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Gewalt häppchenweise – Kino als Funktionsträger im sozialen Machtgefüge

Eine Rezension von Astrid Matron

Hansen-Miller, David: Civilized Violence: Subjectivity, Gender and Popular Cinema. Surrey: Ashgate, 2011.

Unter einer Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen von medialisierter Gewalt nimmt
Civilized Violence einen eher ungewöhnlichen Standpunkt ein: David Hansen-Miller fragt nicht nach dem Reiz und den Auswirkungen von Gewaltdarstellungen, sondern nach ihrer Funktion, und beleuchtet so die Beziehung zwischen Kino und Gesellschaft. Der Autor bringt hierfür theoretische Konzepte der Subjektivierung und Bio-Politik zusammen mit solchen der Gender Studies und Filmtheorie. Anhand genauer Analysen ausgewählter Filme weist er schlüssig nach, dass das Kino als kulturelles Produkt seit seinen Anfängen eine wesentliche Rolle im Spannungsfeld von Subjektkonstitutionen und Gewalt gespielt hat. In einem abschließenden Kapitel zu zeitgenössischen Gewaltfilmen bekräftigt Hansen-Miller seine These, dass Kino in besonderem Maße die Möglichkeiten hat, gesellschaftliche Machtgefüge zu verhandeln, die sonst nur äußerst subtil in sozialen Strukturen auszumachen sind.


Mediale Gewaltdarstellungen werden in wissenschaftlichen Studien häufig als eine Art Erfahrungsersatz betrachtet, als ein Substitut für eine den gesellschaftlichen Strukturen nicht mehr inhärente Gewalttätigkeit. Gängiges Argument dieses Ansatzes ist, in der heutigen Gesellschaft fehle das Schockerlebnis, die Erschütterung und lebensgefährliche Erfahrung, so dass der Mensch im Betrachten dargestellter gewalttätiger Aktionen vermittelt bekomme, was nicht mehr seiner tatsächlichen Erfahrungswelt entspricht. Hier setzt David Hansen-Miller mit seiner Argumentation an und beruft sich dabei auf Norbert Elias, der bereits in den späten 1930er Jahren eine verbreitete These als Mythos entlarvte: Es sei ein Irrglaube, dass die moderne Gesellschaft Gewalt als Mittel der sozialen Regulation weitestgehend aus ihrer Mitte verbannt habe; die repressiven Prozesse in gesellschaftlichen Strukturen laufen vielmehr immer unterschwelliger und 'maskiert' ab (vgl. Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bd. Basel: Verlag Haus zum Falken, 1939). In diesem Sinne argumentiert im Folgenden auch Hansen-Miller, der das Kino wiederum als kulturelles Produkt versteht, das unaufhörlich dieser verdrängten Gewalt Geltung verschafft. Populäre Narrative vom Terroristen, der die Weihnachtsparty sprengt, oder vom Familienvater, der ein Doppelleben als Geheimagent führt, holen dieses 'Verdrängte' wieder in die Gesellschaft. In Anlehnung an Elias und psychoanalytische Theorien prägt Hansen-Miller hierfür den Begriff der 'civilized violence': "[…] the knowledge of civilized violence is often 'contained' and then reflected back to an audience in manageable terms" (S. 2).

Kapitel 1 bietet den theoretischen Hintergrund, vor dem Hansen-Miller seine Filmanalysen anlegt. Ausgehend von Foucaults Macht- und Subjektbegriffen, die vor allem in Überwachen und Strafen (1975) entwickelt werden, entwirft der Autor eine Genealogie der Gewalt und ihrer veränderten Formen in der Entwicklung hin zur (post)modernen Gesellschaft. Hierbei geht er auch auf den Zusammenhang von Gewalt und Subjektwerdung ein und konstatiert mit Foucault ein Wechselverhältnis zwischen Unterwerfung und Machtaneignung im Prozess der Subjektkonstitution, der von Gewalteinwirkung wie -ausübung geprägt ist. Indem er Foucaults Theorie der Disziplinargesellschaft zusammenführt mit Elias’ Konzept der modernen Zivilisation, weist Hansen-Miller schlüssig nach, dass Gewalt nach wie vor auch in der heutigen Gesellschaft vorhanden und funktional ist, jedoch komplexeren Strukturen und Demonstrationsmechanismen unterliegt. These Hansen-Millers ist es nun, dass gerade Kino das Potenzial hat, dieser zunächst gesellschaftlich verdrängten Gewalt ihren Raum zu geben und so eine sozialhygienische Funktion zu übernehmen.

In den folgenden Kapiteln untersucht der Autor unterschiedliche Modelle filmischer Gewaltdarstellungen: Angefangen bei Werken früher Filmkunst wie Das Kabinett des Dr. Caligari (1919) und The Sheik (1921), erläutert er nachvollziehbar den Zusammenhang zwischen jeweils zeitgenössischen psychoanalytischen und gesellschaftswissenschaftlichen Diskursen und einer filmischen Antwort darauf. Hansen-Miller parallelisiert zunächst Freuds "Zur Ätiologie der Hysterie" (1896) und Caligari, beides kulturelle Texte, die die soziale Bedeutung von Gewalt und eine fortschreitende bio-politische Machtentwicklung verhandeln. The Sheik dient im Folgenden als Beispiel des komplexen Zusammenhangs von männlich dominierter Machtausübung, sexuellen Urtrieben und (weiblicher) Subjektivierung.
Anhand zweier kanonischer Filme der späten 1960er bzw. frühen 1970er Jahre geht die Analyse einen Schritt weiter und demonstriert an Once Upon a Time in the West (1969) und Deliverance (1972), wie schwindende Souveränitätsmodelle verhandelt werden. Mit  Once Upon a Time greift der Autor das Narrativ des Western als Grenzerfahrungs-Genre schlechthin auf, um eine zeitgenössische Sehnsucht nach simplen, jedoch veralteten Macht- und Subjektstrukturen nachzuweisen. Deliverance schließlich dient als Beispiel gänzlich aus den Fugen geratener Macht- und Gender-Gefüge. Neben den präzisen Analysen ist vor allem positiv zu bewerten, dass Hansen-Miller dabei Film nicht als reine Repräsentationsform gesellschaftlicher Diskurse, sondern als Teil dieser ansieht, und immer wieder auf die Wechselwirkung hinweist.

Abschließend schlägt Hansen-Miller den Bogen zu zeitgenössischen Gewaltdarstellungen, wobei er nicht mehr ein einzelnes Werk beispielhaft untersucht, sondern auf einer allgemeineren Ebene über die Veränderung in den Gewaltnarrativen zeitgenössischer Spielfilme reflektiert. Problematisch ist hier, wie insgesamt an der umfangreichen Filmographie: Der Autor argumentiert fast ausschließlich mit US-amerikanischen Filmen, ohne diese Einschränkung zu thematisieren geschweige denn zu problematisieren. Wünschenswert wären mehr Beispiele gerade aus dem asiatischen Kino gewesen, das von jeher andere Darstellungskonventionen von Gewalt aufweist.

In diesem letzten Kapitel greift Hansen-Miller noch einmal in die theoretische Fundgrube und bringt absatzweise neue Namen ins Spiel, ohne jedoch genauer auf die jeweiligen Konzepte von bspw. Deleuze/Guattari oder Luce Irigaray einzugehen. Auch der Rekurs auf Judith Butler und ihre Untersuchung der Eltern-Kind-Beziehung lässt sich an dieser – der Zusammenfassung dienenden – Stelle nicht gut mit den vorangegangenen Kapiteln in Zusammenhang bringen. Eine zentrale These des Bandes bezüglich der historischen Entwicklung von Gewaltdarstellungen und des Zusammenhangs mit Subjektkonstitutionen wird hier jedoch noch einmal präzise auf den Punkt gebracht: "Pervasive cinema violence responds to the anxieties necessarily produced by the degree and pace of change. Popular narratives consistently reflect the sense that political responsibilities are subtended by violence […]. Anxieties pull in different directions, and the conflicts of a split subject manifest in the multiplicity of films striving for popular resonance" (S. 171).

Insgesamt ist Civilized Violence trotz kleiner Einschränkungen ein lesenswerter und gut formulierter Beitrag zur medienwissenschaftlichen Gewaltforschung. Mittels genauer Film- und Kulturanalyse beschreibt Hansen-Miller Kino als Wahrnehmungsorganisation; als solche hat es die Möglichkeit, mit elementaren Bedürfnissen im Prozess der Subjektwerdung zu 'kommunizieren' (vgl. S. 25), und – wie andere kulturelle Texte auch – das Potenzial, soziale Strukturen und Mechanismen zu verändern.


Hansen-Miller, David: Civilized Violence: Subjectivity, Gender and Popular Cinema. Surrey: Ashgate, 2011. 205 S., hardcover, 72,99 Euro. ISBN: 978-1409412588


Inhaltsverzeichnis

Acknowledgements … vii

Introduction … 1

1 From Scaffold to Cinema: Violence as a Force of Subjection and Subjectivation … 7

2 Violence and Clinical Authority in 'The Aetiology of Hysteria' and The Cabinet of Dr. Caligari … 37

3 Violence and the Passage from Responsibility to Desire in The Sheik … 65

4 The death of Popular Sovereignty in Once Upon a Time In The West … 97

5 Deliverance and its Uses: Subjectivity, Violence and Nervous Laughter … 131

Conclusion: Gender and Pervasive Violence … 161

Bibliography … 183

Index … 199



Violence in Bits and Pieces – Cinema and Social Power Structures

Contributing to the many studies on media violence, David Hansen-Miller's Civilized Violence offers an interesting perspective by means of discussing the functions of violence representation in films. David Hansen-Miller highlights the entanglements between cinema and society, and brings together theories of subjectivation and biopolitics with gender studies and film theories. The author conducts a close reading of several films, and, in result, emphasizes that cinema as a cultural product has played an important role in the discourse of subjection and subjectivation through violence since its beginnings. Concluding with a chapter on contemporary movies, Hansen-Miller underlines his assumption that cinema has the ability to narrate and interpret social forces that generally have become too opaque to be detected easily in social structures.


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