Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

"Wenn man sich mit Raum und Zeit befasst, befasst man sich bei Weitem nicht nur mit Raum und Zeit"

Eine Rezension von Nina Lange

Carrier, Martin: Raum-Zeit. Berlin/New York: de Gruyter, 2009.

In seiner Monographie
Raum-Zeit aus der Reihe Grundthemen der Philosophie untersucht Martin Carrier die Phänomene 'Raum' und 'Zeit', indem er naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus philosophischer Sicht interpretiert. Der Leserin werden dabei tiefgründige Einsichten etwa zur Gerichtetheit von Zeit oder dem Verhältnis von Raum und Zeit zu Körpern und Ereignissen ermöglicht – allerdings nur, wenn sie über ausreichende Vorkenntnisse in Physik bzw. Mathematik verfügt.



Zeit und Raum prägen unseren Alltag, unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen. Doch obwohl wir tagtäglich mit beiden konfrontiert sind, können wir sie nur schwer fassen oder beschreiben. Dies mag ein Grund dafür sein, dass sich unterschiedlichste Wissenschaften seit Jahrhunderten mit Raum und Zeit befassen und versuchen, den beiden Phänomenen auf verschiedene Arten auf den Grund zu gehen.

Bereits der Titel seiner Monographie Raum-Zeit (2009) gibt einen Hinweis auf Martin Carriers Herangehensweise an das Thema. Er spielt auf Albert Einsteins Terminus der Raumzeit an, nach welchem die beiden Kategorien nur im Zusammenhang betrachtet werden können. So fasst Einstein die Zeit als vierte Dimension zu den drei Dimensionen des Raums auf. Carrier wählt demnach die Methode einer wissenschaftsorientierten Naturphilosophie. Vorhandene Theorien aus den (Natur-)Wissenschaften bilden dabei die Basis für eine philosophische Interpretation mit dem Ziel, das Wesen von Raum und Zeit zu ergründen. Jegliche andere Vorgehensweise kritisiert Carrier deutlich:

"Charakteristisch für einen solchen wissenschaftsphilosophisch geprägten Zugang ist, dass man – im Gegensatz zur Naturphilosophie traditionellen Zuschnitts – nicht gleichsam vorprescht und als philosophische Antwort präsentiert, was die Wissenschaft nicht oder noch nicht zu sagen vermag. Eine solche vorwitzige, auf die Kraft der Spekulation vertrauende Strategie hat in der Geistesgeschichte nur zu oft Schiffbruch erlitten."(S. 3)


Hiermit dürfte er nicht uneingeschränkt auf Zustimmung treffen, zumal die Gültigkeit der Erkenntnisse einer wissenschaftsorientierten Naturphilosophie von der Richtigkeit der ihnen zugrunde liegenden physikalischen Grundsätze abhängt, die durchaus revidiert werden können. Gerade im Hinblick auf Zeit und Raum ist dies zu erwarten, da Relativitätstheorie und Quantenphysik nicht zueinanderpassen, wie es der Autor im Schlusskapitel darlegt: "Eine von beiden Denkschulen wird […] weichen müssen […]." (S. 224) 

In vier großen Kapiteln behandelt Carrier Aspekte, die teilweise tief in der konventionellen Zeit- bzw. Raumvorstellung westlicher Industriegesellschaften verwurzelt sind: Im ersten Teil befasst er sich mit dem Zusammenhang von Zeit und Kausalität. Die kausale Theorie der Zeit, vertreten durch Leibniz, Kant und Reichenbach, wird ihrem Gegenstück, der Regularitätstheorie der Kausalität, gegenübergestellt und in Zusammenhang mit der Speziellen Relativitätstheorie gebracht. Das zweite Kapitel behandelt die Gerichtetheit der Zeit, wobei sich Carrier mit dem Paradoxon zwischen der menschlichen Erfahrung stetigen Wandels und der Zeitumkehrbarkeit grundlegender physikalischer Prozesse auseinandersetzt. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Der dritte Teil handelt von der Messbarkeit von Raum und Zeit und den damit einhergehenden Erkenntnisproblemen, einerseits basierend auf dem newtonschen Universum, andererseits im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie. Im letzten Kapitel bespricht Carrier die naturphilosophischen Folgen der Raum-Zeit Theorien. Dazu stellt er die absolute sowie die relationale Sicht von Raum und Zeit vor und setzt sie in den Kontext der Allgemeinen Relativitätstheorie. 
Schon allein zur Speziellen Relativitätstheorie und den daraus resultierenden philosophischen Konsequenzen ließen sich mehrere Bücher schreiben. Carrier gelingt es aber, die jeweils relevanten Aspekte der oben teilweise erwähnten physikalischen Grundlagen herauszugreifen und diese, häufig anhand anschaulicher Beispiele, in knapper Form zu erklären, bevor er sich im naturphilosophischen Sinne damit auseinandersetzt. Durch gut gesetzte Ein- und Überleitungen weiß er die LeserInnen gekonnt durch die komplexen Themen und Theorien zu führen. Zwar bedarf es zu dessen vollständigem Verständnis kein abgeschlossenes Physikstudium, wie Carrier in der Einleitung leicht ironisch bemerkt. Fundiertes Vorwissen in Physik bzw. Mathematik brauchen seine LeserInnen jedoch allemal. So geht er richtig in der Annahme, dass das Buch vor allem "Physik für Philosophen" behandelt und kein "populärwissenschaftlicher Text" ist. Auch wenn es "kaum jemals die kalkulatorischen Einzelheiten sind, an denen die philosophische Diskussion ansetzt" (S. 7), dürften nicht entsprechend vorgebildete Rezipienten von mathematisch-physikalischen Schreibweisen wie "(e1 simul e2) ^ (e1 γ e3) => (e2 γ e3)" (S. 43) zur Beschreibung der transitiven Eigenschaft von der Relation der Gegenwärtigkeit abgeschreckt werden.
"Wenn man sich mit Raum und Zeit befasst, befasst man sich bei Weitem nicht nur mit Raum und Zeit." (S. 7 & 222) Dieses Zitat aus Carriers Eingangs- und Schlusskapitel wird durch seine Monographie gleichsam belegt: Um die Kategorien Raum und Zeit zu ergründen, bedarf es hier genauso ausgeprägter mathematisch-physikalischer Kenntnisse. Daher werden nicht entsprechend vorgebildete oder zumindest interessierte LeserInnen vor Ende des Buches aufgeben. Diejenigen, die es jedoch ganz lesen, erwarten fundierte Einsichten über die geheimnisvollen Phänomene Raum und Zeit aus philosophischer Sicht sowie eine Darstellung der in diesem Zusammenhang wichtigsten physikalischen Theorien.         


Carrier, Martin: Raum-Zeit. Berlin: de Gruyter, 2009. 240 S., broschiert, 24,95 Euro. ISBN: 978-3110176940


Inhaltsverzeichnis


Einleitung    1
1. Naturphilosophie, Wissenschaft und menschliche Erfahrung    1
2. Thematische Gliederung    4

1. Zeitordnung als Kausalordnung: Die kausale Theorie der Zeit    8
1.1 Die klassische Form der kausalen Zeittheorie: Leibniz und Kant   9
1.2 Die Raum-Zeit-Struktur in der speziellen Relativitätstheorie   17
1.2.1 Die Konzeption der Speziellen Relativitätstheorie und die Tradition der Elektrodynamik   17
1.2.2 Die spezielle Relativitätstheorie als Theorie der Raum-Zeit   28
1.3 Zeitfolge und Gleichzeitigkeit in der Minkowski-Raum-Zeit   39
1.4 Kausalstruktur und Minkowski-Raum-Zeit   42
1.5 Kausalität und Anisotropie der Zeit   48
1.5.1 Kausalordnung und Zeitfolge   48
1.5.2 Die Gabelungsasymmetrie    49

2. Sein und Werden: Reversibilität, Irreversibilität und die Richtung der Zeit   58
2.1 Die Zeitlosigkeit der Welt   59
2.1.1 Dynamik des Wandels versus Unveränderlichkeit des Seins   59
2.1.2 Die Zenonschen Paradoxien    60
2.1.3 Die Reversibilität der Fundamentalprozesse und das statische Blockuniversum   67
2.2 Irreversibilität und statistische Mechanik   71
2.2.1 Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik   72
2.2.2. Boltzmanns mechanische Begründung des zweiten Hauptsatzes   75
2.2.3 Der Maxwellsche Dämon   84
2.2.4 Der Zweite Hauptsatz als Anthropomorphismus   89
2.2.5 Irreversibilität bei Nicht-Gleichgewichtssystemen   92
2.2.6 Die philosophische Tragweite faktischer (nicht-nomologischer) Irreversibilität   95
2.2.7 Physikalische Grundlagen des Zeitpfeils   98
2.3 Nomologische Irreversibilität: Der Zeitpfeil der schwachen Wechselwirkung   103
2.4 Wandel oder Werden: Die Zeitlichkeit der Welt   106
2.4.1 Die Relativität des "Jetzt" und der Unterschied von Vergangenheit und Zukunft   107
2.4.2 Der Fluss der Zeit und der Unterschied von Wandel und Werden   109

3. Geometrie und Wirklichkeit: Erkenntnisprobleme beim Ausmessen von Raum und Zeit
   113
3.1 Die empirische Ermittlung der physikalischen Geometrie    114
3.1.1 Nicht-Euklidische Geometrien    114
3.1.2 Das Ausmessen der Raum-Zeit    123
3.1.3 Die empirische Unterbestimmtheit der physikalischen Geometrie   126
3.1.4 Hohlwelttheorie und geometrischer Konventionalismus    131
3.1.5 Reichenbachs universelle Kräfte und die Gravitation   134
3.2 Die Grundzüge der allgemeinen Relativitätstheorie     137
3.2.1 Einsteins "drei Prinzipien"    137
3.2.2 Lichtstrahlen, Uhren, Maßstäbe und Bewegung im Gravitationsfeld   144
3.2.3 Die Geometrisierung der Gravitation   147
3.2.4 Grenzen der Geometrisierung    154
3.3 Die erkenntnistheoretische Stellung der physikalischen Geometrie   158
3.3.1 Universelle Kräfte in der allgemeinen Relativitätstheorie    158
3.3.2 Die Feldinterpretation der physikalischen Geometrie und die Konventionalitätsthese   161

4. Raum-Zeit und Materie: Die Naturphilosophie von Raum und Zeit   168
4.1 Raum und Zeit in der klassischen Physik   169
4.1.1 Newtons absolute Position: Intrinsische Strukturen von Raum und Zeit  170
4.1.2 Leibniz' relationale Interpretation: Der Raum als Anordnung von Körpern 174
4.1.3 Raum-Zeit und Kräfte: Die Behandlung der Rotation und die Leibniz-Clarke-Kontroverse   179
4.1.4 Machs Kritik an Newtons Argument und sein relationaler Gegenentwurf   182
4.2 Die Struktur der Raum-Zeit in der allgemeinen Relativitätstheorie   190
4.2.1 Absolute Eigenschaften der Raum-Zeit   190
4.2.2 Das Machsche Prinzip und die allgemeine Relativitätstheorie   195
4.3 Substanzialismus und Relationalismus   204
4.3.1 Die Unterscheidung zwischen Raum und Materie    204
4.3.2 Substanzialismus und Loch-Argument   206
4.4 Der Strukturenrealismus in der Raum-Zeit-Philosophie   212
4.4.1 Epistemischer Strukturenrealismus   214
4.4.2 Ontologischer Strukturenrealimus: Objekte als Relationen   216

Schluss   222
Anmerkungen   225


'When dealing with space and time, you will not only deal with space and time'

In his monograph Raum-Zeit (Space-Time), which was published in the de Gruyter series Grundthemen der Philosophie (Basics in Philosophy), Martin Carrier analyses the phenomena of space and time by interpreting findings of the natural sciences from a philosophical point of view. The reader gains deep insights into elusive phenomena such as the course of time or the relation of space and time towards bodies and events. This can, however, only be achieved if one has sufficient knowledge of physics or mathematics.


© bei der Autorin und bei KULT_online