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Vertraute Sollbruchstellen: Untersuchungen zur kulturellen Bedeutung der Störung


Eine Rezension von Daniel Ziegler

Koch, Lars; Petersen, Christer; Vogl, Joseph (Hg.): Störfälle. Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 2/2011. Bielefeld: transcript, 2011.

In Ausgabe 2/2011 der Zeitschrift für Kulturwissenschaften werden unterschiedliche gesellschaftliche Verarbeitungspraktiken von Störfällen thematisiert. Dabei erstreckt sich der Diskurs von technikwissenschaftlichen über kulturtheoretische und sozialwissenschaftliche bis hin zu filmwissenschaftlichen Fragestellungen. Immer wieder steht die Überlegung im Zentrum, inwieweit sich der Störfall als sowohl konstitutiv als auch destruktiv für die Herstellung gesellschaftlicher Normalität erweist und welche Rolle die Narration bei der Aufarbeitung katastrophaler Ereignisse spielt. 


Der aus den Technikwissenschaften entlehnte Störfallbegriff lädt dazu ein, im Diskurs mit kulturwissenschaftlichen Forschungsansätzen, "die symbolischen Grenzziehungen und sozialen Fiktionen der Gesellschaft" (S. 10) zu beleuchten. Ausgehend von der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011, fokussieren die  12 Beiträge des Themenheftes Störfälle der Zeitschrift für Kulturwissenschaften (ZfK) gesellschaftliche Normalisierungspraktiken des scheinbar unausweichlichen Unfalls. Beitragende aus den Disziplinen Technik-, Sozial- und Filmwissenschaften widmen sich dem Unfall, der aufgrund seiner Wahrscheinlichkeit ein großes Imaginationspotential birgt und auf die Kontingenz individueller Lebenserfahrungen verweist. Der Situationsoffenheit zum Trotz bilden Störfallszenarien die "Legitimationsgrundlage gesellschaftlichen Handelns" (S. 65).

Jörn Ahrens zufolge gilt das Vertrauen in die soziale Normalität "als das Bindemittel der Moderne" (S. 75). Dass es sich hierbei um ein Vertrauen in eine Fiktion handelt, zeigt sich am eindrücklichsten in Niels Werbers Beitrag zum "Massenselbstmord der Lemminge", in dem er die Hintergründe der 1958 produzierten Walt Disney Dokumentation White Wilderness beleuchtet. Die Dokumentation reproduziert den Mythos eines sich instinktiv selbst mordenden Lemmings, der auf diese Weise das Problem der Überpopulation löst. Während zur selben Zeit Diskussionen zur Steuerung der Geburtenrate in Asien und Afrika entfachen, treibt das Filmteam am Schluss der Episode seine eigens für die Produktion importierten Lemminge über die Klippen in den Bow River. Niels Werber pointiert, dass "der Störfall der Natur […] eben kein Naturereignis, sondern eine Konstruktion" (S. 95) ist.

Filmische Störfallnarrationen bilden einen thematischen Schwerpunkt der Ausgabe 2/2011 der ZfK: Ulrike Vedder untersucht kinematographische "Störfälle zwischen Leben und Tod", wohingegen Sebastian Gießmann die "Erzählungen vom Ende der Netzwerke" ergründet. Lorenz Engell zufolge beschäftigt sich der Film seit seiner Entstehung mit dem Motiv der Störung. Der Film bestehe "als Störung und aufgrund von Störung" (S. 114). Am Beispiel der Slapstick Comedy und der Screwball Comedy zeichnet der Filmwissenschaftler nach, wie sich die Störungen nach Einführung des Tonfilms von den Gegenständen auf die Geräusche und Dialoge verlagerten.

Christian Kassung spürt in seinem Aufsatz "elektrischen Spuren" nach. Ausgangspunkt seines Beitrags sind die Forschungen und das elektropathologische Museum des österreichischen Mediziners Stefan Jellinek, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die "Normalisierung des elektrischen Unfalls als ein Scheintod in eindeutiger Parallele zum 'Ertrinkungsunfall'" (S. 20) untersucht. Bemerkenswert ist hierbei insbesondere das imaginäre Potential, welches aus dem Nichtwissen und der Unsichtbarkeit des Stroms hervorgeht.

In seiner mikroskopischen Analyse zur Störgröße in der Kybernetik wendet Claus Pias den Blick auf die produktiven Aspekte der Störung, bei der Optimierung technischer Systeme. Leider deutet Pias den Zusammenhang zwischen Technik und der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung der 1950er bis 1970er Jahre nur an und bleibt der semiologischen Verbindung von Technik und Biologie verhaftet.

Im Rekurs auf Goethes Diktum "Stolpern fördert" beschäftigt sich Peter Matussek in seinem Beitrag mit der inspirierenden Funktion des Störfalls. Während aktuelle Ratgeberliteratur zur persönlichen Karriereplanung dazu anleitet, mögliche Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg auf kreative Weise zu umgehen, ist es Peter Matussek zufolge gerade die scheinbare Ausweglosigkeit, die kreative Impulse freisetzen kann: "Was diese Stolperstrecke eines Inspirierten von den Laufbahnen der Kreativitätstrainings unterscheidet, ist insbesondere ihre Nichtplanbarkeit" (S. 60).

Für den Kultursoziologen Jörn Ahrens stellt die menschliche Fähigkeit zum gewalttätigen Handeln die einflussreichste Störgröße im Vergesellschaftungsprozess dar. In seiner Analyse des Amoklaufs von Winnenden konstatiert er, dass "die Abweichung von der Normsetzung […] in der Perspektive gesellschaftlicher Normalität freilich immer schon mitgedacht ist" (S. 75). Diese Normalität wird jedoch durch Phänomene wie Amok nachhaltig in Frage gestellt. Um das Vertrauen in die soziale Normalität wiederherzustellen, greifen (mediale) Narrative, die das schreckliche Ereignis chronologisch aufarbeiten und plausibilisieren.

Mit seiner inhaltlichen Vielfalt leistet das vorliegende Heft der ZfK einen wichtigen Beitrag zur diskursiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Störfallszenarien. Dabei ist es insbesondere Autoren wie Peter Matussek, Jörn Ahrens oder Niels Werber gelungen, die Ambivalenz der Störfallthematik klar herauszuarbeiten und auf die Perspektive gesellschaftlicher Selbstthematisierung auszuweiten. Leider knüpft die abschließende Debatte zur "Autonomie der Migration" nur bedingt an den Störfalldiskurs an. Dafür liefert sie spannende Einblicke in die aktuelle Diskussion zum Verhältnis von Autonomie und Migration wie auch zur Brüchigkeit des Migrationsbegriffes.


Koch, Lars; Christer Petersen und Joseph Vogl (Hg.): Störfälle. Zeitschrift für Kulturwissenschaften –Heft 2/2011. Bielefeld: Transcript, 2011. 164 S., broschiert, 8,50 Euro. ISBN: 978-3-8376-1856-3



Inhaltsverzeichnis


Lars Koch, Christer Petersen: Störfall – Fluchtlinien einer Wissensfigur 7
Christian Kassung: Elektrische Spuren. Überlegungen zu einer Medien- und Wissensgeschichte technischer Störfälle 13
Claus Pias: Störung als Normalfall 27
Eva Horn: Unglückliche Verkettung der Umstände. Sicherheitswissenschaft und Unfall 45
Urs Stäheli: Die Beobachtung von Wirtschaftsstörungen 53
Peter Matussek: »Stolpern fördert.« Störfälle als Inspirationsquelle 63
Jörn Ahrens: Anthropologie als Störfall. Gesellschaftliche Bearbeitungen von Gewalt 73
Olaf Briese: »Ordo Naturae«. Aspekte einer wesentlichen Täuschung 85
Niels Werber: Störfall oder Weisheit der Natur? Der Massenselbstmord der Lemminge und die Demografie 93
Ulrike Vedder: Hirntot, untot, komatös – Störfälle zwischen Leben und Tod 101
Lorenz Engell: Leoparden küsst man nicht. Zur Kinematographie des Störfalls 113
Sebastian Gießmann: Netzstörungen. Erzählungen vom Ende der Netzwerke 125

Debatte: Autonomie der Migration

Beate Binder, Moritz Ege, Alexa Färber: Debatte: Autonomie der Migration 135
Manuela Bojadžijev: Das »Spiel« der Autonomie der Migration 139

Repliken auf Manuela Bojadžijev und eine Gegenantwort

Ayşe Cağlar, Nina Glick Schiller: Wider die Autonomie der Migration: Eine globale Perspektive auf migrantische Handlungsmacht 147
Jochen Oltmer: ›Autonomie der Migration‹ oder ›Eigen-Sinn‹ von Migranten? 151
Sandro Mezzadra: Keine Freiheit ohne Bewegungsfreiheit 154
Gabriele Dietze: Den ›anderen‹ Polylog wahrnehmen 157
Manuela Bojadžijev: Replik 160

Die Autorinnen und Autoren 163

Common Predetermined Breaking Points: Investigations into the Cultural Meaning of the Disaster

The 2/2011 volume of the Zeitschrift für Kulturwissenschaften (Journal for the Study of Culture) deals with different social practices of handling major incidents. Consistently, the focus is laid on the question of how far the disruptive incident is both constitutive and destructive for the production of social normality, and which role narration plays for coming to terms with catastrophes. The discourse extends from technological and culture-theoretical  to social-scientific methods and film studies approaches.


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