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Das Buch und das Hörbuch. Was für eine Geschichte?!

Eine Rezension von Said El Mtouni

Arnold, Heinz Ludwig (begr.): Literatur und Hörbuch. Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 196. München: et+k, 2012.

Die Beiträge des Sammelbandes Literatur und Hörbuch der Zeitschrift Text+Kritik setzen sich mit den Themen der Tonaufnahmen des Buchs und mit dem Hörbuch als solches seit der Erfindung der phonographischen Walzen bis zu seiner kommerziellen Produktion auseinander. Analytische und vergleichende medientheoretische Vorgehensweisen sowie das Interview und das Essay kommen dabei zum Einsatz. Nicht nur die Geschichte und die technische Entwicklung des Hörbuchs stehen im Mittelpunkt, sondern auch seine  paratextuelle Beziehung zum Buch wird behandelt.
 


Erzählen ist eine Universalie und ein anthropologisches Bedürfnis, das es seit Menschengedenken gibt. Das Phänomen des Erzählens brachte jedoch immer die Frage mit sich, wie man das Mündliche, das vergänglich ist, bewahren kann. In der Erfindung der Schrift sah man die Rettung für das mündliche kulturelle Erbe, das man seit jeher oral überliefert hat. Das Medium der Schrift hat sich dafür als zuverlässig erwiesen. Im Laufe der Zeit dominierte jedoch die Schrift das mündliche Erzählen. Mit der Erfindung der Tonaufzeichnungsgeräte wiederum endete die Hegemonie der Schrift und das mündliche Erzählen bekam wieder mehr Gewicht. Der einführende Beitrag von Johannes F. Lehmann setzt genau hier an und beginnt mit der Unterscheidung zwischen den Medien des Lesens und Hörens. Für Lehmann besteht der Unterschied zwischen den beiden Phänomenen vor allem darin, dass man beim Lesen aktiv mit dem Buch interagiert, während man beim Hören durch die fremde Stimme beeinflusst wird, die sich qua Prosodie für eine bestimmte Sprechhandlung im Vorfeld entschieden hat, weil der Vorleser den gesamten Text bereits kennt und daher weiß, welche Sprechhaltung einzunehmen ist. Der Vorleser hat da dem Leser gegenüber einen informationellen Vorsprung.

Auf die Geschichte der beiden Medien mit Beachtung ihrer technologischen und paratextuellen Aspekte geht der Beitrag von Sandra Rühr ein. Sie gibt einen Überblick über die Geschichte des Hörbuchs seit der Erfindung des ersten Phonographen von Thomas Alva Edison 1877, über die Markteinführung der Compact Disc (CD) im Jahre 1983, bis zur Entstehung der kommerziellen Downloadportale wie Soforthoeren.de oder Audible.de im Jahre 2004.

Hörbuchbeispiele verweisen auf die Komplexität der Phänomene des Lesens und Hörens. So zeigt Caroline Pross anhand Döblins Adaptionen "Berlin Alexanderplatz" vergleichend die Gestaltung literarischer Polyphonie im Hörspiel und Hörbuch. Auf die intermediale Begegnung zwischen Rundfunk und Hörbuch geht auch der Beitrag der Medienwissenschaftlerin Cornelia Epping-Jäger ein. Epping-Jäger spricht sich in ihrem Beitrag ausdrücklich für die Entwicklung einer Audiophilologie aus, die in der Lage sein kann, audioliterale Verfahren zur Verfügung zu stellen, um Audiomaterial  aller Art wissenschaftlich zu untersuchen (S. 53). Wie diese Philologie im Detail aussehen muss, wird leider in diesem Sonderband nicht weiter verfolgt. Ein weiteres Beispiel der Auslotung literarischer Verwendungsmöglichkeiten des Hörbuchs und dessen Poetik präsentiert Natalie Binczek anhand des Textes ʺEin Sommer, der bleibt. Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheitʺ von Peter Kurzeck. Das Besondere an diesem Text ist, dass er als Audio-Aufzeichnung ohne Vorlage konzipiert und aufgenommen wurde, was seine innere Struktur und seine Poetik als oralen Text hervorhebt. Die Autorin weist überzeugend in ihrem Beitrag nach, wie das Hörbuch als Variante des Buchs ʺgelesenʺ werden kann.

Der abschließende Beitrag des Bandes bespricht das Thema des Vorlesens als Kunstform. Hanjo Kesting, selbst Herausgeber vieler Hörbücher, betont die korrelate Beziehung zwischen dem Buch und Hörbuch. Er bemerkt, dass im Laufe der medialen Revolution das Wort schlechthin immer mehr Raum gegen das Bild verliert. Das Buch, in seinen beiden Gestaltungsformen geschrieben und gesprochen, steht im Angesicht des Sturms der Bilder im Fernsehen, auf DVDs, Lesegeräten und im Internet vor der Gefahr anachronistisch zu wirken. Kesting spricht jedoch dem vorgelesenen Buch mehr "Rang und Würde" (S.90) als dem gedruckten zu. Trotzdem glaubt er, dass das Lesen und Vorlesen nebeneinander bestehen und einander nutzen, ergänzen, bereichern und sich wechselseitig befruchten können.

Der Sonderband Literatur und Hörbuch fiel in 101 Seiten aus. Seine Artikel sind in einem gut lesbaren wissenschaftlichen Stil geschrieben. Alle Beiträge haben eines gemeinsam: Sie kommen zu dem Schluss, dass das gesprochene Buch nicht in einer Konkurrenz zum gedruckten Buch steht, sondern eher als Bereicherung und als eine weitere Rezeptionsmöglichkeit des Buchs aufzufassen ist. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit Tonaufzeichnungen von Vorlesern wie im Falle von Peter Kurzeck oder Hörbüchern wie mit "Berlin Alexanderplatz" von Döblin erweitern den Blick des Lesers und geben ihm einen Einblick in die konkrete Entstehung des Hörbuchs. Damit wird Theorie mit Praxis verwoben, was den Artikeln des Bandes eine Kohärenz verleiht, aber auch die Interdisziplinarität des Themas unterstreicht. Einen besonderen Einblick in die Welt des Hörbuchs haben die originellen Beiträge von Vorlesern und Hörbuchproduzenten geschaffen. Beim Lesen ihrer Texte spürt man ihren Eifer und ihren Enthusiasmus für das Vorlesen aber auch für die schriftliche Literatur. Der Band eignet sich sowohl für Fachleute als auch für Studenten und kann  einen guten Einstieg ins Medium des Hörbuchs und seiner Beziehung zum Buch bieten. Zudem ist er sicher auch eine wertvolle informative Quelle über das Vorlesen im Allgemeinen und über den Beruf des Vorlesers im Besonderen.


Binczek, Natalie und Eppin-Jäger Cornelia (Hrsg.): Literatur und Hörbuch. Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur (196). Begründet von Heinz Ludwig Arnold. München: et+k, 2009. 101 S., Euro 19,80. ISBN 978-3-86916-198-3


Inhaltsverzeichnis

Johannes F. Lehmann
Literatur lesen, Literatur hören. Versuch einer Unterscheidung    3

Sandra Rühr
Eine (kleine) Mediengeschichte des Hörbuchs unter technologischen und paratextuellen Aspekten    14

Reinhart Meyer-Kalkus
Die Kunst der Vergegenwärtigung. Schillers Ballade »Die Kraniche des Ibykus« auf Sprechschallplatte und Audiobook    26

Caroline Pross
Döblins Adaptionen. Zur Gestaltung literarischer Vielstimmigkeit in Hörspiel und Hörbuch    38

Cornelia Epping-Jäger
Rolf Dieter Brinkmann: »Die Wörter sind böse« / »Wörter Sex Schnitt«    48

Natalie Binczek
Literatur als Sprechtext. Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit    60

Waltraut und Christian Brückner
Das Hörbuch - Nur eine Zweitverwertung des Buchs? Ein Gespräch    71

Kesting, Hanjo                                                             
Vorlesen als Kunstform. Gedanken und Erinnerungen    84

Literaturverzeichnis    95                                                   

Notizen    100


The Book and The Audiobook. What a story?!

The contributions from the edited volume Literatur und Hörbuch taken from the journal Text + Kritik deal with the recording of books and audio books, from the invention of the phonographic cylinder up to the development of the audio book as a commercial product. Analytical and comparative theoretical approaches to media are included, as well as the interview and the essay. The focus is not only on the history and the technical development of the audio book, but the audio book's paratextual relationship to the book is also explored.


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