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Häschen-Habitat: Pin-up-Architektur und multimediale Vernetzung im Zeitalter der spektakulären Häuslichkeit


Eine Rezension von Dr. Julia Faisst

Preciado, Beatriz: Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im "Playboy". Berlin: Wagenbach, 2012.

Mit der Dissertation als Bestseller auf internationaler Lesetour: Das ist der spanischen Kulturwissenschaftlerin und Kultautorin Beatriz Preciado mit ihrem Buch Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im "Playboy" gelungen. Ihre 2012 auf Deutsch erschienene und vom Feuilleton ebenso wie vom Wissenschaftsbetrieb vielbeachtete  Monographie basiert auf ihrer architekturtheoretischen Dissertation, die sie an der University of Princeton verfasst hat. Hier führt Preciado die Emanzipation des heterosexuellen Mannes vom monogamen Ehemann zum 'postdomestischen' Playboy vor – allerdings als geschichtliche Entwicklung, die zugleich als Abgesang auf die Heterosexualität gedeutet werden kann.
 

Nun verführt der Titel zum Erwerb des Buches, und führt doch in die Irre: Denn um Sexualität geht es in dieser zugleich kompakten und dichten Abhandlung im Grunde nicht bzw. nur vermittelt. Der im Titel anklingende Begriff der Pornographie ist bei Preciado nicht primär sexuell konnotiert, sondern wird architektonisch-medial definiert, als ein "Mechanismus, der das Private öffentlich produzieren und Häuslichkeit in ein Spektakel verwandeln" (S. 9) kann. Auch um Architektur geht es nicht im herkömmlichen Sinne als einer gebauten und damit materialisierten Substanz, sondern vielmehr als virtuelle Kreation, als (Innen-)Raumproduktion, oder als einem foucaultschen 'biopolitischen Dispositiv'. Dabei dient die Architektur als ein Apparat der Affekte, der Subjektivität zu erzeugen, Sexualität zu verräumlichen und Begehren zu verhandeln versteht.

Pornotopia kommt als Manifest daher. Es schlägt eine Bresche für die Emanzipation des heterosexuellen Mannes der Moderne durch seine Flucht aus der Gefangenschaft der biederen Einfamilienhäuser, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA nur so aus dem Boden schossen. In seiner Transformation vom die Familie ernährenden Ehemann zum Playboy gelingt es ihm, normierte Geschlechterrollen, wie sie in der monogamen Vorstadtöde praktiziert werden, hinter sich zu lassen. Es ist nun gerade diese veränderte Männlichkeit, die sich laut Preciado im gegenwärtigen Zeitalter von Homoehen und Transgender-Bewegungen (die die Autorin in ihrem Kontrasexuellen Manifest aus dem Jahre 2000 mittheoretisiert hat) in einer "Krise der Heterosexualität" (S. 142) befindet, die einer präzisen kulturwissenschaftlichen Analyse unterzogen werden muss.
Dass die Autorin wenn nicht den Entstehungsort, so doch den Knotenpunkt einer neuen Männlichkeit und einer Architektur der Begierde in der US-amerikanischen Zeitschrift Playboy ausmacht, ist eigentlich nur folgerichtig. Dennoch fasziniert und beruhigt zugleich, wie Preciado eine Dialektik von Herrenmagazin und Architektur schafft, ohne jemals einem Ton moralischer Erwägungen anheimzufallen. Hugh Hefner, Gründer und Überlebender des Playboy-Imperiums, so die zentrale These der Autorin, ist als der "Pop-Architek[t]" (S. 13) schlechthin zu betrachten – sowohl von Inneneinrichtungen als auch Lebensentwürfen. Den Playboy selbst möchte die Autorin als ernstzunehmendes Architekturmagazin verstanden wissen, und in der Tat nennt er sich ab seiner zweiten Ausgabe 1953 "Zeitschrift des Innenraums" (S. 24). In allen Ausgaben der nächsten zehn Jahre wartet er konsequent mit Farbfoto-Reportagen auf, die sich aus erotischen Design- und Inneneinrichtungsfantasien wie die des Playboy Penthouses speisen und den Internationalen Stil eines Mies van der Rohe oder Frank Lloyd Wright propagieren. Selbst das berühmte ausklappbare Centerfold, das bisher die masturbatorische Lust am Schauen ohne gesehen zu werden mit der Pose eines Pin-up Girls befriedigte, verwandelt sich nun in eine architektonische Schaubühne: Als Guckloch ins private Innenleben des Penthouses gestattet es einen Striptease der Häuslichkeit, bei dem virtuell "privat[e] Interieurs [observiert]" (S. 48) werden können.

Preciado treibt diesen medialen Striptease weiter und gewährt uns intime Einblicke in das architektonische Innenleben des propagierten neuen Typus des Junggesellen, wie ihn Hefner verkörpert. Sein Machtzentrum findet sich in der hochtechnisierten Schaltzentrale seines urbanen Apartments, das, ausgestattet mit einer drehbaren Bar, einer 'küchenlosen Küche' und dem legendären rotierenden Bett als eine multimediale Wohn- und Arbeitsstätte daherkommt. Nicht ohne Sympathie erzählt Preciado, wie sein mechanisiertes Arsenal an dreh- und wendbarer Maschinerie, das zunächst bestens als Verführungsapparat geeignet ist, ihm auch dazu verhilft, sich der Verführten im Handumdrehen zu entledigen. Hightech-Prothesen und Massenkommunikationsmittel wie Steuerpult, Radio, Telefon und Fernbedienungen falten privaten und öffentlichen Raum in sich zusammen – ein Szenario, das jedem Mitglied der sogenannten 'kreativen Klasse' im Mediennomadentum des 21. Jahrhunderts bekannter vorkommen mag als ihm in der vom Laptop erleuchteten Nacht lieb ist.

Wenn ein Playboy alten Schlages wie Hefner im seidenen Pyjama auf dem von Borsani entworfenen Klappsofa liegt, umgeben von unzähligen erotischen Fotografien, mutiert er vom vertikalen zum horizontalen Medienschaffenden – und ähnelt damit dem Sexarbeiter oder gar manch gegenwärtigem Autor. Konsumiert er nicht gerade Frauen, überwacht Hefner die Lustproduktion mit Hilfe eines Konglomerats von Kanälen, die das Herrenmagazin selbst, weitere Zeitschriften und Kochbücher wie den Playboy Gourmet und die hauseigenen Fernsehsendungen ebenso mit einschließen wie die Partys in der Chicagoer Playboy-Villa. Insbesondere ihr Abkömmling, die Playboy Mansion West in Los Angeles, ist als multimediales Disneyland für Erwachsene zu bewerten, deren Erbe man unschwer in der "Spektakel-Architektur" (S. 135) von Elvis Presleys Graceland, aber vor allem von Michael Jacksons Themenpark Neverland lokalisieren kann. Hefners "beispiellose Medien- und Immobilienoperation" (S. 12) operiert also von der Basis eines funktional in sich geschlossenen Schaltkreises des "ultravernetzten Menschen von McLuhan" (S. 31) aus. Sollte dieser Mensch Urlaub benötigen, kann er bei den Playboy Tours Reisen buchen, die ihn von Playboy Club zu Playboy Club führen. Ob diese Clubtouren weniger dem verhassten Konformismus in die Hand spielen als das Leben in der Vorstadthölle, sei dahingestellt.

Was genau eine Pornotopie ist, erklärt die Autorin spät, nämlich erst, nachdem der Begriff bereits viele Male in der ersten Hälfte des Buches gefallen ist, um das Playboy-Imperium, ein "multimediales Architekturbüro" (S. 13), begrifflich einzukreisen. Gemäß dem foucaultschen Konzept der Heterotopien stellt die Pornotopie nicht wie die Utopie lediglich einen Nicht-Ort dar, sondern einen "anderen Raum" (S. 78), einen provisorischen "Übergangs-" oder "Gegen-[Raum]" (S. 78), der mehrere Räume zusammenbringt, die an sich unvereinbar sind. Gängige moralische Normen, wie sie diskrete Orte ansonsten bestimmen mögen, sind in einer Heterotopie wie der des Bordells größtenteils außer Kraft gesetzt. Die Besonderheit der Pornotopie ist nun eine sexuelle Utopie, die, mehr als anderswo, virtuell konsumiert wird und die USA inmitten des Kalten Krieges anzuheizen vermag (vgl. S. 79). Es ist der Playboy-Lusttempel samt seiner Vernetzung zwischen sexuell (über-)determiniertem Raum, Lustkreationen und audiovisuellen Medien, die die Playboy-Utopie erst erzeugen. Allerdings, so erklärt die Autorin, sind es die Logik des Einsperrens der Häschen und der Videoüberwachung erotischer Akte, die "als Bedingungen der Lustproduktion" (S. 143) fungieren und damit die Pornotopie erst vervollständigen. Gleichzeitig sind es diese Überwachungstechnologien, die auf zeitgenössische Mutanten sexueller Heterotopien verweisen, wie man sie in live geschalteten Internet-Stripteases, Reality-TV-Shows wie Big Brother und dem Dschungelcamp oder in YouTube-Videos sehen kann, die sich im Whirlpool aalende und von leichtbekleideten Mädchen umringte Hip-Hopper zur Zielscheibe machen.

Außer den Bezügen zur gegenwärtigen Popkultur fallen Preciados große historische Brückenschläge zwischen den sexuellen Panoptiken eines Marquis de Sade oder Restif de La Bretonne und dem ersten "Multimedia-Bordell der Geschichte" (S. 77) positiv ins Gewicht. Kulturhistorisch noch relevanter wäre das Buch allerdings geworden, wenn es sich zum Ziel gemacht hätte, tatsächlich eine Strömung namens 'Pornotopia' in der Geschichte der Lustproduktion auszuloten. Preciados Titel ist kein Original: Als Vorläufer einer pornotopischen Tradition könnten hierzu nicht nur ein Buch wie Laurence O'Tooles Pornotopia: Porn, Sex, Technology and Desire (1998), auf das lediglich in der Bibliographie verwiesen wird, ins Feld geführt werden, sondern auch Titel wie Rick Poynors Designing Pornotopia: Travels in Visual Culture (2006) oder Pornotopias (Image, Desire, Apocalypse) (Hrsg. v. Jane Lewty und Louis A. A. Mitchel, 2008). Mehr ins Gewicht fällt, dass die Definition des "pharmakopornographische[n] Regime[s]" so kurz gerät. Will man mehr über das "Regime der Körperkontrolle und der Subjektivitätsproduktion" (S. 74) wissen, das solch eine zentrale Rolle in Pornotopia spielt, wird man mit einem schlichten Fußnotenhinweis auf Preciados spanischsprachiges Buch Testo Yonqui: Sexo, drogas y biopolítica ('Junkie-Test/Text', 2008) verwiesen. Zumindest wird man so, abgesehen von den vielen "Masturbations-", "Dreh-" und anderen 'Dispositiven', in dieser größtenteils wissenschaftlich-durchdrungenen Abhandlung von wissenschaftlichem Jargon verschont. Der hochwertig aufbereitete, farbige Bildteil wiederum stimuliert die Fantasie des Lesers auf stimmige multimediale Art. Er zeigt unter anderem Hefner inmitten seiner Playmate-Häschen – aber nie beim Sex – und körpererweiternde Behausungen wie das "Inflatable Suit-Home", das aufgeblasen gleichzeitig als Anzug und als Haus dient.

Auf den ersten Blick mag es paradox, wenn nicht gar anti-feministisch erscheinen, dass Preciado die "Befreiung des Mannes von der häuslichen Ideologie" (S. 28) ausgerechnet in seiner Inbesitznahme einer Häuslichkeit lokalisiert, die zu überwinden seinem Gegenpart, der in ihrem Unglück und unbezahlter Vollzeithausarbeit isolierten Ehefrau der fünfziger und sechziger Jahre, nicht vergönnt ist. Doch der spezifisch maskuline Raum, den der urbane Junggeselle, wie Hefner ein "Mann des Innenraums" (S. 22), okkupiert, ist ein von ehelichen Fesseln befreiter "postdomestische[r] Raum" (S. 59), dessen Inszenierung zugleich als Rückzugsort, Bühne erotischer Fiktion und Produktionszentrum dient.
Pornotopia ist aber nicht nur ein Befreiungsschlag der männlichen Sexualität, sondern womöglich auch ein Abgesang auf die Heterosexualität: Wie die benjaminsche Ruine, die von einer Zukunft zeugt, die niemals war, überlebt sich das Playboy-Imperium nur, um dann nostalgisch verklärt zu werden und wird so zum "pornotopische[n] Museum der Geschichte" (S. 145). Der Lauf dieser Geschichte, so erinnert uns Preciado, ist nicht umkehrbar, was die Begierde nach den utopischen Träumen einer erfüllten Sexualität nur umso größer werden lässt. Ob und welche nachhaltigen politischen Folgen die Umdeutung des monogamen Ehemanns zum Serienverführer allerdings für die Emanzipation des Mannes – oder gar für die zum Sexsymbol mutierten Gespielinnen, deren karge Habitat im obersten Stockwerk der Playboy-Villa den Charme eines Wohnheims versprüht und überhaupt eher einem Hausarrest ähnelt – hat, kann auch Pornotopia nicht beantworten. Gut, dass die Sehnsucht nach Utopien nie aus der Mode kommt.
   

Beatriz Preciado: Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im "Playboy". Aus dem Spanischen von Bettina Engels und Karen Genschow. Berlin: Wagenbach, 2012. 168 S., Hardcover, 24,90 Euro. ISBN 978-3803151827


Inhaltsverzeichnis

Playboy-Architektur  11
    Ich will Architekt sein..., ich will Playboy sein  17
    Den Kalten Krieg anheizen  18   

Manifest für einen Mann des Innenraumes: Das Erwachen des häuslichen Bewusstseins des Playboys  22
    "A Room of his own". Ein eigenes Zimmer... für ihn  28
    Junggesellen-Raum  35
    Spiel, Hase  39

Intimität zum Aufklappen: Die Erfindung des "girl next door"  42

Striptease: Die nackte Häuslichkeit  50
    Sweet home, public home  52
    Die Architekturreportage oder die Inneneinrichtung als Autofiktion  53

Die postdomestische Zelle: Das Apartment für den urbanen Junggesellen  57
    Die küchenlose Küche: Entweiblichung des Häuslichen, Enthäuslichung des Weiblichen  62
    Den Glaskleidern den Rücken kehren: Die Fabrikation der Vikki Dougan  66

Pin-up-Architektur  69

Die Playboy-Villa: Die Erfindung des multimedialen Bordells  73
    Was ist eine Pornotopie?  77
    Restif und Sade in Amerika  80
    Playboy 1959: unsere Zukunft  95
    Platon in der Höhle der Playboy-Villa  97

Der horizontale Arbeiter  103

Das pharmakopornographische Bett  107
    Das Bett, das niemals schläft  109
    Leben im psychedelischen Ei  112
    Eine Gummizelle für einen pharmakopornographischen Mönch  115

Räumliche Nebenprodukte: Die Erweiterung des Playboy-Archipels  121
    Die Playboy Mansion West: Ein multimediales "folly" in Hollywood  126
    Die Entmaterialisierung der Pornotopie  132
    Das überexponierte Haus  134

Coda  137

Anmerkungen  146
Bibliographie  160
Bildnachweis  165


Bunny Habitat: Pin-Up Architecture and Multimedia Networks in the Age of Spectacular Domesticity

A dissertation as a bestseller and an international reading tour: Spanish cultural studies researcher and cult author Beatriz Preciado achieved just that with her book Pornotopia. Arquitectura y sexualidad en 'Playboy' durante la guerra fria (Pornotopia: Architecture, Sexuality and Multimedia in "Playboy"). The German edition was published in 2012 to much acclaim by the popular media as well as the academy. It is based upon Preciado’s dissertation in the field of architecture theory, which she finished at the University of Princeton. Here, she demonstrates the emancipation of the heterosexual man from a monogamous husband to a 'postdomestic' playboy – albeit as a historical development, which may also be read as a swan song of heterosexuality. While the title Pornotopia seduces readers into buying the book, it misleads nonetheless: sexuality is not exactly the main topic in this study that is as compact as it is dense. The term 'pornography,' for Preciado, is not defined sexually but in architectural and medial terms, as a "mechanism which produces that which is private in public and transforms domesticity into a spectacle" (p. 9). Architecture, likewise, is not the primary topic, at least not in the traditional sense of a built and therefore materialized substance. Rather, the book deals with architecture as a virtual creation, a production of (interior) spaces, or as a Foucauldian 'biopolitical dispositif' – whereby architecture serves as an apparatus of affects which generates subjectivity, spatializes sexuality, and negotiates desire.


© bei der Autorin und bei KULT_online