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Kartographierte Kulturphilosophie: Die Welt des freigestellten Menschen


Eine Rezension von Corinna Dziudzia

Konersmann, Ralf (Hg.): Handbuch Kulturphilosophie. Stuttgart: Metzler, 2012.

Bei dem kürzlich erschienenen Handbuch Kulturphilosophie handelt es sich um ein wohl durchdachtes und stimmig konzipiertes Werk mit lesenswerten und lehrreichen Beiträgen. In einem chronologischen Teil werden wesentliche klassische Positionen der Kulturphilosophie vorgestellt, von Giambattista Vico bis Richard Rorty. Diese werden durch einen alphabetischen Wörterbuchteil zu Kategorien und Begriffen wie beispielsweise Gesellschaft  oder Zeit ergänzt. Somit empfiehlt es sich sowohl zum Nachschlagen als auch zum Festlesen. 


Das vorliegende Handbuch wurde vom "prominentesten Vertreter" der Kulturphilosophie, so Martin Gessmann im Artikel "Was ist Kulturphilosophie?" in der Philosophischen Rundschau (55 Jg., Heft 1 (2008) S. 1-23, hier S. 5), herausgegeben: Ralf Konersmann, der bereits weitere einschlägige Publikationen in diesem Gebiet vorgelegt hat. Dem Vorwort gemäß begreift sich das Handbuch weniger als Nachschlagewerk oder Einführung, sondern vielmehr als "Kursbuch" (S. VII), welches das Porträt eines sich augenblicklich innerhalb der Philosophie konstituierenden Faches vornehmen möchte. Es geht dabei nicht nur um Dokumentation, sondern auch um einen eigenen Forschungsbeitrag. Wesentlich dafür ist entsprechend eine Bestimmung des "nicht trivialen Kulturbegriffs", der "spezifische Wirklichkeitsbezüge geltend macht" (S. VII). Zugespitzt wird Kultur als die Welt des freigestellten Menschen begriffen. Dies umfasst zwei Extreme, zwischen denen sich die Kulturphilosophie aufspannt: die Preisgegebenheit des Menschen einerseits und seine Freigelassenheit andererseits. (Als hilfreiche Ergänzung dieser eher theoretischen Herangehensweise sei für einen allgemeineren Überblick wärmstens die ebenso von Konersmann verfasste Kulturphilosophie zur Einführung ans Herz gelegt, die 2012 in einer überarbeiteten 2. Auflage bei Junius erschienen ist.) 

Die Beiträge des Handbuches Kulturphilosophie sind auf sieben Sektionen aufgeteilt, die zumeist eine mittlere Länge von sechs Seiten aufweisen. Nahezu alle Beiträge sind von namhaften Experten auf den jeweiligen Gebieten verfasst, wobei es sich mehrheitlich um Lehrstuhlinhaber/-innen aus dem Bereich der Philosophie handelt. Berechtigt wird aber auch davon abgewichen, z.B. werden die Beiträge zu Politik oder Geschichte von einem Politikwissenschaftler bzw. einem Historiker verfasst.
Die Beiträge selbst folgen keinem strikt eingehaltenen Schema, was durch die klare Gliederung des Handbuchs in einzelne Sektionen, die Zusammenhang genug bieten, auch nicht nötig ist. So entstehen durch Teilüberschriften kürzere, gut lesbare Absätze, während die Beiträge jeweils von einem knappen, aber wesentlichen Literaturverzeichnis beschlossen werden.

Wie das gesamte Buch erweist sich die Einleitung als flüssig lesbar und durchdacht. Ausdrücklich wird darüber reflektiert, dass ob der Vielstimmigkeit keine Vollständigkeit angestrebt werden kann, sondern die Auswahl wissentlich Momentaufnahme und Desiderat ist, eine "Verzichtsübung" (S. 7) wie es heißt, wenn auch gleichzeitig der Anspruch der Repräsentativität erhoben wird. In diesem Sinne wird der Begriff der Kulturphilosophie, allerdings nur in adjektivischer Verwendung als 'culturphilosophisch', auf den Verfasser des lesenswerten Aufsatzes Wissenschaft, Industrie und Kunst (1851), Gottfried Semper, zurückgeführt. Der im Nachhall der ersten Weltausstellung formulierte Aufsatz des Gestalters mehrerer Länderausstellungen wird zum Anlass der Eröffnung von Kunstgewerbemuseen und -schulen, zur Anregung der englischen Arts & Crafts-Bewegung, der deutschen Kunstgewerbebewegung sowie eines generellen Nachdenkens über die Beziehung von Industrie und Kunst. So verständlich der Bogen, denn Aspekte finden Wiederaufnahme im Beitrag zum 'Design', und die damit verbundene Herleitung ist – es ließen sich frühere Verwendungen finden, auch direkt des Substantives Kulturphilosophie. Sempers Verwendung ist kein vereinzelter Vorstoß wie z.B. die Literaturgeschichte von Heinrich Laube von 1839 (S. 188), die Züricher Zeitschrift Schweizerischer Republikaner vom 5.1.1836 (S. 17 der Jahrgangsausgabe) sowie Okens Isis von 1825 (S. 32) zeigen.

Die sich anschließende zweite Sektion behandelt "thematische Schwerpunkte", die vor allem um den Begriff der Kultur kreisen und denen es um terminologische Präzisierungen geht. Während in der Einleitung u.a. die Abgrenzung zur Anthropologie thematisiert wird, fokussiert die zweite Sektion auf den Kulturbegriff sowie damit verbundene Bereiche, z.B. Interkulturalität oder Kulturwissenschaft. Wenn dabei anzunehmen ist, dass die sich konstituierende Kulturphilosophie die Antwort auf eine theoretische Leerstelle in den Kulturwissenschaften geben will (vgl. ebenfalls Martin Gessmann 2008, S. 1), so kann gerade in den nachfolgenden "klassischen Positionen" das Handbuch in modifizierter Terminologie auch als Beitrag zu einer Art 'historischen Kulturwissenschaft' verstanden werden. Damit ist es nicht nur für Studierende und Lehrende der Philosophie relevant, sondern greift darüber hinaus. Zwar gibt es bereits ein dreibändiges Handbuch Kulturwissenschaften (ebenso bei Metzler), dieses schlägt allerdings in puncto Auswahl und Systematik einen gänzlich anderen Weg ein.

Insgesamt wird im Handbuch Kulturphilosophie ein weiter Horizont von der Antike bis in die Gegenwart aufgespannt und nebenbei das von Cassirer geprägte Vokabular eingeführt, das im Verlauf des Buches immer wieder begegnen wird und schließlich in der zweiten Buchhälfte seine Engführung findet. Dezidiert verortet sich das Handbuch als Teilbereich der Philosophie und nimmt entsprechende Akzentsetzungen vor – nämlich auf die maßgeblich von Cassirer geprägte und entwickelte Kulturphilosophie als Philosophie symbolischer Formen. Entsprechend plausibel ist vor diesem Hintergrund die Zusammenstellung der chronologisch sortierten, dreigliedrigen "klassischen Positionen", die gelungen und tatsächlich repräsentativ zu nennen sind, aber natürlich auch Auswahl. So wird dem einen vielleicht Voltaire fehlen und der andere wird bemerken, dass die "Aktualisierungen nach 1945" ruhig hätten über Rorty hinausgeführt werden können, vielleicht zu Baudrillard – allein, irgendwo muss der Punkt gesetzt werden und es spricht nichts gegen eine zukünftige Publikation, die sich vor allem gegenwärtigen Positionen in der Kulturphilosophie widmet.

Die sich anschließenden Sektionen vier ("Systematik der Übergänge") und fünf ("Begriffe") sind alphabetisch sortiert und fügen der Ebene des Handbuches noch die des Handwörterbuches hinzu. Mit diesem schlüssigen Wechsel der Sortierung kann in der zweiten Hälfte anderes besser geleistet werden, als dies eine einheitliche Sortierung gekonnt hätte. Die dritte Sektion lässt sich so tatsächlich chronologisch studieren, zumal die einzelnen Beiträge auch inhaltlich auf einander Bezug nehmen, indem Vorläufer und spätere Fortführungen benannt werden. Damit ergeben sich darüber hinaus Entwicklungslinien. Gleichzeitig ist die Sektion mit 133 Seiten überschaubar und damit tatsächlich am Stück lesbar gehalten, wenn auch die Dichte und Detailliertheit der Beiträge dies vielleicht zu einem eher theoretischen Unterfangen werden lässt.
Die Sektion vier mit der wenig aussagekräftigen Überschrift "Systematik der Übergänge" bietet die Betrachtung wesentlicher Kategorien wie z.B. Sprache oder Wissenschaft unter kulturphilosophischer Prämisse (oft mit historischer Perspektive), d.h., das Verhältnis zur Kultur bzw. die Verortung darin, wobei die Beiträger individuelle Lösungen der Darstellung und Konzeption finden. Daran schließt sich mit der Sektion fünf ein ebenfalls alphabetisch sortierter Abschnitt mit "Begriffen" wie z.B. Zeichen oder Wahrheit an, der die Sektion vier stimmig ergänzt und ihr konzeptionell sehr ähnelt. Beide Sektionen zusammen ergeben so eine fest zusammengehörige Einheit, der erneut Cassirers Kulturphilosophie übergeordnet scheint, insofern die Auswahl der Kategorien und Begriffe sich davon beeinflusst zeigt (z.B. Sprache, Mythos, Tragödie etc.).

Die Existenz der sehr kurzen sechsten Sektion "Metaphern für Kultur" erschließt sich über die Lektüre der Einführung Konersmanns. Dort stellt er die These auf, dass das gesamte Kulturfeld nach dem Modell der Übertragung funktioniert – also einer Metapher gleich, die Verbindungen herstellt, während sie gleichzeitig exemplarische Kulturtatsache ist. Im Rahmen des Handbuches fungiert die Sektion als Schlusswort, die nicht zuletzt darauf verweist, dass Reden über, mit und von Kultur metaphorische Rede ist.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr empfehlenswertes Werk, das stimmig konzipiert ist und einen umfassenden Überblick über eine sich in der Philosophie verortende Kulturphilosophie gibt. Knapp 60 Euro mögen dabei eine Summe sein, die schmale Studenten-, Dozenten- und Bibliotheksbudgets arg belastet. Doch zumindest für Letztere ist die Anschaffung unabdingbar, damit Interessenten vieler Fachbereiche es ausführlich konsultieren können und sich sicher festlesen werden.


Konersmann, Ralf (Hg.): Handbuch Kulturphilosophie. Stuttgart/Weimar: Metzler Verlag, 2012. 468. S., gebunden, 59,95 €. ISBN: 978-3476023698


Inhaltsverzeichnis

Vorwort  v i i 

I.  Einleitung  (Ralf Konersmann) 1

II.  Thematische Schwerpunkte  13
1.  Kulturphilosophie  (Ralf Konersmann ) 13
2.  Kultur und  Kulturbegriff  (Andreas Hetzel) 23
3.  Kulturwissenschaft (Hartmut Böhme) 31
4.  Interkulturalität  (Rolf Elberfeld) 39
5.  Kulturkritik  (Hjördis Becker) 46

III.  Klassische Positionen  55
III.1  Vorgeschichte (bis 1900)  55
1.  Giambattista Vico  (Thomas Gilbhard) 55
2.  Jean-Jacques Rousseau  (Heinz Thoma) 60
3.  Immanuel Kant  (Marion Heinz) 70
4.  Johann Gottfried Herder  (Michael Maurer) 78
5.  Friedrich Schiller  (Carsten Zelle) 85
6.  Georg Wilhelm Friedrich Hegel  (Christoph Jamme) 90
7.  Friedrich Nietzsche  (Andreas Urs  Sommer) 93
III.2  Gründungsphase (1900-1945)  101
1.  Georg Simmel  (Willfried Geßner) 101
2.  John Dewey  (Michael Hampe) 110
3.  Cassirer und  der Neukantianismus  (Ursula  Renz) 114
4.  Cassirer und die Bibliothek Warburg (Isabella Woldt) 119
5.  Cassirer in der Rezeption  (Cornelia Richter) 125
6.  Martin Heidegger  (Ludger Heidbrink/Claus Langbehn) 133
7.  Ludwig Wittgenstein  (Christian Bermes) 138
8.  Antonio Gramsci  (Rainer Winter) 144
9.  Walter Benjamin  (Michael Makropoulos) 149
III.3  Aktualisierungen (seit 1945)  158
1.  Philosophische Anthropologie  (Ralf Becker) 158
2.  Kritische Theorie  (Gerhard Schweppenhäuser) 168
3.  Claude Lévi-Strauss  (Heike Kämpf) 177
4.  Hans Blumenberg  (Enno Rudolph) 181
5.  Michel Foucault  (Ulrich Johannes Schneider) 185
6.  Richard Rorty  (Jonas  Lüscher/Michael Hampe) 188

IV.  Systematik der Übergänge  193
1.  Architektur  (Werner Oechslin) 193
2.  Design  (Kai Buchholz) 200
3.  Geschichte (Achim Landwehr) 206
4.  Gesellschaft  (Dirk Baecker) 212
5.  Kunst  (Marion Lauschke) 217
6.  Moral (Birgit Recki) 223
7.  Natur  (Kristian Köchy) 227
8.  Politik  (Christian Zimmermann) 234
9.  Religion  (Michael Moxter) 238
10.  Rhetorik  (Franz-Hubert Rohling) 245
11.  Sprache  (Dirk Westerkamp) 252
12.  Technik  (Peter Janich) 264
13.  Wirtschaft (Kurt Röttgers) 270
14.  Wissenschaft  (Elisabeth  List) 273 

V.  Begriffe  279
1.  Bedeutung  (Christian Krijnen) 279
2.  Entfremdung  (Michael Großheim) 288
3.  Erinnerung  (Nicolas Pethes) 292
4.  Fest (Michael Maurer) 299
5.  Form, symbolische  (Nikolai Mähl) 304
6.  Fremdheit  (Kurt Röttgers) 313
7.  Gastlichkeit  (Burkhard Liebsch) 319
8.  Geist, objektiver  (Dirk Westerkamp) 325
9.  Gewalt  (Rudolf Wansing) 330
10.  Identität  (Jürgen Straub) 334
11.  Kontingenz  (Michael Makropoulos) 340
12.  Medium  (Kurt Röttgers) 347
13.  Mythos  (Christoph Jamme) 356
14.  Natur, zweite  (Norbert Rath) 360
15.  Raum  (Stephan Günzel) 365
16.  Relativismus  (Matthias Kettner) 371 
17.  Tatsache, kulturelle  (Nikolai Mähl) 375
18.  Tradition  (Volker Steenblock) 384
19.  Tragödie  (Claudia Benthien) 388
20.  Unbehagen (Ralf Konersmann) 394
21.  Verstehen  (Heike Kämpf) 398
22.  Wahrheit  (Dirk Westerkamp) 402
23.  Welt  (Ernst Wolfgang Orth) 408
24.  Zeichen (Dirk Rustemeyer) 416 
25.  Zeit  (Yvonne Förster-Beuthan) 422

VI.  Metaphern für Kultur  (Ralf Konersmann) 429 

VII.  Anhang  437
1.  Auswahlbibliographie  437
2.  Herausgeber, Autorinnen und Autoren 439
3.  Personenregister  441
4.  Register der Begriffe und  Sachen  452
5.  Metaphernregister  468


Mapping Cultural Philosophy: The World of Indemnified Humans

This recently released handbook of cultural philosophy is a well thought-out and coherently conceptualized book with informative contributions that are worth reading. In a chronological section, essential classical positions of cultural philosophy are introduced, from Giambattista Vico to Richard Rorty. Supplementing this is an alphabetical dictionary with categories and concepts such as society and time. The volume proves to be both a useful reference work and an engrossing read.



© bei der Autorin und bei KULT_online