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Bedingungen für einen ›wirklichen‹ Dialog im Kulturkontakt

Eine Rezension von Menja Holtz (Rostock)

Bachleitner, Norbert; Schmeling, Manfred; Wertheimer, Jürgen; Zieger, Karl: Dialogische Beziehungen und Kulturen des Dialogs. Analysen und Reflexionen aus komparatistischer Sicht. Hrsg. von Beate Burtscher-Bechter und Martin Sexl. Innsbruck: StudienVerlag, 2011.

Der Band Dialogische Beziehungen und Kulturen des Dialogs ist der österreichischen Komparatistik Fridrun Rinner gewidmet und erschien anlässlich ihres 65. Geburtstages. Es handelt sich jedoch nicht um eine Festschrift, da die Autoren keine Hommage an ihre "Lehrerin" verfassen sollten (vgl. S. 20). Stattdessen wollen die Autoren und HerausgeberInnen den Dialogbegriff wieder in die Diskussion einführen – allerdings unter neuen, kritischen Gesichtspunkten. Besonders der Machtfaktor erhält eine große Bedeutung für die Untersuchung trans- oder interkultureller Dialoge. Daher widmen sich sowohl der theoretische Beitrag zum Dialogbegriff, als auch die drei literaturwissenschaftlichen Fallstudien zu 'Dialogen' zwischen Frankreich und Deutschland bzw. Österreich, den politischen Rahmenbedingungen kulturellen Austauschs.


'Dialog' – ist das nicht ein für wissenschaftliche Zwecke zu alltäglicher und schwammiger Begriff? Die Autoren und HerausgeberInnen des Bands Dialogische Beziehungen und Kulturen des Dialogs sehen als KomparatistInnen einen guten Grund, um sich dieses 'traditionellen' Begriffes wieder zu bedienen: Die im Zuge der Entwicklung der Kulturwissenschaften entstandenen Konzepte, wie 'Interkulturalität' oder 'Differenz', haben an Kontur verloren und seien nicht mehr eindeutig als Positionierung in Fachdebatten verwendbar (vgl. S. 9 ff.). Der altbewährte Begriff 'Dialog' sei daher ein Kontrast zu den Neuerfindungen, da er alle ihre Elemente bereits beinhalte – und somit einer ganzheitlichen Betrachtung fern von fachlichem Kompetenzgerangel Raum geben könnte, wie daraus interpretiert werden kann.
Einheitlich betonen sie, dass es keinen machtfreien Dialog gibt, "und dass der Dialog so gesehen nicht nur als etwas unbedingt Anzustrebendes angesehen werden kann" (S. 13). "Wer sich mit Dialogen befasst, muss also […] erstens Hierarchien und hegemoniale Strukturen berücksichtigen, muss sich zweitens mit Zuschreibungen von Eigenschaften beschäftigen und muss drittens beachten, dass solche Zuschreibungen in unzulässiger Weise vereinheitlichen." (S. 15) "Viertens muss natürlich auch das komplexe Verhältnis von textuellen und nicht-textuellen Praktiken berücksichtigt werden" (S. 16), etwa die unterschiedliche Rolle verschiedener Textarten und/oder Kommunikationsformen samt deren Rezeption. Hier hat die 'Imagologie' die Diskussionen seit den 1980er Jahren bereichert – mit den Ansätzen Derridas, Foucaults, Barthes und Kristevas. 

An die Einleitung der HerausgeberInnen anknüpfend bietet Jürgen Wertheimer im ersten Beitrag theoretische Überlegungen zu inner- wie außerliterarischen Dialogen. Sein Credo gibt er gleich zu Beginn bekannt: Sobald der Begriff "Dialog in offiziellen Zusammenhängen" (S. 23) aufkommt, ist Skepsis angebracht. Denn: Sowohl der Begriff 'Kampf' als auch 'Dialog der Kulturen' ist eine Konstruktion zur Wiederherstellung einer bipolaren Ordnung, welche durch den Zusammenbruch des Ostblocks zeitweilig aufgelöst war. So ist Wertheimers Ziel "zu überprüfen, wie dialogisch eigentlich der Dialog ist" (S. 23). Denn: "In den allermeisten Fällen ist der Dialog [..] eine attraktive Maske längst feststehender Dogmen, eine tolerante Einkleidung einer auf zwei Stimmen verteilten Manipulation, bei der das Ergebnis schon von vorneherein feststeht. Mit Dialog, innerhalb dessen Ideen und semantische Kontexte auf Augenhöhe und mit vollem Risiko ausgetauscht und miteinander in Berührung gebracht werden, hat dies nichts zu tun." (S. 23 f.)
Wertheimer zweifelt am westlichen Dialogmodell als Grundlage eines gleichberechtigten Kulturdialogs (S. 69). Der Glaube daran sei sogar gefährlich, weil dieses Modell höchstens einen "Pseudo-Dialog" (S. 71) in Gang setzen könne. Ein "transkultureller, die Ränder beider am dialogischen Prozess beteiligten Kulturen überschreitender Dialog" (S. 72) hat demgegenüber die Anerkennung der Differenzen und den Versuch ihrer Überwindung zum Ziel. Entscheidendes Instrumentarium hierfür bieten Kunst und Kulturschaffen, welche experimentell Grenzen überschreiten und dadurch einen Kulturdialog erfahrbar machen können (S. 79).

Wie das im Einzelfall aussehen kann, das beleuchten die folgenden Beiträge:
Karl Zieger blickt indirekt auf die von Wertheimer benannte Problematik eines interkulturellen Dialogs anhand der Rezeption Schnitzlers in Frankreich und Zolas in Deutschland. Er untersucht den Einfluss der literarischen Vermittlungsinstanzen, wie Verlage und Übersetzer, auf die Autoren und schließlich auch auf den Kulturkontakt. Das ist ein bislang wenig erforschtes Gebiet in den Vergleichenden Literaturwissenschaften.
Manfred Schmeling betritt Neuland, indem er sich der "Spezifik der poetischen Form des interkulturellen Dialogs" (S. 19) widmet. Ihn interessiert besonders die Metaphorik von Dialogen in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, in literaturtheoretischen Texten und die "Thematisierung kultureller Begegnungen in literarischen Texten […] bis hin zur Untersuchung der Metaphern in Massenmedien" (S. 19). Dabei betont Schmeling, dass der Begriff 'Dialog' selbst eine Metapher ist.
Norbert Bachleitner schließlich behandelt die Einwirkungen der Kulturpolitik auf literarische und kulturelle Dialoge anhand der Zensur Österreichs gegenüber französischen AutorInnen in der Metternich-Ära.

Die Kombination eines theoretisch ausgerichteten Beitrags mit der detaillierten Darstellung konkreter Fälle ist sinnvoll und hilfreich. Leider beziehen sich die Autoren wenig aufeinander oder auf die in der Einleitung genannten Fragestellungen, was dem Band als Ganzes gut getan hätte. Ebenso wäre eine Diskussion der Ergebnisse der einzelnen Beiträge im Vergleich mit der übergeordneten Fragestellung wünschenswert gewesen. Es werden zum Teil bereits bekannte Ansätze und Überlegungen, z. B. der literaturwissenschaftlichen post-colonial studies, neu aufgelegt. Zudem ist der sprachliche Stil bei den Autoren, die sich mit konkreten Fällen befassen, etwas altbacken. Davon sollten potenzielle LeserInnen sich aber nicht abhalten lassen, besonders diejenigen nicht, die aus der Komparatistik kommen und sich mit Wissensaustausch und Kulturkontakt befassen.
Die der österreichischen Komparatistin Fridrun Rinner – ihr ist der Band anlässlich ihres 65. Geburtstages gewidmet – attestierte "Dialogfähigkeit und Dialogbereitschaft" (S. 21) ist der Wissenschaft insgesamt zu wünschen. In der Tat sind Dialogfähigkeit und -bereitschaft Eigenschaften, die sich in manchen Wissenschaftsfeldern zu wenig etabliert haben; oft steht die Vergabe von Forschungsgeldern einem wirklichen Austausch entgegen – einem Austausch, der auf (Selbst)Kritikfähigkeit beruht und das Ziel hat, inhaltlich weiterzukommen und nicht seine Position unter allen Umständen zu verteidigen. Der Band kann also auf mehreren Ebenen als Plädoyer für einen 'wirklichen' Dialog begriffen werden.


Norbert Bachleitner, Manfred Schmeling, Jürgen Wertheimer, Karl Zieger: Dialogische Beziehungen und Kulturen des Dialogs. Analysen und Reflektionen aus komparatistischer Sicht. Hrsg. von Beate Burtscher-Bechter und Martin Sexl. Innsbruck: Studien Verlag, 2011. 272 S., kartoniert, 29,90 Euro. ISBN: 978-3-7065-5072-7


Inhaltsverzeichnis


Beate Burtscher-Bechter / Martin Sexl
Vom Dialoge …9

Jürgen Wertheimer
Dialog – eine Kulturtechnik im Wandel …23

Karl Zieger
Der österreichisch-französische Dialog im Spiegel der (Kultur-)Vermittler …87

Norbert Bachleitner
Der Dialog zwischen den Literaturen und seine Behinderung. Der französisch-österreichische Transfer im 19. Jahrhundert …147

Manfred Schmeling
Französische Hefe für den deutschen Teig. Studien zur Metaphorik dialogischer Beziehungen: Menschen, Kulturen, Texte …187


Conditions of ›Real‹ Dialogues in Cultural Contacts

The anthology Dialogische Beziehungen und Kulturen des Dialogs (Dialogic Relations and Cultures of Dialogue) is dedicated to the Austrian comparatist Fridrun Rinner, and was published on the occasion of her 65th birthday. It is not meant to be a commemorative publication, however, since the authors were not asked to write homage to their teacher and mentor (cf. p. 20). Instead, the authors and editors want to introduce the concept of dialogue back into the discussion – but under new, critical perspective. Thus, in the face of political framework the importance of the power factor for an investigation of trans- or intercultural dialogues emerges. This is shown as successfully by the theoretical contribution on the concept of dialogue, as by the three literary case studies on dialogues between France and Germany or Austria, respectively.


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