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"The real thing"? Vom Dinghaften im Schein und Sein

Eine Rezension von Michael Conrad

Funk, Wolfgang; Krämer, Lucia (Hg.): Fiktionen von Wirklichkeit. Authentizität zwischen Materialität und Konstruktion. Bielefeld: trancript, 2011.

Im Sammelband Fiktionen von Wirklichkeit. Authentizität zwischen Materialität und Konstruktion erkunden zwölf Aufsätze aus unterschiedlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen die soziokulturelle Bedeutung von Authentizität. Wesentliche Besonderheit: Ergänzend zur vorherrschenden konstruktivistischen Forschungsperspektive finden auch materielle Bedingtheiten der Konstruktion von Authentizität Berücksichtigung. Die einzige zu beanstandende Schwäche ist das Fehlen einer ausführlichen theoretischen Diskussion des Materialitätsbegriffs. Abgesehen von diesem kleinen Schönheitsfehler jedoch vermag der Band die anhaltende Wichtigkeit des Authentizitätsbegriffs überzeugend und erkenntnisreich herauszustellen.


Leben wir in einem "Zeitalter der Authentizität"? Bereits in den 1960er Jahren prägte der kanadische Philosoph und Sozialtheoretiker Charles Taylor ebendieses Diktum, das die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Sammelbandes aufgegriffen zum gedanklichen Schnittpunkt der äußerst lesenswerten Einzelbeiträge erhoben haben. Dadurch wird die große Aufmerksamkeit, die dem Begriff der 'Authentizität' seit einigen Jahren zuteilwird, deutlich markiert. Dabei unterlassen die Autoren es nie, auch auf inhärente Ambivalenzen und Widersprüche des schillernden Begriffs hinzuweisen, die für diesen konstitutiv sind und sich daher kaum auflösen lassen.

Auf die eigentümliche Janusköpfigkeit verweist auch das "Zwischen" im Buchtitel. Das ist auf zweierlei Weise zu verstehen: Zum einen betont es die besondere Forschungsperspektive, mit der Authentizität hier untersucht wird. Die Wissenschaftler interessieren sich für eine Verortung des Begriffs zwischen Konstruktion und Materialität. Damit wird der zunächst heikel anmutende, jedoch sehr gut gemeisterte Spagat unternommen, Authentizität einerseits denaturieren und als Ergebnis diskursiver Verhandlungsprozesse darstellen zu wollen, andererseits auch Aspekte in die Analyse aufzunehmen, die über eine rein (de)konstruktivistische Lektüre hinausgehen. Diese Neuakzentuierung kann als eine Unternehmung begriffen werden, an neuere  geistes- und sozialwissenschaftliche Debatten anzuknüpfen, die sich von einem zunehmend als beschränkend empfundenen, durch poststrukturalistische und postmoderne Theorien geprägten Forschungshorizont lösen wollen. Statt auf rein diskursiver Ebene zu verharren, wird daneben auch nach (Selbst-)Evidenzen und Substanzen gesucht. Die Betonung des Zwischenraums von Authentizität trägt somit ihren spezifischen Ambivalenzen Rechnung, einerseits (selbst)evidente Echtheit verbürgen zu sollen und andererseits immer nur als Konstruktion gezeitigt werden zu können.

Zum anderen bezieht sich das "Zwischen" des Titels auf das explizit formulierte Anliegen, Authentizität von verschiedenen Disziplinen aus zu verstehen, wodurch sich die eingeschlagene interdisziplinäre Vorgehensweise durch ihren Gegenstand selbst legitimiert. Die Liste der versammelten Disziplinen ist beeindruckend: Sie umfasst Linguistik, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Literatur-, Kunst-, Film- und Theaterwissenschaft und Theologie. Dadurch wird die fächerübergreifende Bedeutung des Authentizitätsbegriffs unterstrichen.

Die zwölf Aufsätze des Bandes lassen sich grob in zwei Teile ordnen: Die ersten fünf Beiträge versuchen die Bedeutung von "Authentizität" auf sprachtheoretischer und semiotischer Ebene zu klären. Das tun sie auf teilweise sehr anspruchsvollem Abstraktionsniveau. Demgegenüber widmen sich die übrigen sieben Aufsätze dem Phänomen Authentizität aus kunst-, literatur-, film- und theaterwissenschaftlicher Perspektive und weisen einen stärkeren Gegenstandsbezug auf.
Wenngleich es in Einzel- und Detailfragen Unterschiede geben mag, so herrscht hinsichtlich der Definition des Authentizitätsbegriffs weitgehend Einstimmigkeit. In knappen Stichpunkten fasst diesen Konsens der Anglist Rainer Schulze am Ende seines Beitrages "Die Aktualität der Authentizität" zusammen: Demzufolge versteht man unter "Authentizität" eine "(diskursive) Inszenierung von Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Vielstimmigkeit" (S. 43). Im Gegensatz zu früheren Vorstellungen bezeichnet Authentizität hier somit keine inhärente, sondern eine relationale Eigenschaft, die Dingen und Ereignissen als Ergebnis diskursiver Aushandlungen zugeschrieben wird. Diese Authentifizierungsprozesse finden dabei vornehmlich auf Rezeptionsebene statt und hängen somit von der subjektiven Wahrnehmung Einzelner ab.

In dieser Hinsicht besonders erhellend ist Stefanie Kreuzers Aufsatz "Künstl(er)i(s)che Strategien von Authentizitätskonstruktion – Beispiele aus Literatur, Film und bildender Kunst". Hier identifiziert die Autorin verschiedene künstlerische Strategien zur Herstellung fingierter Authentizität, unter anderem in dem sich zwischen Fiktion und Dokumentarfilm bewegenden Film Megacities von Michael Glawoggers. Kreuzer unterstreicht dabei die kulturelle Bedeutung von Authentizität als "Gefühlswert", der sich "jenseits des Kriteriums einer möglichst genauen Abbildung der als 'objektiv' idealisierten, außerfiktionalen 'Realität'" situiert (S. 183). Damit erhält man die bewusst selbstwidersprüchliche, paradoxe Figur einer Erfahrung von Unmittelbarkeit, die sich nur in ihrer Vermitteltheit gibt. Wie Kreuzer ferner betont, erfährt das in der Kunst eine bisweilen geradezu mystische Aufladung, die an einen 'Magischen Realismus' heranreicht. Auch andere Autoren weisen auf diese auratische und emotive Dimension von Authentizität hin.

Kritisch anzumerken ist lediglich ein insgesamt uneinheitlicher Gebrauch des Materialitätsbegriffs. Obzwar sie immer wieder auf ihn rekurrieren, diskutieren die Autoren ihn in keinem der Beiträge je ausführlich. Dabei stellt doch gerade die im Titel angekündigte Berücksichtigung von Materialität eine der Besonderheiten dieses Sammelbandes dar. Die Überbetonung der Konstruktions- gegenüber der Materialitätsseite der untersuchten Phänomene erzeugt ein gewisses argumentatives Ungleichgewicht. Eine Ursache mag wohl dem Fokus auf Authentizität als formales Prinzip geschuldet sein, wodurch der Inhaltsseite noch zu wenig Beachtung geschenkt wurde.
Sieht man aber einmal von diesem kleinen Manko ab, ist die Lektüre der zwölf Aufsätze äußerst erkenntnis- wie aufschlussreich. Den Autoren gelingt eine überzeugende Darstellung, dass "Authentizität" eine der wichtigsten soziokulturellen Ressourcen unserer Zeit darstellt.


Funk, Wolfgang; Krämer, Lucia (Hg.): Fiktionen von Wirklichkeit. Authentizität zwischen Materialität und Konstruktion. Bielefeld: transcript, 2011. 296 S., kartoniert, 30,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1664-4


Inhaltsverzeichnis


Vorwort: Fiktionen von Wirklichkeit – 
Authentizität zwischen Materialität und Konstruktion
Wolfgang Funk/Luci Krämer
7

Die Aktualität der Authentizität – Von der Attraktivität des Nicht-Hier und des Nicht-Jetzt 
in der modernen Sprachwissenschaft
Rainer Schulze
25
 
Identität als zeichenbasierter Prozess –
Ein Fallbeispiel aus linguistischer und psychologischer Perspektive
Gabrielle Diewald/Elfriede Billmann-Mahecha
51
 
Spracherwerb als Konstruktion sozial gerichteter Kognition
Hans Bickes
75
 
Authentizität und Fremdsprachendidaktik
Gabrielle Blell/Rita Kupetz
99
 
Der künstlerische Raum zwischen Echtheitsanspruch
und Stimmigkeit der Erfahrung 
Eva Koethen
117

»Ich spiele grundsätzlich immer nur mich selbst« –
Authentizität als Movens und Ziel schauspielerischer Darstellung
Ole Hruschka
139

»Ich habe den Herrn gesehen« (Joh 20,18) –
Zur Authentizität biblischer Wirklichkeitskonstruktion am Beispiel der Auferweckung Jesu
Alois Stimpfle
157
 
Künstl(er)i(s)che Strategien von Authentizitätskonstruktion –
Beispiele aus Literatur, Film und bildender Kunst
Stefanie Kreuzer
179

Adaption als Filmgenre? – 
Die Gattungsdiskussion in den Adaptation Studies unter dem Blickwinkel der Authentizität 
Lucia Krämer
205

Seltsame Schleifen und wahrhaftiges Erzählen – 
Authentizität im zeitgenössischen englischsprachigen Roman
Wolfgang Funk
225
 
Beinahekrimis – Fragmente fingierter Authentizität
Sigrid Thielking
245
 
»Alles sagen« –
Autobiographik zwischen Authentizität und Fiktionalisierung 
Birgit Nübel
263

Autorinnen und Autoren
289


In Search of the "Real Thing": Material and Constructive Issues of Authenticity

The altogether twelve articles of the anthology Fiktionen von Wirklichkeit. Authentizität zwischen Materialität und Konstruktion (Fictions of Reality. Authenticity between Materiality and Construction) explore the sociocultural meaning of authenticity from the perspective of different humanities-related and socioscientific disciplines. A specific characteristic of the book is that it takes into consideration the material preconditions for the construction of authenticity, which is an important supplement to currently dominating constructivist research approaches. The only weakness worth mentioning consists of a lack of a more detailed discussion of the concept of materiality itself. Apart from this minor flaw, however, the volume is able to highlight the enduring importance of 'authenticity' in a conclusive and instructive manner



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