Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Navigation

Artikelaktionen

Der ganze Mensch. Leibseelische Diskurse zwischen Literatur, Naturwissenschaften und Philosophie

Eine Rezension von Laura Meneghello

Schmaus, Marion: Psychosomatik. Literarische, philosophische und medizinische Geschichten zur Entstehung eines Diskurses (1778-1936). Tübingen: Niemeyer, 2012.

Marion Schmaus' Psychosomatik bietet eine höchst interessante Perspektive, um ein neues Verständnis von der Entstehung der Psychosomatik als Disziplin zu erwerben. Durch eine diskursanalytische, vergleichende Methode, die diachronisch sowie synchronisch wirkt, und durch einen interdisziplinären Ansatz, welcher die Wechselwirkung zwischen literarischen, medizinischen und philosophischen Diskursen analysiert, zeigt die Autorin den allumfassenden, disziplinübergreifenden Charakter des leib-seelischen Problems und der Diskurse um die Psychosomatik vom ausgehenden 18. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Neben konkreten Fallstudien, die überzeugend miteinander in Verbindung gebracht werden, ist die Reflexion über eigene Theorie und Methodik bzw. über den Grund und die Notwendigkeit, die Kulturgeschichte der Naturwissenschaften zu erforschen, komplementärer Teil des Werks.


Wissenschaftliche, literarische und philosophische Diskurse, die den Ursprung der Psychosomatik als 'Disziplin' kennzeichnen, sind das Objekt von Marion Schmaus' Untersuchungen. Nicht eine oder überhaupt die Geschichte der Psychosomatik also, sondern "literarische, philosophische und medizinische Geschichten" im Plural: Diese Pluralität spiegelt sich in der Struktur des Buches wider, wobei die Erzählungen sich in einzelnen Fallstudien konkretisieren und zugleich auf einander referieren.
Schmaus definiert die Psychosomatik als eine um 1950 sich etablierende Fachdisziplin, welche "sich mehrheitlich darauf verständigt, dem philosophischen Dilemma von Dualismus und Monismus zu entgehen, indem sie einen dritten 'holistischen' Ansatz vertritt, demzufolge Leib und Seele als eine untrennbare, systemische Einheit aufgefaßt werden" (S. 11); dieser Ansatz spiegelt sich in der psychosomatischen medizinischen Praxis wider. Gerade die Vorgeschichte dieser Fachdisziplin ist Thema der vorliegenden Studie. Der gewählte Untersuchungszeitraum, nämlich von 1778 bis 1936, erlaubt die Präsentation der Diskurse um das Leib-Seele-Problem in einer Periode, in der es sinnvoll ist, von psychosomatischen Diskursen zu sprechen und diese miteinander zu vergleichen; Johann Gottfried Herders Programmschrift Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traume (1778) und Karl Jaspers’ Monographie Nietzsche (1936) stecken den Rahmen dieser vergleichenden Studien.

Das erste Kapitel präsentiert eine kurze Analyse des Begriffs vom 'ganzen Menschen', welcher sowohl in utopischem als auch in erfahrungswissenschaftlichem Sinn Herders ästhetischer Schrift Plastik zugrunde liegt. Parallel dazu findet sich in Albrecht von Hallers Reizlehre die Basis der Theorie des Reflexbogens, welcher, wie Schmaus in den letzten Kapiteln zeigt, eines der Hauptelemente im psychosomatischen Diskurs bleibt (vgl. S. 453).
Des Weiteren wird das Konzept 'Zeitkrankheit' anhand von Moritz' Zeitschrift Magazin zur Erfahrungsseelenkunde beleuchtet. Die Auffassung von Zeitkrankheiten als aktives Verhalten liefert eine fundamentale Grundlage für Freuds spätere Konzeption der Psychogenese, Krankheiten seien nämlich (fehlgeschlagene) Problemlösungsstrategien, als solche in einem historischen und sozialen Kontext notwendigerweise eingebettet. Leiden ist also auch eine Art Sprache, Symptome drücken Konflikte aus, sie sind historisch und kulturell bedingte Zeichen, die einer Interpretation bedürfen.
Literatur gilt deshalb als hermeneutischer Versuch, diese Zeichen zu interpretieren und gleichzeitig zu heilen: Das dritte Kapitel handelt von der Wechselwirkung zwischen leiblichen und geistigen Prozessen sowie von der Vorstellung theatralischer und literarischer Werke als Kurmethoden, insbesondere angesichts von Zeitkrankheiten; das geschieht anhand von Goethes Lila und Wilhelm Meister, Novalis' Heinrich von Ofterdingen und Reils Rhapsodien. Es geht aber nicht nur um literarische Werke, sondern auch um philosophische Auffassungen, etwa die "Heilkraft der Dialektik" (S. 145) in Hegels Phänomenologie des Geistes.
Diese Wechselwirkung zwischen literarischen und medizinischen Konzepten wird im vierten Kapitel betrachtet, in welchem Georg Büchners Woyzeck detailliert untersucht und im Licht der medizinischen, psychiatrischen und forensischen Entwicklungen im frühen 19. Jahrhundert analysiert wird. Die stetige Konfrontation mit den zwei gesetzlichen Gutachten zum Fall Woyzeck sowie mit der wissenschaftlichen Begriffsgeschichte erlaubt es, Büchners Werk in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung zu verstehen.
Im letzten Teil der Studie werden verschiedene Arten Hermeneutik, wie Nietzsches 'Entlarvungspsychologie', Diltheys verstehende Psychologie und Freuds Psychoanalyse, besprochen und miteinander verglichen; dieses Kapitel, ebenfalls durch Fallstudien strukturiert, verbindet Nietzsches Verständnis des ganzen Menschen und der Gesundheit-Krankheit Dialektik mit Diltheys verstehender Hermeneutik (und seiner psychophysischen Lebenseinheit, an Fechners Psychophysik angelehnt), Andreas-Salomés Nietzsche-Interpretation mit Freuds Psychoanalyse und diese schließlich wieder mit Jaspers Nietzsche-Monographie.
Selbst Strömungen der Semiologie werden im Licht leibseelischer Debatten erklärt (vgl. S. 512). Schmaus zeigt, wie die biographische Erkenntnis zur wissenschaftlichen Methode wird, unter dem Dilthey'schen Motto: "Was der Mensch sei, sagt ihm nur seine Geschichte" (vgl. S. 6). Daraus resultiert die Möglichkeit und Notwendigkeit, die Naturwissenschaften kulturwissenschaftlich zu erforschen, wo Kulturwissenschaft prominent als Kulturgeschichtsschreibung verstanden wird (eben als eine Art biographische Selbstreflexion der Wissenschaft).

Wegen seiner Interdisziplinarität kann dieses Werk anregend und hilfreich sowohl für Literatur- und Philosophie- als auch für Wissenschaftshistoriker sein; seine einzelnen Teile sind auch separat voneinander zu betrachten, obwohl die Argumentation einer inneren Logik folgt und Verknüpfungen zwischen den unterschiedlichen Themen und Kapiteln nie fehlen. Im Licht der vorgestellten Pluralität von Erzählungen zur Psychosomatik wird auch der Geschichte anderer Disziplinen eine neue Deutungsmöglichkeit gegeben, während die reziproke Abhängigkeit von den jeweiligen Diskursen deutlich wird. Demgemäß wird Literatur, mit Foucault, in ihrer "Ermächtigungsfunktion" und "funktionellen Rollenvielfalt" (vgl. S. 5) betrachtet.  
Außerdem wird die Methodenreflexion selbst als "work in progress" verstanden und "in den einzelnen Kapiteln fortschreitend entwickelt" (S. 7), d.h. in Interaktion mit den inhaltlichen Themen vorgestellt und dadurch beleuchtet, was einen wertvollen Versuch der Integration zwischen Methode und Inhalt darstellt.


Schmaus, Marion: Psychosomatik. Literarische, philosophische und medizinische Geschichten zur Entstehung eines Diskurses (1778-1936). Tübingen: Niemeyer, 2012. 575 S., broschiert, 84,95 Euro. ISBN: 9783484151208


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 1

I. Der ganze Mensch. Herders Plastik und Hallers Reizlehre 27

II. Zeitkrankheiten. Moritz' Magazin zur Erfahrungsseelenkunde 45
II.1. Schwindel und leibseelische Grenzzustände 47
II.2. Religiöse Melancholie 52
II.3. Theatromania 65

III. Psychogenese der Krankheit und psychische Kurmethoden. Theatralische und prosaische Heilverfahren in der Goethezeit 73
III.1. Goethes Singspiel Lila 73
III.2. Reils Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen 101
III.3. Der Bildungsroman als therapeutisches Genre 107
III.3.1. Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre 113
III.3.2. Novalis' Heinrich von Ofterdingen 121
III.3.3. Hegels Phänomenologie des Geistes 137
III.3.4. Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden 148

IV. Psychiker versus Somatiker 169
IV.1. 'Psychisch-somatisch' oder 'somatisch-psychisch'? 169
IV.2. Der Fall Woyzeck. Eine psychosomatische Debatte in der Forensik 189
IV.2.1. Die Clarus-Gutachten 195
IV.2.2. Marcs Gegengutachten 203
IV.2.3. Heinroths Widerlegung 207
IV.3. Büchners Woyzeck zwischen Naturwissenschaft, Recht und Ästhetik 215
IV.3.1. Medizin, Wissenschaft und Moral. Die Kritik von Urteilsstrukturen 219
IV.3.1.1. Die Genese von Berufsrollen, Wissenschaftsformen und Versuchsanordnungen 222
IV.3.1.2. Zur naturwissenschaftlichen Methode Büchners 246
IV.3.1.3. Literarische Vorläufer von Barbier und Doktor 256
IV.3.1.4. Die Genese von Krankheitsbildern 262
IV.3.2. Büchners realistische Ästhetik 295

V. Biographische Erkenntnis. Der Fall Nietzsche 309
V.1. Nietzsche: Eine Philosophie auf 'Personal-Acten' beruhend 310
V.1.1. Psychologie 311
V.1.2. Der ganze Mensch 313
V.1.3. Leben und Erkennen 320
V.1.4. Existentielle Hermeneutik 322
V.2. Verstehende Psychologie: Dilthey, Jaspers 333
V.2.1. Dilthey – Nietzsche 333
V.2.2. Psychologie als Erfahrungswissenschaft 348
V.2.3. Die psychophysische Lebenseinheit 357
V.2.4. Poetik als Erfahrungswissenschaft 388
V.2.5. Reflexbogen und hermeneutischer Zirkel 395
V.2.6. Jaspers' Nietzsche 401
V.3. Psychoanalyse: Andreas-Salomé, Freud 407
V.3.1. Andreas-Salomés Nietzsche in seinen Werken 407
V.3.2. Freud – Nietzsche 414
V.3.3. Psychoanalyse und Psychosomatik 439
V.3.4. Psychoanalyse und Kunst 475
V.3.5. Psychoanalytische Hermeneutik 506

Nachwort: Vom Wissen der Literatur 527
Literaturverzeichnis 531
Personenregister 555
Sachregister 562


The Human Being as a Whole: Psychosomatic Discourses between Literature, Natural Sciences, and Philosophy

Marion Schmaus' Psychosomatik offers a highly interesting perspective on the origins of psychosomatics as a discipline. Through discourse-analysis and a diachronic as well as synchronic comparative method, the book shows the all-encompassing and interdisciplinary character of the mind-body problem in narratives on psychosomatics from the end of the 18th to the beginning of the 20th century. Starting from concrete case-studies which are nevertheless strictly related to each other, not only does the author analyse the interactions between literary, medical and philosophical discourses, but she also reflects on her own theoretical and methodical framework, explaining the possibility and the necessity of writing a cultural history of the natural sciences.



© bei der Autorin und bei KULT_online