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Wandel durch historische Annäherung – der deutsch-polnisch-russische Erinnerungs-Trialog

Eine Rezension von Felix Münch

Troebst, Stefan; Wolf, Johanna (Hg.): Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2011.

Die Beiträge des Sammelbandes Erinnern an den Zweiten Weltkrieg behandeln die unterschiedlichen Erinnerungslandschaften in Deutschland, Russland und Polen bezüglich des Zweiten Weltkrieges, wobei besonders Museen und Mahn- bzw. Denkmale im Mittelpunkt stehen. Neben den nationalen Spezifika der Kommemorationspraktiken werden insbesondere verbindende Elemente thematisiert, um auf der Basis eines trilateralen Grundkonsenses über die Geschichte des 20. Jahrhunderts eine Annäherung der drei ehemaligen Kriegsgegner weiter vorantreiben zu können.


Im Mai 2011 trafen erstmals die Außenminister Deutschlands, Polens und der Russländischen Föderation zu einem wahrlich historischen Treffen zusammen: In der russischen Exklave Kaliningrad wollten sie im Rahmen dieses Trialogs die Zusammenarbeit zwischen den drei Ländern ausbauen und intensivieren. Möglich geworden war dieses Treffen durch die Initiative des ehemaligen deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier, der im März 2008 in einer programmatischen Rede eine neue "europäische Ostpolitik" (S. 13) anregte. Deren Grundlage sei es, die unterschiedlichen nationalen Sichtweisen auf die gemeinsame Vergangenheit (selbst-)kritisch abzugleichen. Nur so könnten die tieferen Ursachen für fortbestehende Vorbehalte und neue Spannungen zwischen den Staaten der Troika, aber auch den Staaten Mittel- und Osteuropas insgesamt, abgebaut werden. Somit hatte die trilaterale Zusammenarbeit ihren Ursprung in geschichtswissenschaftlich geprägten, aber dennoch interdisziplinären Konferenzen 2009 in Warschau und 2010 in Berlin, um den von Steinmeier angeregten Abgleich zu initiieren. Mittlerweile liegt der Tagungsband der Berliner Konferenz vor, welcher, so der Mitherausgeber Stefan Troebst, "diese bemerkenswerten Annäherungen zwischen drei lange Zeit antagonistischen Erinnerungskulturen" (S. 19) dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Von den insgesamt über 30 Beiträgen zum Tagungsband sind elf Aufsätze aus Vorträgen vor dem Konferenzplenum hervorgegangen. Neben Vorträgen und deren Diskussion umfasst der vorliegende Band zudem Exkursionen, eine Podiumsdiskussion sowie einen auch inhaltlich ergänzenden Anhang. Der Sammelband gliedert sich neben einer Einführung in fünf weitere Teilbereiche. Die Teilbereiche I-III thematisieren die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland, Russland und Polen, wobei das Kapitel zu Deutschland den Holocaust, das Kapitel zu Russland den "Tag des Sieges" und das Kapitel zu Polen Besatzung und Widerstand beinhaltet. Der vierte Teilbereich dokumentiert die Podiumsdiskussion über die Erinnerung an Zweiten Weltkrieg und Holocaust in Europa, während im Anhang (Teilbereich V) neben vier Berichten über die Konferenz auch ein ergänzender Aufsatz über den "Großen Vaterländischen Krieg" in den divergierenden Erinnerungskulturen von Belarus, Moldova und der Ukraine abgedruckt ist.

In den ersten drei Aufsätzen des einführenden Kapitels befassen sich mit Andrzej Krzysztof Kunert, Aleksandr Čubar’jan und Matthias Weber drei Historiker aus allen Staaten der Troika mit zentralen Grundfragen eines trilateralen Abgleichs von Erinnerung. Kunert leitet in seinem Beitrag die paneuropäische Notwendigkeit von "Wahrheit, Gedächtnis und Versöhnung" (S. 33) aus vornehmlich literarischen Reminiszenzen des Leidens der polnischen Nation her. Im Gegensatz dazu fokussiert Čubar’jan in einem überraschend offenen Artikel die Gemeinsamkeiten der historischen Gedächtnisse der drei beteiligten Nationen und konstatiert, dass die Russländische Föderation, die er als "Teil der europäischen Völkergemeinschaft" (S. 41) sieht, eigene historische Verbrechen anerkennen müsse, um mit dieser Wahrheit Menschen einander näher zu bringen. Weber fasst zum Abschluss des ersten Kapitels die aktuellen Diskurse um eine gesamteuropäische Erinnerung zusammen und betont die Notwendigkeit, trotz teilweise antagonistischer Sichtweisen durch Zusammenarbeit und Dialog – wobei er insbesondere auf die russisch-polnische Annäherung im Fall Katyń (vgl. S. 49 f.) eingeht – zu einer gemeinsamen Bewertung historischer Ereignisse zu gelangen.

Teilbereich I des Bandes beschäftigt sich in zwei Beiträgen mit der Erinnerung an Holocaust und Zweiten Weltkrieg im wiedervereinigten Deutschland. Helmut König legt in seinem Artikel die populären und wissenschaftlichen Debatten und Kontroversen um Täter und Opfer des Zweiten Weltkrieges in Deutschland dar und fordert, endlich "die Komplexität der Vernichtungs- und Mordgeschichte des 20. Jahrhunderts und damit das Zusammenspiel der beiden totalitären Herrschaftssysteme" (S. 62) genauer ins Auge zu fassen. Um bundesdeutsche Gedenkstätten geht es im Beitrag von Erik Meyer, der, ausgehend von der Vereinigung beider deutscher Staaten und damit auch deren "bezüglich der NS-Vergangenheit disparate[n] Erinnerungskulturen" (S. 68), das Holocaust-Mahnmal in Berlin als Referenzpunkt für eine anhaltende Beschäftigung der Berliner Republik mit der nationalsozialistischen Vergangenheit interpretiert.

Der zweite Teilbereich des Tagungsbandes über die Russländische Föderation und die dortige Auseinandersetzung mit Zweitem Weltkrieg und "Tag des Sieges" beginnt mit einem Artikel von Julija Kantor über historische Wahrheit und historisches Gedächtnis, worin die Autorin an die Offenheit des ersten Beitrags über Russland anknüpft. So anerkennt sie beispielsweise, dass die baltischen Staaten 1940 "zwangsweise zu Sowjetrepubliken gemacht worden waren" (S. 96) und schildert den momentanen Widerstreit zwischen liberalen Historikern und sowjetischen Dogmatikern im Land. Auf diesen Appell für historischen Meinungspluralismus folgt mit dem Beitrag von Konstantin Provalov ein Gegenbeispiel. Fokussierend auf Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit betont der Verfasser insbesondere die "objektive Betrachtung der Geschichte des Krieges" sowie die "Verteidigung der historischen Wahrheit" durch die Russländische Föderation als Notwendigkeiten und "heilige Pflicht" (S. 108). Im dritten Beitrag des Kapitels beschäftigt sich Boris Dubin anhand von demoskopischen Daten mit der Instrumentalisierung des Sieges im "Großen Vaterländischen Krieg" im heutigen Russland, was Dubin insbesondere auf den Mangel an weiteren positiven Symbolen zurückführt.

Teilbereich III geht auf die polnische Erinnerung an Zweiten Weltkrieg, Besatzung und Widerstand ein. In diesem Kontext beschreibt zunächst Włodzimierz Borodziej in seinem Beitrag die staatliche Geschichtspolitik seit 1989 und insbesondere die umstrittene Rolle des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN). Der folgende Artikel von Piotr Majewski zeichnet detailreich die Entwicklung der Musealisierung des Zweiten Weltkriegs in Polen nach und hinterfragt besonders die Kategorien Heroisierung und Viktimisierung. Abschließend behandelt Paweł Machcewicz Konzept und Aufbau des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig, dessen Eröffnung für 2014 geplant ist. Der explizit gesamteuropäische Ansatz und Fokus der geplanten Ausstellung mit Parallelen zu dem in Brüssel entstehenden Haus der europäischen Geschichte (vgl. S. 171 f.) erzeugt hohe Erwartungen und entfachte in Polen, so Machcewicz, einen Streit um die intendierte, nicht-nationale Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg.

Der vorliegende Tagungsband vereint neueste Arbeiten zu Mahnmalen und Museen in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, Russland und Polen auf einem durchweg hohen Niveau. Der durch Konferenz und Publikation intendierte "Abgleich" (nach Dan Diner) der nationalen Gedächtnisse erfolgt ausgewogen und innovativ, wobei auf einen Grundkonsens bzw. ein gemeinsames historisches Grundverständnis hingearbeitet wird. Die Themensetzung im Inhaltsverzeichnis verweist bereits explizit auf verschiedene Fokusse der jeweiligen nationalen Erinnerungslandschaften (Holocaust; "Tag des Sieges"; Besatzung und Widerstand), damit allerdings auch auf zu erwartende Schwächen der vorliegenden Publikation: Umstrittene Themenkomplexe wie beispielsweise Vertreibung, Kollaboration oder Stalinistische Verbrechen wurden bereits an dieser Stelle ausgeklammert und klingen nur vereinzelt in wenigen Beiträgen an. Andererseits hätte eine stärkere Betonung ungelöster zwischenstaatlicher Fragen den trilateralen Grundkonsens gefährden und damit die wichtige Arbeit des Trialogs unterminieren können. Die Annäherung der drei Staaten und ehemaligen Kriegsgegner sollte weiterhin ein hochrangiges Ziel von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in den beteiligten Ländern und darüber hinaus sein, was mit einjähriger Verspätung (und verengtem regionalen Fokus der russischen TeilnehmerInnen ausschließlich auf das Kaliningrader Gebiet und Ostpreußen) auch auf der dritten Trialog-Konferenz 2012 in Kaliningrad betont wurde. Publikationen wie die vorliegende leisten für diese trilaterale Annäherung einen wichtigen Beitrag.


[Eine gekürzte Fassung dieser Rezension von Felix Münch erschien auf Englisch in: Europe-Asia Studies 64 (2012) 7, S. 1337-1338.]


Troebst, Stefan; Wolf, Johanna (Hg.): Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2011. 272 S., broschiert, EUR 20. ISBN: 978-3-86583-548-2


Inhaltsverzeichnis

Vorwort … 13

Grußworte

Stefan Troebst … 17

Ingeborg Berggreen-Merkel … 23

Eröffnungsrede

Guido Westerwelle … 27

Einführung

Andrzej Krzysztof Kunert
Der unauflösliche Dreiklang von Wahrheit, Gedächtnis und Versöhnung … 33

Aleksandr O. Čubar’jan
Historisches Gedächtnis als vielschichtiges Phänomen … 39

Matthias Weber
"Vereintes Europa - Geteilte Erinnerung?" … 45

I. Wie an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust in Deutschland erinnert wird

Podium


Moderation: Krzysztof Ruchniewicz … 55

Helmut König

Politische und zeithistorische Debatten zur Weltkriegserinnerung im wiedervereinigten Deutschland … 57

Erik Meyer
Holocaust-Mahnmal und Gedenkstätten an historischen Orten. Zur Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur seit der staatlichen Vereinigung … 67

Diskussion … 75

Exkursionen … 85

Dokumentationszentrum Topographie des Terrors … 87

Denkmal für die ermordeten Juden Europas … 89

II. Wie an den Zweiten Weltkrieg und den "Tag des Sieges" in der Russischen Föderation erinnert wird

Podium


Moderation: Gabriele Camphausen … 95

Julija Z. Kantor
Historische Wahrheit und historisches Gedächtnis im Russland der Gegenwart … 95

Konstantin K. Provalov
Das Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges in Mittel- und Osteuropa … 103

Boris V. Dubin
Soziologische Perspektiven auf das "kollektive Gedächtnis“ des heutigen Russland … 111

Diskussion … 119

Exkursionen

Steffi Töpfer
Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin. Anlage, Formensprache und ikonographische Tradition … 127

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst … 137

III. Wie an den Zweiten Weltkrieg, Besatzung und Widerstand in Polen erinnert wird

Podium


Moderation: Viktor V. Iščenko … 141

Włodzimierz Borodziej

Der Zweite Weltkrieg in der Geschichtspolitik Polens seit 1989 … 143

Piotr M. Majewski

Die Musealisierung des Zweiten Weltkrieges in Polen … 151

Paweł Machcewicz
Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig … 161

Diskussion … 175

Exkursion

Rafał Żytyniec

Das Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten im Volkspark Berlin-Friedrichshain … 183

Markus Meckel

Erläutern. Erweitern. Umdeuten. Das Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten … 189

IV. Sprachen der Erinnerung: Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust im Gedächtnis der Europäer

Podiumsdiskussion


Moderation: Stefan Troebst … 195

Podiumsteilnehmer
Monika Flacke | Tat’jana Ju. Timofeeva | Jan Rydel | Heidemarie Uhl

Diskussion … 197

V. Anhang

Andrij Portnov

Der "Große Vaterländische Krieg" in den Erinnerungskulturen von Belarus, Moldova und der Ukraine. Versuch eines Vergleichs … 227

Wolfram von Scheliha
Drei Nationen auf der Couch. Polnisch-russländisch-deutsche Konferenz "Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa" … 243

Jurij M. Koršunov
Memorialkomplexe und Museen zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Mittel- und Osteuropa … 249

Sebastian Bickerich
Schwierige Fragen an die Geschichte. "Trilaterales Format": Deutsch-polnisch-russische Annäherung in der Erinnerungskultur … 257

Gemma Pörzgen
Dreiecksbeziehung mit Zukunftspotential. Deutschland, Russland und Polen wollen näher zusammenrücken … 259

Dank … 262

Nachwort … 263

Zu den Autoren und Diskussionsteilnehmern … 265

Bildverzeichnis … 271



Change through Historical Rapprochement – the German-Polish-Russian Trialogue on Remembrance

The edited volume Erinnern an den Zweiten Weltkrieg (Recollect the Second World War) focuses on the different formations of national landscapes of memory in Germany, Russia, and Poland regarding WWII, with particular focus on museums and memorials. In addition to the national specifics of commemoration practices, especially common elements are addressed in order to establish a tripartite consensus on the history of the 20th century to accelerate the convergence of three formerly warring parties.


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