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John Lennon - Notizen eines Lebens

Eine Rezension von Alexander Querengässer (Leipzig)

Davies, Hunter (Hg.): The John Lennon Letters. Erinnerungen in Briefen. München: Piper, 2012.

Die Herausgabe von The John Lennon Letters durch den Journalisten und Beatles-Biografen Hunter Davies ist Teil einer anhaltenden Beatles-Renaissance in der Rezeption. Der 2012 sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch erschienene Band enthält neben Briefen und Postkarten auch andere Schriftstücke Lennons wie Autogramme oder To-Do-Listen. Zwar ist zum einen zu bedauern, dass nur eine kleine Auswahl aus einem größeren Dokumentarchiv publiziert und zudem der Kontext der Briefe oft im Unklaren gelassen wurde. Zum anderen herrscht eine Uneinheitlichkeit bezüglich Transkriptionen und/oder Reproduktionen von Lennons Texten, wobei vor allem in der deutschen Fassung der Wortwitz häufig verloren geht. Dennoch erhält der Leser insbesondere durch die auch Zeichnungen wiedergebenden Reprints einen Eindruck vom Humor des Beatles-Musikers und erfährt zudem spannende Details über Vorstufen zu Songtexten oder die Partnerinnen der Bandmitglieder. 


Retro ist cool, die Sixties sind wieder hipp. Dies wird durch die Tatsache untermauert, dass im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends nur Eminem mehr Alben in den USA verkauft hat als die Beatles. Diese stehen als Band, aber auch als Einzelmusiker wieder verstärkt im Fokus der Medien. John Lennon nimmt dabei durch seinen tragischen Tod 1980 eine besondere Stellung ein. Die Biografie von Philip Norman (dt. Ausgabe: John Lennon. Die Biographie, Droemer Verlag 2008) wie auch Lennons neu aufgelegten Soloalben waren große Hits in den jeweiligen Charts. In der Folge entstanden etliche Biografien, die jedoch in Umfang und Inhalt nicht mit Normans Werk konkurrieren konnten. Im Gegensatz zu Publikationen über Bob Dylan, der auch in Deutschland bereits im Zentrum einer oftmals übersteigerten akademischen Diskussion steht, sind die Autoren von Beiträgen über den Beatlesbegründer meist Journalisten. Zu diesen gehört auch Hunter Davies, der den Liverpooler bereits in den sechziger Jahren kennen lernte und auf dem Höhepunkt der Fab Four-Ära die einzige autorisierte Beatles-Biografie verfasste. In den folgenden Jahren hielt er einen engen Kontakt zu allen vier Beatles-Mitgliedern aufrecht. Nach dem neu einsetzenden Lennon-Hype begann er nach schriftlichen Hinterlassenschaften des Musikers zu suchen, die nun als The John Lennon Letters im Piper-Verlag erschienen sind.

Der Band ist sehr wuchtig und nimmt mehr Platz im Regal ein als Normans Biografie, obwohl diese mehr als doppelt so viele Seiten enthielt. Es entsteht der Eindruck, dass durch die äußere Erscheinung des Buchs der vergleichsweise magere Inhalt kaschiert werden soll. Davies gesteht selbst ein, dass er nur eine Auswahl der Briefe wiedergibt, die er ausfindig machen konnte und dass ihr inhaltlicher Wert teilweise praktisch nicht vorhanden ist (vgl. S. 10-12). Er ist kein Wissenschaftler und daher können auch keine derartigen Maßstäbe an das Buch gesetzt werden, trotzdem stellt sich die Frage, ob die Wiedergabe weiterer Dokumente das Werk nicht besser abgerundet hätte. Von den 289 "Briefen" sind einige lediglich Autogramme auf Büchern oder Papierfetzen, einige To-Do-Listen an Hausangestellte (ohne Signatur), oder Postkarten mit dem simplen Inhalt "Hi-Bye". Natürlich kann und sollte man solche Dinge auch in einen solchen Band aufnehmen, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden Dokumente mit mehr Inhalt aus diversen Gründen nicht in das Buch aufgenommen. Es wäre also genauer zu sagen, dass es sich bei dem Buch um 'Some' statt "The" John Lennon Letters handelt.
Das Buch ist chronologisch gegliedert. In verschiedenen Kapiteln skizziert Davies jeweils zunächst biografische Grundinformationen, die teilweise umfangreicher ausfallen als die Wiedergabe der Briefe. Deswegen könnte man das Buch präziser eine mit Originaldokumenten aufgefüllte Biografie nennen.

Zudem lässt sich Davies’ Inkonsequenz in seinen Reproduktionen kritisieren. Zwar transkribiert er Schreibmaschinenbriefe Lennons, die in gut lesbarer Auflösung reproduziert werden, doch die von Lennon so gerne handschriftlich ausgefüllten Fragebögen werden teilweise nur als Reprint wiedergegeben. Einige davon (z.B. Brief 103, S. 175) sind im Druck verkleinert und so nur schwer oder kaum lesbar. Die große Mehrzahl der Briefe ist jedoch in guter Qualität abgedruckt. Dadurch eröffnet sich dem Leser ein aufschlussreicher Einblick in die Welt des Humors von John Lennon, der Postkarten umgestaltete, mit Zeichnungen ergänzte oder mit schnellem Strich einfach nur sein Portrait an den Rand kritzelte. All diese Details wären durch das bloße Abtippen der Sätze verloren gegangen.
Das Transkriptionsproblem wird durch die vorliegende deutsche Übersetzung verstärkt. Hier wurden die Transkriptionen ins Deutsche übersetzt und nicht noch einmal im englischen Original wiedergegeben, was es dem Leser, der Lennons Handschrift nicht entziffern kann, aber des Englischen mächtig ist, erschwert, die vielen Wortspiele zu erkennen. Einige wenige Stellen sind im Original gehalten, weil sich die 'Lennonism', sein jugendlicher Sprachkauderwelsch, nicht annähernd übersetzen lassen. Aber auch die vielen in offizieller Sprache gehaltenen Schriftstücke enthalten Anspielungen, die durch die Übersetzung verloren gehen. Ein umfangreicherer, kommentierender Fußnotenapparat hätte dieses Problem beseitigt (und bei der großzügigen Seiten-Nicht-Ausnutzung wäre dafür auch Platz gewesen). Zudem ist die deutsche Übersetzung oft eher sinngemäß, als wortgetreu, was bei einem Sprachjongleur wie Lennon einen großen Nachteil darstellt.

"Das Problem mit vom Kontext isolierten Briefen ist, dass man in sie fast alles hineinlesen kann", schreibt Davis auf Seite 274. Das ist für den Leser tatsächlich ein Problem, denn während der Autor immer wieder andeutet, dass er um den Inhalt von Briefen weiß, die Lennons Antwortschreiben provozierten, so erfährt der Leser davon nichts. Gerade bei der Reaktion auf bestimmte Kritiken oder Missinterpretationen seiner Lieder nimmt Lennon direkt Bezug auf die Schreiben seines Korrespondenten. Da deren Inhalt im Buch aber nicht wiedergegeben wird, kann der Leser nur raten, worin die Vorwürfe bestanden, auf die Lennon oftmals so empört reagierte.

Trotz der genannten Kritikpunkte enthalten die Briefe in dem Buch viele interessante Informationen, zum Beispiel zu John Lennons Meinung über Yoko Ono als (Musik-Künstlerin), wobei die Tatsache, dass die Lennon-Witwe das Buch absegnen musste bei der Textauswahl eine große Rolle gespielt haben wird. Auch die eifersüchtige Haltung zu Paul McCartneys Frau Linda, die in einigen Briefen sehr deutlich wird, veranschaulicht, wie sehr der Bruch zwischen dem Songwriter-Duo aus einer Verwirrung über neue Partnerfiguren des jeweils anderen entstand. Dazu kommt eine Fülle kleiner Details, beispielsweise schnell gekritzelte Reime, die teilweise erst viel später zu Songtexten wurden und in dem Kontext der Briefe eine völlig neue Bedeutung erhalten.
Es lohnt sich also durchaus dieses Buch zu lesen und es kann auch als gute Grundlage für zukünftige Studien dienen. Sowohl dem Wissenschaftler als auch dem Journalisten sei jedoch geraten, sich an das englische Original zu halten, da die deutsche Übersetzung nur wenig brauchbar ist. Wer nach zusätzlichen, hier nicht veröffentlichten Schriftstücken sucht, dem steht immer noch der Weg frei, sich an die im Vorwort genannte E-Mailadresse zu wenden. Der Autor fordert mit dieser zwar umgekehrt dazu auf, das ihm vorliegende Dokumentarchiv zu vervollständigen, wird ernsthaft recherchierenden Experten aber hoffentlich ebenso auf Fragen zu weiterem Material antworten. Von diesem ist in jedem Fall mehr da, leider wurden mit The John Lennon Letters nur ausgewählte Appetithappen vorgelegt.


Davies, Hunter (Hg.): The John Lennon Letters. Erinnerungen in Briefen. München/Zürich: Piper-Verlag, 2012. 416 Seiten, gebunden, 39.90 Euro. ISBN: 978-3492055239 [englische Ausgabe: The John Lennon Letters. Edited and with an introduction by Hunter Davies. London: W&N, 2012. 400 pp., hardcover. ISBN: 978-0297866343]


Inhaltsverzeichnis


Vorwort von Yoko Ono     S.  7
Einführung von Hunter Davies     S.  9
Eine kurze Biografie von John Lennon     S. 15
Editorische Notiz     S. 26
Dramatis Personae     S. 27
Die frühen Jahre, 1951-1958     S. 29
Hamburg, 1960-1962     S. 39
Die Beatlemania beginnt, 1963     S. 65
Werke und Widmungen, 1964     S. 83
Familie und Freunde, 1964-1965     S. 95
Freddie ist wieder da, 1966-1967     S. 109
Indien, 1968     S. 125
Auftritt Yoko Ono, 1968     S. 139
Bed-In für den Frieden, 1969     S. 153
Apple-Dramen, 1969     S. 169
Ur- und Aufschreie, 1970     S. 185
Anliegen und Klagen, 1971     S. 199
Probleme mit Paul, 1971     S. 215
1971     S. 229
Amerika und neue Probleme, 1972-1973     S. 253
Spaß und Spiele, 1973-1974     S. 267
Familienangelegenheiten, 1975     S. 283
Todesfälle, 1975-1976     S. 305
Die Greencard: Tickett in die Freiheit, 1976-1977     S. 321
Briefe an Derek Taylor, 1973-1978     S. 333
Allein zu Haus, 1977-1978     S. 353
Immer noch zurückgezogen, 1979     S. 369
Double Fantasy, 1980     S. 383

Dank     S. 402

Anhang
Bibliografie     S. 407
Bildnachweis     S. 408
Index     S. 409


John Lennon - Memos of a Life

The publication of The John Lennon Letters by the journalist and Beatles-biographer Hunter Davies is part of an ongoing Beatles renaissance. The book, published in 2012 in both English and German, presents not only letters and postcards of John Lennon, but also autographs and ordinary to-do lists. It is deplorable that, for one thing, the book presents only a selection of a much larger archive of documents, and that the context of the letters is not clear to the reader. For another, there is no uniformity in the transcription and/or reproduction of Lennon's writings, and therefore it is particularly in the German versions that his plays on words are lost. That said, the reader can still get a feel for the Beatles’ founder's humour, especially through his drawings. Readers will also find interesting details about his bandmates and the creation of certain songs.


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