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Weiße Helden und braune ›Andere‹ – Postkolonialer Einfluss in Hollywood

Eine Rezension von Dr. André Hahn

Hirsbrunner, Stefanie: Sorry about Colonialism. Weiße Helden in kontemporären Hollywoodfilmen. Marburg: Tectum, 2012.

Die vorliegende Untersuchung von Stefanie Hirsbrunner verfolgt ein politik- und nicht, wie man aufgrund des Titels möglicherweise annehmen könnte, ein filmwissenschaftliches Ziel. Mittels eines deskriptiv-analytischen Vergleichs untersucht sie den 'Weißen Helden' in fünf ausgewählten Hollywood-Blockbustern anhand postkolonialer Konzepte. Außerdem will die Autorin den mit ihm in engem Zusammenhang stehenden inhärenten Rassismus der dortigen Filmbranche analysieren und den Umgang Hollywoods mit dem Thema 'Rasse' sowie die Intention der jeweiligen Regisseure ebenso in den Fokus stellen wie die Inszenierung des Weißen Helden und seine Interaktion mit Nicht-Weißen. Obwohl es Hirsbrunner gelingt, einen Trend zur Reproduktion kolonialrassistischer Denkmuster herauszuarbeiten, bleibt sie einen Beleg, dass dies intentional und mit Profitinteresse geschieht, schuldig. 


Die Politikwissenschaftlerin Stefanie Hirsbrunner stellt in ihrer Studie Sorry about Colonialism die These auf, dass die Regisseure in ausgewählten Hollywoodfilmen zugunsten der Gewinnmaximierung bewusst mit kolonialrassistischen Identifikationsmitteln arbeiteten. Um dies zu belegen stellt sie insgesamt fünf Werke ins Zentrum der Analyse: Dances with Wolves, Stargate, The New World, Avatar, und District 9. Im Vorwort betont sie, dass diese Filme einerseits gemein haben, beträchtliche Gewinne an den Kinokassen erzielt zu haben. Andererseits seien sie thematisch respektive plotbezogen ähnlich geartet, da in ihrem Handlungsverlauf der jeweils weiße Protagonist auf fremde Welten, Kulturen und 'Rassen' stößt, mit denen er sich auseinandersetzen muss. Dessen Handlungen sowie seine Interaktion mit anderen weißen, vor allem aber nicht-weißen Charakteren, den so genannten 'Anderen', sind hier von besonderer Signifikanz.
Die Autorin schlussfolgert, dass ein Film umso erfolgreicher, sprich finanziell einträglicher ist, je deutlicher er das Thema 'Rasse' fokussiert. Besonders gewinnbringend wären somit Filme, deren Handlung die Begegnung zwischen Weißen und Nicht-Weißen zum Thema hat, die Mustern kolonialrassistischer Ideologie und somit dem Mythos von der Existenz menschlicher 'Rassen' sowie dem sich daraus ableitenden Superioritätsanspruch Weißer folgen und diese reproduzieren (vgl. S. 17). Sollte dieser Rassismus existieren und von den Filmemachern gar intendiert sein, so ist es von größter Bedeutung, explizit auf diesen hinzuweisen, da die Filminhalte weltweit gesehen werden und somit eine globale Wirkung entfalten.
   
Unzählige Spielfilme sind vom Handlungsverlauf so konzipiert, dass die Taten des Weißen Helden letzten Endes von Erfolg gekrönt sind: Er tut Gutes, vollbringt Rettungstaten und bekommt zumeist auch die weibliche Protagonistin quasi als 'Belohnung' für oberflächlich betrachtet moralisch-heroische Taten zugesprochen. Dieses Inszenierungsmuster ist weit verbreitet und steht auch bei Hirsbrunner im Mittelpunkt der Analyse. Sie beschränkt sich dabei auf Filme der letzten 20 Jahre, um zu gewährleisten, dass postkoloniale Forschungsergebnisse bereits interdisziplinär in ausreichendem Maße vorlagen.

Keiner der Regisseure äußerte jemals explizit, er habe einen bewusst politischen oder gar auf 'Rasse' fokussierten Film drehen wollen. Zudem kann man wohl, entgegen der These Hirsbrunners, davon ausgehen, dass gerade bei Filmschaffenden wie Emmerich (Stargate), Cameron (Avatar) und auch Costner (Dances with Wolves) aufgrund ihres bisherigen Œuvres der Unterhaltungswert im Vordergrund gestanden haben dürfte. Zwar waren alle fünf analysierten Filme mehr oder weniger größerer Kritik nach ihrer Veröffentlichung ausgesetzt, diese beinhaltete jedoch keine Rassismusvorwürfe, sondern hatte primär dramaturgische respektive inszenatorische Gründe.
Wie Hirsbrunner nun zeigt, wird in allen Filmen das Aufeinandertreffen der Kulturen – also der Weißen und der Anderen – aus der Sicht der Weißen erzählt. In jedem Fall wird schnell die scheinbare Naivität und Inferiorität der Anderen demonstriert (vgl. S. 67 f.): Sie zeigen sich durch einfachste Dinge, sei es Nahrung oder Technik/Mechanik, beeindruckt, wodurch ihr geringer Entwicklungsstand offengelegt wird. Die Weißen hingegen lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen oder gar von fremden Errungenschaften beeindrucken, auch nicht von Dingen, die über ihren eigenen Entwicklungsstand weit hinausgehen, wie Raumschiffe oder überlegene Laserwaffen (Stargate, District 9). Sie treten oftmals auch als ungefragte oder gar ungewollte Lehrer und Erzieher auf, welche die primitive Entwicklungsstufe der in engem Einklang mit der Natur lebenden Anderen beenden und diese gegen deren Willen zur Zivilisation geleiten möchten (Avatar, The New World).
Auch wird bei der Inszenierung der Anderen auf das Animalische fokussiert, was durch ihre Kleidung, ihre katzenhafte Gestalt (Avatar) oder sogar ihren Namen ("Prawns" in District 9) zum Ausdruck kommt. Dies hebt sie deutlich von den Weißen ab, wobei die Differenz durch das Motiv des 'Keine-Stimme-Habens', auf welches die Literaturwissenschaftlerin Gaytari Chakravorty Spivak aufmerksam gemacht hat, noch verstärkt wird. Den Anderen wird zumeist nicht einmal ein eigener Name zugesprochen oder dieser wird dem Zuschauer ebenso wenig wie die Kultur, die Sitten oder Gebräuche mitgeteilt (vgl. S. 71). Ihre Kommunikation erscheint häufig infantil und erfolgt nur in kurzen, oftmals wenig bedeutsamen Sätzen.

Auffällig ist, dass nicht der weiße Mann per se in einem automatisch positiven Licht präsentiert wird. Die Darstellung vieler Weißer – mit Ausnahme des Protagonisten – ist in allen Filmen in weiten Teilen negativ. Die Autorin meint, dass dies allerdings nicht zwangsläufig als kritische Auseinandersetzung mit der Thematik zu sehen ist, sondern vielmehr dazu dient, eben jenen Protagonisten – den Weißen Helden –, noch stärker ins Rampenlicht zu rücken. Dieser unterscheidet sich signifikant von den anderen Weißen, verfügt über besondere Fähigkeiten und/oder besitzt superiore moralische Integrität. Er fraternisiert mit den Anderen, versteht sie, schätzt sie, eignet sich ihre Lebensweise an, erfährt aber auch, was es bedeutet, nicht-weiß zu sein und auf welche Art Weiße Nicht-Weiße be- bzw. misshandeln (vgl. S. 84). Jener freiwillige 'Seitenwechsel' wird von den anderen Weißen in der Regel nicht toleriert. Dennoch vollzieht der Weiße Held trotz aller negativen Auswirkungen auf das eigene Selbst ihn heroisch, was letzten Endes dazu führt, dass er sich selbst als Anführer an die Spitze der Anderen setzt.
Diese Aufopferung für die fremde Sache unterstellt auf der einen Seite, dass die Anderen nicht fähig sind, sich selbst zu helfen, und lässt auf der anderen den Weißen Helden in einem einzigartig positiven Glanz erscheinen, der ihn als nobel und wohlmeinend inszeniert (vgl. S. 88 f.). Gleichzeitig kommt es zum Abschluss aber zu einer Überwindung des Weißseins. Die bewusste Abwendung von den Weißen hin zu den Anderen hat den Helden seine Humanität wiederfinden und zu einem in sich ruhenden, besseren Menschen werden lassen. Die bewusste Entscheidung gegen ihre weiße Identität ist gleichzusetzen mit einer bewussten Entscheidung für das Gute und gegen das Böse (vgl. S. 94).

Als Fazit ihrer Analyse stellt Hirsbrunner zunächst einmal generell fest, dass in Hollywoodfilmen der letzten 20 Jahre ein gravierender Unterschied bezüglich der Darstellung von Weißen und Nicht-Weißen auf der Leinwand besteht (vgl. S. 97). Während sie dies durchaus belegt hat, bleibt sie den Nachweis für ihre These, dass in den Filmen bewusst mit kolonialrassistischen Identifikationsmitteln gearbeitet werde, leider schuldig. Die Hauptgründe sind laut Hirsbrunner primär in der Verneinung der jeweiligen Regisseure auf die Frage zu suchen, ob sie diese Identifikationsmittel jemals mit voller Intention angewandt haben. Ihr Ziel sei es lediglich gewesen, mit ihren Werken gut zu unterhalten. Da die Filmschaffenden sich vom politischen Inhalt ihrer Werke distanzieren, regt die Autorin weitere Untersuchungen zur abschließenden Klärung dieser Frage an. Sie selbst kann nur einen Trend benennen: Die Übereinstimmungen innerhalb der betrachteten Produktionen, die in der Analyse unter Berücksichtigung postkolonialer Konzepte festgestellt wurden, zeigen, dass kolonialrassistische Denk- und Handlungsmuster, welche von der Superiorität der europäisch/US-amerikanisch weißen Bevölkerung ausgehen, reproduziert werden (vgl. S. 101). Ein Trend ist zur wissenschaftlichen Klärung der Fragestellung nicht ausreichend. So gesehen ist es also etwas schade, dass man nach der Lektüre keine erhellenden, definitiven Antworten erhält. Jedoch erscheint das Werk als guter Einstieg in ein noch relativ junges Forschungsfeld.


Hirsbrunner, Stefanie: Sorry about Colonialism… – Weiße Helden in kontemporären Hollywoodfilmen. Marburg: Tectum Verlag, 2012. 137 S., broschiert, 24.90€. ISBN: 978-3-8288-2896-4


Inhaltsverzeichnis

I.  Einleitung    9

1.  Hollywood vor der Haustür – Selbst- und Fremdwahrnehmung von Gesellschaften durch Kameralinsen    9

2.  Theoretischer Hintergrund    19

2.1  Welche Ansätze zur Interpretation bietet die Postkoloniale Theorie?    19

2.1.1  Grundsteinlegung: Frantz Fanon und die Manifestation des „Anderen“    21
2.1.2  Edward Said: Clash der Ignoranten oder Popeye gegen Brutus    23
2.1.3  Gaytari Chakravorty Spivak: Weiße Männer retten braune Frauen vor braunen Männern    25
2.1.4  Homi K. Bhabha: Wieder und wieder die selben alten Geschichten    27

2.2  Welche Ansätze zur Interpretation bietet die Kritische Weißseinsforschung?    30

2.2.1  „Rasse“ als soziales Konstrukt    32
2.2.2  Weiße Superiorität und einhergehende Privilegien    34
2.2.3  Den Status quo erhalten    40

3.  Filmauswahl    43

3.1  Dances with Wolves (1990)    44
3.2  Stargate (1994)    44
3.3  The New World (2005)    45
3.4  Avatar (2009)    46
3.5  District 9 (2009)    46

II.  Hauptteil    49

1.  Zur politischen Dimension von Hollywood-Produktionen    49

1.1  Birth of a Nation als Geburtsstunde von „Rasse“ in Hollywood    50
1.2  Das rassifizierte Subjekt im Kinosaal    52

2.  Entstehungsgeschichte der Filme und Intention der jeweiligen Macher    55

2.1  Rezeption der Filme durch das Publikum    59

3.  Begegnung mit den „Anderen“    67

3.1  Die Inszenierung der „Anderen“    68
3.2  Die Inszenierung der „Eigenen“    73
3.3  Die Rolle der Frau    77

4.  Der Weiße Held    81

4.1  Der Weiße Held als Verräter seiner „Rasse“    82
4.2  Der Weiße Messias    87
4.3  Der Weiße Held als Anführer der „Anderen“    88

5.  Weiße Phantasien    91

5.1    Über die Faszination am „Primitiven“    92
5.2    Von der Überwindung des Weißseins    94
5.3    Von der Erlösung der Schuld    95

III.  Fazit    97

Anhang I: Glossar    103

Anhang II: Screenshots    112

Anhang III: Literaturverzeichnis    127

Anhang IV: Filmverzeichnis    135

Anhang V: Webverzeichnis    136


White Heroes and Brown ›Others‹ – Postcolonial Influence in Hollywood

Stefanie Hirsbrunner's analysis pursues a political science objective and not, as one might think from the title, a film studies one. By using a descriptive-analytical comparison, she examines the 'White Hero' of five selected Hollywood blockbusters. This is put into practice with postcolonial concepts as well as the examination of inherent racism in the American filmmaking industry closely related to the hero ideal. Hollywood's treatment of 'race' and the intention of the respective filmmakers are in the focus of this analysis, as well as the staging of the White Hero and his interaction with non-whites. Although Hirsbrunner succeeds in carving out a trend toward reproducing colonial paradigms, she isn’t able to prove that this happens intentionally and because of profit motives.


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