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Nachromantische Experimente: Gottfried Kellers lyrisches Werk neu gelesen

Eine Rezension von Thorsten Carstensen, PhD (New York)

Sautermeister, Gert: Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen. Berlin/New York: de Gruyter, 2010.

Das lyrische Werk Gottfried Kellers hat selten die Beachtung erfahren, die es angesichts seiner thematischen Variabilität und der Lust am ästhetischen Experiment verdient. Schülern ist Keller wegen seiner Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe vertraut, während sich die Forschung vor allem am ewigen Bildungsroman Der Grüne Heinrich abarbeitet. Gert Sautermeister zeigt in seiner umfassenden Studie nun, dass auch die Gedichte des Schweizers als Beleg für dessen Modernität herangezogen werden können. Mit seinen exemplarischen Analysen macht Sautermeister zugleich deutlich, dass die Literaturwissenschaft an genauem Lesen und sorgfältiger Textkenntnis auch im Zeitalter der Theorienvielfalt nicht vorbeikommt.


Die Liste derer, die den Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller für seine Prosa bewundern, ist lang. Thomas Mann rühmte sein "strömendes Erzähler-Genie", und Walter Benjamin sah in Kellers Prosa sogar "die geheime Wissenschaft des Epikers" realisiert. Peter Handke orientiere sich an Der grüne Heinrich, als er sich im Kurzen Brief zum langen Abschied an die Dekonstruktion des klassischen Bildungsromans machte. Kellers Lyrik hingegen konnte sich aus dem Schatten der Prosa nie ganz befreien. Im Urteil manches Kritikers ist diese Lyrik allenfalls zweitrangig: Durch "schiefe Bilder, pathetische Mißgriffe, Ton- und Stilbrüche, ja Stilblüten" (S. 7), hat Adolf Muschg einmal pointiert, werde die Mehrzahl der Gedichte Kellers für den Leser zum Ärgernis.

Gert Sautermeister rehabilitiert nun Kellers lyrisches Werk, indem er zeigt, wie sich gerade die Brüche auf engstem Raum – Muschg spricht von fehlender Makellosigkeit – für den Interpreten als fruchtbar erweisen. Überzeugend ist Sautermeisters Buch vor allem deshalb, weil er sich nicht damit zufrieden gibt, die thematische und ästhetische Spannweite der Gedichte mit literaturwissenschaftlichen Methoden zu sezieren, sondern sich bewusst für die Stimmungen und Gefühle öffnet, die Kellers Lyrik beim Leser hervorruft. Inhaltliche und formelle Aspekte werden dabei in einer Balance gehalten, denn Sautermeister widmet sich in seinen exemplarischen Analysen mit vorbildlicher Sorgfalt auch dem Aufbau der Gedichte, ihrem Rhythmus und ihren sprachlichen Eigenheiten. So gelingt es dem Autor außerdem, einen Bogen von den Gedichten zu den bekannteren Erzähltexten zu schlagen, wenn er Keller als "Erneuerer des Erzählgedichts" (S. 320) beschreibt, dessen Lyrik sich epische Elemente zu eigen mache.

Viele Forschungsarbeiten zu Keller, notiert Sautermeister in seinen Anmerkungen, krankten daran, dass sie nicht genügend Geduld für eine "beharrliche Textanalyse" (S. 335) aufbrächten und stattdessen das Werk mit Hilfe von ausufernden Querverweisen zu erschließen versuchten. Sautermeisters Buch zeigt, wie der Interpret der "Variationskraft und Eigenständigkeit" (S. 5) von Kellers Lyrik gerade durch die eingehende Lektüre repräsentativer Gedichte gerecht werden kann. Durch diese Art der Fokussierung, die vor prononcierten Thesen nicht zurückschreckt, entsteht das Porträt eines Dichters, der ästhetische Experimentierfreude mit politischem Bewusstsein paarte und dabei die Naturmelancholie seiner Vorläufer ebenso transzendierte wie die Sehnsucht nach dem Privaten, mit der seine deutschen Schriftstellerkollegen auf das Scheitern der Revolution von 1847/48 reagierten.

Einen wichtigen Referenzpunkt für Sautermeisters Interpretationen stellt das lyrische Werk Eichendorffs dar. Während sich Keller auf dessen Texte immer wieder zu berufen scheint – die Bezüge reichen von der Wahl der Titel bis hin zu Variationen ganzer Strophen –, so ist doch nicht zu übersehen, dass hier ein Paradigmenwechsel stattfindet. Dies ist denn auch Sautermeisters zentrale These: Statt die vertrauten Genreszenen nachzustellen, überführe Keller sie in eine nachromantische Position; seine Aneignung der Historie vollziehe sich als Erneuerung (vgl. S. 18).
Sautermeister erörtert dieses "entzaubernde Verfahren" (S. 17), mit dem Keller organisch erscheinende Naturbilder verfremdet, bereits im ersten Kapitel an der "Winternacht" – einem Gedicht, das die mythische Figur der lockenden Wassernixe besingt, um sie in der nächsten Zeile unter eine Eisdecke zu verbannen. Schon hier wird deutlich, dass Keller die Natur nicht unbefangen abspiegelt, sondern sie vielmehr als "Bildervorrat" (S. 307) begreift, aus dem er zitiert, um die Beziehung von Ich und Welt abwechselnd als Allegorie, Gleichnis, Rätsel oder humoristische Porträts zu gestalten.
Wie Keller aus dem romantischen Bilderfundus ein "Spiegelkabinett der Quer- und Gegenverweise" (S. 183) herzustellen weiß, erläutert Sautermeister dann vor allem in seiner ausführlichen Interpretation der Liebeslyrik, welche er durch einen "planvollen Kompositionswillen" (S. 185) geprägt sieht. Mit Blick auf den frühen Zyklus der Siebenundzwanzig Liebeslieder skizziert er die Kontrastierung von Liebessehnsucht und Liebesabwehr, von Begehren und Angst vor der Realisierung des Triebes, mit der sich diese Gedichte immer schon selbst problematisieren (vgl. S. 186 ff.).

Dass sich Keller in seinem lyrischen Schaffen auf einer anderen Reflexionsebene bewegt als Eichendorff, zeigt Sautermeister auch mit Blick auf den Assoziationsraum Stadt. So wird deutlich, dass Keller sich nicht bei jenen atmosphärischen Abspiegelungen des urbanen Alltags aufhält, wie man sie in der Literatur der Romantik häufig antrifft. Vielmehr sei er schon in seinen frühen, im Jahr 1845 verfassten Sonetten "In der Stadt" um eine "stadtkritische Phänomenologie" (S. 238) bemüht, indem er etwa im Bild sich überkreuzender Gassen die Überlagerung von Rationalität und Irrationalität im städtischen Leben thematisiere. Ganz kann sich Keller von den Sehnsüchten der Romantiker freilich nicht befreien: Die 1852 veröffentlichten "Berliner Gedichte", das verdeutlicht Sautermeister in seiner Interpretation des Wanderbildes "Am Tegelsee", sind Zeugnisse der Suche nach Orientierung in der Fremde und entlocken Keller durchaus "empfindsame Töne" (S. 241).

Zu Kellers Lyrik, in der sich das romantische Erbe mit dem "kritische[n] Augenmaß des 'bürgerlichen Realismus'" (S. 253) verbindet, passt es denn auch, dass der poetischen Phantasie eine ambivalente Rolle zukommt. In dem Gedicht "Winterspiel", so Sautermeister, werde der Imagination, die aus Verschlossenheit und Stummheit befreit, einerseits ein Denkmal gesetzt; andererseits sei sie der Ort des "dialektischen Umschlags" (S. 252), da das lyrische Ich an ihr zugrunde gehe. Trotzdem spreche auch aus Kellers Lyrik zumeist die Hoffnung, dass die Einbildungskraft, indem sie "Ersehntes und Erträumtes zum Bild" verwandele, mehr erzeuge als ein "Geflecht von Lettern" (S. 259): Denn die Bilder der Phantasie seien es, die, verewigt auf dem Papier, den "Lebensnerv des Dichters" (S. 260) vor der Bedrohung des Todes schützen sollen.

Dass sich Sautermeisters Darstellung – von den Verortungen Kellers im Kontext der deutschsprachigen Literatur und der Schweizer Politik des 19. Jahrhunderts einmal abgesehen – ganz einer detaillierten Lektüre dieses reichen lyrischen Werks widmet, ohne sich auf theoretischen Nebenschauplätzen zu verlieren, erweist sich als Glücksfall für den aufmerksamen Philologen. Es ist vor allem die beeindruckende Syntheseleistung, die dieses Buch zu einem außerordentlich wichtigen Beitrag zur Keller-Forschung macht: Wie Sautermeister die Sensibilität für sprachliche und motivische Feinheiten einzelner Gedichte mit dem hermeneutischen Blick für das große Ganze dieses Werks kombiniert – das ist in der heutigen Germanistik so selten wie nachahmenswert.


Gert Sautermeister: Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen. Berlin/New York: de Gruyter, 2010. 397 S., gebunden, Euro 99,95. ISBN 978-3110228311


Inhaltsverzeichnis


Einführung…1
I. Naturgedicht und lyrisches Ich…9
II. Politische Naturlyrik…36
III. Weiblichkeit und Politik…52
IV. Feuerbachiaden…68
V. Gelegenheitslyrik. Festlieder…92
VI. Gleichnislyrik. Allegorien…103
VII. Genrebilder. Idyllen und Anti-Idyllen…121
VIII. Selbstporträts und Ich-Analysen…146
IX. Liebeslyrik…178
X. (Fremd-)Porträts…207
XI. Miniaturen. Das Eigengewicht der Dinge und der Kreatur…220
XII. Bilder städtischen Lebens…233
XIII. Der Kunst zu Ehren. Kraft und Grenze der Phantasie…248
XIV. Volkstümliches und Volksliedhaftes…261
XV. Humoresken…271
XVI. Artistenspiele…287
Folgerungen: Schwerpunkte der Lyrik Kellers…307
Anhang…323
Anmerkungen    …331
Danksagung…393
Register …395

Post-Romantic Experiments: Rethinking Gottfried Keller’s Poetry

Despite its impressive thematic and aesthetic range, Gottfried Keller’s lyrical work has long suffered from critical neglect. It is undoubtedly his prose to which Keller owes his reputation as one of the 19th century’s literary luminaries. For generations, high-school students have been treated to his novella, Romeo and Juliet of the Village. Most scholars, meanwhile, typically preoccupy themselves with Keller’s major novel, Green Henry. In his comprehensive study, Die Lyrik Gottfried Kellers (Gottfried Keller’s Poetry), Gert Sautermeister demonstrates how the Swiss author’s poetry may account for his status as a precursor of modernism as well. Further, Sautermeister’s book reminds us that a philologist’s careful attention to form, language, and political contexts will yield more relevant insights into a text than theoretical overload.


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