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Von der Entflüchtigung des Flüchtigen: Eine Einführung in die Theatergeschichtsschreibung

Eine Rezension von Michael A. Conrad (Berlin)

Lazardzig, Jan; Tkaczyk, Viktoria; Warstat, Mathias: Theaterhistoriografie. Eine Einführung. Tübingen: A. Francke, 2012 (UTB).

Vergangene Inszenierungen und Aufführungen sind, nachdem sie sich ereignet haben, in der Regel unwiederbringlich verloren. Wie also kann man sich ihnen historisch annähern? In ihrem hervorragenden Buch Theaterhistoriografie. Eine Einführung stellen die drei Theaterwissenschaftler_innen Jan Lazardzig, Viktoria Tkaczyk und Matthias Warstatt die wichtigsten theoretischen Positionen, Methoden und Darstellungsweisen der Theatergeschichtsschreibung vor und geben den Leser_innen dadurch wichtige Instrumente und Werkzeuge für die eigene Forschung an die Hand. 


Eines der wichtigsten Wesensmerkmale des Theaters markiert zugleich sein größtes Problem, wenn man sich mit ihm auf wissenschaftlicher Ebene beschäftigt: Eine Aufführung existiert nur im Moment; ist dieser vorbei, ist es in der Regel auch um sie selbst geschehen. Das Flüchtige, Transitorische theatraler Phänomene stellt jede Theatergeschichtsschreibung vor größte Herausforderungen. Von vergangenen Inszenierungen und Aufführungen kann sie meist nur auf indirekte Weise berichten – vermittels oft nur weniger überlieferter Quellen und Artefakte. Diese Problematik bildet einen zentralen Anknüpfungspunkt der sehr gelungenen, für Studienanfänger und Laien gleichermaßen verständlichen Einführung in die Theaterhistoriografie.

Bezug nehmend auf aktuelle theater- und geisteswissenschaftliche Diskurse verdeutlichen die Autor_innen Jan Lazardzig, Viktoria Tkaczyk und Matthias Warstatt – allesamt renommierte Theaterwissenschaftler_innen – von Anfang an, warum jeder Versuch, eine umfassende und authentische Rekonstruktion vergangener Inszenierungen und Aufführungen leisten zu wollen, mehr oder minder zum Scheitern verurteilt ist. Denn, das machen die Autor_innen stets unmissverständlich klar, jede Form der Historiografie bleibt eine Form subjektiv eingefärbter Narration. Das bedeutet natürlich nicht, dass es sich deshalb etwa um freie Dichtung handele. Stattdessen sei eine möglichst exakte Erschließung aller vorhandenen Quellen, Dokumente und Artefakte angeraten – auch wenn selbst dies noch ein Ideal bleiben muss.
Auf diese Weise werden Leser_innen für methodische und theoretische Problemstellungen sowie für einen kritischen und reflektierten Umgang mit Quellen sensibilisiert. Im Durchgang werden zudem immer wieder Forschungsdesiderate benannt, die – häufig als offene Fragen formuliert – die eigene Forschungsarbeit inspirieren können. Auch wird dabei en passant die Entstehung der Theaterwissenschaft als eigenständiges Fach beleuchtet und sinnfällig mit der Geschichte der Theaterhistoriografie verwoben. Überhaupt präsentiert das theaterwissenschaftliche Lehrwerk, wie man es für ein solches auch erwarten sollte, die Lehrinhalte häufig in performativer Form: Anhand der Bildbeschreibung einer Theatermaschine aus dem 18. Jahrhundert führen die Autor_innen etwa das Schreiben einer Bildbeschreibung und deren historische Kontextualisierung gewissermaßen in vivo vor. Durch diese Vorgehensweise werden außerdem wichtige Fakten und Quellen der Theatergeschichte vorgestellt und vermittelt.

Eine weitere diskursive Verankerung sucht das Buch im Anschluss an neuere Debatten um den Theaterbegriff. Dessen zunehmende Loslösung vom institutionalisierten Kunsttheater und von kanonisierten 'Klassikern' erlaubt eine Neuakzentuierung des Theaterbegriffs auf die neuen Schlüsselbegriffe 'Theatralität' und 'Performativität'. Dadurch kann das Untersuchungsgebiet der Theaterhistoriografie auch auf außereuropäische und alltägliche Kulturphänomene ausgedehnt werden. Auf diese Weise aufgefangen wird ferner die zunehmende Entgrenzung theatraler und performativer Künste, wie sie durch die Avantgardebewegungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts und verstärkt seit den 1960er Jahren durch die Neoavantgarden zu verzeichnen ist. Der Begriff des 'Theaters' gewinnt so an Offenheit und Freiheit: "Heute sind es Praktiken und Prozesse in Politik, Kultur, Kunst und Alltag, die als 'theatral' bezeichnet werden und mithin potenziell von theaterhistoriografischem Interesse sind" (S. 2). Eine grundsätzlich empfohlene Haltung ist es daher, sich der Theatergeschichte ohne ein vorgefertigtes Konzept von 'Theater' anzunähern und stattdessen bei jedem neuen Untersuchungsgegenstand zu fragen, was hierunter verstanden werden will.

Das Buch besitzt einen deutlichen Nachschlagecharakter und zeichnet sich durch kurze, pointiert formulierte Unterkapitel aus. Die Stichworte in den Marginalspalten, die auch innerhalb des Textes durch Querverweise vernetzt wurden, ermöglichen ein schnelles Auffinden gesuchter Passagen. Davon abgesehen kann der Text aber auch kontinuierlich von vorne nach hinten durchgelesen werden. Zwar werden ausdrücklich Bachelorstudierende der Theaterwissenschaft angesprochen, doch ist das Buch auch für alle übrigen interessant, die sich professionell mit Theatergeschichte auseinandersetzen und einen systematischen und leichtverständlichen Überblick über aktuelle Arbeitsfelder, Methoden, kritische Quellenanalyse, Darstellungsweisen und Recherchehilfsmittel suchen.
Durch die eingeschlagene Darstellungsroute gelingt den Autor_innen zudem ein intellektuelles Kunststück: Sie bewahren die für heutiges geisteswissenschaftliches Arbeiten unabkömmliche Offenheit vielfältiger theoretischer Konzepte und Positionen, ohne dabei jedoch in abgehobener, luftleerer Abstraktion zu entschwinden. Stattdessen werden alle vorgestellten Methoden und Konzepte jederzeit wieder auf das übergeordnete, pragmatische Ziel der Vermittlung von Kenntnissen für das Schreiben von Theatergeschichte zurückgebunden – dies nicht zuletzt mit einem Hinweis auf die anthropologische Notwendigkeit allen Geschichtenerzählens im Sinne eines sinnstiftenden Orientierungswissens.

Als einziger Kritikpunkt ließe sich anmerken, dass, obzwar einleitend auf die Offenheit heutiger Theatergeschichtsschreibung verwiesen wird, Beispiele aus den Bereichen des Alltags, der Politik oder der Bildenden Künste weitgehend unterrepräsentiert sind. Denn auch auf diesem Gebiet hat die theaterhistoriografische Forschung der letzten Jahre Erstaunliches zuwege gebracht. Doch erscheint diese Kritik angesichts der großen didaktischen Leistung der Autor_innen vollkommen vernachlässigbar, zumal immer wieder explizit auf die heute sehr breiten Möglichkeiten theaterhistoriografischer Forschung verwiesen wird, und es gerade für Anfänger gewiss dringlicher ist, zunächst klassisch gewordene Quellen, Dokumente und Artefakte kennenzulernen.

Diese durch exzellente Qualität gekennzeichnete Einführung vermittelt ihren Leser_innen in hervorragender Weise einen kompetenten Überblick über den aktuellen Stand der Theaterhistoriografie. Hervorzuheben ist die bewundernswerte Vielzahl an Quellen und Sekundärliteratur, welche die Autor_innen für ihr Projekt herangezogen haben. Alle wichtigen Schlüsselthemen und Arbeiten renommierter Forscher_innen werden berücksichtigt. Man kann allen, die gerade damit beginnen, sich mit Theaterhistoriografie zu beschäftigen, dieses Werk wärmstens ans Herz legen und die Hoffnung aussprechen, das Buch möge zu einem Grundlagenwerk werden. Ihnen allen sei bei der Lektüre folgender Wunsch der Autor_innen mitgegeben: "Wir wünschen den Leserinnen und Lesern spannende eigene Erfahrungen mit dem, was Theaterhistoriografie bieten kann: eine Begegnung mit theatralen Formen und Praktiken, die alles in Frage stellen, was wir an Vorstellungen von Theater haben" (S. 7).


Lazardzig, Jan; Tkaczyk, Viktoria; Warstat, Matthias: Theaterhistoriografie. Eine Einführung. Tübingen; Basel: A. Francke Verlag, 2012 (UTB 3362). 266 S., broschiert, 22,99 €. ISBN 978-3-8252-3362-4


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Zur Praxis der Theaterhistoriografie

1.    Perspektiven
1.1.    Ästhetik/Aisthesis
1.2.    Text/Performativität
1.3.    Medien/Medialität
1.4.    Öffentlichkeit
1.5.    Macht
1.6.    Körper
1.7.    Gender
1.8.    Kulturelle Vielfalt
1.9.    Wissen

2.    Methoden
2.1.    Aufführungsgeschichte/Inszenierungsgeschichte
2.2.    Hermeneutik
2.3.    Diskursanalyse
2.4.    Vergleich/Transfer
2.5.    Quantifizierung

3.    Quellenanalysen
3.1.    Bühnentechnik
3.2.    Fotografie
3.3.    Maske
3.4.    Rezension
3.5.    Schauspieltheorie
3.6.    Strichfassung
3.7.    Theaterbau
3.8.    Tondokument
3.9.    Zensurakte

4.    Darstellungsweisen
4.1.    Geschichte(n) schreiben
4.2.    Der Weg zur wissenschaftlichen Arbeit

5.    Arbeits- und Recherchemittel
5.1.    Auswahlbibliografie
5.1.1.    Nachschlagewerke
5.1.2.    Überblicksdarstellungen
5.1.3.    Zeitschriften(mit theater-, musikttheater- und tanzhistorischen Beiträgen)
5.1.4.    Quellensammlungen
5.2.    Geschichte und Theorie der Theaterhistoriografie
5.3.    Archive, Bibliotheken, Museen
5.4.    Internetressourcen (Portale, Datenbanken)

Abbildungsnachweise

Dank

Register


How to Defleet the Fleeting: An Introduction to Theatre Historiography

After having taken place, theatre productions and performances usually are lost irretrievably. How then can they be approached on a historical level? In their excellent book Theaterhistoriografie: Eine Einführung (Theatre Historiography: An Introduction), the three German theatre scholars Jan Lazardzig, Viktoria Tkaczyk, and Matthias Warstatt present relevant theoretical perspectives, methods, and manners of presentation for theatre historiography. This way, they equip readers with essential instruments and tools for their own research.


© beim Autor und bei KULT_online