Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

Veni etiam: Venedig und die Deutschen

Eine Rezension von Katharina Pfeiffer

Bergdolt, Klaus: Deutsche in Venedig. Von den Kaisern des Mittelalters bis Thomas Mann. Darmstadt: Primus Verlag, 2011.

Herrscher, Adelige, Pilger, Künstler, Intellektuelle, Kaufleute und moderne Touristen aus den deutschsprachigen Ländern zieht es seit mehr als tausend Jahren nach Venedig. Der Historiker Klaus Bergdolt zeichnet in seiner gelungenen Studie Deutsche in Venedig. Von den Kaisern des Mittelalters bis zu Thomas Mann die vielfältigen Beziehungen zwischen Deutschen bzw. Österreichern und der Lagunenstadt nach. Dabei stützt er sich auf umfangreiches Quellenmaterial wie Briefe, Chroniken und Tagebücher, wodurch er den Leser am Venedigerlebnis der Reisenden teilhaben lässt. 


Seit nachweisbar mehr als tausend Jahren fahren Menschen aus dem deutschsprachigen Raum aus den verschiedensten Gründen in die Lagunenstadt. Pilger warteten einst im Hafen auf ein Schiff, das sie nach Jerusalem bringen sollte; Herrscher und Diplomaten reisten aus politischen Gründen nach Venedig, Händler hofften auf gute Geschäfte, junge Adelige machten auf ihrer Grand Tour dort Station, Künstler fuhren zu Studienzwecken in die Lagunenstadt und die modernen Touristen werden durch die besondere Atmosphäre der Stadt sowie durch Kunstausstellungen und Filmfestspiele angelockt.
In seiner sehr anschaulichen und kompakten Studie Deutsche in Venedig. Von den Kaisern des Mittelalters bis zu Thomas Mann zeichnet Klaus Bergdolt, Professor für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln sowie einstiger Direktor des Deutschen Studienzentrums in Venedig, chronologisch die Verbindung zwischen den Deutschen und der Lagunenstadt von den Anfängen bis in die 1930er Jahre nach. Der Autor schließt damit eine Forschungslücke, da sich bisher niemand diesem komplexen Thema in dieser Ausführlichkeit angenommen hat. Als Deutsche versteht er die "deutschsprachige[n] Bewohner der Länder des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" und unterscheidet deswegen nicht zwischen Deutschen und Österreichern (S. 8).

Bergdolt widmet den verschiedensten Personen(gruppen), die die Lagunenstadt aufgesucht haben, je ein kurzes, aber das Wesentliche enthaltende Kapitel. Durch die chronologische Anordnung der Kapitel skizziert der Autor die venezianische Geschichte und wie sich der Blick der Besucher auf Venedig epochenabhängig wandelt. Er beginnt bei den Kaisern im Mittelalter, allen voran Kaiser Otto III., der im April 1001 bei Doge Pietro II. Orseolo zu Gast war (S. 16 ff.). Im Anschluss daran kommt er zu den Pilgern, die sich für Kirchen, Reliquien und Prozessionen interessierten, während die Bildungsreisenden mehr Wert auf Kunstschätze und Sammlungen legten.
Einschneidend ist der Untergang der Republik Venedig 1797. Dieser "erwies sich […] als Voraussetzung für die neue literarische Rolle der Stadt, die durch das Subjektive geprägt war, ihre ästhetische Dynamik aber aus der Vergangenheit erhielt" (S. 178). Einen neuen Platz in der Welt schuf sich die einstige Seerepublik ab 1895 als Stadt der international ausgerichteten Kunstbiennale, bei der auch deutsche und österreichische Künstler wie Kokoschka, Liebermann, Beckmann oder Pechstein ihre Werke präsentierten (vgl. S. 259, 262). Den Schlusspunkt seiner Studie setzt Bergdolt bewusst in den 1930er Jahren, weil Venedig spätestens zu diesem Zeitpunkt mit dem zunehmenden Tourismus, der schon vor dem Ersten Weltkrieg einsetzte, zum "Massenprodukt" wird (S. 272). Die Gegenwart thematisiert der Autor nicht, weil diese seiner Meinung nach genügend Stoff für eine weitere Untersuchung unter anderen Aspekten böte, beispielsweise das "Engagement und [die] Sorge [der Deutschen] um den Erhalt des venezianischen Kulturguts" (S. 273).

Mit viel Geschick führt Bergdolt aus, wie sich Deutsche und Venezianer gegenseitig wichtige Impulse gaben. So wurde der Buchdruck von Johann Speyer in Venedig eingeführt und bis ins 15. Jahrhundert waren Deutsche in dieser Technik marktführend, bevor Venezianer die Druckereien übernahmen (vgl. S. 35 ff.). Deutsche Maler wiederum reisten in die Lagunenstadt, um sich fortzubilden. Albrecht Dürer wäre "[o]hne die Aufenthalte am Rialto […] kaum in den Olymp der bedeutendsten europäischen Maler aufgerückt" (S. 45). Auch deutsche Komponisten reisten zur Inspiration dorthin. Georg Friedrich Händel weilte 1709 in der Lagunenstadt, seine Violinkonzerte sind von Vivaldi beeinflusst (vgl. S. 76).
In seiner Aufzählung blendet der Autor die weniger rühmlichen Kapitel der deutsch-venezianischen Beziehungen nicht aus und erklärt, dass im 17. Jahrhundert Tausende deutsche Söldner von ihren Landesvätern an Venedig verkauft wurden und im Krieg den Tod fanden. Württembergische, hannoversche und hessische Regimenter belagerten zum Beispiel 1688 Negroponte (Euböa) im Kampf gegen die Osmanen. "Von den 1300 Soldaten eines hannoverschen Regiments kamen nur 80 in die Heimat zurück!" (S. 114 f.).

Dieser sehr komplexe Stoff muss unweigerlich gestrafft werden, so dass dem Autor oft nichts anderes übrig bleibt als die Namen der Venedigreisenden nur aufzuzählen. Bei genaueren Ausführungen wäre der vorliegende Band zu umfangreich geworden. Hervorhebenswert ist, dass Bergdolt sich nicht nur auf allseits bekannte Deutsche in Venedig beschränkt, sondern auch Persönlichkeiten anführt, die bei der Mehrheit der Leser längst in Vergessenheit geraten sein dürften, beispielsweise Herzog Ludwig von Anhalt-Köthen oder der Dichter Graf Moritz von Strachwitz (vgl. S. 107, 198).
Aufgelockert wird der gut lesbare Text durch farblich und typographisch abgesetzte Zitate aus Briefen, Chroniken, Tagebuchaufzeichnungen, Gedichten und Sonetten der deutschsprachigen Venedigreisenden, wodurch der Leser an ihren Eindrücken und Erlebnissen Teil hat, zumal die ausgewählten Texte vielfach für sich sprechen. Optisch hätte der Band mehr gewonnen, wenn Abbildungen der wichtigsten Venedigbesucher hinzugefügt worden wären, was für eine mögliche zweite Auflage anzudenken wäre.

Alles in allem gelingt es Bergdolt hervorragend, mit seiner Studie der Komplexität des Themas sowie den Ansprüchen des Fachpublikums gerecht zu werden. Dabei bleibt der Text auch für interessierte Laien und Venedigreisende lesenswert.


Bergdolt, Klaus: Deutsche in Venedig. Von den Kaisern des Mittelalters bis zu Thomas Mann. Darmstadt: Primus, 2011. 304 S., Flexcover, 24,90 Euro. ISBN 978-3-89678-738-5


Inhaltsverzeichnis


Vorwort - Geschichte einer Begegnung     7

Venedig - Ein deutscher Erinnerungsort     9
Kaiser, Bischöfe, Ordensritter - Das mittelalterliche Vorspiel     16
Der Fondaco und sein Umfeld - Deutsche Kaufleute am Rialto     25
Intellektuelle Unternehmer - Die deutschen Buchdrucker     35
"Hier ein Herr, dort ein Schmarotzer" - Dürer in Venedig     39
Das Tor nach Osten - Pilger und Heilig-Land-Reisende     46
Die venezianische Schulung - Maler und Bildhauer aus dem Norden     59
"Abzuzeichnen und zu beschreiben" - Architekten und Ingenieure     67
"Das neue Paradies" - Musiker und Komponisten     74
Geistige Begegnungen - Humanisten und Gelehrte     84
Luther am Rialto? - Deutsche Protestanten     98
Die Kavalierstour - Fürsten und Adlige vom 15. bis 17. Jahrhundert     104
Condottieri und einfache Soldaten - Deutsche in venezianischen Heeren     112
Adlige und Kaufleute als Sammler - Deutsche Bildergalerien     117
Tanz am Abgrund - Venedig und die Grand Tour des 18. Jahrhunderts     122
Aufklärung und Reaktion - Deutsche Philosophen und Literaten am Rialto     136
"Gesehen, gelesen, gedacht, gedichtet" - Goethe im "Wassernest"     154
Nach dem Fall der Republik - Österreichs Venedig     165
Träumer, Dichter, Künstler - Die Hauptstadt der Nostalgie     178
"Rom hat Zeit" - Das Atelier Venedig     200
"Meine kleine Promenade" - Richard Wagner und Venedig     208
"Du Augen-Wunderweide!" - Nietzsche in Venedig     214
"Übergang ins Traumreich" - Intellektuelle Besucher     219
Die neue Epoche - Tourismus und Villeggiatura um 1900     243
Nicht nur die Novelle - Thomas Mann und Venedig     251
Neue Rollen - Der Anfang der Biennale und der Filmfestspiele     259
Feinde und Touristen - Der Erste Weltkrieg und die Folgen     266

Nachwort     272
Anmerkungen     275
Literatur     277
Personenregister     291


Veni etiam: Venice and the Germans

Noblemen, pilgrims, artists, intellectuals, merchants, and tourists from the German-speaking countries have been drawn to Venice for more than a thousand years. In a study well worth the reading, historian Klaus Bergdolt describes the various relations between the city of canals, Germans, and Austrians, 'from Medieval Emperors to Thomas Mann.' His study is based on a large assembly of letters, chronicles, diaries, and literary excerpts which, taken together, allow the reader to share the personal experience of the travellers to Venice.


© bei der Autorin und bei KULT_online