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Homophobie als Strategie. Nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung und heutiges Gedenken aus genderkritischer Perspektive

Eine Rezension von Imke Girßmann (Oldenburg)

Eschebach, Insa (Hg.): Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, 2012.

Die Beiträge des interdisziplinären Sammelbandes Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus befassen sich mit der Rekonstruktion nationalsozialistischer Homosexuellenverfolgung, wie sie Männer und Frauen auf unterschiedliche Weise betraf. Außerdem geht es um die schwierige Entwicklung des Opfer-Gedenkens, wobei gleichzeitig retrospektive homophobe Stigmatisierungen in den Blick genommen werden. Dabei liefern die Autor/innen aus Geschichtswissenschaft, Soziologie und Kunstwissenschaft Einblicke in jüngste Forschungen zur Verfolgungspolitik und gehen dem Mythos vom 'schwulen Nazi' als verbreitetes Erklärungsmoment des Faschismus nach. Überlegungen zum Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen und Kontextualisierungen der diesbezüglichen Debatten schlagen den Bogen zu aktuellen Problemen eines symbolischen Gedenkens verfolgter Homosexueller, bei denen es auch um die Frage nach geschlechtlichen Repräsentationen geht.


Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, 2008 als 'nationales Denkmal' in der Hauptstadt Berlin eingeweiht, wurde während seines Entstehungsprozesses kontrovers diskutiert. Bis heute ist es vor allem die Geschlechterdebatte, die weiterhin die Gemüter erhitzt: Ist es trotz einer differierenden Verfolgungsgeschichte angemessen, lesbische Frauen im Denkmal ebenso zu repräsentieren wie schwule Männer? Bei näherem Hinsehen wird klar, dass diese Frage nicht losgelöst von Analysen tradierter und im speziellen nationalsozialistischer Geschlechter- und Sexualpolitik betrachtet werden kann. Ebenso wenig lässt sie sich vom Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung nach 1945 und auf aktuelle (identitäts-)politische Interessen trennen.
Diesen Herausforderungen nahm sich ein wissenschaftlicher Workshop der Gedenkstätte Ravensbrück im Herbst 2010 an, aus dem der vorliegende interdisziplinäre Sammelband unter der Herausgeberschaft von Insa Eschebach hervorgegangen ist.

Den ersten Teil Devianz, Homosexualität und Nationalsozialismus eröffnet Susanne zur Nieden mit einem Aufsatz, in dem sie der Entwicklung eines radikalen homophoben Konsens, mit dem gleichgeschlechtliche Beziehungen (unter Männern) als staatsgefährdendes Phänomen bekämpft werden konnten, nachgeht.
Dann widmen sich Claudia Schoppmann und Jens Dobler in ihren Beiträgen der Lage lesbischer Frauen während des Nationalsozialismus – wobei Schoppmann mit der wichtigen Anmerkung, dass "die Betroffenen" sich im "heutigen Sinn" (S. 37) möglicherweise selbst nicht unbedingt so bezeichnet hätten, auf eine Problematik historischer biografischer Forschung verweist, die Dobler so nicht mit einbezieht.
Dobler erklärt verständlich die strafrechtlichen Fakten, deren Entwicklung und Begrifflichkeiten ('Unzucht', 'Kuppelei') wie auch Widersprüche. Schoppman erläutert, dass Rufe nach Strafbarkeit weiblicher Homosexualität mit den Argumenten 'pseudohomosexuell' und 'kurierbar' (S. 38) oder Verweisen auf eine geringere "soziale Schädlichkeit im öffentlichen Leben" (S. 39) zum Schweigen gebracht wurden. Das unterschiedliche Vorgehen der Nationalsozialisten gegenüber Schwulen und Lesben ist demnach auf "unterschiedliche Beurteilungen von weiblicher und männlicher Sexualität und auf die Geschlechterhierarchie im 'Dritten Reich' zurückzuführen" (S. 41) – eine grundlegende Erkenntnis, in der sich die meisten Autor/innen des Bandes einig sind.
Nicht verboten hieß jedoch nicht automatisch erlaubt, wie Dobler verdeutlicht. Beide Beiträge beschreiben, wie im Zuge "Vorbeugende[r] Verbrechensbekämpfung" (Schoppmann, S. 48) und mit dem Bezug auf die "öffentliche Sittlichkeit" (Dobler, S. 56) Registrierungen und auch Verhaftungen – oft aufgrund von Denunziationen aus der Bevölkerung – möglich waren.

Im zweiten Teil, Homophobie und Homosexualität in den Lagern, illustriert Schoppmann diesen Befund mit vier sorgsam recherchierten Porträts verfolgter Frauen. Insa Eschebach und Alexander Zinn untersuchen in ihren Beiträgen Homosexualität und Homophobie in den Häftlingsgesellschaften der Konzentrationslager. Beide diagnostizieren homophobe Stigmatisierungen als Distinktionsstrategie. Während Zinn in erster Linie die prekäre Situation homosexueller männlicher Häftlinge rekonstruiert, geht es Eschebach mehr noch um das Wie der retrospektiven Darstellung. Anhand von Erinnerungsberichten Überlebender zeigt sie in diskursanalytischer Herangehensweise wiederkehrende Topoi der Darstellung weiblicher Homosexualität im Lager, wie "Epidemie", "Kompensation" und "Ausdruck moralischer Verwerfung" (S. 69). Dabei wird klar: Auch Zeugenberichte unterliegen "sprachliche[n] und kulturelle[n] Deutungsmustern" (S. 67). Die gesellschaftlich tradierte homophobe Stigmatisierung lesbischer Liebe dient, so Eschebach, im Kontext der Lagergemeinschaft vor allem als Zuschreibungen für andere Gruppen ('Kriminelle', 'Politische', oder in der nationalen Variante auch deutsche Funktionshäftlinge) – und somit der "Betonung eigener moralischer Überlegenheit" (S. 69).

Neben zwei Beiträgen, in denen Thomas Rahe und Insa Eschebach aus ihren Perspektiven als Gedenkstättenleiter/in die Herausforderungen für die Vermittlung des Gedenkens homosexueller Verfolgter an den Stätten der ehemaligen Konzentrationslager verdeutlichen, greift Klaus Müller im dritten Teil – Erinnerungsgeschichte, Kontroversen und die Praxis des Gedenkens – den Mythos des 'schwulen Nazis' auf. Dessen Genese beschreiben Susanne zur Nieden und Alexander Zinn bereits anschaulich in ihren vorausgehenden Beiträgen; Müller diagnostiziert ihn als ein Phänomen, das trotz "der Homosexuellen-Verfolgung mit deutlich öffentliche[m] Charakter" (S. 116) nach 1945 zu einem "selten hinterfragten Erklärungselement" (S. 117) des Nationalsozialismus wurde. Die Frage nach dem Warum beantwortet Müller damit, dass er "wie alle Mythen" (ebd.) ein Bedürfnis bediene, das hier meint: den Nationalsozialismus als das "Verbrechen einiger weniger zu erklären, als Resultat einer korrupten und sadistischen Elite" (ebd.). Noch heute, bezieht Müller klar Position, verharmlose das Stereotyp, das auch Eingang in visuelle Populärkultur fand, die Verfolgung, indem die Problematik einer "Umkehrung der Opfer- in Täterrollen" (S. 127) nicht erkannt werde.
Stefanie Endlich und Corinna Tomberger befassen sich in den abschließenden Beiträgen mit dem Berliner Denkmal für die verfolgten Homosexuellen des Nationalsozialismus und den begleitenden Debatten. Interessant ist der Blick auf den langen Entscheidungsprozess der Denkmalsetzung: Endlich verdeutlicht dabei die hohe Aufladung mit Erwartungen zum "integrativ[en]" (S. 186) Wirken des Kunstwerks im Kontext der neuen nationalen Denkmäler der Hauptstadt; Tomberger zeigt, dass die Denkmalinitiative erst durch die sukzessive Einschreibung in eine staatliche (rot-grüne) Gedenk- und vor allem auch Gleichstellungspolitik Erfolg haben konnte (vgl. S. 195).
Während das (allein männliche) Identifizierungsmoment und der starke Gegenwartsbezug des prämierten Entwurfs in Endlichs Beitrag nicht zur Debatte steht, kritisiert Tomberger das Denkmal als zu einfache "rhetorische und visuelle Ineinssetzung"   (S. 204) im Sinne einer unhinterfragten "Genealogie der Opfer" (S. 203).

Die Bündelung der unterschiedlichen Positionen ist eine Stärke des Bandes, verdeutlichen sie doch die differierenden Interpretationen von Verfolgung, Gedenken und Repräsentation, die auch den Debatten um das Denkmal zugrunde liegen, und regen damit weitere Fragen und Diskussionen an.
Ein kritischer Blick ist an manchen Stellen geboten, wenn einige wenige Autor/innen Gefahr laufen, selbst tradierten problematischen Deutungsmustern aufzusitzen oder sie zu perpetuieren: So hat es zum Beispiel den Anschein, dass Alexander Zinn Erzählungen von 'Not-Homosexualität' (S. 92) in Männer-Lagern und Berichte von brutalen Denunziationskämpfen um Lagerhierarchien weitestgehend unhinterfragt übernimmt (vgl. S. 90¬–92).

Insgesamt jedoch bietet der Band neben einem präzisen Einblick in den aktuellen Forschungsstand zur nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung eine sehr gute und differenzierte Analyse bis heute fortlaufender homophober Distinktions- und Externalisierungsmuster, die aufschlussreich auch das politisch linke Lager mit einbezieht (s. die Beiträge von zur Nieden, Zinn und Müller). Die Autor/innen schlagen einen gelungenen Bogen zu den Entwicklungen des Gedenkens und aktuellen Überlegungen zu künstlerischen Repräsentationen wie auch gesellschaftlichen und politischen Instrumentalisierungen. Deutlich wird darüber hinaus die hohe Relevanz der Einbeziehung der Kategorie Geschlecht in erinnerungsgeschichtliche und -politische Forschung. Eine Fortsetzung ist wünschenswert.


Eschebach, Insa (Hg.): Homophobie und Devianz. Weibliche und männliche Homosexualität im Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, 2012 (Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten; Band 6).  207 S., broschiert, 19 Euro. ISBN: 978-3-86331-066


Inhaltsverzeichnis

Grußwort von Gabriele Kämper  7

Insa Eschebach: Einleitung  11

I. Devianz, Homosexualität und Nationalsozialismus

Susanne zur Nieden: Der homosexuelle Staatsfeind. Zur Radikalisierung eines Feindbildes im NS  23

Claudia Schoppmann: Zwischen strafrechtlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ächtung: Lesbische Frauen im „Dritten Reich"  35

Jens Dobler: Unzucht und Kuppelei. Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus  53

II. Homophobie und Homosexualität in den Lagern

Insa Eschebach: Homophobie, Devianz und weibliche Homosexualität im Konzentrationslager Ravensbrück  65

Alexander Zinn: Homophobie und männliche Homosexualität in Konzentrationslagern. Zur Situation der Männer mit dem rosa Winkel  79

Claudia Schoppmann: Elsa Conrad – Margarete Rosenberg – Mary Pünjer – Henny Schermann. Vier Porträts  97

III. Erinnerungsgeschichte, Kontroversen und die Praxis des Gedenkens

Klaus Müller: Gedenken und Verachtung. Zum gesellschaftlichen Umgang mit der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung  115

Thomas Rahe: Das Gedenken an die homosexuellen Verfolgten an Orten ehemaliger Konzentrationslager in Deutschland. Genese, Voraussetzungen und Kontexte  139

Insa Eschebach: Die Frauen von Ravensbrück. Geschlechterbilder im Ravensbrück-Gedächtnis  149

Stefanie Endlich: Das Berliner Homosexuellen-Denkmal: Kontext, Erwartungen und die Debatte um den Videofilm  167

Corinna Tomberger: Das Berliner Homosexuellen-Denkmal: Ein Denkmal für Schwule und Lesben?  187

Autorinnen und Autoren  208


Homophobia as Strategy: Nazi Persecution of Homosexuals and Today's Commemoration from a Gender-related Point of View

This interdisciplinary volume deals with the historical research on the Nazi persecution of homosexuals and the different ways it regarded men and women. Authors writing in the disciplines of history, sociology, and art history take a closer look at the difficult process of commemoration as well as at retrospective homophobic stigmatization. The articles allow insight into current research on the persecution policies and analyse the myth of the 'gay Nazi', a still common explanation of Nazism. Considerations of the Berlin memorial to homosexuals persecuted under Nazism and its accompanying debates show today's problems of a symbolic commemoration, taking into account the question of gender-representation.


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