Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

»Ein Gespenst geht um in Europa?« – zur neuerlichen Renaissance von Marx und Marxismus

Eine Sammelrezension von Julian Mühlbauer

Eagleton, Terry: Warum Marx recht hat. Berlin: Ullstein, 2012.

Hobsbawm, Eric: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus. München: Hanser, 2012.

Reheis, Fritz: Wo Marx Recht hat. Darmstadt: Primus, 2011.

Über 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des 'realexistierenden Sozialismus' im Osten Europas, als das marxistische Projekt in der Außen- und Selbstwahrnehmung als gescheitert und für immer diskreditiert erschien, gewinnen die Person Karl Marx und die Marx'schen Ideen wieder an Anziehungskraft. Es mag an der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise, dem wohl schärfsten Einbruch kapitalistischer Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg liegen, dass in den letzten Jahren eine Vielzahl von Darstellungen, Einführung und Verrissen auf den Buchmarkt geworfen wurde, die eine Renaissance des Marxismus vermuten lassen (siehe Auswahlbibliographie). Drei dieser Neuerscheinungen werden im Folgenden besprochen:
Das letzte Buch des unlängst verstorbenen britischen Historikers Eric Hobsbawm Wie man die Welt verändert: Über Marx und den Marxismus stellt eine umfangreiche Studie zur Wirkungsgeschichte des Marxismus dar; die Marx-Verteidigung Warum Marx recht hat des katholischen Literaturwissenschaftlers Terry Eagleton will die zehn populärsten Kritikpunkte an der Marx'schen Theorie entkräften, während Wo Marx Recht hat des deutschen Soziologen Fritz Reheis die marxistische Kapitalismuskritik mit zahlreichen Querverweisen zu anderen Theoretikern vor allem in Bezug auf die Reproduktionssphäre zu rehabilitieren sucht.
Bei diesen unterschiedlichen Gewichtungen und Zugängen zum Gegenstand hat jedes der Bücher den Anspruch, Teilaspekte der marxistischen Philosophie und Weltanschauung oder deren Wirkungsgeschichte allgemeinverständlich zu beleuchten und dabei gängigen Kritiken entgegenzutreten, ohne jedoch in Dogmatismus zu verfallen. Wenngleich keines der betrachteten Werke ein umfassendes Handbuch des Marxismus darstellt, hat doch jedes für sich Potenzial, das gesteigerte Interesse zu befriedigen. 

  
> Inhaltsverzeichnis Wie man die Welt verändert     > Inhaltsverzeichnis Wo Marx Recht hat

Als 1991 die Sowjetunion ihre Auflösung erklärte und die Länder des östlichen Europas auf den Weg der Marktwirtschaft zurückkehrten, sahen viele darin eine ähnlich signifikante Zeitenwende, wie sie das Jahr 1917 dargestellt hatte, als erstmals der Versuch unternommen worden war, die marxistische Theorie in die Tat umzusetzen und den Forderungen des Kommunistischen Manifests von 1848 einen praktischen Ausdruck zu verleihen. Die Kommunistischen Parteien Osteuropas traten ab und hinterließen in der Linken und bei marxistischen Intellektuellen ein Trümmerfeld voll Ratlosigkeit und Desillusionierung ob des Scheiterns des Sozialismus. Damit setzte zugleich ein rapider Rückgang der Marx-Rezeption ein und die politischen, philosophischen und ökonomischen Ideen und Analysen des Marxismus schienen auf Dauer delegitimiert und diskreditiert.
Und dennoch scheint heute, 20 Jahre später und 165 Jahre nach Erscheinen des Kommunistischen Manifests das 'Gespenst des Kommunismus' wieder in Europa umzugehen – Marx ist zurück! Das suggeriert zumindest eine Reihe von Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt, die sich mit Leben und Werk des Philosophen und Ökonomen auseinandersetzen und in der Mehrheit einen positiven Bezug dazu herstellen. Auch seine Werke – primär die ökonomischen, weniger die philosophischen mit ihren politischen Konsequenzen – werden nicht nur neu aufgelegt, sondern auch wieder gelesen. Eine neue 'Lesekreisbewegung' hat vorübergehend eine Minorität der deutschen Studierenden erfasst und selbst die bürgerlichen Feuilletons kamen im Angesicht der Weltwirtschaftskrise nicht umhin, den längst begrabenen Marx zu zitieren und gelegentlich festzustellen, dass manche seiner Analysen nicht jeglicher Berechtigung entbehr(t)en.
Wer über Marx und die von ihm inspirierte Strömung schreibt, wird nicht daran vorbeikommen, auf die Wurzeln in der klassischen deutschen Philosophie, der englischen Nationalökonomie und dem französischen utopischen Frühsozialismus zu verweisen. Er wird den Historischen und Dialektischen Materialismus sowie Karl Marx' Hauptwerk, das Kapital, und dessen Politische Ökonomie benennen müssen. Ein Blick in die 43-bändigen Marx-Engels-Werke oder die historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe macht offenkundig, dass die 'Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus' zu Lebzeiten ein breit gefächertes Themenspektrum bearbeiteten und die sozialistische Zukunftsvision, wenngleich von Marx und Engels nur schemenhaft entworfen, sich schwerlich auf Stasi, GULag und Zwangskollektivierung beschränken lässt.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Terry Eagleton, britischer Literaturwissenschaftler, Gastprofessor an den Universitäten Lancaster, Indiana sowie der National University of Ireland und katholischer Marxist.
In seinem 2011 erstmals und ein Jahr darauf auch in deutscher Sprache erschienenen Buch Warum Marx recht hat hat er sich das Ziel gesetzt, zehn der populärsten Kritikpunkte an der marxistischen Theorie zu beleuchten und schlussendlich zu entkräften. Er fragt sich: "Was, wenn all die sattsam bekannten Einwände gegen Marx' Werk falsch sind? Oder, wenn nicht völlig abwegig, so doch in hohem Maße irreführend?" (S. 9). Und nach 285 Seiten schließt er mit einer letzten Frage, die seine Verortung zum Ausdruck bringt: "Ist irgendein Philosoph jemals so entstellt worden?" (S. 272).
Dabei zählt sich Eagleton nicht zu den Dogmatikern oder den Verteidigern von im Namen des Marxismus begangenen Verbrechen. Sein Buch soll eine allgemeine und verständliche Einführung in die Grundgedanken der marxistischen Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie bieten und dabei nicht deren Vollkommenheit, sondern die Plausibilität ihrer wesentlichen Elemente darlegen.
Der Autor folgt einem simplen Gliederungsschema: Je einem Kritikpunkt ist ein Kapitel gewidmet. Die so entstandenen zehn Kapitel werden durch ein Vorwort, ein Schlusskapitel und einen Anmerkungsteil ergänzt. Aus diesem nüchternen Aufbau resultiert leider eine leserunfreundliche Gliederung, weil die lediglich aus der Kapitelnummer bestehenden Kapitelüberschriften keine Vorausdeutung auf den Inhalt zulassen (s.u.). Schnell wird deutlich, dass sich die Diskussion der aufgeworfenen Fragen nicht auf die marxistische Theorie beschränkt, sondern immer wieder auf den 'realexistierenden Sozialismus' Bezug nimmt.
In Erwiderung auf den Vorwurf, der Marxismus wäre längst überholt, führt Eagleton zunächst die seit Marx' Lebzeiten vonstattengegangenen innergesellschaftlichen Veränderungen aus, hebt aber gleichzeitig hervor, wie wenig sich hinsichtlich der "spektakuläre[n] Ungleichheiten von Wohlstand und Macht" (S. 21) im Grundgefüge des Kapitalismus geändert habe. Dass der Marxismus zwar in der Theorie hoch ansprechend, jedoch niemals praktisch umsetzbar wäre und zwangsläufig zu Terror und Mangel führen würde, diskutiert Eagleton im zweiten Kapitel. Auch das Christentum und der Kapitalismus blickten auf eine äußerst blutige Geschichte zurück, so der Autor. Dessen ungeachtet grenzt er sich scharf gegen den 'Stalinismus' ab und betont, dass Marx sich gegen jeglichen Dogmatismus, gegen Terror und Willkür ausgesprochen habe.
Als Alternative zum sowjetischen 'Sozialismus in einem Land' beschreibt er daran anschließend alternative Konzepte eines 'Marktsozialismus' – gewissermaßen das jugoslawische Modell. Kapitel Drei widmet sich dem Determinismus der marxistischen Gesellschaftsauffassung, der sich in einer zwangsläufigen historischen Abfolge von Produktionsverhältnissen ausdrückt. Hier betont Eagleton die ökonomische Basis der Gesellschaft und den Klassenkampf als bestimmende Elemente, wobei er den Historischen Materialismus durchaus kritisch beleuchtet. Auch weist der Autor darauf hin, dass Marx' Schriften keinen Beleg dafür liefern, dass er von einer paradiesischen Zukunft ohne Leid, Schwerarbeit und Konflikten geträumt hätte.
Dem verbreiteten Kritikpunkt, die Arbeiterklasse würde nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, begegnet der Autor mit der These, diese habe noch nie so viele Menschen umfasst wie heutzutage. Schließlich habe sich ein großer Teil industrieller Arbeit in die Armutsregionen verlagert und zudem gehörten auch BriefträgerInnen, Pflegepersonal, Reinigungskräfte und viele weitere zu dieser sozialen Kategorie. Im letzten Kapitel nimmt Eagleton dazu Stellung, dass die einflussreichsten radikalen Bewegungen der letzten vier Jahrzehnte außerhalb des Marxismus entstanden wären. Er legt seine gegenteilige Ansicht dar, dass die MarxistInnen an der Spitze der wichtigsten politischen Auseinandersetzungen des letzten Jahrhunderts gestanden hätten – dem Kampf gegen Kolonialismus, gegen Faschismus und für die Emanzipation der Frau. Die sozialen Bewegungen der neueren Zeit, wie etwa die Umwelt-, Tierschutz- oder Friedensbewegung hätten sich dagegen auf Teilaspekte der Gesellschaftskritik beschränkt, die nicht in der Lage seien, zum Kern des Problems vorzudringen. In einer komprimierten Zusammenfassung werden abschließend die Kernthesen des Buches wiederholt.
Eine systematische Einführung im klassischen Sinne stellt dieses Buch nicht dar. Dafür folgt es einem innovativen Konzept und ist gut verdaulich geschrieben. Die einzelnen Kapitel können wohl nicht jeden Zweifel ausräumen, bilden aber doch eine plausible Entgegnung auf die populärsten Kritikpunkte an der Marx'schen Theorie. Diese wird durch sparsamen Zitateinsatz illustriert und trotz einer klaren Parteinahme für den Marxismus werden kritische Aspekte nicht ausgespart.

Ungeachtet der genannten Anzeichen für eine Renaissance des Marxismus, ist eine positive Bezugnahme auf eben diesen in der deutschen Wissenschaftslandschaft noch immer unpopulär. Umso überraschender ist, dass sich mit Fritz Reheis ein weiterer Hochschullehrer hinter Marx stellt. Der Dozent am Lehrstuhl für Politische Theorie der Universität Bamberg nimmt in seinem 2012 in zweiter Auflage erschienenen Buch allerdings eine weniger klar pro-marxistische Perspektive ein. Seine Überblicksdarstellung in neun Kapiteln mit je einer Fragestellung zur Kritik des Kapitalismus will nicht Anspruch und Wirklichkeit, sondern vielmehr Wirklichkeit und Möglichkeit vergleichen und für alle, die auf der Suche nach Alternativen zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell sind, "möglichst viele Türen zu Marx" (S. 11) öffnen. Karl Marx' ökonomische Analysen seien aktueller denn je und hätten sich im 20. Jahrhundert als enorm fruchtbar erwiesen, so der Autor.
Reheis erläutert zunächst Grundannahmen des marxistischen Denkens und diskutiert Mechanismen in der kapitalistischen Gesellschaft, welche über Ausbeutungsbeziehungen und die Verschränkung von ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen hinwegtäuschen. Im Weiteren werden beispielsweise die aus der Ausbeutung menschlicher Arbeit resultierenden Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Rolle des Staates, der Fetischcharakter der Ware und des Geldes und Fragen von Risiko und Krise im Kapitalismus diskutiert. Dabei werden die Kapitel jeweils durch ein aktuelles Beispiel aus Arbeitswelt oder Wirtschaftsleben eingeleitet und enden mit einer Zusammenfassung der Kernthesen.
Die kommunistische Utopie hält Reheis nicht für gescheitert, schließlich hätten die bisherigen Versuche, den Sozialismus aufzubauen, nicht viel mit Marx und Engels gemein gehabt. Nach der Abgrenzung gegen Gewaltexzesse in der sowjetischen Geschichte stellt der Autor alternative Modelle und Sozialismusvorstellungen vor, ohne jedoch seinen eigenen Standpunkt klar zu benennen.
Entsprechend liefert auch der abschließende Ausblick "Und was nun?" keinen Plan für die Umgestaltung der Gesellschaft. Er bleibt bei der Feststellung stehen, dass wesentliche Aussagen der Marx'schen Theorie – ergänzt mit Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts – ihre Gültigkeit nicht eingebüßt hätten. Der 'antikapitalistischen Bewegung' rät er, das Gemeinsame in den Mittelpunkt zu rücken und sich zu einer sozialen Bewegung gegen den Kapitalismus zusammenzufinden. Dabei soll der Teil marxistischer Kapitalismuskritik ernster genommen werden, der sich auf die Reproduktionssphäre, also etwa die Bereiche Gesundheit, soziales Zusammenleben, Kultur und Natur bezieht. Reheis verarbeitet in seinem Buch zahlreiche Querverweise zu anderen Theoretikern wie Barbusse, Foucault, Wallerstein oder Marcuse und arbeitet Teilbereiche der marxistischen Theorie didaktisch auf.
Allerdings überzeugen nicht alle Thesen. So bleibt der Autor beispielsweise in seiner Abkehr vom Proletariat als der im Marxismus revolutionären Klasse eine plausible Antwort darauf schuldig, wer Träger künftiger Veränderungen sein soll.

Das Buch mit dem wohl breitesten Informationsgehalt in dieser Auswahl ist (nicht nur aufgrund des größeren Umfangs von 448 Seiten) die letzte Veröffentlichung des im letzten Jahr verstorbenen Historikers Eric Hobsbawm. 2011 auf Englisch publiziert, erschien im Herbst 2012 die deutsche Version seines Werks Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus, welches frühere Schriften aus den Jahren 1965 bis 2009 in überarbeiteter Fassung vereint. Hobsbawm zielt nicht auf eine Geschichte des Marxismus im Allgemeinen, sondern will die Entwicklung und das posthume Wirken der Ideen von Marx (und selbstredend auch Engels) nachzeichnen.
Die Binnengliederung zerfällt in zwei Hauptteile. Ersterer thematisiert Leben und Wirken von K. Marx und F. Engels, der zweite Teil widmet sich der Weltanschauung und der Wirkungsgeschichte des Marxismus. Das Buch ist zudem mit Vorwort, Anmerkungsapparat, Register und Nachweisen über die Erstveröffentlichung der Beiträge ausgestattet.
Den Anfang bildet eine Analyse des posthumen Erfolges der Marx'schen Ideen, der darin gipfelte, dass 70 Jahre nach seinem Tod ein Drittel der Menschheit in Ländern lebte, deren Regierungen sich mehr oder weniger auf seine Theorien bezogen. Wenngleich heute manches davon veraltet und nicht mehr tragfähig erscheine und der Marxismus des 21. Jahrhunderts ein anderer sein werde, als der des letzten Jahrhunderts, habe er dennoch nicht an Relevanz verloren.
Hobsbawm diskutiert, inwieweit sich unterschiedliche Sozialismusvorstellungen von Sozialdemokraten und Kommunisten auf Marx berufen konnten und können und welche zentralen Elemente der Analyse von Marx noch heute Gültigkeit haben, so beispielsweise die Krisenhaftigkeit und der Zerstörungsdrang kapitalistischen Wirtschaftens und die inneren Widersprüche dieser Gesellschaft. Des Weiteren werden die theoretischen Vorstellungen von Staatswesen und gesellschaftlichen Klassen und die Rolle des Proletariats im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus dargelegt sowie Marx' Haltung in der Kriegsfrage und zu Dogmatismus und Internationalismus angeführt. Zugleich stellt Hobsbawm fest, dass Marx eine "habituelle[n] Abneigung [gehegt habe] […], über eine ungewisse Zukunft zu spekulieren" (S. 69).
Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Geschichte des vormarxistischen Sozialismus und den Quellen und Anleihen in der Philosophie und utopischen Literatur des 18. Jahrhunderts, welcher sich Marx und Engels bedienten.
Es folgen eine informative und zugleich kritische Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Manifests der Kommunistischen Partei, welches der Autor als "einflussreichste politische Einzelschrift seit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der Französischen Revolution" mit einer "fast biblischen Sprachgewalt" (S. 117) beschreibt, und Überlegungen zu Rezeption und Überlieferung des Marx'schen Manuskripts Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie.
Der zweite Hauptteil des Buches beschreibt die Einflüsse des Marxismus in verschiedenen Entwicklungsetappen insbesondere auf die Intellektuellen im "Zeitalter des Antifaschismus" (vgl. S. 227-283) und die internen Veränderungen des Marxismus. Kritisch reflektiert werden die Widersprüche zwischen sowjetischen Ideologen, die den Marxismus als eine Art säkulare Theologie (vgl. S. 315) pflegten, und MarxistInnen in der nichtsowjetischen Welt. Weil Marx sich nicht umfassend zu politischen Fragen geäußert hat, sieht der Autor gerade in den Arbeiten Antonio Gramscis eine wichtige Ergänzung, da dieser als erster eine marxistische, von der Praxis gespeiste 'Theorie der Politik' vorgelegt habe. Ein Essay über die Geschichte der organisierten Arbeiterbewegung steht schließlich am Ende des Buches.
Hobsbawm resümiert, dass der Marxismus zwar seit den 1970er Jahren politisch wie intellektuell auf dem Rückzug sei, schließt aber ein mögliches "Comeback" (S. 360) nicht aus. Dabei ist jedoch eine Rückkehr zu sowjetischen Planwirtschaftsmodellen in seinen Augen nicht denkbar und Alternativen sind derzeit nicht in Sicht. Auch sei zu bezweifeln, dass die Arbeiterklasse zwangsläufig Trägerin zukünftiger Revolutionen sein müsse. Die letzten 25 Jahre beschreibt er als die finsterste Epoche in der Geschichte von Marx' Vermächtnis (vgl. S. 359) und doch sei es jetzt "wieder einmal an der Zeit, Marx ernst zu nehmen" (S. 396).
Hobsbawms Schilderungen und Analysen wirken nachvollziehbar und kompetent, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass er den Marxismus seit seiner Kindheit im 'Roten Wien' und den stürmischen Jahren in Berlin am Ende der Weimarer Republik kennt. Wie man die Welt verändert stellt eine lohnenswerte Lektüre für alle dar, die sich für den Marxismus, seine 'Urväter' und Rezeption sowie die Geschichte der Arbeiterbewegung interessieren. Der Leser wird sich schlussendlich aber fragen, ob der Buchtitel richtig gewählt ist – eine 'Anleitung zur Veränderung der Welt' bietet das Werk nur indirekt.

Die hier in den Blick genommenen Bücher lösen ihr Versprechen weitestgehend ein, eine Einführung in Teile der Theorien und Gedankenwelt des Marxismus zu geben, allerdings in unterschiedlicher Intensität und mit divergierenden Zugängen. Eagleton liefert eine populär geschriebene Verteidigung des Marxismus gegen die gängigsten Kritiken. Reheis bewegt sich auf einem höheren theoretischen Niveau, veranschaulicht seine Ausführungen jedoch durch aktuelle Beispiele. Hobsbawm fasst den Untersuchungsrahmen weiter und liefert auch den historischen Kontext zu Entstehung und Wirkung der marxistischen Theorien. Die Auswahl macht auch deutlich, dass der Marxismus nie eine homogene Erscheinung darstellte.
Diese einst bedeutendste Denkrichtung innerhalb der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, die selbst auf Teile des Bildungsbürgertums eine gewisse Anziehungskraft entfaltet und manch einem Bourgeois gehörige Angst einjagt hatte, hat offensichtlich nicht nur die Bismarck'schen Sozialistengesetze und die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen und Konzentrationslager überlebt, sondern zu guter Letzt auch noch das Jahr 1991. Ob aber die Indizien ausreichen, tatsächlich von einer 'Renaissance von Marx und  Marxismus' zu sprechen, wird sich erst noch zeigen müssen. Die nächsten Schritte kapitalistischer Krisenbewältigung werden darauf wohl ebenso wenig ohne Wirkung bleiben, wie 2012 das letzte Buch über Marx geschrieben wurde.


Auswahlbibliographie:

Neben einschlägigen Publikationen der Marx-Forschung, etwa dem Marx-Engels-Jahrbuch, den Beiträgen zur Marx-Engels-Forschung oder der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), zeugt eine Vielzahl jüngerer Publikationen von einem neu erwachten Interesse an der Person Marx, den Positionen des Marxismus und deren Interpretation. Einen Einblick mag folgende Auswahl vermitteln:
  • Allen, Kieran: Marx and the Alternative to Capitalism. London: Pluto Press, 2011.
  • Althusser, Louis: Für Marx. Frankfurt a. M./Berlin: Suhrkamp, 2011.
  • Arndt, Andreas: Karl Marx. Versuch über den Zusammenhang seiner Theorie. 2., durchges. und um ein Nachw. erg. Aufl. Berlin: Akademie, 2012.
  • Bellofiore, Riccardo / Fineschi, Roberto (Hg.): Re-reading Marx. New Perspectives after the Critical Edition. London: Palgrave Macmillan, 2008.
  • Bescherer, Peter / Schierhorn, Karen (Hg.): Hello Marx. Zwischen "Arbeiterfrage" und sozialer Bewegung heute. Hamburg: VSA, 2009.
  • Bonefeld, Werner / Heinrich, Michael (Hg.): Kapital & Kritik. Nach der "neuen" Marx-Lektüre. Hamburg: VSA, 2011.
  • Bouvier, Beatrix / Schwaetzer, Harald / Spehl, Harald / Stahl, Henrieke (Hg.): Was bleibt? Karl Marx heute. Trier: Friedrich-Ebert-Stiftung 2009.
  • Callinicos, Alex: Die revolutionären Ideen von Karl Marx. Übersetzt v. David Paenson. Hamburg: VSA, 2011.
  • Elbe, Ingo: Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965. 2. Aufl. Berlin: Akademie, 2012.
  • Fülberth, Georg: "Das Kapital" kompakt. Köln: PapyRossa, 2011.
  • Harvey, David: Marx' "Kapital" lesen. Ein Begleiter für Fortgeschrittene und Einsteiger. Hamburg: VSA, 2011
  • Hoff, Jan: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965. Berlin: Akademie, 2009.
  • Hosfeld, Rolf: Karl Marx. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011.
  • Hunt, Tristram: Friedrich Engels: Der Mann, der den Marxismus erfand. Berlin: Propyläen, 2012.
  • Kar, Samit: Marx's Legacy in 21st Century. New Delhi: People's Publ. House, 2010.
  • Kiesewetter, Hubert: Karl Marx und die Menschlichkeit. Berlin: Duncker & Humblot, 2011.
  • Kreschnak, Horst: Karl Marx und der Weg in die Zukunft. Zwischen sowjetischem Sozialismusmodell und Marktfundamentalismus. Köln: PapyRossa, 2011.
  • Lebowitz, Michael A.: Following Marx. Chicago: Haymarket Books, 2009.
  • Misik, Robert: Marx verstehen. Köln: Anaconda, 2012.
  • Sander, Bert (Hg.) Marx zum Vergnügen. Stuttgart: Reclam, 2012.
  • Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich / Immler, Hans: Marx und die Naturfrage. Ein Wissenschaftsstreit um die Kritik der politischen Ökonomie. Kassel: Kassel Univ. Press, 2011.
  • Schneider, Wolfgang: Die Marxsche Vision. Anspruch – Scheitern – historisches Schicksal. Theoriegeschichtliche Reflexionen. 2., überarb. und erg. Aufl. Hamburg: Kovač, 2012.
  • Ternes, Bernd: Karl Marx. Eine Einführung. Konstanz: UVK, 2008.
  • Ziesemer, Bernd: Karl Marx für jedermann. Der erste Denker der Globalisierung. Frankfurt a. M.: Frankfurter Allg. Buch, 2012.

Eagleton Terry: Warum Marx recht hat. Aus dem Englischen von Hainer Kober. 3. Auflage. Berlin: Ullstein, 2012. 285 S., geb., 18,00 Euro. ISBN: 978-3-550-08856-8 [Englische Erstausgabe: Why Marx Was Right. New Haven u.a.: Yale Univ. Press, 2011]


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 9
Kapitel Eins 13
Kapitel Zwei 25
Kapitel Drei 45
Kapitel Vier 83
Kapitel Fünf 130
Kapitel Sechs 153
Kapitel Sieben 187
Kapitel Acht 208
Kapitel Neun 226
Kapitel Zehn 242
Schluss 271
Anmerkungen 273


Reheis, Fritz: Wo Marx Recht hat. 2. durchges. Auflage. Darmstadt: Primus, 2012. 208 S., geb., 19,90 Euro. ISBN: 978-3-86312-327-7


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die Zweifel mehren sich 9

1. Kapitel: Himmel und Erde 13
Wie lassen wir uns täuschen? 13
Der Blick hinter die Fassade 16
Strukturen 25
Zusammenfassung 27

2. Kapitel: Arbeit und Ausbeutung 28
Woher kommt der Reichtum? 29
Die Funktionsweise der Ausbeutung 31
Globalisierung 42
Zusammenfassung 46

3. Kapitel: Sinnlichkeit und Gier 47
Ist Maßlosigkeit angeboren? 48
Die Verödung der Sinne 51
Bulimie 56
Zusammenfassung 59

4. Kapitel: Ordnung und Herrschaft 61
Hat die Vernunft gesiegt? 62
Die Unterwerfung des Menschen 67
Selbstzwang 73
Zusammenfassung 76

5. Kapitel: Vertrauen und Betrug 77
Ist der Mensch des Menschen Wolf? 78
Die Vergötterung der Verhältnisse 83
Gleichschaltung 90
Zusammenfassung 84

6. Kapitel: Risiko und Krise 96
Sind Krisen heilsam? 97
Die Produktion von Unsicherheit 102
Virtualisierung 107
Zusammenfassung 113

7. Kapitel: Fortschritt und Revolution 114
Ist die kommunistische Utopie gescheitert? 115
Die Überwindung des Kapitalismus 118
Übergänge 126
Zusammenfassung 133

8. Kapitel: Jenseits des Kapitalismus 135
"Sozialismus oder Barbarei?" 136
Die Utopie des Kommunismus 140
Alternativen 146
Zusammenfassung 154

9. Kapitel: Grundlagen des Lebens 155
Wovon leben wir? 156
Der unorganische und der organische Leib des Menschen 161
Nachhaltigkeit 168
Zusammenfassung 176

Ausblick: Und was nun? 178
Dank 185
Anmerkungen 187
Literatur 201


Hobsbawm, Eric: Wie man die Welt verändert: Über Marx und den Marxismus. Übersetzt aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn und Thomas Atzert. München: Carl Hanser, 2012. 448 S., geb., 27,90 Euro. ISBN: 978-3-446-24000-1 [Englische Erstausgabe: How to Change the World. Reflections on Marx and Marxism. London: Little, Brown, 2011]


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 9

Teil 1: Marx und Engels
1 Marx heute 13
2 Marx, Engels und der vormarxsche Sozialismus 27
3 Marx, Engels und die Politik 63
4 Zum Manifest der Kommunistischen Partei 108
5 Die Grundrisse entdecken 129
6 Das Schicksal der Schriften von Marx und Engels 136

Teil 2: Marxismus
7 Dr. Marx und die viktorianischen Kritiker 161
8 Der Einfluss des Marxismus 1880-1914 174
9 Im Zeitalter des Antifaschismus 1929-1945 227
10 Gramsci 284
11 Die Gramsci-Rezeption 305
12 Der Einfluss des Marxismus 1945-1983 315
13 Der Marxismus auf dem Rückzug 1983-2000 360
14 Marx und die Arbeiterbewegung: Das lange Jahrhundert 375

Anmerkungen 399
Nachweise 431
Register 433


»A spectre is haunting Europe?« – on the Repeated Renaissance of Marx and Marxism

More than 20 years after the breakdown of 'real-existing socialism' in the eastern part of Europe, when the Marxist project, by its own measures as well as those of others, seemed to have failed and been discredited for all time, Karl Marx and his ideas gain appeal again. It may be due to the present worldwide economic crisis – probably the most serious collapse of capitalistic development since World War II – that during the last years a huge number of books, introductions, and criticisms appeared on the book market (see References). This fact lets us conjecture about a Renaissance of Marxism. Three of these recent publications are discussed here: The last book of the recently deceased British historian Eric Hobsbawm How to Change the World: Reflections on Marx and Marxism is an extensive study of the historical influence of Marxist theories; the defence of Marx, Where Marx is right, by the Catholic linguist Terry Eagleton tries to refute the top ten most popular aspects in criticism of Marxism; and Why Marx Was Right by the German sociologist Fritz Reheis wants to rehabilitate Marxist criticism of capitalism concerning the reproductive sphere with the aid of cross-reference with other theories.
Choosing different assessments of and approaches to the subject, each of the books claims to throw light on aspects of Marxist philosophy and ideology or their historical influence in a clear way and to refute popular objections, but without being dogmatic. Although none of the selection is a full manual for Marxism, nevertheless each one has for itself the potential to satisfy the increased interest.


© beim Autor und bei KULT_online