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An allen Fronten: Quellen und Analyse der Erfahrungen eines deutschen Wehrmannes im Zeitraum 1914–1916 als Paradebeispiel

Eine Rezension von Matthias Mayer (Montabaur)

Hemmerich, Evelyn: Heute nach vorn. Alltag und Erlebnis des August Stark aus Nassau-Scheuern im Ersten Weltkrieg. Weilburg: Lahnbrück-Verlag, 2013.

Die Monographie Heute nach vorn. Alltag und Erlebnis des August Stark aus Nassau-Scheuern im Ersten Weltkrieg gliedert sich in zwei Teile: Im ersten analysiert die Historikerin Evelyn Hemmerich im Kontext der Forschung Kriegsalltag und Kriegserlebnis des Wehrmannes August Stark, der in den Jahren 1914−1916 an unterschiedlichen Fronten eingesetzt war. Der zweite enthält das wichtigste Quellenmaterial der Studie, welches sich durch seine hervorragende Qualität ausgezeichnet für weitere Fragestellungen nutzen lässt. Aufgrund der zahlreichen Einsatzorte des August Stark ist sein Fallbeispiel vielfältig und bietet einen umfassenden Einblick in die Lebensweise der Soldaten im Ersten Weltkrieg. 


Heute nach vorn ist nicht nur Titel der Publikation von Evelyn Hemmerich, sondern es sind auch August Starks letzte (geschriebene) Worte, die synonym für das Motto der Soldaten des Ersten Weltkrieges stehen (vgl. S. 155). Mit dem Untertitel: Alltag und Erlebnis des August Stark aus Nassau-Scheuern im Ersten Weltkrieg ist die Monographie als 9. Band der heimatkundlichen Buchreihe des Lahnbrueck-Verlags erschienen. Sie basiert auf einer Magisterarbeit des Fachbereichs Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Den ersten Teil des Buches bildet die Studie der Autorin. Dort "werden der Kriegsalltag und das Kriegserlebnis eines Soldaten anhand eines privaten Feldpostbestandes rekonstruiert und mit entsprechenden Themengebiete der Fachliteratur oder anderen zeitgenössischen Quellen vergleichend dargestellt." (S 10).

Im einführenden Kapitel beschreibt Hemmerich Qualität und Umfang des analysierten Feldpostbestandes, stellt das Feldpost-System als Kommunikationsmittel vor und erläutert dessen Möglichkeiten und Grenzen sowohl für die Kommunikation der Soldaten mit ihren Familien als auch für die wissenschaftliche Analyse durch die Nachwelt.
Danach erfährt der Leser biographische Hintergründe des Soldaten August Starks und lernt das familiäre Umfeld in der Heimat während des Kriegseinsatzes kennen: August Stark stammte aus einer Bergmannsfamilie und wurde 1877 bei Nassau im ländlichen Milieu geboren. "Die Familie war protestantisch und kaisertreu." (S. 23) Stark absolvierte die Volksschule, arbeitete als Postbote und heiratete 1906 die Näherin Luise Gemmer; im folgenden Jahr wurde die (einzige) Tochter Hermine geboren. "Neben dem Postbotengehalt hatten die Starks Einkünfte durch die Näharbeiten von Luise und den Obstverkauf während der Erntezeit." (S. 26) Zudem betrieben sie Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Obwohl August Stark der arbeitenden Schicht angehörte und eigentlich eine niedrige Bildung hatte, war er belesen und schreibtalentiert, so dass "man – ohne seinen Hintergrund zu kennen – auf einen Autor mit mittelständiger Bildung schließen" könnte. (S. 155)

Nach dieser familiären und gesellschaftlichen Verortung beginnt die Historikerin mit der eigentlichen Untersuchung. Hierbei geht sie in zwei Schritten vor, indem sie Kriegsalltag und Kriegserlebnis in unterschiedlichen übergeordneten Abschnitten untersucht. Der Bereich Kriegsalltag führt an verschiedene (Kriegs-)Schauplätze und ins Lazarett. "So erlebte Stark die Etappe, die Ostfront, die Offensive gegen Serbien, den typischen Stellungskrieg an der Westfront, war in Lazaretten und fiel in der wohl bekanntesten Schlacht des Ersten Weltkrieges, der Schlacht von Verdun." (S. 10). Die Autorin widmet jedem Einsatzort ein eigenes Kapitel und erfasst jede Kriegssituation mit den ihr eigenen Besonderheiten.

Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Kriegserlebnis. Darunter versteht Hemmerich die Wahrnehmung des Krieges, im Gegensatz "zu den immer wiederkehrenden Strukturen, die den Alltag bilden" (S. 19). Hier führt sie beispielhaft verschiedene Bereiche auf. So behandelt ein längerer Abschnitt die Thematik: Krieg als Reiseeindruck, der im Falle August Starks in besonderem Maße ausprägt war. Bemerkenswert ist, dass Stark, im Gegensatz zu anderen "durchschnittlichen" Soldaten seines Standes, seine Umgebung wie eine Person des Bildungsbürgertums wahrnahm. Ferner befasst sich die Autorin mit verschiedenen Aspekten der Motivation und Kampfbereitschaft von Soldaten im Ersten Weltkrieg, sozialkritischen Einflüssen des Kriegs als Demotivation sowie psychologischen Auswirkungen des Krieges.

Hemmerich kommt zu dem Schluss, dass im Falle August Starks "standesuntypische Abweichungen" (S. 155), wie die Behandlung des Reisetopos oder sein Verhältnis zu den Vorgesetzten, bestehen. Obwohl "Wahrnehmung und Deutung des Krieges dem kollektiven Muster" (S. 157)  entsprechen, weißt sein Kriegserlebnis eine Vielzahl individueller Facetten auf. Trotzdem lässt sich Folgendes festhalten: "Sein vielschichtiger Einsatz und die damit unterschiedlichen Alltagssituationen entsprachen denen anderer Kriegsteilnehmer an Ort und Stelle. Somit gibt dieses Fallbeispiel einen guten Überblick in die Lebenswelt der Soldaten des Ersten Weltkrieges." (S. 157.)

Im Anhang bzw. dem dort abgedruckten Quellenmaterial findet sich eine weitere Besonderheit, und zwar vom Sommer 1915 von der Ostfront. "Dabei handelt es sich um augenscheinliche 'Kritzeleien', immer an den Seiten der beschriebenen Postkarten, die zunächst ohne Bedeutung erscheinen." (S. 164). Bei Drehung und Spiegelung "ergeben die vermeintlichen Schmierereien Wörter, die teilweise kreuz und quer an den Rändern der Karte verteilt sind und unterschiedliche Verschlüsselungsgrade aufweisen. […] Die vorgefundenen Begriffe lassen sich kombinieren, so dass Aussagen teils mit strategisch militärischem Informationsgehalt entstehen." (S. 164) Ob es sich dabei um Spionage-Mitteilungen handelt, konnte die Autorin selbst nach Rücksprache mit weiteren Experten nicht klären.

Der zweiten Buchteil gibt das wichtigste Quellenmaterial der Studie wider: knapp 200 Schreiben August Starks und acht Briefe seiner Frau Luise. Daher lässt sich diese Publikation gleichzeitig als Quellensammlung für weitere Fragestellungen nutzen, denn die zeitgenössischen Schriftstücke weisen einen qualitativ hochwertigen Informationsgehalt auf.

Fazit: Die lebendig und anschaulich geschriebene Studie richtet sich nicht nur an Fachleute, sondern ist, nicht zuletzt dank der mehr als 30 Abbildungen, auch für Laien verständlich. Mit der ausführlichen Analyse dieses Fallbeispiels – die umfangreiche Transkription alleine ist schon beachtlich –, ist es Hemmerich gelungen, einen allgemeinen Überblick über Kriegsalltag und Kriegserlebnis eines einfachen Soldaten, der stellvertretend für hunderttausende deutsche Kriegsteilnehmer steht, im Ersten Weltkrieg zu präsentieren.


Hemmerich, Evelyn: Heute nach vorn. Alltag und Erlebnis des August Stark aus Nassau-Scheuern im Ersten Weltkrieg. Weilburg: Lahnbrueck-Verlag, 2013. 400 S., kartoniert, 16,95 €. ISBN 978-3-943738-03-2


Inhaltsverzeichnis


Teil 1:
Die Feldpost August Starks im historischen Kontext

1 Einführung 10
1.1 Thematik 10
1.2 Material und Methode 10
1.3 Feldpost im Ersten Weltkrieg 14
1.4 Der Erste Weltkrieg als Alltagserfahrung 19

2 Rahmenbedingungen 23
2.1 Biographischer Hintergrund 23
2.2 Die Familiensituation an der Heimatfront (1914–1916) 26

3 Kriegsalltag des Wehrmanns August Stark 34
3.1 August Stark im Hinterland der Westfront 34
3.1.1 Der militärische Kontext: Westfront 34
3.1.2 Soldatischer Alltag bei Kriegsausbruch 35
3.1.3 Kriegsalltag im Hintergrund des Bewegungskrieges 37
3.1.4 Kriegsalltag in der Etappe 41
3.1.5 Soldatisches Sexualverhalten im Kriegsalltag 46

3.2 August Stark in Russland und in Serbien 48
3.2.1 Der militärische Kontext: Ost- und Südostfront 1915 49
3.2.2 Unterschiede zwischen Ost- und Westfront 51
3.2.3 Marschalltag und Ausrüstung 52
3.2.4 Hygienische Probleme: Ungeziefer und Krankheiten 60
3.2.5 Besonderheit des Kriegsalltages auf dem Balkan: die Überquerung der Donau 64

3.3 August Stark an der Westfront in den Argonnen 69
3.3.1 Der militärische Kontext: Westfront 1915/16 69
3.3.2 Beschaffenheit der Schützengräben 70
3.3.3 Alltag im Stellungskrieg 72
3.3.4 August Stark in der Arbeitskompanie 73

3.4 August Stark außerhalb des Kriegsgeschehens 77
3.4.1 Aufenthalt in verschiedenen Lazaretten 77
3.4.2 Kriegsalltag in einer Kaserne und auf einem Truppenübungsplatz 83

3.5 August Stark in Verdun 87
3.5.1 Der militärische Kontext: Verdun 1916 88
3.5.2 Frontalltag in der Schlacht von Verdun 89
3.5.3 Kriegsalltag in der Ruhestellung 94
3.5.4 Tod auf dem Schlachtfeld 97

4 Kriegserlebnis: Wahrnehmung und Deutungsweise des Krieges 99
4.1 Besonderheit der Wahrnehmung: Krieg als Reiseeindruck 99

4.2 Aspekte zur Motivation und Kampfbereitschaft eines Soldaten im Ersten Weltkrieg 113
4.2.1 Feindbilder: Die Betrachtungsweise der Feinde 113
4.2.2 Durchhalteerfahrungen des Ersten Weltkrieg 121
4.2.3 "Gott mit uns" und "Fürs Vaterland". Sinnstiftung: christlicher Glaube und Nationalismus 127

4.3Sozialkritische Einflüsse des Krieges als Demotivation 132
4.3.1 Die soldatische Heimatwahrnehmung 132
4.3.2 Probleme der militärischen Hierarchie 143

4.4 Psychologische Auswirkungen des Krieges 149
4.4.1 August Stark und sein heimischer Garten 149
4.4.2 Kriegsneurosen als Folge von Kriegserlebnissen 152

5 Schlussbetrachtungen 155

Anhang 1 164
Rätselhafte Randnotizen: Verwendung von Karten Starks von der Ostfront zur Spionage? 164

Anhang 2 171
Chronologie von August Starks Kriegseinsatz 171
Karten- und Bildmaterial 174

Anhang 3: Quellenbeispiele 180
Briefwechsel 180
Transkription 182
Abbildungen einer Originale 184

Quellen- und Literaturverzeichnis 190
Handschriftliche Quellen 190
Gedruckte Quellen 190
Literatur 191
Aufsätze 194
Sonstige 197

Teil 2:
Briefe und Karten von August Stark 199
Briefe von Luise Stark 390


On the Front Lines: A Primary Source for the Analysis of a German Trooper’s Daily Experiences from 1914–1916

Evelyn Hemmerich’s monograph Heute nach vorn. Alltag und Erlebnis des August Stark aus Nassau-Scheuern im Ersten Weltkrieg (Today Forward: The Everyday Life and Experience of August Stark from Nassau-Scheuern in World War I) consists of two different parts. The first part covers August Stark’s daily routine and experiences as a trooper in World War I, during which he fought on various fronts. The second part is a transcription of the main documents that underlie the historical research. Particularly significant here is the fact that August Stark was deployed to numerous sites and battlegrounds, and therefore the published material provides a valuable insight into a soldier’s way of life during World War I. It is of astonishing quality, and thus well suited for subsequent research projects on this topic.


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