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Die transkulturelle Generationenrede: Ein Vergleich deutscher und französischer Autorengenerationen nach dem 1. Weltkrieg

Eine Rezension von Jutta Weingarten

Winter, Ralph: Generation als Strategie. Zwei Autorengruppen im literarischen Feld der 1920er Jahre. Ein deutsch-französischer Vergleich. Göttingen: Wallstein, 2012.

Mit Generation als Strategie legt der Literaturwissenschaftler Ralph Winter eine umfassende komparatistische Studie zweier vermeintlicher Autorengenerationen vor. Fokus ist die generationelle Selbstdeutung der beiden Gruppen: der französischen Inquiétude und der deutschen Nachkriegsgeneration. Indem er eingehend die Gemeinsamkeiten des generationellen Zusammenhangs und der öffentlichen generationellen Selbstthematisierung untersucht, zeigt Winter überzeugend, dass es sich bei der transkulturellen Generationenrede um eine Positionierungsstrategie handelt. Diese basiert zwar auf historischen, diskursiven und lebensweltlichen Gemeinsamkeiten, dient jedoch hauptsächlich der Etablierung der jungen Autoren als Schriftsteller. Durch die theoretische Verbindung der Generationenforschung mit Bourdieus Annahmen zum literarischen Feld gelingt es Winter, das Deutungsmuster Generation kritisch zu beleuchten und einen zentralen Beitrag zur Erforschung von Vergemeinschaftungsprozessen im literarischen Feld zu leisten. 


Die deutsche Nachkriegsgeneration um Klaus Mann und ihr französisches Gegenstück, die Inquiétude, sind zwei literarische Autorengruppen, deren Werke oft als durch die Erfahrung des ersten Weltkrieges geprägt interpretiert werden, an dem die Mitglieder der Gruppen jedoch wegen ihres jugendlichen Alters nicht teilnahmen. Beide Gruppierungen werden aufgrund ähnlicher Lebensläufe sowie Parallelen in den schriftstellerischen Werken als literarische Generationen konzipiert, wodurch die Ordnungs- und Differenzkategorie 'Generation' zu einem Deutungsmuster wird. Dieses Deutungsmuster kritisch zu hinterfragen und das generationelle Selbstverständnis sowie die Selbstthematisierung beider Gruppen als Generationen als Positionierungsstrategie zu 'entlarven' ist das bemerkenswerte Ergebnis der von Ralph Winter vorgelegten Studie.

Bei den untersuchten Autorengenerationen handelt es sich für die deutsche Gruppe neben der zentralen Figur Klaus Manns (1906-1949) um Erich Ebermayer (1900-1970), Willi Richard Fehse (1906-1977), Wolfgang Hellmert (1906-1934), Peter de Mendelssohn (1908-1982), Herbert Schlüter (1906-2004) und Wilhelm Emanuel Süskind (1901-1970). Die französische Gruppierung der Inquiétude, die in Anlehnung an die Autoren der Zeitschrift Les cahiers du mois konzipiert wird, setzt sich aus den Brüdern André (1900-1995) und François Berge (1897-1990), Maurice Betz (1898-1946), Marcel Arland (1899-1986), René Crevel (1900-1935) und Daniel-Rops (1901-1965) zusammen. Dass viele dieser Autoren und ihre Werke bereits großes wissenschaftliches Interesse genossen, weiß Ralph Winter für seine vergleichende Studie eines sozial- und kulturgeschichtlichen Gegenstandes (vgl. S. 37) geschickt zu nutzen und sich von bestehenden Untersuchungen sowohl theoretisch als auch methodisch abzugrenzen.

Der Autor bedient sich der Methoden der literaturwissenschaftlichen und (sozial-)historischen Komparatistik (vgl. S. 37-43), um die Fragen zu adressieren, "inwiefern das Generationskonzept vergemeinschaftend wirkt und in welchem Verhältnis es zum publizistischen und künstlerischen Schaffen des Einzelnen und der Gruppe zu denken ist" (S. 13) und vor allem, welche Funktion es für die Positionierung im literarischen Feld erfüllen kann. Mithilfe eines theoretischen Rahmens, der die Generationenforschung Karl Mannheims mit Pierre Bourdieus Überlegungen zum literarischen Feld verbindet (vgl. S. 14-36), gelingt es der Studie sehr plausibel darzulegen, inwiefern die Selbstbeschreibungen der beiden Gruppen als Generationsgemeinschaften den Autoren dient, um im literarischen Feld Fuß zu fassen. Dabei verwendet Ralph Winter den Generationsbegriff in Anlehnung an Jürgen Reulecke und Ute Daniel als 'Generationalität' und hebt so den aktuellen Zeitbezug, also die synchrone Dimension des Generationenkonzeptes, hervor. Dabei werden die familialen und kulturellen Herkunftsbezüge der Mitglieder der Generationalität auf einer genealogischen Ebene jedoch stets mit bedacht, da so die Selbsteinordnung der Autoren in eine Schriftstellergenealogie, also in Bezugnahme auf literarische Väter, fassbar gemacht wird (vgl. S. 16). Mit dieser Konzeption der Generationsgemeinschaften kann Winter die komplexen Verhältnisse der Autorengruppen zu literarischen (vgl. S. 268), aber auch – wie im Falle von Klaus Mann – biologischen Vorfahren thematisieren und kritisch beleuchten (vgl. S. 49-95, 96-132). 

Die Studie ist entlang dreier Untersuchungsebenen gegliedert, auf denen die generationelle Selbstdarstellung der Autorengruppen anhand jeweils spezifischer Textsorten rekonstruiert werden: Zunächst wird eine historisch-biographische Ebene mittels diverser Selbstzeugnisse, also Briefe, Tagebücher, Notizen und autobiographische Texte, rekonstruiert. Getrennt voneinander untersucht Winter die Autorengruppen nach dem Muster "Herkunft (soziale, regionale), zentrale familiäre Zusammenhänge, die schulische, universitäre und literarische Sozialisation sowie Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Krieg und der Nachkriegszeit" (S. 45). Nachdem für beide Gruppen separat gemeinsame Publikationsaktivitäten beleuchtet werden, zeichnet Winter anschaulich die transnationalen Verbindungen und Austauschprozesse zwischen den beiden Gruppen nach (vgl. S. 133 ff.) und zeigt, wie wichtig die zentralen Figuren Klaus Mann und René Crevel sowohl für die jeweiligen Gruppierungen als auch für die transnationalen Verbindungen waren.

Anschließend wendet sich Winter einer begrifflich-konzeptuellen Ebene zu und rückt vor allem publizistische Texte in den Fokus der Untersuchung. In diesen nicht-fiktionalen Texten, die Aufsätze, Reden, Essays und Kritiken beinhalten, zeigen sich die gemeinsamen Konzepte von Jugend und Generation, über welche sich die Mitglieder beider Autorengruppen generationell selbst darstellen. An diesen Texten arbeitet Winter nachvollziehbar die expliziten Strategien zur Gewinnung von Aufmerksamkeit und einer Positionierung im literarischen Feld heraus und zeigt, wie diese Texte "performativ einen Gruppenzusammenhang begründen und zentrale Referenzpunkte für alle Autoren darstellen" (S. 46). 

Zuletzt werden auf einer thematisch-ästhetischen Ebene die fiktionalen Texte der Autoren auf die in Kapitel III entwickelten Konzepte, Themen und Motive untersucht. In diesem vierten Kapitel legt die Studie einsichtig die thematischen Gemeinsamkeiten der literarischen Werke der deutschen sowie der französischen Autoren dar. Diese können in drei Themengebieten zusammengefasst werden: die Darstellung einer genealogische Herkunft der Protagonisten (vgl. S. 314 ff), die Repräsentation von Generationsgemeinschaften der Figuren (vgl. S. 334 ff.) und die verschiedenen Figurentypen, welche die sogenannte 'junge Generation' repräsentieren (vgl. S. 358 ff.).

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es Ralph Winter gelingt, die beiden Autorengruppen aus der Perspektive der Generationenforschung neu zu beleuchten und dank seiner überzeugenden theoretischen und methodischen Herangehensweise das Deutungsmuster 'Generation' als eine Positionierungsstrategie junger Autoren zu entlarven. Diese mussten sich sowohl gegen biologische als auch literarische Vorfahren abgrenzen und durchsetzen, um im literarischen Feld ernst genommen zu werden. Während die zunächst klare analytische Trennung der deutschen und der französischen Gruppierung, die beide sehr detailliert untersucht werden, teilweise die Lektüre etwas beschwerlich macht, bringt Winter doch immer wieder geschickt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Gruppen zusammen. Wie fruchtbar die komparatistische Herangehensweise wirklich ist, zeigt sich dann besonders in der treffenden Typologie der transkulturellen Generationenrede der fiktionalen Erzählungen. Insgesamt zeigt Generation als Strategie eindrücklich, inwiefern das Generationenkonzept zum Zwecke einer Positionierung im Literaturbetrieb genutzt werden kann.


Winter, Ralph: Generation als Strategie. Zwei Autorengruppen im literarischen Feld der 1920er Jahre – Ein deutsch-französischer Vergleich. Göttingen: Wallstein Verlag, 2012. 430 S., kartoniert, 39,90 Euro. ISBN: 978-3-8353-1074-2


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung    7
1. Gegenstand    7   
2. Ein Beitrag zur Generationsforschung zur Sozialgeschichte der Literatur    14
Begriffsgeschichte    14   
Diachronie und Synchronie    15
Generationalität    16
Pulsschlaghypothese vs. Prägungshypothese    17
Die Generationstheorie Karl Mannheims    19
Generationengeschichte als Geschichte intellektueller Gruppierungen    24
Generationen als imagined communities    26
Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes    28
Legitimierung, Abgrenzung, Konflikt    32
Literarische Generationsgruppen    35
3. Komparatistische Aspekte    37
Vergleichende Literaturwissenschaft    37
Der Vergleich    39
Transferts culturels und histoire croisée    41
4. Aufbau der Untersuchung    44

II. Zur Geschichte zweier Autorengruppen der 1920er Jahre    49
1. Kinder der Zeit – Die Gruppe um Klaus Mann    49
Krieg, Revolution, Inflation     49   
Herkunft, Anfänge, Begegnungen    56
Gemeinsame Aktivitäten und Publikationen    69
Zerstreuung, Entzweiung, Verlust    81
Erinnerung und späte Vergemeinschaftung    91
2. Enfants du siécle – Die Gruppe der Inquiétude    96
Kindheit und Jugend    96
Zwischen Avantgarde und Tradition: Die Anfänge Arlands und Crevels    100
Die Bedeutung Gides    110
Les cahiers du mois 1924-1927    113
Auflösung, Entzweiung, Erinnerung    123
3, Austausch, Transfer und Verflechtung    133
Klaus Mann und Frankreich    133
Klaus Mann und André Gide    136
René Crevel und Klaus Mann    142
Rilke-Rezeption    151
4. Zusammenfassung und Vergleich

III. Generationelle Konzepte in Aufsätzen, Reden, Kritiken    167
1. "Geburtsscheine sind keine Argumente" – Jugend und Generation    167
Voraussetzungen und Kontexte in Deutschland    167
Verschmelzung der Konzepte oder: Vom Herbeireden der jüngsten Generation    182
Abgrenzung und Verteidigung    188
Wider die Gemeinschaft?: Wilhelm E. Süskind    201
Voraussetzung und Kontexte in Frankreich    205
Eine junge literarische Elite    217
Wider die Jugend?    220
Die Generation der inquiétude 223
Vergleich    228
2. Un noveau mal du siécle – Unruhe und inquiétude als generationelle Grundproblematik    233
Die Unruhe der jungen Literaten    233
Klaus Mann und die Romantik des Novalis    236
Symbolfigur Kaspar Hauser    241
Von der Unordnung zur Ordnung?    243
Marcel Arland und der nouveau mal du siécle    245
Inquiétude und hamlétisme by Daniel-Rops    251
Inquiétude by André Berg und René Crevel    256
Examen de conscience    259
Vergleich    262
3. Poetologische Suchbewegung – Literatur als Zeitdokument und Medium der Selbsterkundung    268
Kontroversen I: Bertolt Brecht und die Gebrauchsliteratur    268
Eine Sache des Gefühls    271
Literatur als Dokument I    273
Der Fall Ebermayer    282
Kontroversen II: Jacques Rivière und die zweckfreie Literatur    286
Surréalisme vs. roman psychologique    296
Literatur als Dokument II    303
Vergleich    308

IV. Literarische Inszenierung von Generationalität    313
1. Väter und Mütter – Das bürgerliche Erbe    314
Väter ohne Einfluss?    314
Die Übermacht der Väter als Repräsentanten der bürgerlichen Ordnung    318
Wider die Ordnung I:    Dekadenz und Tanz    323
Wider die Ordnung II: inquiétude    326
Mütterliche Macht    328
2. Generationsgemeinschaften
Sprecher einer Generation    334
Nachkriegsgeneration vs. Kriegsgeneration    336
Gruppenbilder        347
3. Typologie der jungen Generation    358
Der junge europäische Intellektuelle    358
Kaspar-Hauser-Figuren    360
Vertreter der jungen Generation aus Kindersicht    362
Der Typus des inquiet    369

V. Schluss – Die Generationsrede als Positionierungsstrategie    383
Dank    391
Quellen- und Literaturverzeichnis    395
Namenregister        427


The Transcultural Generation Narrative: A Comparison of German and French Literary Generations after World War I

In his comprehensive and comparative study of two putative generations of authors, namely the French group Inquiétude and the German post-war generation, Ralph Winter focuses on the generational self-interpretation of both generations. Analysing the commonalities of the generational contexts as well as their public self-thematization, Winter successfully argues for the transcultural phenomenon of the 'generation narratives' to be a strategy for positioning the authors in a literary field. Although the historical, discursive, and experiential commonalities of the groups suggest them to be distinct generationalities, Winter shows the term 'generation' to be strategically used in order to establish the young authors as serious writers. By means of the successful combination of a generation studies' approach with Bourdieu's theory of the literary field, Generation als Strategie (Generation as Strategy) critically examines the concept 'generation' and makes a pivotal contribution to the study of processes of communitarisation in the literary field.


© bei der Autorin und bei KULT_online