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Neue Wege der Bioarchäologie

Eine Rezension von Jan Schneider

Agarwal, Sabrina C.; Glencross, Bonnie A. (Hg.): Social Bioarchaeology. San Francisco/Toronto/West Sussex: John Wiley & Sons, 2011.

Der Sammelband Social Bioarchaelogy bietet mit seinen 15 Beiträgen ein breites Spektrum von interdisziplinären Fallbeispielen aus der bioarchäologischen Forschung. Die unter anderem aus Amerika, England, Australien und Neuseeland stammenden Autorinnen und Autoren stellen Studien aus aller Welt sowie den verschiedensten Epochen vor. Die Beiträge liefern Untersuchungen von frühen Kulturen aus Bahrain, über das römische Italien und das mittelalterliche England bis hin zur Kolonialzeit in Nordamerika. Trotz ihrer verschiedenen Schwerpunkte und unterschiedlichen Methoden, gelingt es allen Aufsätzen, dem Leser neue Wege einer sozialen Bioarchäologie zu eröffnen.


Der vorliegende Band, herausgegeben von Sabrina Agarwal und Bonnie Glencross, ist 2011 in der Reihe "Blackwell Studies in Global Archaeology" erschienen. Bereits ein Blick in die Übersicht der Autorinnen und Autoren des Bandes verdeutlicht den Anspruch einer interdisziplinären Ausrichtung. Die Herkunft der Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen der Archäologie und Anthropologie ermöglicht unterschiedliche Methoden und Perspektiven im gemeinsamen Forschungsfeld. An den Forschungssitzen in allen Teilen der Welt zeigt sich auch die internationale Ausrichtung des Sammelbands. Die beiden Herausgeberinnen machen schon in der Einleitung "Building a Social Bioarchaelogy" deutlich, worum es ihnen geht. Das menschliche Skelett sollte ihnen zufolge nicht nur als unbelebter Überrest eines Menschen betrachtet werden, sondern als Zeugnis menschlicher Erfahrungen und Erlebnisse innerhalb eines Lebens. Damit beschreiben sie gleichzeitig den Weg der Bioarchäologie, die sich aus der Anthropologie entwickelte. Die Weiterentwicklung von einer rein medizinischen Aufnahme menschlicher Überreste hin zur Berücksichtigung der Fundumstände führte in den letzten Jahrzehnten zur Entstehung der Bioarchäologie, die sich auch um die Deutung der Interaktionen von Mensch und Umwelt bemüht.

Der erste Abschnitt des Bandes "Materials and Meaning: The Nature of Skeletal Samples" ist im Besonderen der Herkunft der Fachrichtung und ihrem Umgang mit dem Quellenmaterial gewidmet. Der Aufsatz "Partnerships, Pitfalls, and Ethical Concerns in International Bioarchaeology" legt neben den fachlichen Hinweisen zur Bedeutung von Interdisziplinarität in der Bioarchäologie besonderen Wert auf den Umgang von Wissenschaftlern miteinander, aber auch mit einheimischen Bevölkerungen und der eigenen Informationspolitik. So weisen die Autorinnen darauf hin, wie wichtig eine ethische Auseinandersetzung mit den Problemen der Erforschung menschlicher Überreste ist. Die Untersuchung von Skeletten kann bei Gesellschaften mit ausgeprägtem Ahnenkult schnell als Störung der Totenruhe gedeutet werden. Die intensive Beschäftigung mit anderen Kulturen und ein respektvoller Umgang mit deren Ansichten sind für den Bioarchäologen daher unerlässlich. Am Beispiel von Peru belegen Bethany Turner und Valerie Andrushko wie interdisziplinär und international zusammengearbeitet werden kann und zugleich die einheimische Bevölkerung mit einbezogen werden sollte. Sie berichten jedoch auch von Missverständnissen und Problemen, die bei solchen Arbeiten entstehen können und beweisen damit, wie wichtig ein sensibler Umgang zwischen allen Beteiligten eines Forschungsprojektes ist.

Im zweiten Teil des Bandes steht die soziale Identität im Vordergrund. Autumn Barrett und  Michael Blakey zeigen hier z.B. mit ihrer Untersuchung des kolonialzeitlichen Friedhofs in New York, welche Hinweise auf Sklaverei und deren Auswirkungen eine Untersuchung der menschlichen Überreste liefert. Es ist ihnen beispielsweise möglich, die Herkunft einiger Individuen zu ermitteln und damit zu rekonstruieren, dass die Sklaven in New York vorrangig aus Westafrika stammten. Ihre Forschung belegt weiterhin, dass diejenigen die zum Zeitpunkt des Todes bereits das Erwachsenenalter erreicht hatten, in den allermeisten Fällen noch in Afrika geboren worden waren. Kinder von Sklaven, die in New York zur Welt kamen, überlebten meist das Kleinkindalter nicht. Es lässt sich ermitteln, dass der Großteil der dort begrabenen Sklaven im Jugendalter aus Afrika entführt und in die Vereinigten Staaten verschleppt worden waren. 

Der dritte Themenkomplex des Sammelbandes "Growth and Aging: The Life Course of Health and Disease" ist im Wesentlichen durch Forschungen an Kinderskeletten geprägt, deren Relevanz für die Rekonstruktion der Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen hervorgehoben wird. Sabrina Agarwal und Patrick Beauchesne beschäftigen sich in ihrem Beitrag etwa mit der Veränderlichkeit des menschlichen Skeletts. Sie legen dar, dass die Grundlagen des Körperbaus zwar durch genetische Voraussetzungen, Alter und Geschlecht vorgegeben werden, die Ausnutzung dieser Vorgaben jedoch stark von äußeren Einflüssen abhängt. Das Skelett selbst ist kein unveränderliches Objekt, es passt sich den Gegebenheiten im Laufe des Lebens immer wieder an. Verschiedene Studien belegen beispielsweise fortschreitende Veränderungen im Körperbau von Migranten verschiedener Generationen, die sich ihrem neuen Umfeld anpassten. Gleichzeitig konnten jedoch kleine Unterschiede im Körperbau verschiedener Stämme nachgewiesen werden, deren Lebensraum zwar derselbe ist, deren Kulturen sich aber leicht voneinander unterscheiden. Damit wird deutlich, dass der Aufbau eines gefundenen Skeletts für die Bioarchäologie viele Möglichkeiten bietet, die Lebensumstände eines Verstorbenen und dessen Entwicklung nachzuvollziehen und gegebenenfalls auf größere Gruppen zu übertragen.

Neben der interdisziplinären und internationalen Zusammensetzung der Autoren überschreitet die Auswahl der Fallbeispiele ebenfalls nicht nur fachliche, sondern auch geographische Grenzen und belegt die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten bioarchäologischer Konzepte. Die vorgestellten Möglichkeiten neuer Wege der Bioarchäologie hin zu einer stärkeren Verbindung mit sozialwissenschaftlichen Untersuchungen werden durch die vorgelegten Aufsätze überzeugend aufgezeigt.


Agarwal, Sabrina C.; Glencross, Bonnie A. (Hg.): Social Bioarchaeology. San Francisco/Toronto/West Sussex: John Wiley & Sons, 2011. 472 S., broschiert, 32,99 Euro. ISBN: 9781444337679


Inhaltsverzeichnis


List of Tables and Figures…VII

Notes on Contributors…XIV

Series Editors' Preface…XX

1 Building a Social Bioarchaeology…1
Sabrina C. Agarwal and Bonnie A. Glencross

Part I  Materials and Meaning: The Nature of Skeletal Samples…13

2 The Origins of Biocultural Dimensions in Bioarchaeology…15
Molly K. Zuckerman and George J. Armelagos

3 Partnerships, Pitfalls, and Ethical Concerns in International Bioarchaeology…44
Bethany L. Turner and Valerie A. Andrushko

4 The Formation of Mortuary Deposits: Implications for Understanding Mortuary Behavior of Past Populations…68
Estella Weiss-Krejci

5 Representativeness and Bias in Archaeological Skeletal Samples…107
Mary Jackes

Part II  Social Identity: Bioarchaeology of Sex, Gender, Ethnicity, and Disability…147

6 Sex and Gender in Bioarchaeological Research: Theory, Method, and Interpretation…149
Sandra E. Hollimon

7 Population Migration, Variation, and Identity: An Islamic Population in Iberia…183
Sonia Zakrzewski

8 Life Histories of Enslaved Africans in Colonial New York: A Bioarchaeological Study of the New York African Burial Ground...212
Autumn R. Barrett and Michael L. Blakey

9 The Bioarchaeology of Leprosy and Tuberculosis: A Comparative Study of Perceptions, Stigma, Diagnosis, and Treatment…252
Charlotte Roberts

Part III  Growth and Aging: The Life Course of Health and Disease…283

10 Towards a Social Bioarchaeology of Age…285
Joanna Sofaer

11 It is Not Carved in Bone: Development and Plasticity of the Aged Skeleton…312
Sabrina C. Agarwal and Patrick Beauchesne

12 The Bioarchaeological Investigation of Children and Childhood…333
Sian E. Halcrow and Nancy Tayles
 
13 Moving from the Canary in the Coalmine: Modeling Childhood in Bahrain…361
Judith Littleton

14 Skeletal Injury Across the Life Course: Towards Understanding Social Agency…390
Bonnie A. Glencross

15 Diet and Dental Health through the Life Course in Roman Italy…410
Tracy L. Prowse

Index…438


New Paths in Bioarchaeology

The book Social Bioarchaeology provides 15 texts with a wide range of interdisciplinary examples of bioarchaeological research. The authors come from the United States, England, Australia, and New Zealand and present studies from all over the world as well as from different epochs. These analyses reach from early cultures of Bahrain, to Roman Italy and medieval England, and on to the colonial era in North America. Despite these different foci and methods, all successfully show new paths in social bioarchaeology.


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