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»Totgesagte leben länger« – ein Plädoyer für den Historischen Materialismus

Eine Rezension von Julian Mühlbauer

Wood, Ellen Meiksins: Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus. Köln/Karlsruhe: Neuer ISP Verlag, 2010.

Mit Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus brachte der Neue ISP Verlag 15 Jahre nach Erscheinen der englischen Originalausgabe ein Buch auf den deutschen Markt, das sich gegen den Zeitgeist auflehnt. Es legt Aufsätze der marxistischen Autorin Ellen Meiksins Wood erstmals in deutscher Sprache vor und will die Debatte über Spezifika des Kapitalismus und die Grundlagen der historisch-materialistischen Theorie unter Befürwortern und Gegnern des Marxismus wie auch innerhalb der Linken befruchten. Der Band ist eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen und der bürgerlichen, aber auch der marxistischen Historiographie. Eine Gesamtschau oder Einführung in den Historischen Materialismus ist er indes nicht. Die "Erneuerung des historischen Materialismus" wird zwar sicherlich weiterer Bücher bedürfen, aber dieses trägt zur Diskussion bei.


"Totgesagte leben länger" – unter diesem Motto scheint das Buch Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus von Ellen Meiksins Wood zu stehen, welches sich unter anderem die Rehabilitierung des Historischen Materialismus (HistoMat) als ernstzunehmender geschichtswissenschaftlicher Zugang zum Ziel gesetzt hat und 15 Jahre nach Erscheinen der englischen Erstausgabe auch in deutscher Sprache publiziert wurde. Auf 304 Seiten führt die Autorin ihr Plädoyer aus, die Verbannung der marxistischen Theorie auf den Scheiterhaufen der Geschichte zu revidieren und den HistoMat in neuem Licht zu betrachten. Der Versuch ist kühn, die aufgeworfenen Gedanken sind aber durchaus beachtenswert.

Eigentlich ist es über zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des 'realexistierenden Sozialismus' nicht verwunderlich, dass sich die verbliebenen VertreterInnen der marxistischen Geschichtsphilosophie auch in Deutschland wieder zu Wort melden – wie in diesem Fall der Neue ISP Verlag, welcher durch die Publikation des Buches hofft, in Zeiten "einer Belebung der marxistischen Diskussion […] die neuen Bedürfnisse nach Theorie und Geschichte zu befruchten" (S. 9). Zwar waren Schadenfreude bei den einen und Desillusionierung bei den anderen groß, als sich das 'sowjetische Experiment' als gescheitert zeigte, und die allgemein vorherrschende Einschätzung hielt den HistoMat für begraben. Offen blieb jedoch, ob eine Theorie, die die Bismarck'schen Sozialistengesetze ebenso überlebte wie den nationalsozialistischen Terror, überhaupt so einfach aus dem Lehrbuch historischer Theorien und Methoden zu verbannen ist. Immerhin hat der Marx'sche Materialismus die Wissenschaften über 150 Jahre nachhaltig beeinflusst.

Wood setzte sich bereits in früheren Buchpublikationen mit der Geschichte des Kapitalismus auseinander und war lange Herausgeberin der US-amerikanischen Zeitschrift Monthly Review, in deren erster Nummer schon Albert Einstein seinen berühmten Aufsatz "Why Socialism?" veröffentlicht hatte.
Bei Demokratie contra Kapitalismus handelt es sich um eine Sammlung von Essays der Autorin aus den Jahren 1981 bis 1994, welche durch Einleitung und Zusammenfassung eingerahmt und kontextualisiert in neun Kapiteln die marxistische Geschichtstheorie aus der Perspektive der Kritik des Kapitalismus betrachten. Eine "finale Krise des Marxismus" (S. 11) will die Autorin aus dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht ableiten, vielmehr erkennt sie in ihm "im Zeitalter des kapitalistischen Triumphalismus" (ebd.) neue Wege der aus der Mode geratenen Kapitalismuskritik. Im HistoMat sieht sie dafür die beste Grundlage, wenn sie auch einräumt, dass dieser zunächst auf die Höhe der Zeit gehoben werden müsse. So plädiert sie für einen "kritischen Marxismus" und weist die "stalinistische Orthodoxie" ebenso zurück, wie sie sich gegen eine "ahistorische, metaphysische Tradition des Marxismus" (S. 18) wendet. Der von ihr vertretene Standpunkt lautet, dass der HistoMat weder "technologischer Determinismus" ist noch in seinen Ursprüngen war und "dass seine Stärke nicht in irgendeiner linearen Geschichtskonzeption liegt, sondern im Gegenteil in einer außergewöhnlichen Sensibilität gegenüber historischen Besonderheiten" (S. 127).

Der erste Teil des Buches arbeitet die Besonderheiten des Kapitalismus gegenüber früheren Ordnungssystemen heraus und zeichnet seinen Entstehungsprozess nach. Hier diskutiert Wood nicht nur Begriffe wie 'bürgerliche Gesellschaft', 'Moderne' und 'Klasse', sondern nimmt auch Bezug auf Max Weber und unterzieht die Theorien L. Althussers und des britischen Historikers E. P. Thompson einer gründlichen Kritik. Sie stellt die Basis-Überbau-Konzeption des klassischen Marxismus in Frage und kritisiert jene "teleologischen" Richtungen, die einem "technologischen Determinismus" (ebd.) folgend, Vorläufer des Kapitalismus bereits in allen früheren Epochen sehen wollen. Auch lehnt sie die Vorstellung einer von den Widersprüchen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen angetriebenen historischen Entwicklung ab, was ihr zufolge nur für den Kapitalismus zutreffend ist.

Der zweite Teil widmet sich der historischen Entwicklung der 'Demokratie', wobei Wood antike Demokratievorstellungen mit der bürgerlichen Demokratie vergleicht und liberale Vorstellungen von 'Zivilgesellschaft' im Kontext des Kapitalismus diskutiert. Scharf zurückgewiesen wird die Tendenz, die Qualität von Demokratien an der Ausweitung des 'freien Marktes' zu messen. Das Buch kommt zu dem Schluss, "dass ein humaner, 'sozialer', wirklich demokratischer und gerechter Kapitalismus unrealistischer und utopischer ist als der Sozialismus" (S. 295).
Der Kapitalismuskritik der Linken wirft Wood vor, "den Kapitalismus begrifflich aufzulösen" (S. 241), was etwa in der Berufung auf das "strapazierfähige" Konzept der "Zivilgesellschaft" zum Ausdruck komme (vgl. ebd.), die häufig nichts anderes sei, als eine Ausrede für den politischen Rückzug. Anstatt sich auf ausgewählten Feldern gesellschaftlicher Auseinandersetzung ("Geschlechteremanzipation, Antirassismus, Frieden, ökologische Gesundheit", S. 267) abzuarbeiten, rät sie dazu, wieder "ins Herz der kapitalistischen Gesellschaft" (ebd.), zu den ökonomischen Fragen und zur Klassenemanzipation vorzudringen.

Was das Buch von Ellen Meiksins Wood nicht liefert, ist eine Einführung in den Historischen Materialismus. Diesen in der Fachwelt wieder en vogue zu machen und zurück in die Arena der geschichtswissenschaftlichen Theoriedebatte zu holen, dürfte ebenso schwierig sein, wie ihn in der (deutschen) Linken wieder zu etablieren, die dem Marxismus weitestgehend abgeschworen und sich längst auf eben jene 'postmodernen Inseln' zurückgezogen hat, welche Wood kritisiert. Dass zum Verständnis mancher Beiträge solide Vorkenntnisse vorausgesetzt werden, erschwert das Unterfangen zusätzlich.
Nichtsdestotrotz ist Demokratie contra Kapitalismus eine lohnenswerte Lektüre für alle, die sich für Wissenschaftstheorien interessieren und Ansätze jenseits von Herrschergeschichtsschreibung oder Antworten auf die Ursachen der kapitalistischen Krise unserer Zeit suchen.


Wood, Ellen Meiksins: Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus. Aus dem Englischen von Ingrid Scherf und Christoph Jünke. Köln: Neuer ISP Verlag, 2010. 304 S., broschiert, 29,80 Euro. ISBN: 978-3-89900-123-5


Inhaltsvereichnis

Vorbemerkung des Verlages 7
Einleitung 11

Teil I: Historischer Materialismus und Eigenart des Kapitalismus
1. Die Trennung von Ökonomie und Politik im Kapitalismus 29
Ökonomische und politische "Faktoren" 30
Auf dem Weg zu einer theoretischen Alternative: "Basis" und "Überbau" überdenken 33
Das "Ökonomische" und das "Politische" im Kapitalismus 38
Der historische Differenzierungsprozess zwischen Klassenmacht und Staatsmacht 41
Feudalismus und Privateigentum 45
Kapitalismus als Privatisierung politischer Macht 48
Die Lokalisierung des Klassenkampfes 53

2. Basis und Überbau überdenken 57
Produktionsweisen und Gesellschaftsformationen 60
Historischer Materialismus versus Ökonomischer Determinismus 67
Basis und Überbau in der Geschichte 74

3. Klasse als Prozess und Verhältnis 83
Die strukturelle Klassendefinition: E. P. Thompson und seine Kritiker 85
Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse 90
"Objektive" Determinanten 94
Klasse als Verhältnis und Prozess 99
Die Politik der Theorie 106
Hegemonie und Substitutionismus 109

4. Geschichte oder technologischer Determinismus? 113
Zwei marxistische Geschichtstheorien 115
An der Frage der Geschichte vorbei argumentiert 118
Eine allgemeine Theorie historischer Besonderheit 122
Braucht der Marxismus eine lineare Geschichtssauffassung? 126
Geschichtliche Universalität oder Besonderheit des Kapitalismus? 129
"Widerspruch" und Entwicklung der Produktivkräfte 132
Der spezifische Widerspruch des Kapitalismus: Geschichte versus Teleologie 139
Geschichte und "Notwendigkeit" des Sozialismus 144

5. Geschichte oder Teleologie? Marx oder Weber 151
Fortschritt und Aufstieg des Kapitalismus 151
Weber über Arbeit und den Geist des Kapitalismus: Die Vermengung von Produktion und Tausch 158
Die Stadt als Zentrum von Konsumtion oder Produktion 163
Der Aufstieg des modernen Kapitalismus 168
Das "ökonomische Handeln" und die "rein ökonomische" Definition des Kapitalismus 171
Webers Methode: Multikausalität oder tautologischer Umkehrschluss? 177
Geschichte, Fortschritt und Emanzipation 179

Teil II: Demokratie contra Kapitalismus
6. Arbeit und Demokratie in Antike und Moderne 185
Die Dialektik von Freiheit und Sklaverei 186
Herrschende und Produzenten 191
Piaton versus Protagoras über Herrschende und Produzenten 196
Die Verdrängung der freien Arbeit 198
Arbeit und "Geist des Kapitalismus" 202
Antike und moderne Arbeit, antike und moderne Demokratie 204

7. Demos oder "Wir, das Volk": Von antiken zu modernen Bürgerschaftskonzepten 207
Kapitalismus und demokratische Staatsbürgerschaft 210
Die amerikanische Neudefinition der Demokratie 215
Ein "Volk" ohne sozialen Gehalt 220
Von der Demokratie zum Liberalismus 228
Liberale Demokratie und Kapitalismus 235

8. Zivilgesellschaft und Identitätspolitik 241
Die Idee der Zivilgesellschaft: ein kurzer historischer Abriss 242
Der neue Kult der Zivilgesellschaft 244
Kapitalismus, "formale Demokratie" und die Besonderheit des Westens 250
"Zivilgesellschaft" und Entwertung der Demokratie 255
Der neue Pluralismus und die Identitätspolitik 259

9. Kapitalismus und menschliche Emanzipation: Ethnische Herkunft, Geschlecht und Demokratie 267
Kapitalismus und "außerökonomische" Güter 268
Ethnische Herkunft und Geschlecht 270
Der Kapitalismus und die Entwertung politischer Güter 274
Die Stellung der Frau 279
Der Kapitalismus und das Verschwinden des Bereichs des Außerökonomischen 282

Zusammenfassung 287
Nachwort zur deutschen Ausgabe 297
Personenregister 303


»There's life in the old dog yet« – A Plea for Historical Materialism

With the German translation of Democracy against Capitalism: Renewing Historical Materialism, New ISP has released a book onto the German market which rebels against the spirit of the times. Fifteen years after their publication in English, this collection of articles by Marxist author Ellen Meiksins Wood is aimed at a fertilization of the debate on the characteristics of capitalism and the principles of historical materialism between advocates and opponents of Marxism as well as among members of the sociopolitical Left. The volume is a criticism of the current circumstances and the bourgeois, but also of the Marxist historiography; it is not, however, an overview of or an introduction to historical materialism. Even though "renewing historical materialism" undoubtedly requires further publications, this one surely contributes to the discussion.


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