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Bild, sprich mit mir!

Eine Rezension von Josephine Karg

Sachs-Hombach, Klaus; Totzke, Rainer (Hg.): Bilder-Sehen-Denken. Zum Verhältnis von begrifflich-philosophischen und empirisch-psychologischen Ansätzen in der bildwissenschaftlichen Forschung. Köln: Halem, 2011.

Das Betrachten eines Bildes ist nicht nur ein Prozess des Sehens, sondern auch des Denkens und Deutens. Der vorliegende Sammelband Bilder - Sehen - Denken widmet sich genau dieser rezeptiven Seite der Bildkommunikation. Die Beiträge der Autoren beschäftigen sich mit Aspekten der Bildwissenschaften und empirischen Psychologie. Sie bezeugen profund und auf interdisziplinäre Weise, wie sehr die Vorgänge des Sehens und Denkens ineinander greifen und welche Deutungsprozesse mitunter unbewusst wirken. 


Bedeutet das Betrachten von Bildern bereits sie zu erkennen und zu deuten? Wie ein Betrachter ein Bild visuell erfasst, ist maßgeblich von seinen kognitiven Fähigkeiten abhängig. Zugleich ermöglicht ihm das Medium 'Bild' je nach Darstellungsinhalt und Kompositionsgefüge verschiedene Zugänge zur Betrachtung. Sowohl aus psychologischer als auch philosophischer Sicht bedarf der Bildbegriff im Sinne eines Kommunikationsmediums einer dezidierten Untersuchung, abhängig davon in welchem Zusammenhang das Bild betrachtet wird. Gerade in der zeitgenössischen Kunst, die sich dem Nachahmungsprinzip des Wirklichen und Gegenständlichen zumeist verweigert, wird eine gesteigerte Bildkompetenz des Betrachters erforderlich, was zugleich einen Wandel des traditionellen Bildbegriffs zur Folge hatte.

Um zwischen den gesteigerten Anforderungen an den modernen Betrachter unserer heutigen Bilderwelt und der geforderten Bildkompetenz zu vermitteln, entstehen zunehmend wissenschaftliche Publikationen, die sich mit der psychologischen Seite der Bildwahrnehmung befassen, z.B. bildwissenschaftliche Forschungsarbeiten. Die Beiträge des Sammelbands Bilder - Sehen - Denken sind ein solches Vorhaben, worin die Bedingungen der Bildwahrnehmung an Beispielen aus der Praxis und Philosophie untersucht werden. Dieser Vorgang wird dabei nicht nur aus dem traditionellen Blickwinkel der Kunstphilosophie untersucht, sondern auch aus dem der empirischen Psychologie, die neue Impulse für eine betrachterorientierte Perspektive in der Bildforschung liefern soll. Diese aktuelle Tendenz der Bildbetrachtung kann künftig dabei helfen, die kommunikative Wirkung von Bildern methodologisch zu erfassen. Dabei geht es der empirischen Psychologie um die experimentelle Analyse von Bildwirkungen und der Frage nach den perzeptuell-kognitiven Voraussetzungen, die ein Betrachter im Umgang mit Bildern haben sollte. Der Sammelband ist in drei inhaltliche Abschnitte gegliedert, in denen zuerst Aspekte aus der methodologisch-philosophischen Bildwissenschaft behandelt werden, gefolgt von empirisch-psychologischen Forschungen. Abschließend werden einige Einzelaspekte und Anwendungsbeispiele der Bildwahrnehmung vorgestellt.

In dem ersten methodologisch-philosophischen Abschnitt beschäftigen sich zwei Autoren, Kristóf Nyíri und John Kulvicki, mit dem populären Kunsthistoriker Ernst Gombrich, der sich in seinem Buch Art and Illusion (1960) mit der Relation von Bild und Sprache befasst. Gombrich charakterisiert dieses Verhältnis als 'linguistics of the visual image' und 'language of art' (Gombrich 1960, S. 7). Laut Nyíri hat Gombrich damit metaphorisch "ein Vokabular und eine Grammatik […] visueller Schemata" umschrieben (S. 18). Das allgemeine Bildkonzept operiert, so kann daraus gefolgert werden, mithilfe visueller Schemata nach dem Prinzip der Ähnlichkeit, wonach der Betrachter den Zugang zu Bildinhalten und einen Bezug zu seiner eigenen Erfahrungswelt herstellen kann. In dem Aufsatz "Twofoldness and Visual Awareness" verweist Kulvicki auch auf Gombrichs Art and Illusion. Gombrich forderte darin, die Psychologie auf die Kunstbetrachtung anzuwenden und umgekehrt (S. 66). Kulvicki unterscheidet bei der visuellen Wahrnehmung zwischen dem Inhalt und Abbildungscharakter von Bildern. So Kulvicki dazu: "[…] typical experiences with pictures involve a visual awareness of what they depict, as well as an awareness of their surfaces."(S. 66). Daraus leitet sich die Frage ab, inwiefern die Struktur und der Inhalt einer Abbildung gleichzeitig wahrgenommen werden? Gombrich argumentiert, dass die innere und äußere Wahrnehmung eines Bildes miteinander konkurrieren und nicht ineinander aufgehen (S. 68 f.).

Der nachfolgende Beitrag von Eva Schürmann "Transitions from Seeing to Thinking. On the Relation of Perception, Worldview and World-disclosure" (S. 93 ff.) ging als Aufsatz aus ihrem Buch Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht (2008) hervor. Darin heißt es, dass die Seh-Praxis als ein komplexes Beziehungsnetzwerk zwischen dem Visuellen und Mentalen aufzufassen ist, wobei die physiologische und mentale Ebene während des Sehprozesses nicht voneinander getrennt werden könnten. Nach Schürman könne eine Trennung dieser beiden Bereiche nur in der Theorie erfolgen. (S. 94).
Im zweiten Abschnitt zur empirisch-psychologischen Forschung werden Bilder aus wahrnehmungs- und gestaltungspsychologischer Perspektive untersucht. Helmut Leder vergleicht den Wahrnehmungsprozess des Bildes mit den Merkmalen des Netzhautbildes, das für das räumliche Sehen eine wichtige Rolle spielt (S. 186 f.). In dem Gemeinschaftsaufsatz von Schnotz, Baadte, Müller und Rasch (S. 204 ff.) wird die innovative Rolle bildlicher Repräsentationen beim kreativen Denken und Problemlösen, zum Beispiel im Mathematik- und naturwissenschaftlichen Unterricht untersucht. In weiteren Aufsätzen wurden Studien zur Blickbewegung (S. 254 ff.) oder wie Filmausschnitte auf Kinder und Erwachsene wirken, die Filmbilder zum ersten Mal in ihrem Leben sahen, besprochen (S. 192 ff.).

Abschließend gehen die Beiträge zu Einzelbeispielen und Anwendungen thematisch recht weit auseinander. Kritisch anzumerken wäre hierbei, dass die Visualisierung von Metaphern des Denkens in Cartoons (S. 402 ff.), sowie die Frage nach den Unterschieden in der interkulturellen Kommunikation bildlicher Betriebsanleitungen in keinem offenkundigen bildtheoretischem Zusammenhang zur 'Pathos-Formel' des Kunsthistorikers Aby Warburg in dem Aufsatz von Christa Sütterlin (S. 349 ff.) oder gar zur Emblematik abstrakter Bildinhalte in Verbindung mit Textformen, wie im Aufsatz von Oliver Jehle (S. 383 ff.), stehen. Die beiden letztgenannten Beiträge geben Kunstinteressierten einen spezifischen Einblick in bildinterpretatorische Verfahren, weshalb der einleitende Aufsatz von Hans Dieter Huber (S. 333 ff.) demgegenüber an theoretischer Relevanz einzubüßen droht, wenn es darin heißt: "Bilder überstehen selbst jahrhundertelange Interpretationsversuche mühelos, solange sie in ihrer physischen Materialität für die Nachwelt erhalten bleiben."(S. 345).

Insgesamt bietet der Sammelband einer kunst- und bildwissenschaftlich interessierten Leserschaft tiefere Einsichten in die kognitiven Anforderungen der Bildbetrachtung und animiert dazu, aufmerksamer mit Bildern und Kunstwerken in eine reflexive Interaktion zu treten. Letztlich sehen wir eine beliebige Abbildung nach diesem Buch womöglich unter neuen Gesichtspunkten und fragen uns, was das Bild mit uns macht, während wir es ansehen.

   
Sachs-Hombach, Klaus; Totzke, Rainer (Hg.): "Bilder – Sehen – Denken". Zum Verhältnis von begrifflich-philosophischen und empirisch-psychologischen Ansätzen in der bildwissenschaftlichen Forschung. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2011. 456 S., broschiert, EUR 30,- , ISBN 978-3-86962-006-0


Inhaltsverzeichnis

KLAUS SACHS-HOMBACH / RAINER TOTZKE…9
Einleitung

1. METHODOLOGISCH-PHILOSOPHISCHE GRUNDLAGEN DER BILDWISSENSCHAFT

KRISTÓF NYÍRI…13
Gombrich on Image and Time

CHARLES FORCEVILLE…33
Practical cues for helping develop image and multimodal discourse scholarship

FERDINAND FELLMANN…52
Vom Selbstbild zum Selbstbewusstsein. Evolutionsbiologische Grundlagen der Bildwissenschaften

JOHN KULVICKI…66
Twofoldness and Visual Awareness

EVA SCHÜRMANN…93
Transitions from Seeing to Thinking. On the Relation of Perception, Worldview and World-disclosure

ZSUZSANNA KONDOR…106
The Verbal and the Sensual Mind. On the Continuity of Cognitive Processes

PHILIPP STOELLGER…123
Die Aufmerksamkeit des Bildes. Intentionalität und Nichtintentionalität der Bildwahrnehmung – als Aspekte der Arbeit an einer >Bildakttheorie<

JÖRG R. J. SCHIRRA / KLAUS SACHS-HOMBACH...144
Homo pictor and the Linguistic Turn. Revisiting Hans Jonas' Picture Anthropology

2. EMPIRISCH-PSYCHOLOGISCHE FORSCHUNGEN

HELMUT LEDER…181
Bilder als Kunst. Psychologische Ansätze

SERMIN ILDIRAR / STEPHAN SCHWAN…192
Watching films for the first time

WOLFGANG SCHNOTZ / CHRISTIANE BAADTE / ANDREAS MÜLLER / RENATE RASCH…204
Kreatives Denken und Problemlösen mit bildlichen und beschreibenden Repräsentationen

RAINER HÖGER…253
Aufmerksamkeit und Blickbewegungen. Wie wir Bilder durchmustern

HERMANN KALKOFEN / BERND KÖRBER / MICHA STRACK…265
Was wurde aus Wickhoffs >kontinuierender Darstellungsweise<? Ein Fall von person repetition blindness

JANA HOLSANOVA…291
How we focus attention in picture viewing, picture description and mental imagery

ANNA KATHARINA DIERGARTEN / GERHILD NIEDING…314
Do children infer movie characters' emotional states? Results of an empirical study

3. EINZELASPEKTE UND ANWENDUNGEN

HANS DIETER HUBER…333
Bildinterpretation. Der Übergang zwischen Wahrnehmung und Sprache

CHRISTA SÜTTERLIN…349
Gestus und Pathos. Zur Ritualisierung von Ausdrucksgebärden in der Kunst und einiges zu Warburgs >Pathos-Formel<

OLIVER JEHLE…383
>Der Heilige Paraleipomenon<. Laurence Stern und die Embleme der Abstraktion

DAGMAR SCHMAUKS…402
Denken und sein Misslingen in Redewendungen und Cartoons

STEFFEN-PETER BALLSTAEDT…428
Interkulturelle technische Kommunikation mit Bildern

Autorinnen und Autoren…442


Image, talk to me!

Looking at a picture is not only a process of looking at something, but also thinking about and interpreting it. The given anthology Bilder - Sehen - Denken is dedicated to precisely this interpretative field of Image Communication. The authors' texts reflect on aspects of Image Studies and studies of empirical psychology. The texts show profoundly and interdisciplinarily how strongly processes of seeing and thinking are connected. They even indicate the unconscious processes of thinking and interpreting while perception occurs.


© bei der Autorin und bei KULT_online