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Schädliche Praktiken und die Allgemeingültigkeit von Moral

Eine Rezension von Mathis Danelzik (Tübingen)

Mende, Janne: Begründungsmuster weiblicher Genitalverstümmelung. Zur Vermittlung von Kulturrelativismus und Universalismus. Bielefeld: transcript, 2011.

Janne Mendes zwischen Ethnologie und Philosophie angesiedelte Studie über Universalismus und Kulturrelativismus am Beispiel der Begründungsmuster von weiblicher Genitalverstümmelung stellt die Hintergründe einer Praktik dar, die gesundheitliche Risiken birgt, Menschenrechte verletzt und weltweit über 130 Millionen Mädchen und Frauen betrifft. Darüber hinaus führt das Buch – mit Ausnahme des Unterkapitels zur gesundheitlichen Perspektive auf überzeugende Art – in einen feministisch und postkolonial geprägten Diskurs mit verschiedenen Kontroversen ein sowie in eine abstrakte philosophische Debatte um die Allgemeingültigkeit von Moral, die weitreichende praktische und aktuelle Folgen hat. 


Der Disput um Universalismus und Relativismus ist eine der ältesten philosophischen Debatten. Diese hat in der heutigen globalisierten Welt jedoch nichts an Aktualität verloren. Sie ist sowohl gesellschaftlich als auch wissenschaftlich relevant, bereitet disziplinübergreifend Probleme und hat eine ausufernde Anzahl von Publikationen hervorgerufen. Die Aktualität zeigt etwa das Beispiel der weiblichen Genitalverstümmelung, anhand dessen die Autorin der vorliegenden Studie die Probleme sowohl universalistischer als auch kulturrelativistischer Argumentationen aufzeigt. Die Politikwissenschaftlerin Janne Mende identifiziert dabei in beiden Argumentationstypen repressive Elemente und emanzipatorische Potentiale und verfolgt das Ziel, eine Position herauszuarbeiten, welche die Vorteile beider Standpunkte vereint.

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in drei Teile: Teil I stellt die Debatte um Universalismus und Kulturrelativismus sowie verschiedene Kulturkonzepte dar. Die größte Komponente des Buches macht Teil II aus, der sich der Genitalverstümmelung zuwendet. Dabei werden zu verschiedenen Aspekten der Praktik universalistische und kulturrelativistische Positionen gegenübergestellt und von der Autorin bewertet. Teil III besteht aus einem Fazit, in dem eine Vermittlung zwischen universalistischen und kulturrelativistischen Positionen skizziert wird.

Janne Mende gelingt es trotz überschaubarem Umfang des Buches, sowohl in die Debatte um Universalismus und Kulturrelativismus als auch in die Begründungsmuster und Debatten um weibliche Genitalverstümmelung kenntnisreich und gut verständlich einzuführen. Der dritte Teil der Arbeit, in dem die Autorin ihre eigene Position eines postkolonial und kulturell sensibilisierten Universalismus umreißt, hätte jedoch ausführlicher ausfallen können. Die Kompaktheit des Buches bringt mit sich, dass auch ein gelungener Parforceritt wie dieser einige Unterscheidungen unterschlägt. Dies liegt vor allem am starken Fokus auf die Unterscheidung zwischen Universalismus und Kulturrelativismus. Nicht alle wichtigen Unterscheidungen können in diese Dichotomie eingeordnet werden. So ist beispielsweise die Forderung, kulturell sensibel zu sein, keine genuin kulturrelativistische, sondern kann und wird auch von universalistisch-menschenrechtlich argumentierenden Akteuren erhoben. Überhaupt darf nicht aus dem Blick geraten, dass die Universalismus-Relativismus-Debatte eine wichtige, jedoch gleichzeitig nur eine Spezialdebatte um westliches Engagement ist. In Gemeinschaften, die Genitalverstümmelung praktizieren, stehen sich hingegen UniversalistInnen unterschiedlicher Auffassung gegenüber. Kulturrelativistisch argumentieren die BefürworterInnen von Genitalverstümmelung in der Regel nicht, sondern beispielsweise universalistisch-religiös, wie Mende in Abschnitt II.4 selbst ausführlich darlegt.

Solche Wünsche nach noch stärkerer Differenzierung lassen sich indes an fast jedes Buch stellen. Tatsächlich kritisch anzumerken ist einzig, dass der Abschnitt "Die gesundheitliche Perspektive" gegenüber den anderen etwas abfällt. Mende stellt hier die Metaanalysen von Carla Obermeyer zu gesundheitlichen Risiken von Genitalverstümmelung in den Mittelpunkt. Sie legt dabei nahe, Obermeyer verharmlose die Praktik und sei Relativistin. Beides ist nicht der Fall. Die auch für die WHO arbeitende Harvard-Professorin ist Gründungsmitglied eines Netzwerkes gegen die Praktik und steht nicht im Verdacht, ein Interesse an der Verharmlosung von FGC zu haben. Zudem besteht sie gerade darauf, nur wissenschaftliche Belege anzuführen und unterscheidet differenziert zwischen Forschungslücken, statistisch signifikanten und nicht-signifikanten Untersuchungsergebnissen. Obermeyers Auswertung ist methodisch nie in Zweifel gezogen worden, auch wenn sich eine Debatte um ihre Arbeit ergeben hat.

Im Gesamteindruck fällt dieser eine schwächere Abschnitt angesichts der anderen überzeugend argumentierten jedoch nicht stark ins Gewicht. Janne Mende arbeitet die Kritiken an Universalismus und Relativismus detailliert heraus und deckt insbesondere das Paradox des Kulturrelativismus elegant auf: Universalistische Begründungsstrategien und deren Inhalte sind historisch und kulturell abhängig und somit kontingent. Dies entlarven kulturrelativistische Analysen. Der Kulturrelativismus muss jedoch selbst solch kontingente Prämissen verwenden, um die Forderung nach Toleranz und dem Schutz bestimmter Kulturen in ihrer gegenwärtigen Form erheben zu können (und nur dann wird er relevant). Mendes Umgang mit der postkolonialen Perspektive ist ebenfalls differenziert. Einerseits richtet sie zutreffende Kritik gegen postkoloniale Positionen, die jede westliche Beschäftigung mit der Praktik unmöglich machen oder repressive Elemente in den praktizierenden Gemeinschaften verschleiern können, andererseits arbeitet sie heraus, welchen Nutzen postkoloniale Perspektiven für die Debatte haben, nämlich die ethnozentrisch bedingten Inkonsistenzen des Diskurses aufzudecken, die den Umgang mit 'afrikanischen' und 'westlichen' Praktiken weiterhin bestimmen.

Insgesamt liefert Janne Mende eine lesenswerte, kenntnisreiche und doch kompakte Darstellung der Begründungsmuster der weiblichen Genitalverstümmelung. Bislang waren in deutscher Sprache entweder detaillierte Fallstudien (etwa von Rebekka Rust oder Diana Kuring), Sammelbände zu Teilbereichen (z.B. vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU-Berlin) oder nicht-akademische Bücher verfügbar. Eine deutschsprachige akademische Überblicksarbeit lag in dieser Form hingegen nicht vor. Zwar lässt sich eine so komplexe Debatte wie die zwischen Universalismus und Relativismus im Rahmen eines einzigen Buches nicht erschöpfend behandeln. Die Arbeit von Janne Mende führt anhand ihres Beispiels jedoch gekonnt in die Problematik ein und bietet den LeserInnen darüber hinaus eine Perspektive, die sich darum bemüht, einen Mittelweg zwischen den Extremen eines polarisierten Diskurses zu finden.


Janne Mende: Begründungsmuster weiblicher Genitalverstümmelung. Zur Vermittlung von Kulturrelativismus und Universalismus. Bielefeld: transcript, 2011. 208 S., kartoniert, 28,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1911-9


Inhaltsverzeichnis


I Die Diskussionen um Menschenrechte zwischen Kulturrelativismus und Universalismus … 17
I.1 Historie und Herkunft des Kulturrelativismus … 17
I.2 Das Phänomen des Universalismus … 26
I.3 Zum Begriff der Kultur … 37
I.4 Universalismus vs. Kulturrelativismus: Sackgasse oder Lösungsmöglichkeit? … 52

II Kulturrelativismus und Universalismus konkret:
Weibliche Genitalverstümmelung/Genitalbeschneidung
… 59
II.1 Die gegenkoloniale Perspektive … 66
II.2 Die gesundheitliche Perspektive … 84
II.3 Die Perspektive kultureller Rechte … 98
II.4 Die Perspektive des freien Willens …115

III (Minimal-)Bedingungen einer vermittlungslogischen
universalistischen Konzeption
…165

Glossar … 177

Bibliographie … 179


Harmful Practices and the Universality of Morality

Janne Mende's anthropological-philosophical treatise on universalism and cultural relativism uses the example of female genital mutilation, depicting the rationales of the practice, which affects more than 130 million girls and women worldwide, its medical risks and its status as a human rights violation. Furthermore, the book introduces the reader – convincingly, with the exception of a subchapter on the health perspective – to a feminist and post-colonially framed discourse that entails several controversies as well as a philosophical debate on the universality of morality, which has extensive practical consequences.


© beim Autor und bei KULT_online
Die Redaktion weist darauf hin, dass die Autorin des rezensierten Buches Mitglied des Graduiertenzentrums  ist, in dessen Rahmen auch dieses Rezensionsmagazin herausgegeben wird.