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Nichts Geistiges jenseits des Materiellen. Gedankenmodelle eines Wegbereiters der materiellen Kulturforschung

Eine Rezension von Annette Cremer

Scharfe, Martin: Signaturen der Kultur. Studien zum Alltag & zu seiner Erforschung. Marburg: Jonas, 2012.

Die Signaturen der Kultur versammeln Vorträge und Artikel des emeritierten Marburger Ethnologen Martin Scharfe, die zwischen 1990 und 2007 entstanden und für die Genese der "volkskundlichen Kulturanalyse von bleibender Bedeutung sind" (S. 7), aber auch jenseits der Ethnologie die materielle Kulturforschung in Deutschland vorbereiteten. Scharfes Überlegungen basieren auf der Grundannahme, dass alle Kultur materiell ist, und gruppieren sich um die zentralen Fragen, wie Geschichte ihren "leiblichen Ausdruck […] im Kulturding, in der Kultur" (S. 46) findet und wie die "Mensch-Ding-Relation" (S. 202) gefasst werden kann. Im Zentrum der einzelnen Kapitel stehen beispielhaft Dinge und vermeintliche Nebensächlichkeiten, die Scharfe zum erforschenswerten kulturellen Marker erhebt. Von diesem aus lassen sich die jeweiligen Kulturen, Denkweisen, Normen und Praxen wie durch ein Prisma betrachten und erschließen. Der Autor greift dabei auf sein umfassendes Wissen über Literatur und Kunst vor allem des 18. und 19. Jahrhunderts zurück.


"Keine Kultur ohne Materialität" (S. 219). Diese Annahme legt Martin Scharfe seiner in Signaturen der Kultur vorliegenden Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe zugrunde. Scharfes überzeugender Hypothese zufolge werden kulturelle Informationen ausschließlich in leiblicher Form transportiert. Jede Materialität ist das Ergebnis kultureller Produktion und kultureller Praxis und unterliegt zugleich einer zeitlichen Gebundenheit. Die Spuren, die eine vergangene Kultur an Objekten hinterlässt, nennt Scharfe Signatur. Der Signaturenbegriff lehnt sich an Jacob Böhmes Werk De Signatura Rerum von 1635 an und bezeichnet den temporär gebundenen Ausdruck der "den kulturellen Gebilden ein- und aufgeprägt ist" (S. 9). Scharfe definiert das Erkennen und Deuten dieser spezifischen Zeitlichkeit eines Phänomens oder Dings als zentrale Aufgabe der historischen Kulturwissenschaften. Ergänzend zum Begriff der Signatur schlägt der Autor den Begriff der Kulturgebärde vor, die das Ergebnis des unbewussten Nachaußenstellens epochengebundener kollektiver psychischer Bedürfnisse wie Gefühlen, Stimmungen und Triebkräften sei (vgl. S. 10). In der Übertragung dieser Körpermetapher auf kulturelle Phänomene spricht der Autor von der "Physiognomie der Kultur" (S. 36), die die Sicht auf den Menschen als zentralen Akteur der kulturellen Produktion beinhaltet.

Besondere Aufmerksamkeit gebührt dem Aufsatz "Bagatellen", der bereits 1994 entstand, sowie dem vierten Kapitel, das sich mit dem Wesen der Dinge auseinandersetzt. Die Bagatelle dient dem Autor als Beispiel, um zu zeigen, dass auch das Kleine, Unscheinbare "Hinweise […] auf große Vorgänge" enthalte (S. 35) und als kulturelle Äußerung zu bewerten sei. Scharfe leitet in dem folgenden Argument den Bagatelldiskurs aus Traktaten und literarischen Quellen historisch ab. Im Rückgriff auf die Physiognomie-Diskurse Johann Casper Lavaters (Physiognomische Fragmente, Leipzig 1775) im 18. Jahrhundert, der an der leichten Bewegung nur eines Gesichtsmuskels auf den Charakter eines Menschen schloss, zeigt Scharfe den diskursiven Zusammenhang zwischen Äußerung und Inhalt. Lavaters Theorie dürfe nicht oberflächlich verstanden werden, sondern beinhalte "Kritik an der Verstellung und an der feudal-aristokratischen Modellierung der Person" und sei damit Ausdruck der "politische[n] Debatte des sich emanzipierenden Bürgertums" (S. 36). Im Nachdenken über die Bedeutung eines Gesichtsmuskels spiegelten sich weitreichende gesellschafts-politische Veränderungen. Georg Christoph Lichtenberg (Über Physiognomik, 1778) ging in seiner Kritik an Lavater über den Zusammenhang zwischen Wesen und Äußerung hinaus und interessierte sich für die Reflexionen von Lebensumständen (Ernährung, Gesundheit), Leidenschaft und lebensgeschichtlichen Erfahrungen in der menschlichen Physiognomie, die er Pathognomik nannte (vgl. S. 38). In Ableitung von Lichtenberg geht Scharfe von der kulturellen Formung, der Einprägung zeitgebundener Informationen auf das Äußere von Dingen aus und entwickelt daraus die Metapher der "Pathognomik der Kultur" (S. 39). Mit Hilfe weiterer Stationen des Bagatelldiskurses im 19. Jahrhundert erklärt er Nebensächlichkeiten zum wichtigen kulturellen Informationsträger, der Aussagen über das Kollektiv-Unbewusste enthält.

Das vierte Kapitel handelt von der Relation zwischen Menschen (als Herstellende und als Rezipienten) und Dingen. Das Objekt wird zunächst vom Menschen geschaffen und existiert dann jedoch unabhängig von ihm. Die Metapher der abgestreiften Schlangenhaut dient Scharfe dazu, den Entfremdungsprozess zwischen Subjekt und Objekt zu veranschaulichen, den er die "Paradoxie des kulturellen Produktionsprozesses" (S. 186) nennt. Den sich entfernenden Objekten unterstellt Scharfe ein Eigenleben, das er mit dem Bild eines wegfliegenden Pfeils beschreibt. Die selbstständig gewordenen Objekte würden von neuen Rezipienten adaptiert und angeeignet. Subjektive Kultur werde so in objektive Kultur überführt (S. 193). Dinge müssen nach Scharfe entpersonalisiert betrachtet werden, um sie nicht ihrer allgemeinen Aussagekraft zu berauben. Diese "kulturelle Objektivation" (S. 195) wird dabei zur Vorbedingung musealen Sammelns.

In den letzten beiden Unterkapiteln wird die grundlegende Vorannahme des Denkmodells explizit ausgeführt: "Alle Kultur ist materiell" (S. 201). Scharfe warnt vor der Polarisierung zwischen materieller und geistiger Kultur (vgl. S. 217) und schlägt die Wendung von "materieller Kultur" zu "kultureller Materialität" vor, als "äußere Gestalt des kulturellen Sinns" (S. 223). Dabei tritt wiederholt die Idee des Bedeutungswandels bei gleich bleibender Form und auch die Auflösung der Form aufgrund kulturellen Wandels wie z.B. die zu Kanonenkugeln eingeschmolzenen Kirchenglocken hervor. Die letzte Reduktion der Materialität sei die Spur wie Messerschnitte in einer Baumrinde (vgl. S. 227). Die Spur reduziert sich weiter zur Witterung, zum Erhalt eines Inhalts allein im Wissen und letztlich zum totalen Verlust des Wissens. So befinden sich die Dinge und Phänomene in einem ständigen Wandel, ausgehend von ihrer Herkunft und Entstehung, Umwertung, Umnutzung oder Umdeutung, ihrer materiellen Auflösung und schließlich dem Erlöschen des kollektiven Wissens.

Martin Scharfe war von 1985 bis zu seiner Emeritierung 2001 Professor für Europäische Ethnologie in Marburg. Mit den Signaturen der Kultur legt der Marburger Jonas-Verlag eine Auswahl wichtiger Vorträge und Artikel in einem Band vor, die zugleich eine Hommage darstellt. Scharfes Denkfiguren sind ungewöhnlich und inspirierend. Seine Sprache ist bildreich und poetisch, teils essayistisch in Nebensätzen, Klammern und Gedankenstrichen ausgeführt. Dies macht die Lektüre nicht immer einfach, dennoch ist sie lohnenswert. Wenngleich die frühen Artikel die Auseinandersetzung des Autors mit seinem eigenen Fach spürbar machen, sind vor allem die späteren Artikel interdisziplinär breit anschlussfähig und leisten einen bedeutenden Beitrag zur deutschen materiellen Kulturforschung.


Scharfe, Martin: Signaturen der Kultur. Studien zum Alltag & zu seiner Erforschung. Marburg: Jonas Verlag, 2011. 240 S., 55 Abb., broschiert, 20.- Euro. ISBN 978-3-89445-459-3 Zur Verlagshomepage...


Inhaltsverzeichnis


Vorwort 7

I Kulturgebärden. Vorläufige und einleitende Anmerkungen 9

II Grundzüge der Kultur
Technik und Volkskultur 17
Bagatellen. Zu einer Pathognomik der Kultur 35
Das Mißverständnis als Phänomen und Problem der Kultur 59
Kultur als Oberfläche. Zur methodischen Not und Notwendigkeit, in die Tiefe zu gelangen 83
Es und Es. Mutmaßungen zum Unbewußten in Kultur und Kulturwissenschaft 91

III Lebensstil der Moderne
Utopie und Physik. Zum Lebensstil der Moderne 101
Wie die Lemminge. Kulturwissenschaft, Ökologie-Problematik, Todestriebdebatte 119
Scham der Moderne 137
Denkmäler des Irrtums. Kritik einer gläubigen Wissenschaft 151
Erdbeeren im Winter. Die kulturelle Bedeutung des Unerwarteten und des Staunens, aufgezeigt an den Metamorphosen eines alten Wunschmotivs 159

IV Materie, Museum, Dinge
Technische Groteske und technisches Museum 175
Schlangenhaut am Wege. Über einige Gründe unseres Vergnügens an musealen Objekten 185
Signatur der Dinge Anmerkungen zu Körperwelt und objektiver Kultur 201
Kulturelle Materialität 217

V Anhang
Abbildungsnachweis 233
Sachregister 235


Nothing beyond the Material: Observations of a Pioneer of German Material Culture Studies

The book Signaturen der Kultur (Signatures of Culture) is a collection of papers and articles by the anthropologist Martin Scharfe from the period between 1990 and 2007, which bore great impact on the methods of cultural analysis in German anthropology and paved the way for material culture studies. The author's ideas are based on the presumption that culture does not exist beyond the material. The focus lies on the questions of how history is imprinted in things and how the relation between man and objects can be described. Alongside examples from eighteenth- and nineteenth-century literature, art, and normative sources like treatises, the author develops the idea that things can be read as cultural markers, from which historical norms, praxes, thinking, and sentiment can be understood. Although all objects leave their maker and suffer changes in meaning or lose their formal integrity, the temporal signature of cultural precondition is still visible. The author defines the aim of historical research as the tracing and decoding of this signature.


© bei der Autorin und bei KULT_online