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›Naturgemäße Darstellung‹: das Wissen vom Lebendigen um 1800 zwischen Wissenschaft und Poesie

Eine Rezension von Laura Meneghello und Reinhard Möller

Bies, Michael: Im Grunde ein Bild. Die Darstellung der Naturforschung bei Kant, Goethe und Alexander von Humboldt. Göttingen: Wallstein, 2012.

Michael Bies' zwischen Literaturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte angesiedelte Studie beschäftigt sich mit den vielfältigen Bezügen zwischen dem ästhetisch-poetologischen Ideal einer 'lebendigen Darstellung' im späten 18. und 19. Jahrhundert und der Zielsetzung einer angemessenen 'Darstellung des Lebendigen' im naturwissenschaftlichen Diskurs derselben Zeit. Anhand genauer Lektüren von Kants kritischen Schriften, Goethes Studien zur Naturforschung und Alexander von Humboldts naturwissenschaftlichen Werken zeigt Bies zunächst, wie die Verbindung beider Ideale bei Kant als theoretisches Dilemma exponiert wird. Dann führt er vor, auf welche Weise sich Autoren wie Goethe und Humboldt dem Problem ihrer Vermittlung durch konkrete Verfahren einer lebendigen Darstellung der Natur zu stellen versuchen. Dabei zeichnet sich bereits die im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmende Ablösung literarisch-ästhetischer und wissenschaftlicher Darstellungsweisen voneinander ab.


Ziel der Studie ist, wie der Germanist Michael Bies selbst in seiner Einleitung deutlich macht, die Denk- und Schreibformen des Wissens vom Lebendigen in der Zeit des 18. und 19. Jahrhundert zu erforschen. Im Zentrum steht hierbei die Funktion und Bedeutung des Begriffs der 'Darstellung' für die Geschichte der wissenschaftlichen Erkenntnis der organischen Natur (mit Schwerpunkt auf der Botanik) im 18. Jahrhundert.  Die Forschungsmethode liegt zwischen wissenschaftsgeschichtlicher und bild- sowie literaturwissenschaftlicher Analyse; ihre Besonderheit liegt darin, dass sie die typisch literaturwissenschaftliche Methode der Metaphern- und Bildanalyse auf naturwissenschaftliche Texte anwendet. Der Begriff des Lebens bzw. des Lebendigen, der auf den Gegenstandsbereich der genannten Wissenschaftsdiskurse referiert, wird somit in produktiver Weise mit ihren eigenen ästhetischen und poetologischen Strategien einer  'lebendigen Darstellung' verknüpft.
Bies' These ist, dass die "Erforschung der organischen, lebendigen Natur" um 1800 versuchte, diese Lebendigkeit eben "unter Nachahmung natürlicher Formen […] wiederzugeben" (S. 11): Einerseits wurde diese Nachahmung als 'Darstellung' im Sinne Klopstocks verstanden, d.h. als 'naturgemäße Weise', die Natur durch 'Zeigung des Lebens, welches der Gegenstand hat', zu beschreiben; andererseits wurde die Darstellung nicht so sehr als Bild im Sinne visueller Darstellung, sondern als "bildlich entworfene[r] Text" aufgefasst (vgl. S. 12).

Zunächst beschäftigt sich Bies mit Kants Kritik der Urteilskraft und seinen Ideen des organisierten (und selbstorganisierenden) Lebewesens, insbesondere im Vergleich mit seinen Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft (1786). Der Autor betont die vorbildliche Rolle der Mathematik in der Gestaltung des Systems der Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (vgl. S. 45 ff.) und unterstreicht Kants Auffassung der Chemie und der Psychologie sowie der "sich um 1800 formierende[n] Biologie" (S. 47) als Wissensbereiche, die nicht auf a priori Gesetze fundiert und daher ohne Anspruch auf Notwendigkeit seien. Die 'Kritik der teleologischen Urteilskraft' präsentiert Organismen eben als bloß mit mechanischen Gesetzen nicht fassbar, und darum nicht darstellbar: Ein Organismus ist gleichzeitig Zweck und Mittel von sich selbst, ein selbstorganisierendes und sich-selbst-reproduzierendes Lebewesen, das man nur begreifen kann, wenn man ein nexus finalis, und nicht nur ein nexus effectivus, voraussetzt. Bies definiert das als 'Fiktion' (S. 55, 59), leider ohne diesen Begriff detaillierter zu erklären.

Mit Blick auf Kant arbeitet Bies den Gegensatz zwischen der geforderten Konstanz, Wiederholbarkeit und  Abstraktheit einer wissenschaftlichen Begriffssprache und den in ständiger Veränderlichkeit befindlichen natürlichen Phänomenen, auf welche diese referiert, überzeugend heraus. Er konstatiert ein hieraus entstehendes Dilemma zwischen einer statischen Darstellungsform und dynamisch-beweglichen Gegenständen der Darstellung, die auf diese Weise un(be)greifbar zu werden drohen. In dieser Perspektive "[bedroht] der erkenntnistheoretische 'Wahnsinn', den die Kluft zwischen Erfahrung und Idee birgt, [...] den Naturforscher […] immer auch in Gestalt eines Sprachproblems – des Problems, dass seine lebendigen Gegenstände 'immerfort in Bewegung sind' und nach Maßgabe der 'naturgemäßen Methode' genauso beweglich und lebendig ausgedrückt werden sollen, seine Sprache gleichzeitig aber nie umhinkommt, das von ihr Bezeichnete […] 'durch das Wort zu töten'." (S. 161)

Im Gegensatz zur kantischen "Undarstellbarkeit des Lebendigen" wird im dritten Kapitel  Goethes "naturgemäße Darstellung" behandelt: Das geschieht anhand der Schrift Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären (1790) und der dichterischen Komposition Die Metamorphose der Pflanzen (1798). Die so offenbar werdende Parallelität zwischen den beiden erweist sich als sehr fruchtbar und zeigt, wie Goethe eine Methode der Naturforschung zu entwickeln versucht, welche die Struktur und Organisation der Natur selbst widerspiegelt. Dies resultiert in einer Art "ästhetische[r] Darstellung", wo "der Stil" als optimale Methode zwischen "naivem Objektivismus" und "idealistische[m] […] Subjektivismus" auftritt (vgl. S. 177), die die Erkenntnis fundiert, ohne Mensch und Natur, Kunst und Wissenschaft von einander zu trennen: "Naturgemäße Darstellung" bedeutet auch Vereinigung von Wissenschaft und Poesie (vgl. SS. 181-182).

Anhand von Humboldts Ideen zu einer Geographie der Pflanzen wird dann wiederum konsequent gezeigt, wie "die Grenze von epistemischen und ästhetischen Praktiken" von der Wissenschaft der organischen Natur um 1800 "relativiert" und überschritten wurden (S. 294). Auf der Ebene der Wissenschaftssystematik zeigt sich die Auffassung der Natur als "allgemeine Verkettung in […] netzartig verschlungenem Gewebe" als Spezialisierung und gleichzeitig Verknüpfung der einzelnen Wissensbereiche, im Versuch, die Natur als Ganzes vorzustellen (vgl. S. 239). Doch auch wenn bei Humboldt das doppelte Ideal einer epistemisch genauen und zugleich ästhetisch lebendigen Naturdarstellung vor allem im Begriff des "Totaleindrucks" (S. 264 ff.) noch deutlich zum Ausdruck kommt, wird in der Forderung nach einer genauen Wiedergabe und klassifizierenden Einordnung einzelner Details bereits ein von Bies plausibel herausgearbeiteter Kontrast zu Goethes eher 'malerischem' Zugang erkennbar. Letzterer sucht "die 'Vorschrift' des Naturgemäldetexts nicht in eine 'Profilcharte', sondern 'in ein vergleichendes landschaftliches Bild zu verwandeln'" (S. 250).

Bies endet seine Studie mit der Bemerkung, dass die Naturwissenschaft sich nach der von ihm betrachteten Periode immer mehr als Zeichen versteht und somit zunehmend von einem Darstellungsideal der Lebendigkeit zu einem Ideal distanzierter Abstraktion übergeht. Das mit Blick auf Kant analysierte Dilemma wird somit im weiteren Verlauf nicht nur als nicht lösbar akzeptiert, sondern im Zuge einer "tiefgreifenden Mathematisierung" (S. 336) tendenziell sogar zum Ausweis wissenschaftlicher Objektivität erhoben, die selbst nicht lebendig sein muss und soll. Dieser These einer im 19. Jahrhundert stattfindenden Ablösung literarisch-ästhetischer und streng wissenschaftlicher Darstellungsformen voneinander entspricht auch Bies' Beobachtung, dass die Rolle des Bildes zunehmend auf popularisierende Schriften begrenzt wird (vgl. S. 338). Es wäre trotzdem zu fragen, ob solche popularisierenden Schriften wirklich keine Wechselwirkung mit der Entwicklung der eigentlichen wissenschaftlichen Forschung und ihrer Erkenntnistheorie hatten. 

Die Studie lässt sich insgesamt als ein gelungenes Beispiel für die literaturwissenschaftliche Analyse historisch spezifischer Poetiken des Wissens ansehen. Sie setzt theoretische Erkenntnis- und Systematisierungsverfahren konsequent in Beziehung zu konkreten Darstellungspraktiken und analysiert diese anhand philologisch genauer close readings. Ein solcher Zugriff erscheint mit Blick auf die Epoche des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts als besonders sinnvoll: Schließlich lassen sich gerade in diesem Zeitraum interessante Formen der Verknüpfung bestimmter, später durch Ausdifferenzierung voneinander geschiedener Diskurse und Ausdrucksformen untersuchen, deren disziplinäre Abgrenzung heute durch die Neuperspektivierung des Verhältnisses von Literatur und Wissenschaft wiederum in Frage gestellt wird.

Bies, Michael: Im Grunde ein Bild. Die Darstellung der Naturforschung bei Kant, Goethe und Alexander von Humboldt. Göttingen: Wallstein, 2012. 371 S., broschiert, 39,90 Euro. ISBN: 9783835310537


Inhaltsverzeichnis


I. Einleitung   7

Darstellung des Wissens vom Lebendigen   7
Medien der Botanik im 18. Jahrhundert   19

II. Mathematische Darstellung, ästhetische Darstellung: Kant   35

Kritik der Naturwissenschaft, Philosophie der Naturforschung   37
Mathematische Darstellung: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786)   37
Undarstellbarkeit des Lebendigen: Kritik der Urteilskraft (1790)   52
Darstellung und Hypotypose   60
Nachahmung und Darstellung in der Poetik des 18. Jahrhunderts   60
Darstellung als Hypotypose: Kritik der Urteilskraft (1790)   81
Konjunktur und Konturverlust: Darstellung um 1800   97
Vestigium cordis video: Lebendige Philosophie   103

III. Naturgemäße Darstellung, maßvolle Natur: Goethe  122

Wie Goethe sich den "Alten vom Königsberge" aneignet   124
Naturgemäße Methode: Zum Verständnis der Pflanzenbildung   136
Ein Gespenst wird Gestalt: Sizilien, Spinoza, scientia intuitiva   136
Mit Linne im Widerstreit: Entwicklung der Metamorphosenlehre   148
Naturgemäße Darstellung   162
Die Schritte der Natur: Versuch  die Metamorphose der Pflanzen zu erklären (1790)   162
Die vegetabile Liebeslehre: Die Metamorphose der Pflanzen (1798)   182
Wörtliche Darstellung, bildliche Darstellung   194
Bilder der Metamorphose: Von Nelken und anderen Blumen (1787-1794)   194
Wort, Bild, Begriff: Über d'Alton und Martius (1822-1824)   210

IV. Naturgemäße Darstellung, wilde Natur: Humboldt   239

Bildverkehr: Von Humboldt über Goethe zum "Alten von den Bergen"   241
Methode der Pflanzengeographie: Zum Verständnis des Naturganzen   255
Darstellung der Pflanzengeographie   272
Epistemologie und Ästhetik: Ideen zu einer Geographie der Pflanzen ... (1807)   272
Text und Bild: ... nebst einem Naturgemälde der Tropenländer (1807)   282
Portraits sans cadre: Texte von wilder Natur   295
Erlebnis und Erkenntnis: Ansichten der Natur, mit wissenschaftlichen Erläuterungen (1808)   295
(Nicht-)Wissen vom Leben: Ansichten der Natur, mit wissenschaftlichen Erläuterungen (1826 und 1849)  317

V. Schluss: Die Grenzen der Darstellung   335

Dank   339

Anhang   340

Abbildungen   340

Literatur   341
a) Abkürzungen   341
b) Quellen   342
c) Andere Literatur   349

Register   368


Between Poetry and Natural Science: The Representation of Organic Nature around 1800

Michael Bies' study investigates the interconnectedness of 'vivacious representation' as an aesthetic and poetological ideal on the one hand and the corresponding goal of analysing 'living nature' in the evolving natural sciences in the late 18th and early 19th century on the other. Through detailed readings of Kant’s critical writings, Goethe's essays on the study of nature, and Alexander von Humboldt's scientific publications, Bies is able to show how the relationship of the two ideals is acknowledged as a theoretical dilemma in Kant, and how representations of nature such as Goethe's and Humboldt's are aimed at their mediation and reconciliation in both theory and representational practice, while their eventual disjunction in later 19th century scientific discourse is already foreshadowed.


© bei den AutorInnen und bei KULT_online
Die Redaktion weist darauf hin, dass der Autor des rezensierten Buches Mitglied des Graduiertenzentrums war, in dessen Rahmen dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.