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(Re-)Naissance der Mode

Eine Rezension von Nataliia Ivanusa

Rublack, Ulinka: Dressing Up: Cultural Identity in Renaissance Europe. New York: Oxford University Press, 2010.

In ihrer kulturgeschichtlichen Monographie untersucht Ulinka Rublack die historische Entwicklung der Mode und des dress-code im Zusammenhang mit Ideen, Gefühlen und Ambitionen der Menschen zur Zeit der Renaissance. Roter Faden des Buches ist die These, dass eine ständige Verbindung und eine Komplementarität zwischen materieller Welt und Welt der Ideen besteht. Dank ihrem erwägenswerten interdisziplinären Thema, guter Fragestellung, überzeugender Argumentation und fesselnden Schlussfolgerungen, wie beispielsweise der wechselseitige Einfluss von neuer Bedeutung des Aussehens, aufkommendem Konsumdenken und wirtschaftlicher Entwicklung oder der Zusammenhang von Kleidung und Internationalisierung in der Renaissance, ist die Studie eine erfolgreiche und erwähnenswerte Leistung im Forschungsdiskurs.



"(T)he world in which we live was made in a modern age" ( S. XXI). Die Autorin der vorliegenden Studie beweist die Gültigkeit dieser Aussage durch die Einführung zahlreicher spannender Beispiele aus jener Zeit, indem sie  Kleidung zur Kernfrage macht. Grundlage der Monographie sind zu großem Teil deutsche Quellen von ca. 1300 bis 1600, welche die Historikerin Dr. Ulinka Rublack während ihrer vieljährigen Arbeit in deutschen Archiven erforscht hat. Zu den Hauptquellen der Untersuchung gehören Abbildungen, bei deren Bearbeitung sich Rublack auf die Kleiderkunde als Methode der Kunstgeschichte stützt. Bei der Interpretation von Selbstzeugnissen bezieht sich die Autorin implizit unter anderem auf die Studien von  Kaspar von Greyerz, Nick Stargardt, Mark Hewitson, Julia Wagner, Lyndal Roper und Claudia Ulbrich. Ihre Untersuchung bietet keine Modegeschichte der Frauen und Männer zur Zeit der Renaissance. Das heißt, sie konstatiert nicht bloß die gesammelten Informationen darüber, wer was trug. Die Autorin bezweckt vielmehr zu erklären, wie und warum Aussehen in der wachsend kommerziellen Gesellschaft der Renaissance in die Eigen- und Fremdwahrnehmung tiefer eingebettet wurde (vgl. S. XX). Sie setzt sich mit den Fragen auseinander, wie die materielle Welt (Kleidung) auf die Welt der Ideen in der Renaissance einwirkte und sie sogar veränderte. Rublacks Hypothese ist, dass die materiellen und spirituellen Welten nicht voneinander zu trennen sind.

In ihrer Studie erschließt die Autorin die Rolle der Kleidung in der jeweiligen Zeit durch mehrere Aspekte, die  in sechs Kapiteln  behandelt werden: Looking at the Self, The Look of Religion, Nationhood, Looking at Others, Clothes and Consumers und Bourgeois Taste and Emotional Styles. Diese Schwerpunkte sind plausibel gesetzt und erschließen das Thema ausführlich. In der Einführung geht Rublack unter anderem die Rolle der Kleidung  und der Mode (self-fashioning) für die Identitätskonstruktion an. Dadurch verbindet sie die Materialität der Kleidung und die Ideenwelt der Renaissancemenschen: "wardrobes could become storehouses of fantasies and anxieties, as well as accomodations to expectations of what a person ought to look and be like" (S. 10). Zur Illustration dient die Gesamtheit der Primärquellen, z. B.  Selbstbildnisse von Albrecht Dürer oder das Kleidungsbüchlein von Matthäus Schwarz. Überblick verschaffend illustriert Rublack die wechselseitige Abhängigkeit der wachsenden Bedeutung des Aussehens in der Renaissance und des Anfangs des Konsumdenkens sowie den großen Einfluss dieser Faktoren auf die Entwicklung der Wirtschaft.

Rublack untersucht durch das Prisma der Kleidung auch den Verlauf der internationalen Kontakte. Internationale Kontakte zu knüpfen war prestigevoll, was z.B. die Mailänder Herkunft eines Kleidungsstücks in der Beischrift der Abbildung von Matthäus Schwarz mit der roten Kappe von 1524 illustriert: "diese schlap mit guldi stofft ist gwöst Görzogs vo[n] maylant" (S. 55). Ein weiteres Beispiel: Um zur damaligen Zeit einen exzellenten Mantel aus Pelz zu machen, musste ein deutscher Mann oder eine deutsche Frau in Kontakt mit Spaniern, Schweden, Tschechen und vielleicht noch anderen Nationen treten. Denn Preise, Qualität des Pelzes und Fertigkeiten des Handwerkers, die dabei eine relevante Rolle spielten, waren unterschiedlich. Von dem Wunsch, das Beste zu haben, wurde die internationale Zusammenarbeit befördert. So zog die Suche nach dem preiswertesten Stoff der besten Qualität – an sich eine materielle Sache – internationale Treffen und Informationsaustausch nach sich und spielte dadurch eine relevante Rolle in der Internationalisierung der Renaissancewelt.

Im Kapitel Looking at the Self wird das Kleidungsbüchlein von Matthäus Schwarz von Augsburg zur Hauptquelle, der 136 Bilder von sich, in den meisten Fällen bekleidet, in Auftrag gegeben hatte. Unter anderem diente das Kleidungsbüchlein dazu, die Information über das Aussehen von Matthäus Schwarz zu speichern und seine leidenschaftliche ästhetische Faszination von Kleidung zu vermitteln (vgl. S. 39). Diese Faszination illustriert ein Bild aus dem Kleidungsbüchlein:  Der 27-jährige Matthäus Schwarz trägt eine gold-rote Mütze zusammen mit einem engen violetten Wams, violetter Hose und kurzer Heerpauke mit zu der Mütze passenden roten Punkten und gelben Schleifen. Zu seiner Bekleidung gehört auch eine feine weiße Bluse, eine kleine gold-grüne Tasche in Herzform, ein Schmuckstück, ein großes Schwert und seine Laute. Dieses dressing up war nicht die Kunst an sich. Schwarz's visuelle Akte sind ein Geflecht seines Verständnisses von sich und seines Wunschbildes von sich. Das Kleidungsbüchlein zeigt, wie vielseitig die soziale Stellung visualisiert werden konnte. Diese Visualisierung wurde durch die Anwendung der sensorischen Eigenschaften von Stoff, Farbe, Schnitt und Schmuck erreicht. Als Medien strukturierten diese die Wahrnehmung der Menschen auf neue Weise und verursachten neue Sichtweisen (vgl. S. 21).

In ihrer Untersuchung geht die Autorin unter anderem auch materielle und ideale Bestandteile der Religionen an. Die Renaissance ist in diesem Bezug besonders anschaulich, weil es die Zeit der Geburt der Reformation ist. Die protestantische Weltanschauung hat, im Vergleich zu der katholischen Ansicht, eine neue Haltung zu Mode und Kleidung gebracht. Katholischen Anschauungen nach war eine bescheidene und einfache Kleidung ein wichtiges Zeichen des frommen tugendvollen Menschen. Nach Luther  wurde weltlicher Wohlstand unter Protestanten positiv angesehen und konnte auf den Segen Gottes hinweisen. Deswegen wurde modische Kleidung aus feinen Stoffen und in extravaganten Fassons gerne in reformierten Gesellschaften getragen.

Im vorliegenden Buch thematisiert Rublack das Aussehen in breiterem Zusammenhang aus wissenschaftlich-historischer Sicht und wagt, Kleidung zum Gegenstand der Untersuchung zu machen. Dies macht die vorliegende Monographie zur Pionierstudie. Die Frage, die die Verfasserin an ihre Quellen stellt, und ihre Schlussfolgerungen sind innovativ und können den Leser(inne)n weitere Erkenntnisse bringen. Besonders anschaulich beweist die Autorin durch ihre Beispiele und überzeugende Argumentation die Internationalisierung zur Zeit der Renaissance. Eine umfassende Kontextualisierung der zahlreichen hochinteressanten Beispiele lenkt jedoch manchmal die Aufmerksamkeit von den Kernfragen der Studie ab, so dass man während der Lektüre gelegentlich den roten Faden verliert. Systematische Schlussfolgerungen am Ende jedes Kapitels helfen jedoch, diesen wieder zu finden.
Insgesamt liefert diese Untersuchung der Kleidung und ihrer kulturellen Bedeutung einen relevanten Beitrag zur Forschung  der neuen Kulturwissenschaften und zwar (nicht nur) zur Forschung der Kleidunggeschichte.  Zu den Vorteilen des Buches gehören eindrucksvolle Illustrationen und eine allgemein gute Ausstattung. Die Ergebnisse könnte man durch die Erweiterung des geographischen Rahmens der Untersuchung weiter entwickeln. Es ist also zu hoffen, dass diese für historische sowie für breitere Publikumskreise empfehlenswerte Monographie zu weiteren Forschungen anregt.


Rublack, Ulinka: Dressing Up. Cultural Identity in Renaissance Europe. New York: Oxford University Press Inc., 2010. 354 S., kartoniert, ca. 29,99 Euro. ISBN: 978-0-19-929874-7


Inhaltsverzeichnis


Acknowledgement…viii.
List of Illustrations…xiii–xvii.
Prologue…xix–xxi.
1. Introduction…1
1.1. Discovering Things…1
1.2. The Draped and the Sewn…16
1.3. Visual Acts…21
1.4. Germany…27

2. Looking at the Self…33.
2.1. Matthäus Schwarz of Augsburg…33
2.2. Beginning the Book…39
2.3. The World of the Fuggers…46
2.4. The Language of Clothes…51
2.5. Marriage…58
2.6. The Reformation…66
2.7. Ending the Book…68
2.8. Meaning…74
2.9. Conclusion…76

3. The Look of Religion…81.
3.1. God's Livery…81
3.2. The Coming of the reformation…82
3.3. Satirizing Appearance…86
3.4. Dressing the Clergy…94
3.5. Luther in Red…97
3.6. Spiritual Material…101
3.7. The Striped…103
3.8. Capitalism and Creed…106
3.9. Carnival…108
3.10. Devil Books…109
3.11. Visualizing Belief…113
3.12. Civility and the Reformation…119
3.13. Conclusion…121

4. Nationhood…125.
4.1. Documents of National Style…125
4.2. Barbarians…127
4.3. Ideologies of Dress…129
4.4. Symbolizing Gender…139
4.5. Moral Geographies…146
4.6. The Impact of French Fashion…164
4.7. Cavaliers…165
4.8. Conclusion…174

5. Looking at Others…177.
5.1. The King of Cochin…177
5.2. Global Worlds…180
5.3. Dürer in Antwerp…182
5.4. Christoph Weiditz…187
5.5. Hieronymus Köler…194
5.6. Nuremberg…197
5.7. An Urban Ethnography…199
5.8. Conclusion…207

6. Clothes and Consumers…211.
6.1. Relating to Things…211
6.2. Negotiating Dress…212
6.3. Paul Behaim II…217
6.4. The Friendship Album…221
6.5. Conclusion…229

7. Bourgeois Taste and Emotional Styles…231.
7.1. Divine Beauty…231
7.2. Magdalena Behaim…232
7.3. Ragged Dealings and Crimson Cloth…233
7.4. Renewing the World…238
7.5. Nuremberg Trades…241
7.6. Nuremberg Dress…245
7.7. Men's wear…252
7.8. Conclusion…253

Epilogue: An Old Regime of Dress?...259.
- A World of Colour…261
-Fashion and Change…264
-The Impact of Laws…265
-New and Old Luxuries…270
-Women's Claims…273
-Icons of Style…279
-Clothing the World…280

Notes…286.
Select Bibliography…317.
Index…347.


(Re-)Naissance of Fashion

This monograph by Ulinka Rublack is devoted to a systematic investigation of the historical development of fashion and dress-code in connection with the ideas, feelings, and ambitions of people at the time of Renaissance. A golden thread of the book is the thesis that there is a permanent connection and complementarity between material world and the world of ideas. Thanks to its notably interdisciplinary theme, good question formulation, persuasive arguments, and compelling conclusions – as, for instance, the mutual influence of the new meaning of appearance, arising consumerism, and economic development, or the connection between clothes and internationalization in the Renaissance – the work is a successful and worthy achievement in scholarly discourse.


© bei der Autorin und bei KULT_online