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Eine Exkursion in die westeuropäischen Topographien des Emotionalen

Eine Rezension von Anne Rüggemeier

Frevert, Ute et al.: Gefühlswissen: Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2012.

Die gemeinsame Publikation des Forschungsbereichs "Geschichte der Gefühle", der am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung seit 2008 unter der Leitung der Historikerin Ute Frevert existiert, versammelt unter dem Titel
Gefühlswissen: Eine lexikalische Spurensuche eine breitgefächerte und interdisziplinär anschließbare Annäherung an die Bedeutung von Gefühlen in der Moderne. Anhand einer umfassenden Auswertung der Gefühlslemmata in deutschen, englischen und französischen Lexika aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert gelingt es den AutorInnen, Gefühle als kulturell geformte und sozial erlernte Phänomene zu historisieren und sie sowohl als Produkt historischer Kontexte als auch in ihrer Geschichtsmächtigkeit greifbar zu machen. Dabei liegt es an der ambivalenten und wechselhaften Natur der Gefühle, die aus den je unterschiedlichen Kontexten resultiert, dass sich wiederkehrende Muster und Entwicklungstrends zum Teil nur schwer synthetisieren lassen.


Wer hofft, im vorliegenden Band eine Wissenschaftsgeschichte der Gefühlsforschung präsentiert zu bekommen, der wird enttäuscht sein. Ebenso wird es jenen LeserInnen ergehen, deren Interesse spezifischen Gefühlen wie etwa Wut, Liebe oder Mitleid gilt. Dieser Band fokussiert vielmehr auf die Fragen, welche Rolle Gefühle generell in den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten seit dem 18. Jahrhundert einnehmen, in welchem Verhältnis sie zum Menschsein an sich stehen und welche Bedeutungen ihnen im Hinblick auf spezifische Themen wie etwa das Alter(n), die Gesundheit und Prozesse der Individualisierung sowie der Vergesellschaftung zugemessen werden.

Mit einer Analyse der Lexika aus drei Jahrhunderten gelingt es den AutorInnen, wissenschaftliche, gesellschaftspolitische und kulturelle Perspektiven auf Gefühle einzufangen und die "Reflexionen und Debatten [...], in denen sich zeitgenössisches Wissen über Gefühle bildete, sortierte und verbreitete" (S. 16), nachzuzeichnen. Insofern liest sich das Buch auch als Kritik an den Kognitions- und NeurowissenschaftlerInnen, die allein auf die Ergebnisse bildgebender Verfahren vertrauen und weder die "Kontextgebundenheit ihrer Probanden" (S. 39), noch "ihre Vorgänger, die als Philosophen, Mediziner und Psychologen seit mehreren Jahrhunderten das menschliche Gefühlsleben erforschten" (S. 10), berücksichtigen. Diese Methoden bauen laut Frevert auf einem universalisierbaren "Standardmodell des Menschen" auf und unterschätzten damit die Komplexität des Gefühlsbegriffs, der "bei aller Natürlichkeit, in hohem Maße kulturell und sozial geprägt" (S. 32) sei.
Tatsächlich veranschaulichen die Lexikonbeiträge, dass jede Zeit ihre eigenen Gefühlsdefinitionen hervorbrachte. Während sich frühere Epochen wie das 18. und 19. Jahrhundert durch eine enorme Vielfalt des Gefühlswortschatzes auszeichnen und damit auf ein "Nebeneinander verschiedener Denksysteme" (S. 25) verweisen, zeichne sich seit dem 20. Jahrhundert eine "Kontraktion des Gefühlsvokabulars" (S. 24) ab. Die Dominanz des Emotionsbegriffs, der seit den 1960er Jahren Konjunktur habe, stehe in engem Zusammenhang mit der Hinwendung zu den Neurowissenschaften als neuer Leitdisziplin und der damit einhergehenden Ablösung einer philosophisch begründeten Gefühlsbetrachtung. Weiterhin habe seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine Versachlichung der Lexikonartikel stattgefunden, die einerseits dem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet sei, andererseits aber zu einer Entkontextualisierung der Gefühlsphänomene geführt habe: "Statt ‘die Menschen’ mit ihren wechselnden Gefühlen, Empfindungen, Affekten, Leidenschaften in den Blick zu nehmen, wie es die Lexika des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts taten, stehen heute ‘der Mensch’, sein Gehirn, sein Körper, sein Bewusstsein und seine Emotion[en] im Mittelpunkt" (S. 31).

Der in zehn Kapitel gegliederte Band wird eingerahmt von zwei Aufsätzen von Ute Frevert selbst. Während das erste Kapitel einen einführenden Charakter hat und Ziele und Methoden der Publikation vorstellt, stellt das letzte Kapitel einen Syntheseversuch der in Kapitel zwei bis neun abgedruckten Einzelstudien dar.
Die acht Einzelstudien beschäftigen sich zum einen mit Topographien des Gefühls und befragen die Lexika etwa nach ihrer Vorstellung davon, wo am Körper oder im Geist oder in der Seele Gefühle zu lokalisieren seien, danach, welche Vorstellungen vom Selbst damit einhergehen (vgl. Monique Scheer in Kap. 2) und ob Gefühle sichtbare Spuren am äußeren Menschen hinterlassen (vgl. Anne Schmidt in Kap. 3). Benno Gammerl fragt zudem: Sind Gefühle nur in zwischenmenschlichen Nahbeziehungen von Relevanz oder auch über Distanzen hinweg? (Kap. 7).
Zum anderen liegt ein Themenschwerpunkt auf der Schnittstelle zwischen Körper- und Emotionsgeschichte. So untersucht Pascal Eitler die Bedeutung der Mensch-Tier-Unterscheidungen für die Konstruktion von Emotion (Kap. 4) und Nina Verheyen zeichnet anhand deutschsprachiger Lexika die historische Entwicklung des Verhältnisses von Alter(n) und Gefühl nach (Kap. 6). Bettina Hitzer fragt, welche Zusammenhänge zwischen Gefühlen und Gesundheit bzw. Krankheit in den Lexika zum Ausdruck kommen.
Obwohl sich alle Beiträge durch eine sozialpolitische Dimensionierung ihrer Forschungsfrage auszeichnen, beschäftigen sich die verbleibenden zwei Aufsätze explizit mit der politischen und sozialen Dimension von Gefühlen. Christian Bailey untersucht die historische Semantisierung von sozialen Emotionen und Gruppengefühlen im Hinblick auf Institutionen der Gefühlsbildung seit dem 18. Jahrhundert (Kap. 8). Margrit Pernau fragt schließlich nach der Rolle der Gefühle bei der Zuschreibung von Werten und zeigt, inwiefern man bei der Konstruktion von Identitäten und Differenzen auf Gefühle zurückgriff (vgl. S. 244). Eine Semantisierung der Gefühle als Indikator für den moralischen Entwicklungsstand einer Gruppe lässt sich insbesondere am Projekt der Kolonisierung zeigen, das die Welt in Zivilisierte und Barbaren unterteilte. Ähnliche Mechanismen entdeckt Pernau auch in der gegenwärtigen europäischen Außenpolitik, in der Gefühle als Mittel der Hierarchisierung und Differenzierung von Gesellschaften auch im 21. Jahrhundert noch nicht ausgedient haben (vgl. S. 262).
Die Aufsätze weisen in ihrer Gesamtheit darauf hin, dass der Gefühlsbegriff eine wissenstheoretische Schnittstelle repräsentiert, auf der sich eine enorme Vielfalt von historischen und kulturwissenschaftlichen Diskursen von Mediengeschichte, Kunstgeschichte, Philosophie- und Geistesgeschichte bis hin zu neueren Feldern wie Post/colonial Studies, Aging oder Animal Studies auftut.

Gerade aufgrund dieses enormen Anknüpfungspotentials und der angesprochenen Themenvielfalt fällt es z.T. schwer, eingängige Thesen oder Ergebnisse aus den Untersuchungen abzuleiten. Dies mag auch an der Struktur der Aufsätze liegen, die weder ganz der Chronologie noch ganz der Erörterung zusammenhängender Problemkomplexe folgen. Insofern machen sie es für die Leserin nicht immer leicht, den Überblick zu behalten, von welchem Jahrhundert bzw. von welchem Lemma gerade die Rede ist. Methodisch lässt sich weiterhin anmerken, dass trotz der postulierten "hohe[n] soziale[n] Wirkmächtigkeit" (S. 16) des Lexikons fraglich bleibt, ob dieses Medium tatsächlich als repräsentativ für zeitgenössische Debatten angesehen werden kann, da es nur von einem kleinen Teil der Gesamtbevölkerung konsultiert wurde. Frevert spricht selbst von einem "relativ überschaubare[n] bürgerliche[n] Abnehmerkreis des 18. und 19. Jahrhunderts" (S. 32). Weiterhin wird die "Internationalität des Genres" (S. 17), das eine länderübergreifende Untersuchung erlauben würde, bei Weitem nicht ausgeschöpft. Zwar widmen sich einzelne Beiträge einem Vergleich zwischen deutschen, englischen und französischen Lexika, andere beschränken sich aber auf eine Analyse der deutschsprachigen Einträge. Eine Erweiterung des Quellenkorpus auf zentral- und osteuropäische Lexika wäre wünschenswert gewesen.
Betrachtet man dieses Buch als einen ersten "Baustein eines umfangreicheren und voraussetzungsvolleren Projekts" (S. 17), wie es auch die z.Zt. laufenden Projekte des Forschungsbereichs nahelegen, dann stellt diese Publikation aber einen gelungenen Appetithappen auf das dar, was zukünftige Veröffentlichungen dieser Abteilung zur Erforschung einer historischen Semantik der Gefühle noch beitragen werden.


Ute Frevert u.a.: Gefühlswissen. Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne. Frankfurt/New York: Campus, 2011. 364 S., brosch., 29,90 Euro. ISBN 978-3-593-39389-6


Inhaltsvereichnis

Kapitel 1 (Ute Frevert)
Gefühle definieren: Begriffe und Debatten aus drei Jahrhunderten 9

Gefühls-Debatten in der Moderne 10
Zusammenhangsvermutungen 13
Gefühle im Lexikon 16
Gefühlswissen im Jahrhundert der Aufklärung 20
Gefühlsbegriffe: Affekte, Leidenschaften, Emotionen 24
Gefühlskontexte: Nationen, soziale Klassen, Geschlechter 31

Kapitel 2 (Monique Scheer)
Topografien des Gefühls 41

"Innen" und "Außen" als Quellenbegriffe 44
Gefühle in der Seele 46
In den Tiefen des Gemüts 51
Zeitlichkeit und Tiefe 57

Kapitel 3 (Anne Schmidt)
Gefühle zeigen, Gefühle deuten 65

Perspektiven der Ästhetik 66
Im Fokus der Aufklärer – die kommunikative Funktion des
Gesichtsausdrucks 69
Die naturwissenschaftliche Wende 78
Neue und alte Fragen 88

Kapitel 4 (Pascal Eitler)
Der "Ursprung" der Gefühle – reizbare Menschen und reizbare Tiere 93

"Unnöthige Zänckereyen"? Unterscheidungen zwischen Menschen
und Tieren 95
Eine Genealogie der Emotionen?
Emotionengeschichte – Körpergeschichte – Tiergeschichte 101
"Geistige Triebe" und "dunkle Gefühle":
Mensch-Tier-Unterscheidungen zwischen Physiologie und Psychologie 107
"Mitgefühl" und "Mitleid":
Zur Pädagogisierung und Politisierung von Mensch-Tier-Verhältnissen 113

Kapitel 5 (Bettina Hitzer)
Gefühle heilen

Der Mensch als Einheit in fragiler Balance:
Ein frühneuzeitliches Konzept 124
Die Einheit bröckelt – ein Übergang auf Umwegen:
Das kurze 19. Jahrhundert 127
Neurosen, Psychosen und gefühllose Zellen: 1880-1930 135
Von unbewältigten Gefühlen, Adrenalinschüben
und sonstigen Störungen: 1930-1990 142
Die Geschichte geht weiter 148

Kapitel 6 (Nina Verheyen)
Alter(n) mit Gefühl 153

Gute Aussichten? Die glücklichen Alten 153
Die Pflege der Leidenschaften auf den Lebensstufen:
Perspektiven des 18. Jahrhunderts 157
Die Angst vor Affekten in Lebenskrisen:
Perspektiven des 19. Jahrhunderts 161
Die Verwissenschaftlichung der Emotionen in allen Lebensabschnitten:
Perspektiven des 20. Jahrhundert 169
Der Siegeszug des Sanguinikers 177

Kapitel 7 (Benno Gammerl)
Gefühlte Entfernungen 179

Gefühle als Getast:
Emotionen, sinnliche Wahrnehmung und räumliche Nähe 181
Gefühl zwischen Vereinzelung und "Alliebe":
Von der subjektiven Reflexion zur Totalisierung der Nähe 185
Sympathie, Gemütlichkeit und soziale Liebe:
Gefühlstopografien zwischenmenschlicher Beziehungen 191

Kapitel 8 (Christian Bailey)
Zusammenfühlen – zusammen fühlen? 201

Die natürlichen Voraussetzungen:
Gemeinsinn – biologische Unterschiede – Persönlichkeitsprofile 204
Institutionen der Gefühlsbildung:
Bürgergesellschaft – nationale Gemeinschaften – Familien und Erzieher 212
Kollektive Gefühle in gefährlichen Gruppenbildungen:
Die Wilden – die Fremden – die Massen 222

Kapitel 9 (Margrit Pernau)
Zivilität und Barbarei – Gefühle als Differenzkriterien 233

Civility: Der Einzelne in der Gesellschaft 233
Civilisation: Die Gesellschaft in der Geschichte 242
Die Somatisierung der Differenz: Biologie und Anthropologie 249

Kapitel 10 (Ute Frevert)
Gefühlswissen in der Moderne – Entwicklungen und Ergebnisse 263

Begriffe und Leitwissenschaften 263
Gefühle zwischen Leib und Seele, Körper und Geist, Physis und Psyche 266
Gefühle zwischen Individuum und Gesellschaft 267
Universalität und Partikularität 270
Moralisierung der Gefühle 275

Anmerkungen 279

Anhang 345
Editorische Anmerkungen 345
Liste der zitierten Lexika und Kurztitel 346
Dank 360
Sachregister 361


Mapping Emotions in Modern Western Europe

The book Gefühlswissen: Eine lexikalische Spurensuche (Knowing the Feeling: a Lexical Search for  Traces) authored by the research group "History of Emotions" established in 2008 at the Max Planck Institute for Human Development (Berlin) under the direction of historian Ute Frevert, offers a wide variety of interdisciplinary approaches to the meanings of emotions in modernity. By providing a comprehensive analysis of German, English, and French dictionary entries of the 18th, 19th, and 20th centuries, the authors successfully show that feelings are both culturally shaped and socially learnt. Thereby emotions become conceivable as both products of historical contexts and as a history changing force. However, as a consequence of the ambivalence and vicissitude that result from the different historical, social, and political contexts in which the feelings are situated, recurrent patterns and trends are not easy to synthesize.



© bei der Autorin und bei KULT_online