte der Kultur an, die – nun aber wirklich! – vor die Hunde geht. Makroskopisch gesehen weiß der Kulturkritiker mit heiliger Gewissheit, dass wir es alle besser haben könnten und vor allem: wie. Makroskopisch gesehen gibt es für uns, "die wir gelernt haben, Differenz und Pluralität zu zelebrieren" (S. 16f), in der modernen Kulturkritik nichts mehr zu holen.

Verschiedene Einstellungsgrößen auf den selben Gegenstand können völlig verschiedene Gegenstände zur Ansicht bringen. So leistet Ralf Konersmann in seiner 2008 erschienenen Monographie zum Thema mithilfe von Einzelinterpretationen eine luzide postmoderne Verteidigung moderner Kulturkritik (Ders.: Kulturkritik. Frankfurt/M.: 2008). Dass der Unterschied zu Jung himmelweit ist, liegt vor allem daran, dass Konersmann einige Gedanken von Kulturkritikern nachvollzieht bzw. auslegt, die sich bedeutend schwerer mit einem positiven Idealbild getan haben, als es der Automat von einem Verfallsprediger tut, den Jung aus seinem Ehrfurcht einflößenden Quellenkorpus kollagiert.

Da Kulturkritik irgendeinen normativen Maßstab oder Anhaltspunkt benötigt, sieht sich die Forschung zum Kulturkritik-Begriff, so scheint mir, unweigerlich vor die komplexe Frage gestellt, inwieweit aufklärerische Kulturkritik über einen positiven Wertmaßstab zu verfügen glaubt und ob eine apodiktische geschichtsphilosophische Verurteilung der eigenen Gegenwart, die ohne positives und praktikables Gegenbild auskommt, als billige Metaphysik verworfen oder als zeitgemäßer Reflexionsmodus gewürdigt wird. Je nach Antwort, die nicht zuletzt von der Einstellungsgröße abhängt, wird ein begeistertes (Konersmann), moderates (Bollenbeck) oder abschreckendes Bild (Jung) gezeichnet, gilt eine erneute Lektüre aufgeklärter Kulturkritik als unumgängliche, lohnenswerte oder vergebliche Mühe. Da Jung leider nicht viel Aufhebens um die Unterscheidung zwischen der Kulturkritik und ihrem Diskurs macht, wünschte ich mir in der im Kern exzellenten Monographie ein dreifaches Ausrufezeichen hinter dem Disclaimer "Komplement zur bollenbeckschen Perspektive" (S. 28).


Jung, Theo: Zeichen des Verfalls. Semantische Studien zur Entstehung der Kulturkritik im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012. 480 S., kartoniert, 69,99 Euro. ISBN: 978-3-525-36717-9


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 13

1. Standortbestimmung und Interpretationsrahmen 13
Der lange Schatten der Kulturkritik 13
Kritik und Geschichtlichkeit 18
Heuristische Begriffsbestimmung und formale Charakteristik 21

2. Forschungsstand 27
Die Gipfelwanderung 27
Kulturkritik, Gegenaufklärung, Anti-Modernität 30

3. Analytische und methodische Dimensionen 37
Das Wechselspiel von Kultur und Kritik 37
Quellenanalytische Leitfragen 44
Historische Diskursanalyse, Quellenkorpus und Gliederung 48

I. Kulturkritik als Modus kulturgeschichtlichen Denkens 55

1. Verzeitlichung 56
Das Neue der Neuzeit ist ihre Zeit 56
Kritik am Verzeitlichungsmodell der Moderne 62
Verzeitlichung und Kulturkritik 67

2. Semantiken der Kulturgeschichte 73
Zeit in Zyklen und Linien 73
Das gespaltene Ganze der Kulturkritik 83
Der Begriff Zeitgeist 95

3. Außenwahrnehmung und Selbstinszenierung 113

II. Wirtschaftliche Mobilisierung und ihre Kritik 123

1. Traditionen der Luxuskritik 127
Luxus zu Beginn des 18. Jahrhunderts 127
Die Wirtschaftskrise von 1720: Politische und kulturelle Deutungen 132

2. Neue Konstellationen und semantischer Wandel 140
Die querelle du luxe: Apologetik und Kritik in Widerstreit 140
Die soziale Dimension des Luxusbegriffs und seine Generalisierung 148
Die problematische Verzeitlichung des Luxus 159

3. Kommerzialisierung 170
Die Debatte um die noblesse commerçante 170
Die Kritik des kommerziellen Zeitalters 182

III. Wahrheit und Schein in der geselligen Gesellschaft 189

1. Geselligkeit und Gesellschaft 190
Lexikometrie und Begriffsgeschichte 190
Dimensionen der geselligen Gesellschaft 197
Kulturreflexion im Modus des Geschlechts 203

2. Schein als Prinzip des geselligen Lebens 214
Das Problem der Formalität 214
Die Generalisierung des Scheins 223

3. Die Kritiker und die gesellige Welt 234
Die mondäne Satire und der kritische Tonwechsel 234
Misanthropie und das Selbstbild des Kritikers 244

IV. Sprachverfall und Widerrede 255

1. Grenzen der Sprachgeschichte 259
Das Paradox des Ursprungs 259
Natur und ihr Gegenteil 266

2. Die Parallelentwicklung von Sprache und Kultur 279
Sprachliche Weltaneignung und die Aufgabe der Sprachaufklärung 279
Qualitative Sprachkritik 287

3. Kulturkritik der Sprache 297
Sprachaufklärung als Sprachverfall 297
Die historische Semantik der Metapher 300
Dichtung und Kulturkritik 307

V. Das neue Denken und die kritische Besinnung 315

1. Aufklärung und Gegenaufklärung 320
Eine Epoche im Zeichen des Lichts 320
Gestalten der Gegenaufklärung 329

2. Dimensionen der Aufklärung 343
Erkenntnismodus 343
Wissensordnung 364

3. Die Alternative der Kulturkritik 373

Fazit 383

Quellen- und Literaturverzeichnis 393
Register 467


The Cultural Critic – A Decal?

The dissertation of the historian Theo Jung published in 2012 provides extensive and convincing evidence for the thesis raised by Georg Bollenbeck in 2007 that modern cultural criticism emerges in the context of the temporalization of concepts (Koselleck) in the late 18th century. He also shows that historically oriented criticism of contemporary civilization arises and can be described as a discourse, i.e. a supra-individual mode of speech. Unfortunately, this approach widely conceals the fact that the cultural criticism of enlightenment is more than the formal subject position of the worry-wart but can be differentiated and appreciated philosophically as well, as former scholarship has shown.


© beim Autor und bei KULT_online