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Talking Pictures – was literarische Bilder über unsere Kultur verraten


Eine Rezension von Alexandra Müller

Albers, Stefanie: Verbal Visuality. The Visual Arts in Contemporary Anglophone Fiction. Trier: WVT, 2011.

Die Anglistin Stefanie Albers widmet sich in ihrer im Wissenschaftlichen Verlag Trier erschienenen Dissertation verbal evozierten intermedialen Phänomenen in der englischsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf literarischen Werken, in denen das Thema bildende Kunst bewusst eingesetzt wird, um ästhetische und gesellschaftliche Fragestellungen zu verhandeln. Neben den narratologischen Funktionen von Intermedialität erörtert die Autorin auch die Möglichkeit, diese Hybridtexte im Hinblick auf die extratextuelle Wirklichkeit als meta-narratives und socio-cultural commentaries zu lesen.


In einer Welt, in der das Paradigma der Visualität dominiert, muss das geschriebene Wort in der Literatur noch nicht um seine Vorherrschaft fürchten. Jedoch kommt es auch im literarischen Medium stetig zu Interaktionen mit anderen medialen Formen – Intermedialität hat sich daher als ein wichtiges Analyseinstrument der Literaturwissenschaft etabliert.
Mit Blick auf die englischsprachige Gegenwartsliteratur nimmt sich Stefanie Albers in ihrer Dissertation Verbal Visuality diesem Phänomen an. Sie untersucht anhand von elf Werken der letzten 20 Jahre, zu denen Salman Rushdies The Moor's Last Sigh (1996), Zadie Smiths On Beauty (2006) oder Nick Hornbys "Nipple Jesus" (2000) gehören, wie und vor allem warum durch genuin literarische Mittel Visualität in Texten erzeugt wird. Der Leitfrage "What can the visual arts […] achieve in a narrative text that other themes cannot?" (S. 6) folgend, analysiert sie Bild-Text-Figurationen wie Ekphrasen, also die verbale Beschreibung einer visuellen Repräsentation, und intermediale Bezugnahmen, meist auf der Figurenebene geführte Kunstgespräche, auf ihre Funktionen für die Narration, den Leseprozess und die Verbindung von Welt und Text.

In den ersten beiden Kapiteln verortet sich die Autorin zunächst in der Intermedialitätsdebatte, indem sie sich den Konzepten von Werner Wolf und Peter Wagner anschließt und das weite Feld der Bild-Text-Relation für ihre Forschung absteckt ('Fotoromane' sollen keine Berücksichtigung finden). Die Untersuchung stützt sich zudem auf Konzepte zur Ästhetik (Kant, Hegel, Dewey) und Gesellschaftstheorie (Bourdieu), denn die Interpretation der als hybrid texts oder art narratives bezeichneten Werke rekurriert auf ästhetische Überlegungen zur Definition, zum 'Wert' von Kunst und zur gesellschaftlichen Bedingtheit von Geschmack und Kunsterfahrung.

An diesen gesellschaftlichen und ästhetischen Themen orientiert sich Albers, um im vierten Kapitel aufzuzeigen, wie Literatur die bildende Kunst auf Diskurs-, Story- und extratextueller Ebene funktionalisiert. So erarbeitet die Autorin anhand ihres Textkorpus folgende Kategorien, die sie an Romanpassagen exemplifiziert: a) art as a economic necessity, b) status symbol, c) therapeutic qualities of art, d) art discourses as a means for identity formation, e) poetological commentary, f) structuring principle, g) cultural diagnosis.
Insbesondere die Erwägungen zu narratologischen Funktionen (Metareferenz, Strukturelement) und die Ideen zu Kunst(geschmack) als Statussymbol und als Mittel zur Identitätsbildung und Gruppenidentifikation, die sich etwa in der Auseinandersetzung mit dem Bourdieu'schen Konzept des kulturellen und symbolischen Kapitals und der Dichotomie von high/low art berühren, überzeugen und bieten Anknüpfungspunkte. In On Beauty lässt Zadie Smith ihre Figuren beispielsweise über Schönheitskonzepte und den Wert von Kunst diskutieren, um allgemein über Identitätsfindung und (Un)Zugehörigkeitsgefühle in einer multikulturellen Gesellschaft zu reflektieren – schließlich sind "decisions about aesthetic value […] deeply influenced by one's background, be it on a social, ethnic or educational level" (S. 107). Gerade die unterschiedliche Wahrnehmung von bekannten Gemälden und die Ekphrasen der Figuren verdeutlichen dies.

Kritisch hinterfragt werden muss an dieser Stelle die Notwendigkeit des 'eingeschobenen' Kapitels zu Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray als Modelinterpretation eines intermedialen Textes; natürlich ist der Zusammenhang mit der generellen Thematik des Projekts offensichtlich, aber es stellt sich beim Lesen weder ein direkter Bezug zu den später eingeführten Kategorien, noch zu den "postmodern deficiencies", die sich in den zeitgenössischen Romane abzeichnen, ein. Eine genauere Untersuchung der therapeutischen Qualitäten von Kunst wie in Kapitel 4.2.3 angedeutet oder längere Ausführungen zum hybrid text als cultural diagnosis, wären hier alternativ vorstellbar gewesen.
Denn als sehr wichtig erweist sich die abschließende Hypothese, dass man Literatur durch den extratextuellen Verweis auf den Kunstdiskurs als Form des sozialen und kulturellen Kommentars, als "'document' in cultural contexts" (S. 3) lesen kann: Das selbstreflexive Potential intermedialer Konfigurationen dient dazu, vielschichtig sozio-kulturelle Entwicklungen widerzuspiegeln. Daher seien art narratives kein Ausdruck eines neuen Ästhetizismus, der Kunst vom Leben trennt, sondern eine bewusste Evaluierung kultureller und postmoderner Themen. So repräsentiere bereits das Verwischen von Grenzen im intermedialen Werk die Unsicherheit des Individuums angesichts der proteischen Welt oder die Instabilität des Selbstbildnisses. Die Analyse von On Beauty zeigt entsprechend, dass der Kunstdiskurs nicht nur für Plot und Charakterisierung bedeutsam ist. Der Roman erörtert die Oberflächlichkeit des (extratextuellen) akademischen Systems und korrelierende Probleme wie den Verlust von festen Wahrheiten, Werten und Toleranz "not by using the genre of the campus novel but by highlighting the misgivings through art" (S. 153).

Gerade diese Betonung einer 'culturisation of literature' mittels formeller Gestaltung ist in der Intermedialitätsforschung voranzutreiben. Die Funktionalisierung von intermedialen Phänomenen zur Überschreitung von Diskursschranken und (Meta-)Ebenen ist in der Darstellung schlüssig. Bezüglich intermedialer Formgebung wäre dagegen ein stärkerer Verweis auch auf Fusionen, in denen sich die Medien nicht unterstützen – "intermedial works aim to overcome and bridge this divide" (S. 19) –, sondern gegenläufig agieren, wünschenswert. Medienkonkurrenz, ja Medialität per se wird kaum thematisiert – es wird meist von art und nicht vom eigentlichen Bildträger gesprochen. Dies ist wohl einer semiotischen Interpretation von Bild und Text geschuldet, die Intermedialität als Teil der Intertextualität fasst. Infolgedessen ließe sich die Studie unter die traditionellen inter art studies subsumieren; sie verweist allerdings durch die Anbindung an sozio-kulturelle Aspekte darüber hinaus.

Albers Dissertation zeichnet sich somit durch die Anwendung bewährter soziologischer und literaturwissenschaftlicher Theorien aus, die jedoch durch die Verschränkung mit dem Kunstdiskurs neue Perspektiven gewinnt. Die Arbeit demonstriert, dass verbale Visualität nicht als Selbstzweck literarische Texte 'schmückt'. Sie kann vielmehr probat eingesetzt werden, um Aussagen über das Verhältnis zwischen den Künsten und generell über ästhetische Erfahrung zu machen. Ebenso bietet der Ansatz, Hybridtexte als extratextuelle Kulturdiskurse zu interpretieren Potential, das hier natürlich noch nicht ausgeschöpft wurde. Als Anknüpfungspunkt verweist die Anglistin auf Gender und Postcolonial Studies. So bleibt festzuhalten, dass Intermedialität sicherlich nicht das offensichtlichste Mittel ist, um sozio-kulturelle Fragen literarisch zu verhandeln, aber dass viele Themen nicht "as fittingly otherwise" (S. 25) diskutiert werden könnten. 


Albers, Stefanie: Verbal Visuality. The Visual Arts in Contemporary Anglophone Fiction. Trier: WVT, 2011 (Horizonte. Studien zu Texten und Ideen der europäischen Moderne, Band 41). 180 S., broschiert, 23 Euro. ISBN: 978-3-86821-316-4


Inhaltsverzeichnis


1. Introduction … 1

2. Narrative and the Visual Arts: The Forms and Functions of Intermediality … 15
2.1 The Fusion of Media – Theoretical Implications of Intermediality … 15
2.2 The Visual Arts in Narrative Fiction … 26
2.2.1 The Integration of Visual Elements … 28
2.2.2 Ekphrasis of Real and Fictional Art Works … 36
2.2.3 Aesthetic Debates among Characters … 43
2.3 Key Theoretical Debates Frequently Broached in Literature … 46

3. A Model Reading: Art Disourses in Oscar Wilde's The Picture of Dorian Gray … 56

4. Forms and Functions of Representing the Visual Arts in Narrative, or: Why Art Matters in Literature … 72
4.1 Functions of the Visual Arts within the Story … 76
4.1.1 Art as Economic Necessity or Investment … 76
4.1.2 Art as Status Symbol or Hidden Treasure … 80
4.1.3 Art as Consolation and Comfort … 99
4.1.4 Art as a Source of Identity Formation … 106
4.2 The 'In-between': Visual Art Discourses as Metareferential or Poetological Commentary … 126
4.3 Functions of the Visual Arts On and Beyond the Discourse Level … 137
4.3.1 Art as a Structuring Principle … 137
4.3.2 Art as Cultural Diagnosis … 149

5. Conclusion … 163


Talking Pictures – What Literary Pictures Reveal about Our Culture

In her dissertation published by Wissenschaftlicher Verlag Trier Stefanie Albers analyses verbally evoked intermedial phenomena in contemporary anglophone literature. She concentrates on literary works in which the theme of the visual arts is deliberately applied in order to negotiate aesthetic and social questions. Accordingly, the author demonstrates that intermediality not only fulfils narratological functions; Albers also points out that those hybrid texts can be read as evaluations of extra-narrative issues and as socio-cultural commentaries on our postmodern world. 


© bei der Autorin und bei KULT_online