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Theorie und Praxis der Performative(n) Kritik

Eine Rezension von Anneka Esch-van Kan

Nestler, Sebastian: Performative Kritik. Eine philosophische Intervention in den Begriffsapparat der Cultural Studies. Bielefeld: transcript, 2011.

Wie lässt sich das interventionistische Potential der Cultural Studies mit poststrukturalistischen Entwürfen zu Kritik und Widerstand zusammendenken? Wie können die theoretisch komplexen Überlegungen von PhilosophInnen wie Michel Foucault oder Judith Butler in konkrete Praktiken überführt werden? In seiner teil-kumulativen Dissertationsschrift Performative Kritik. Eine philosophische Intervention in den Begriffsapparat der Cultural Studies geht Sebastian Nestler diesen Fragen nach und schlägt vor, den entlang Foucault und Butler entwickelten Begriff der 'performativen Kritik' in den Begriffsapparat der Cultural Studies einzubeziehen. Die exemplarischen Analysen von Filmen und Fernsehserien sollen schließlich die Theorie in eine konkrete Interpretationspraxis überführen, die Nestler selbst als Intervention verstanden wissen möchte. Zwar löst der Band seinen ambitionierten Anspruch nicht zufriedenstellend ein, er kann jedoch als solide theoretische Grundlage auf dem Weg zu einer erst noch zu entwickelnden 'Performativen Kritik' dienen.



In den letzten Jahrzehnten hat sich ein starker Pessimismus bezüglich der Möglichkeit gesellschaftlicher und politischer Veränderung in akademischen Kreisen verbreitet. Eine Alternative zur Einsicht in die Wirkungslosigkeit des eigenen Schaffens scheinen die komplexen Theorien poststrukturalistischer PhilosophInnen wie Michel Foucault, Judith Butler, François Lyotard oder Gilles Deleuze zu bieten. Sie konzeptualisieren Kritik als eine kontextspezifische Aktivität der Verschiebung im Inneren von Macht. Häufig wird jedoch bemängelt, dass die Theorien sich kaum in konkrete Praktiken umsetzen lassen.
Mit seiner teilkumulativen Dissertationsschrift Performative Kritik. Eine philosophische Intervention in den Begriffsapparat der Cultural Studies versucht Sebastian Nestler nun genau an diesem Punkt anzusetzen. Er entwickelt entlang der Kernkonzepte von Foucault und Butler den Begriff einer 'performativen Kritik' und schlägt vor, diesen in die Cultural Studies einzuführen. In der Verbindung der in Teilen gegensätzlichen Ansätze sieht Nestler das Potential konkreter kritischer Interventionen im Sinne eines empowerment (S. 10) aufscheinen. 

Die in der Medien- und Kulturwissenschaft verankerte Arbeit gliedert sich in ein umfangreiches Kapitel zu "[t]heoretische[n] Grundlagen", das sich wiederum erst den sprachphilosophischen Voraussetzungen des performative turn, dann den für die Arbeit zentralen Aspekten der Werke von Foucault und Butler und schließlich Kernkonzepten der Cultural Studies widmet.
Ein zweites weitaus knapperes Kapitel stellt im Anschluss "[e]xemplarische Analysen" von Filmen und Fernsehserien vor, die Nestler als Umsetzung der theoretischen Überlegungen und konkret als "kritisch- ermächtigende Intervention im Rahmen einer durch die Cultural Studies beeinflußten kritischen Medienpädagogik" (S.25) verstanden wissen möchte. 

Nestler versteht Kritik mit Foucault als "die Kunst nicht dermaßen regiert zu werden" (Foucault, Michel: Was ist Kritik? Berlin: Merve, 1992, S. 10). Kritik als 'Entunterwerfung' kann grundsätzlich nur vom Inneren der Macht aus geschehen, also als ein Mit-der-Macht-gegen-die-Macht (S. 78). Nach der detaillierten Einführung der Grundpfeiler von Foucaults und Butlers Ansätzen entlehnt Nestler diesen insbesondere zwei konkrete Taktiken der 'Entunterwerfung': Foucaults 'Quasi-Subjekt' und Butlers 'Resignifikation'. Im Zentrum der Überlegungen steht 'performative' Kritik, d.h. Kritik als Tun und als "faktische soziale Praxis" (S. 203). Der Begriff der 'performativen Kritik' leitet sich direkt von Foucault und Butler ab. Nestlers anschließende Frage ist, welche Konsequenzen aus diesen Theorieansätzen gezogen werden können, wie sie sich in konkrete Praktiken übersetzen lassen.

Die Überwindung der Kluft zwischen Theorie und Praxis scheint Nestler in der Verbindung des Konzepts 'performativer Kritik' mit dem Werkzeugkasten der Cultural Studies zu sehen. Er verortet seine Arbeit im Rahmen einer kritischen Medienpädagogik und betont das für die Cultural Studies "zentrale interventionistisch-politische Element" (S. 136). Douglas Kellner dient ihm wiederholt als Stichwortgeber, insbesondere dessen Methode einer "diagnostischen Kritik", die ein "dialektisches Verhältnis von Text und Kontext" (S. 176) annimmt und davon ausgeht, dass Film als symbolische Form dazu dienen kann "soziale Realitäten und Ereignisse zu lesen" (ebd.). Die Schaffung von Interpretationsangeboten – auch in seinen eigenen Analysen – versteht Nestler als Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten und damit als Beitrag zu einer kritischen agency. Von Bedeutung für Nestlers Dissertation sind ferner die Arbeiten Giroux' und Denzins zum Film als "Instrument kritischer Pädagogik" (S. 199) bzw. als "Werkzeug machtkritischer Intervention" (S. 136).
Ausgehend von diesen Ansätzen rehabilitiert Nestler die Bedeutung nicht nur formaler, sondern auch inhaltlicher Interpretationen von Filmen. Die Analyse des Plots steht denn auch im Zentrum der kurzen und von der Theorie geleiteten Interpretationen von Jim Jarmuschs Dead Man, Kevin Smiths Chasing Amy und verschiedener Folgen von South Park. Lediglich in der Analyse der Filme von Wong Kar-wai werden auch filmsprachliche und andere formale Aspekte berücksichtigt.   

Leider können die deutlich zu kurz geratenen Analysen den von Nestler selbst formulierten Ansprüchen (als kritische Interventionen zu dienen) nicht genügen. Während die Analysen nur 58 Seiten umfassen – innerhalb derer auch noch Michel De Certeaus Unterscheidung zwischen Taktiken und Strategien sowie grundlegende Aspekte der Deleuze'schen Philosophie eingeführt werden –, sind fast 200 Seiten bloßes Referat theoretischer Grundlagen. Der Referatscharakter bestätigt sich durch die Anlage des Inhaltsverzeichnisses und den kursorischen Blick auf die Topic-Sentences sowie durch die Einführung von Theorieaspekten, die für die eigene Argumentation weitestgehend unnötig erscheinen (wie z.B. die Ausführungen zu Foucaults Geschichte der Sexualität). Die abschließende "kritische Diskussion" und das "Fazit" wiederholen die theoretischen Bezüge, anstatt diese verknüpfend weiterzudenken. Die durchgehende Verwendung der dritten Person Plural (z.B. "wir erachten es aber als notwendig"; S. 19) erscheint gänzlich unangebracht. Der mögliche Bezug auf das Deleuze'sche Verständnis minoritärer als kollektive Sprachen rechtfertigt den in die Irre leitenden Gebrauch des Plurals nicht.

Nestler verspricht in Performative Kritik leider mehr, als der Band halten kann. Es wird eine solide Einführung in das Werk von Foucault und Butler geboten. Ebenso werden systematisch Grundlagen der Cultural Studies eingeführt. Die Verbindung der Perspektiven, deren Hürden und Probleme gar nicht erst zum Thema werden, bleibt jedoch ein Vorschlag, der in Nestlers Untersuchung noch kaum produktive Früchte trägt. Die exemplarischen Analysen bleiben in der Bestätigung der Theorie stecken und verschenken auch über die Kürze ihr Potential. Die Lektüre von Performative Kritik ist durchaus lohnenswert und besonders für jene geeignet, die erst ins Thema einsteigen. Mit dem Zuschlagen des Buchdeckels sollte jedoch die gedankliche Arbeit erst in Gang kommen. Performative Kritik lädt zum Denken und zur Weiterentwicklung des skizzierten Ansatzes ein.   


Nestler, Sebastian: Performative Kritik. Eine philosophische Intervention in den Begriffsapparat der Cultural Studies. Bielefeld: transcript, 2011. 308 S., broschiert, 31,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1891-4


Inhaltsverzeichnis

Danksagungen…7

1. Einleitung…9

2. Theoretische Grundlagen…33

2.1. Der performative turn: von der Sprachphilosphie zu den Kultur- und Medienwissenschaften…33
2.1.1. Zu den performativen Äußerungen bei John L. Austin…35
2.1.2. Von Austins performativen Äußerungen zum performative turn…40

2.2. Performative Kritik: Kritik der Macht innerhalb der Macht im Sinne einer flachen Ontologie…46
2.2.1. Bei Michel Foucault…46
2.2.2. Bei Judith Butler…92
2.2.3. Zwischenresümee zum Begriff der performativen Kritik…125

2.3. Artikulation von Identität und Politiken der Repräsentation: Möglichkeiten kritischer medialer Interventionen aus Sicht der Cultural Studies…129
2.3.1. Stuart Hall: Zur (medialen) Artikulation von Identität und zu kritischen Politiken der Repräsentation…142
2.3.2. Douglas Kellner: Zur Bedeutung von diagnostischer Kritik und kritischer Medienkompetenz in postmodernen Medienkulturen…163
2.3.3. Norman K. Denzin: Performative Kultur, kinematographische Gesellschaft und Film als sozialwissenschaftliche Methode…183
2.3.4. Henry A. Giroux: Die Erweiterung des pädagogischen Raums…191
2.3.5. Zwischenresümee Cultural Studies…202

3. Exemplarische Analysen…207

3.1. Die Dezentrierung des Weste(r)ns. Zum Begriff fragmentierter Identitäten in Jim Jarmuschs DEAD MAN…207
3.2. Erfinderische Taktiken wider die Strategien des Stereotyps: Auf der Jagd nach alternativen Identitäten in Kevin Smiths CHASING AMY…221
3.3. »Going down to South Park gonna learn something today.  Populärkultur als kritisches Vergnügen und pädagogischer Diskurs…234
3.4. Kleine Filme? Zur kinematographischen Sprache Wong Kar-wais…243

4. Kritische Diskussion…265

5. Fazit…287

Literatur…293
Film…307
Fernsehserien…308
Musik…308

Performative Critique in Theory and Practice

How could the interventionist potential of cultural studies and poststructuralist approaches to critique and resistance cross-fertilize? How could the sophisticated theories of philosophers like Michel Foucault and Judith Butler be translated into concrete practices? In his partly cumulative PhD thesis Performative Kritik. Eine philosophische Intervention in den Begriffsapparat der Cultural Studies (Performative Critique: A Philosophical Intervention into the Terminology of Cultural Studies). Sebastian Nestler considers these questions and suggests including the concept of 'performative critique' (developed in accordance with Foucault and Butler) in the conceptual framework of cultural studies. The exemplary analyses of movies and TV series are, then, supposed to transfer the theory into a concrete practice of analysis, which Nestler himself wants to be understood as a particular form of intervention in itself. The book does not meet its own ambitious aspirations. Yet, it may very well serve as solid theoretical ground-work for a 'performative critique' that has yet to be developed.


© bei der Autorin und bei KULT_online