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Wohnen unter dem Kontrollblick. Kulturelle Handlungsmuster und ihre literarische Deutung in der Sowjetunion

Eine Rezension von Rayk Einax (Jena)

Evans, Sandra: Sowjetisch wohnen. Eine Literatur- und Kulturgeschichte der Kommunalka. Bielefeld: transcript, 2011.

Das Einwirken der kommunistischen Partei und des sowjetischen Staates auf die individuellen Lebensverhältnisse war nicht zwangsläufig von Erfolg gekrönt. Das Aufstellen gewisser Normen zog fast automatisch deren Unterwanderung oder sogar deren Verletzung nach sich. Sandra Evans deutet in ihrer Dissertation Sowjetisch wohnen aus kulturanthropologischer und literaturwissenschaftlicher Sicht eines der interessantesten kulturellen Phänomene der sowjetischen Stadt: das Zusammenleben sozial völlig unterschiedlicher Individuen in einer Gemeinschaftswohnung, der sogenannten 'Kommunalka'. Grundlage ihrer Darstellung sind literarische Texte der 1920er und 30er Jahre, welche die kulturgeschichtliche Stellung dieser für die Stalin-Zeit spezifischen Wohnform widerspiegeln: Sie ist sowohl Ort urbanen Zusammenlebens als auch wirkmächtige Sozialisationsinstanz. 


Das sowjetische Gesellschaftsmodell ist vor über 20 Jahren gescheitert – unter anderem an der starrsinnigen Parteibürokratie, dem riesigen Wirtschaftsdefizit und den ethnonational aufgeladenen Konflikten in einzelnen Republiken. Zumindest auf einem Feld war die Sowjetunion jedoch seit ihrer Gründung im Jahre 1922 von umwälzender Effektivität: die soziale und kulturelle Transformation der urbanen Sphäre.
Ein überaus wichtiges Kapitel stellten in diesem Zusammenhang neue Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens dar. Dazu zählte insbesondere die Gemeinschaftswohnung, wie sie nach dem russischen Bürgerkrieg (1917-1922) aufgrund der grassierenden Wohnungsnot in großen Städten wie St. Petersburg und Moskau zur schieren Notwendigkeit geworden war. Das Akronym 'Kommunalka' (russ.: kommunal’naja kvartira) steht aber für weitaus mehr als den bloßen Mangel an städtischem Wohnraum. Die Kommunalka ist ebenso ein kollektiv tief verankertes Sinnbild für die Koexistenz von Menschen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft auf engstem Raum. Und natürlich war der auf diese Weise geprägte Alltag in der Erfahrung vieler mit mannigfaltigen Problemen verbunden.
Kein Wunder also, dass sich bereits in den 20er und 30er Jahren Literaten wie Michail Bulgakov, Daniil Charms oder Michail Zoščenko diesem "permanenten lebensweltlichen Ausnahmezustand" (S. 9) angenommen und ihn mit unterschiedlichen Deutungen versehen haben. Sandra Evans hat nun in ihrer Dissertationsschrift diese beredte Textgattung, die hauptsächlich aus Satiren und Grotesken besteht, untersucht und deren fiktive, surreale Codes in ansprechender Weise entschlüsselt.

Zu Beginn geht die Autorin auf die historischen Präliminarien ein. Die bedeutendste Zäsur stellte ihr zufolge das Jahr 1917 dar, dem in den Großstädten eine Umverteilung und 'Verdichtung' des Wohnraums gefolgt sei. Die im Zuge dessen entstandenen Kommunalwohnungen bedeuteten anschließend vor allem für die Bauern den vorläufigen Endpunkt ihrer Landflucht. Neben ideologischen Prämissen und den pragmatischen Zwängen, die diesen Prozess steuerten, haben nach Aussage der Verfasserin auch städtebauliche Planungen und architektonische Leitbilder versucht, das Szenarium zu beeinflussen.
Um daran anknüpfend die 'Liminalität', d. h. den Schwellencharakter der Kommunalka, in deren Räumen Staat und Subjekt aufeinanderstießen, zu akzentuieren, bedient sich Evans kulturanthropologischer und literaturwissenschaftlicher Zugangsweisen. Neben der generellen Rolle sowjetischer Autoren bei der kulturellen Selbstvergewisserung bestimmen das Buch weitere Leitfragen: nach den Auswirkungen dieser spezifischen Wohnkultur auf das Individuum und die Gesellschaft, nach der Genese von Intimität unter extremen Bedingungen, nach der spezifischen Strukturierung der sowjetischen Gesellschaft oder nach der Rückwirkung der kommunalen Lebensform auf die Werte und das Verhalten des Einzelnen. Dies schlägt sich in vier Themenkomplexen nieder, die Evans in ihrem Buch kapitelweise abhandelt.

Den Anfang machen die literarischen Vorstellungen von Zeit und Raum, wie sie in erster Linie in den Traumwelten der Protagonisten zu Tage treten. Zur unbestrittenen Meisterschaft in diesem Genre hat es sicherlich Bulgakov gebracht, der sich in seinen Werken fortwährend solcher Stilmittel wie der Zeitreise oder der bedrohlichen Magie bediente. Im nächsten Abschnitt sieht Evans in der Metapher des 'Mülls' die allgemeine Unordnung und im 'Chaos' der Wohnverhältnisse das für die Sowjetgesellschaft charakteristische Verschwimmen von Grenzen im öffentlichen und privaten Zusammenleben repräsentiert. Das dritte thematische Kapitel gibt einerseits über die Darstellung ambivalenter, eigennütziger Aktionsformen der Kommunalkabewohner Aufschluss, andererseits kommen aber auch Handlungsmotive zum Vorschein, die von einer starken geistigen Intimität, vom Empfinden einer auf Gedeih und Verderb verwobenen 'Schicksalsgemeinschaft' zeugen.
Der vierte Part verweist schließlich auf den Daueraufenthalt der Mieter innerhalb einer 'gespaltenen Öffentlichkeit', d. h. auf die Dichotomie zwischen dem Bedürfnis nach Privatheit und dem Bewusstsein, selbst im häuslichen Umfeld das Objekt ständiger (öffentlicher) Beobachtung zu sein. Die gemeinsam genutzten Räume – Küche, Bad, WC, Flur – schufen Evans zufolge gläserne Verhältnisse unter den Bewohnern. Als Produkt dieser Zwangsgemeinschaft sei ein "gespaltenes Subjekt" (S. 222) entstanden, das zeit seines Lebens der Schwierigkeit unterworfen war, sich zumindest im häuslichen Rahmen persönlich distanzieren zu können. Jedenfalls seien Kategorien wie 'öffentlich' und 'privat' im sowjetischen (Wohn-)Alltag zu maximaler Ambivalenz verschwommen.

Den Abschluss der Studie markiert ein Ausblick in die 50er und 80er Jahre, der anhand weiterer Beispiele aus der Belletristik zeitliche und räumliche Entwicklungen aufgreift. Der Schlussteil führt die Regierungszeit Nikita Chruščevs (1953-1964) als Wendepunkt für die sowjetische Gemeinschaftswohnung an. Dies sei einerseits dem immer extensiveren Bau von Massenwohnhäusern in den Neubaugebieten und andererseits der Zunahme von Eigenheimen geschuldet gewesen, sodass das kommunale Wohnmodell sukzessive abgenommen habe. Nichtsdestotrotz sei die Kommunalka im postsowjetischen Raum selbst heute noch, beispielsweise in St. Petersburg, anzutreffen.

Sandra Evans hat sich mit ihrer kulturwissenschaftlich angelegten Analyse stilistisch in die Fußstapfen Karl Schlögels (vgl. z. B. Petersburg. Das Laboratorium der Moderne, 2002) begeben. Im Gegensatz zu Julia Obertreis (Tränen des Sozialismus. Wohnen in Leningrad zwischen Alltag und Utopie 1917-1937, 2004), die das Phänomen historiographisch untersucht hat, widmet sich Evans der Gemeinschaftswohnung als Objekt der Fiktion, der (phantastischen) Literatur. Sie hat dabei grundsätzliche Fragen angeschnitten, die nicht zuletzt die Geschichtswissenschaft interessieren. Im Gegenzug hat die Autorin jedoch nicht alle Anregungen aufgenommen, welche die Historikerzunft zu bieten gehabt hätte. Dies betrifft vor allem den Begriff des 'Eigen-Sinns', dem zwar in der Darstellung ein großer Stellenwert zukommt, der aber leider nur unzureichend problematisiert und belegt wird. Nichtsdestotrotz wird das Buch seinem Hauptanliegen eindrucksvoll gerecht: Es verdeutlicht prägnant die enorme kulturgeschichtliche Bedeutung der Kommunalka für die sowjetische Alltagsgeschichte.


Evans, Sandra: Sowjetisch wohnen. Eine Literatur- und Kulturgeschichte der Kommunalka. Bielefeld: transcript, 2011. 318 S., brosch., 32,80 €. ISBN: 978-3-8376-1662-0


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 7
Historischer Kontext 23
Theoretische Grundlage 83
Zeit/Raum(losigkeit) 109
Müll, Unordnung und Chaos 147
Solidarischer Eigen-Sinn oder eigensinnige Solidarität? 181
Dialektik von Privatheit und Öffentlichkeit 217
Bewegungen in Zeit und Raum 257
Schlussbemerkungen 287
Literaturverzeichnis 297


Living under Surveillance: Cultural Patterns and Their Literary Interpretation in the Soviet Union

The influence of the Communist party and the Soviet state on people’s individual living conditions was not necessarily successful. The establishment of certain norms almost automatically implied the attempt to undermine or even violate them. In her dissertation, Sandra Evans interprets one of the most fascinating cultural phenomena of the Soviet city from a perspective of cultural anthropology and literary studies: the life that socially completely different individuals led together in one communal flat, the so called 'Kommunalka'. The basis of her description are literary texts from the 1920s and 1930s that reflect the culture-historical status of a specific form of housing under Stalin’s rule which was a place of communal life as well as an efficacious instance of urban socialization.


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