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Wie man eine Welt erzeugt

Eine Rezension von Jonas Ivo Meyer

Nünning, Ansgar; Nünning, Vera; Neumann, Birgit (Hg.): Cultural Ways of Worldmaking. Media and Narratives. Berlin/New York: de Gruyter, 2010.

Die Beiträge des Sammelbands Cultural Ways of Worldmaking bauen, wie der Titel bereits impliziert, auf Nelson Goodmans Konzept des worldmaking auf. Goodmans konstruktivistischer Ansatz wird für die Literatur- und Kulturwissenschaft nutzbar gemacht, wobei die Autoren auch von Konzepten und Methoden der Medien-, Politik- und Geschichtswissenschaft Gebrauch machen. Ein besonderes Augenmerk liegt darauf, wie Medien und Narrative das worldmaking beeinflussen. Anhand verschiedener Beispiele – von Kommunikationsmedien oder Architekturprojekten über (fiktionale) Biographien hin zu "fictions of spirituality" und apokalyptischen Texten – gelingt es, deren welterzeugende Funktion darzustellen.


In seiner 1978 erschienenen Monographie Ways of Worldmaking hat Nelson Goodman untersucht, wie Menschen unter Zuhilfenahme von Symbolsystemen verschiedene Versionen der Welt erzeugen. Keine dieser Versionen ist richtiger oder wichtiger als die anderen, da die Welt immer nur durch Interpretation mittels Symbolsystemen erfahrbar ist. Die Autoren des 2010 erschienenen Sammelbands Cultural Ways of Worldmaking zeigen nun, wie Goodmans philosophischer Ansatz auf Literatur und generell auf Medien anwendbar ist und um welche zusätzlichen Perspektiven die Literatur- und Kulturwissenschaft das Konzept des worldmaking erweitern kann.

In ihrem einleitenden Aufsatz geben Ansgar und Vera Nünning eine Einführung zu Goodmans Theorie und zeigen auf, an welchen Stellen sie gewinnbringend ergänzt werden kann, z.B. indem man ihre Bedeutung für kulturwissenschaftlich höchst relevante Themen wie Werte, Wissen, Geschichte und deren jeweilige Funktionen herausarbeitet. Während Goodman fundamentale Gesetzmäßigkeiten finden wollte, die in allen Symbolsystemen gelten, fokussieren die Beiträge dieses Bands auf spezifische "cultural, literary and historical contexts" (p. 3). Der Aufsatzband ist in drei Teile untergliedert, die sich theoretischen Ansätzen, Medien sowie Narrativen zuwenden.

Der erste Teil ist mit "Theoretical Approaches to Ways of Worldmaking" betitelt. Darin werden Schlüsselkonzepte des Goodman’schen Ansatzes herausgearbeitet und dieser zu anderen Theorien in Relation gesetzt. Steven Connor wirft zunächst die Fragen auf, was eine Welt überhaupt ist und wie sie gemacht wird. Zu diesem Zweck untersucht er u. a., welche Bedeutungen der Terminus 'Welt' im Laufe der Geschichte angenommen hat und was für ein Unterschied zwischen 'der' Welt und 'einer' (möglichen) Welt besteht. Anschließend kontextualisiert Herbert Grabes Goodmans Ansatz mit phänomenologischer Theorie und Kognitionspsychologie. Er stellt fest, dass diese drei Ansätze zwar unterschiedliche Auffassungen von Welten und worldmaking haben, dass sie sich jedoch nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen. Inwiefern Hegels Frühwerk als eine vorweggenommene Antwort auf Goodmans Konstruktivismus angesehen werden kann und dass worldmaking eine Art Auslöschung oder Bereinigung vorheriger Welten impliziert, veranschaulicht Ben Dawson im Aufsatz "Worldmaking as Fate". Frederik Tygstrup schließlich beschäftigt sich mit der politischen Dimension des worldmaking: Da beim Konstruieren von Welten immer auf bereits bestehenden aufgebaut wird, trifft der Konstrukteur Entscheidungen darüber, wie er die vorhandenen Machtstrukturen darstellt und welche Narrative er zur Interpretation von 'Fakten' benutzt.

Im zweiten Teil, der mit "Media as Ways of Worldmaking" überschrieben ist, wird untersucht, welchen Einfluss Medien auf das worldmaking haben. Birgit Neumann und Martin Zierold zeigen am Beispiel der britischen Medienlandschaft des 18. Jahrhunderts auf, dass Medien niemals neutral sein können und aktiv die Weise beeinflussen, wie die Welt wahrgenommen und verstanden wird. Auch Knut Ove Eliassen schärft das Problembewusstsein des Lesers bezüglich des Medienbegriffs und plädiert dafür, bei der Analyse der Medien und des Medienverständnisses vergangener Epochen zu bedenken, dass unser heutiges Verständnis von 'Medien' jungen Ursprungs ist. Stephen Sale verdeutlicht, wie man Informationstheorie für die Geisteswissenschaften nutzbar machen kann und inwiefern Kommunikationsmedien Kulturen beeinflussen. Auf konkrete Medienausformungen gehen Ulrik Ekman und Matthew Taunton ein, wobei erster anhand des architektonischen Projekts Blur Building veranschaulicht, wie sich in der heutigen Zeit materielle Strukturen auflösen und sich im Gegenzug Informationen und Medieninhalte materialisieren, und letzterer ein Beispiel dafür liefert, wie unterschiedlich ein Thema wie sozialer Wohnungsbau dargestellt werden kann, je nachdem, in welchen narrativen Zusammenhang es eingebettet wird und welche Erzähltechniken benutzt werden.

Der dritte Teil, "Narratives as Ways of Worldmaking", beschäftigt sich mit der Bedeutung von Narrativen für das worldmaking. Ansgar Nünning untersucht hier den Selektions- und Konstruktionsprozess des worldmaking und zeigt, dass Narrative nicht von selbst entstehen, sondern durch Prozesse wie "selection, abstraction, ordering, compression, emplotment, and perspectivisation" (p. 209). Der Aufsatz von Vera Nünning schließt an diese Beobachtungen an, veranschaulicht und ergänzt die genannten Kategorien um weitere, die für das Konstruieren fiktiver literarischer Welten von Bedeutung sind, wie "[s]ituatedness" (p. 223), "[r]eferentiality and self-reflexivity" (p. 227) sowie "[e]mbedded values" (p. 230). Weitere Beiträge zu fiktionalen (Caroline Lusin) oder nichtfiktionalen Biographien (Elisabeth Wåghäll Nivre und Maren Eckart) machen auf die Signifikanz des Nichterzählten sowie auf die (Re )Konstruktion von Welten als ein Wissen schaffender Prozess aufmerksam. Klar wird außerdem, dass Literatur nicht auf die fiktionale Ebene beschränkt ist, sondern sich auf die Lebenswelt auswirkt (Inger Ostenstad), dass auch für "spiritual worldmaking" (p. 287) Literatur in Form von "fictions of spirituality" (p. 302) eine konstruktive Rolle spielt (Hanna Bingel) und dass es ebenso um worldunmaking gehen kann, wenn in postapokalyptischer und dystopischer Literatur nicht eine neue Welt erschaffen, sondern eine alte dekonstruiert wird (René Dietrich).

Der Aufsatzband wird seinem Ziel, die Goodman’sche Theorie für Literatur- und Kulturwissenschaft wie auch für weitere Disziplinen nutzbar zu machen, durchaus gerecht. Kritisieren könnte man gewisse Tautologien, da bestimmte Aspekte des Worldmaking-Ansatzes in den verschiedenen Aufsätzen wiederholt neu eingeführt werden. Ebenfalls ließe sich die Frage stellen, ob nicht die mit dem worldmaking verbundenen Erkenntnisse in poststrukturalistische Literaturtheorien wie der possible-worlds theory bereits eingebaut wurden. Nichtsdestotrotz schafft es der Band, zu verdeutlichen, dass Medien und Narrative nicht nur eine darstellende Funktion haben, sondern eine weltbeeinflussende und sogar  erzeugende. Ihre Aufgabe ist, mit Aristoteles gesprochen, nicht nur Mimesis, sondern auch Poiesis.


Nünning, Vera; Nünning, Ansgar; Neumann, Birgit (Hg.): Cultural Ways of Worldmaking. Media and Narratives. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2010 (Concepts for the Study of Culture, Band 1). 361 S., EUR 94,95. ISBN 978-3-11-022755-0


Inhaltsverzeichnis

Ansgar Nünning und Vera Nünning: Ways of Worldmaking as a Model for the Study of Culture: Theoretical Frameworks, Epistemological Underpinnings, New Horizons 1

I. Theoretical Approaches to Ways of Worldmaking

Steven Connor: ‘I Believe That the World’ 29
Herbert Grabes: Three Theories of Literary Worldmaking: Phenomenological (Roman Ingarden), Constructivist (Nelson Goodman), Cognitive Psychologist (Schank and Abelson) 47
Ben Dawson: Worldmaking as Fate 61
Frederik Tygstrup: The Politics of Symbolic Forms 87

II. Media as Ways of Worldmaking

Birgit Neumann und Martin Zierold: Media as Ways of Worldmaking: Media-specific Structures and Intermedial Dynamics 103
Knut Ove Eliassen: Remarks on the Historicity of the Media Concept 119
Stephen Sale: Do Media Determine Our Situation? Friedrich Kittler’s Application of Information Theory to the Humanities 137
Ulrik Eckmann: Irreducible Vagueness: Augmented Worldmaking in Diller & Scofidio’s Blur Building 149
Matthew Taunton: Worlds Made of Concrete and Celluloid: The London Council Estate in Nil by Mouth and Wonderland 175

III. Narratives as Ways of Worldmaking

Ansgar Nünning: Making Events – Making Stories – Making Worlds: Ways of Worldmaking from a Narratological Point of View 191
Vera Nünning: The Making of Fictional Worlds: Processes, Features, and Functions 215
Inger Østenstad: Literary Worldmaking 245
Caroline Lusin: Writing Lives and ‘Worlds’: English Fictional Biography at the Turn of the 21st Century 265
Hanna Bingel: Fictional Narratives and Their Ways of Spiritual Worldmaking: (De )Constructing the Realm of Transcendence in City of God by Way of Metafiction and Multiperspectivity 287
Elisabeth Wåghäll Nivre und Maren Eckart: Narrating Life: Early Modern Accounts of the Life of Queen Christina of Sweden (1626-1689) 307
René Dietrich: Seeing a World Unmade, and Making a World (Out) of Remains: The Post-Apocalyptic Re-Visions of W.S. Merwin and Carolyne Forché 329

Notes on Contributors 355


How to Make a World

As the title Cultural Ways of Worldmaking clearly implies, the essays of this collection take Nelson Goodman’s concept of 'worldmaking' as a starting point. They harness the potential of Goodman’s constructivist approach for the study of literature and culture while also making use of concepts and methods of media studies, political science, and the science of history. One of the central questions is: how do media and narratives influence the process of worldmaking? Using examples as diverse as communication media, architectural projects, (fictional) biographies, "fictions of spirituality" and apocalyptic texts, the authors succeed in depicting the worldmaking potential of each.


© beim Autor und bei KULT_online
Die Redaktion weist darauf hin, dass einer der Herausgeber Mitglied des Graduiertenzentrums ist, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.