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Leben und leben lassen: Erfahrungen einer deutschen Großstadt im Ersten Weltkrieg


Eine Rezension von Evelyn Hemmerich

Chickering, Roger: Freiburg im Ersten Weltkrieg. Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914-1918. Paderborn: Schöningh, 2009.

Der amerikanische Professor Roger Chickering untersucht in seiner wissenschaftlichen Monografie am Fallbeispiel Freiburg den Werdegang einer deutschen Großstadt von 1914-1918. Wie viele Historiker versteht Chickering den Ersten Weltkrieg als "totalen Krieg" mit allumfassendem Einfluss auf das tägliche Leben. Dies spiegelt sich in seiner gelungenen, vielseitigen Studie wider, die basierend auf autobiografischen und öffentlichen Quellen detailliert die Kriegserfahrungen der Freiburger Bevölkerung erfasst.  


"Die Weltkriege berührten das Leben jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes" (S. 9). Dies konstatiert Roger Chickering in seiner Einleitung zu Freiburg im Ersten Weltkrieg. Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914-1918, in der er die Definition des im Titel seiner Studie genannten 'totalen Krieges' erörtert. Er kommt darin des Weiteren zu dem Schluss, dass ein totaler Krieg die "Totalgeschichte" verlangt, eine "historische Darstellung, die keinen Aspekt der Vergangenheit – Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder Kultur – ausklammern dürfe" (S. 10).
Mit diesem Hintergrund erforscht Chickering auf Grundlage autobiografischer Quellen, wie Briefe, Memoiren, Zeitzeugeninterviews, und öffentlicher Korrespondenzen der Behörden Freiburgs Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und gibt diese in seiner Studie auffallend detailreich wieder. Sein Werk umfasst 14 Kapitel, die er thematisch in fünf übergeordnete Bereiche unterteilt: Rahmenbedingungen, materielle Aspekte des Krieges, jeweils die privaten und kollektiven Kriegserfahrungen sowie das Leben in der Stadt zu Kriegsende. Diese logisch eingeteilten Themenfelder erläutert Chickering nur in seinem Vorwort, aus dem Inhaltsverzeichnis gehen sie nicht hervor.
Ferner determiniert der Autor die Thematik zeitlich und räumlich. "Die Darstellung beginnt am 24. Juli 1914, an dem Tag, als die Stadt vom österreichischen Ultimatum an Serbien erfuhr. Sie endet am 11. November 1918, als die Waffen offiziell schwiegen" (S. 11). Der Untersuchungsraum ist auf Freiburg begrenzt und umfasst keine Fronterfahrungen von Freiburger Soldaten.

Die beiden einführenden Kapitel veranschaulichen die Rahmenbedingungen. Chickering stellt zunächst Freiburg vor. Der Leser gewinnt einen guten Überblick über die Situation der Stadt am Vorabend des Ersten Weltkrieges und erhält Informationen über die geografische Lage, die Geschichte beginnend mit dem 19. Jahrhundert und weitere fundamentale Bereiche wie Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur. Im 2. Kapitel steigt der Autor in den Untersuchungszeitraum ein und nimmt Julikrise und Kriegsbeginn unter die Lupe.

Im nächsten Schritt skizziert Chickering innerhalb von vier Kapiteln die materiellen Aspekte des Krieges in der Stadt und setzt demzufolge die Schwerpunkte auf Störungen: in der städtischen Produktion durch den Krieg, auf Finanzen, auf die Bevölkerungsentwicklung und auf Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bewohner mit Nahrungsmitteln und anderen Lebensnotwendigem. Nicht nur die Verteilung von Bedarfsgütern fällt in die materielle Kategorie, sondern auch Abgaben, die in Form von Sammelaktionen und Beschlagnahmungen stattfanden. Außerdem schildert der Autor zu Beginn dieser übergeordneten Thematik den Luftkrieg über Freiburg mit seinen materiellen und personellen Schäden.

In Kapitel 7-8 analysiert Chickering die Kriegserfahrungen und zeigt auf, dass "der Krieg sich nicht auf die öffentliche Sphäre beschränken lies" (S. 249) und private Anliegen überlagerte. Zunächst beschreibt er eindrücklich die Auswirkungen des Mangels auf die körperlichen Sinne und berichtet beispielsweise, wie die schlechte Lebensmittelversorgung Einfluss auf die privaten Küchen nahm, wie die Kälte des strengen Winters von 1916/17 aufgrund von Kohlemangel das öffentliche Leben lähmte oder von der Einführung der Sommerzeit als Energiesparmaßnahme im April 1915. Kapitel 8 veranschaulicht den Einfluss des Krieges auf das Privatleben und den Umgang der Freiburger damit. Tod und Verwundung waren allgegenwärtig: "Der Krieg war unmittelbar für den Tod von 3388 Menschen verantwortlich, die in Freiburg gelebt hatten" (S. 303); und "Tausende Verwundete" (S. 316) waren in Lazaretten in der Stadt untergebracht. Anschließend werden die Folgen des Krieges auf die sexuellen Beziehungen dargestellt.

Nach den privaten wendet sich Chickering den kollektiven Kriegserfahrungen unterschiedlicher sozialer Gruppen zu. In dieser übergeordneten Thematik erfasst der Autor in vier Kapiteln die gemeinsamen Erfahrungen der städtischen Gemeinschaft, der Kultur, der Region und der Nation (in Bezug auf Freiburg), der Klasse, des Geschlechts, der Konfessionen, der Altersgruppen, unterschiedlicher Wohngebiete und betrachtet, wie diese Gemeinschaften zusammenhingen, sich überschnitten, sich einander anglichen oder differenzierten.

In den letzten beiden Kapiteln geht Chickering auf die politisch-gesellschaftlichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen zu Kriegsende ein, die sich aufgrund der steigenden Belastungen des Krieges verschärften. Zum Schluss wirft der Autor ein Blick auf Ereignisse des Jahres 1918, wie beispielsweise die "Spanische Grippe", jene Grippe-Epidemie, der mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen, darunter "444 Freiburger" (S. 538) oder die Novemberrevolution in Freiburg.

Die Studie Freiburg im Ersten Weltkrieg. Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914-1918 ist besonders anschaulich geschrieben und richtet sich sowohl an ein Fachpublikum als auch an Laien. Das Werk versteht sich nicht als Diskussion eines Themas zu einer aktuellen Forschungsdebatte, die mit Argumenten eine Fragestellung erörtert, und hat daher keine Schlussfolgerung. Chickering zeichnet im Anspruch einer totalen Geschichtsschreibung ein Gesamtbild der Erfahrungen einer Großstadt während des Ersten Weltkrieges. Dem Autor ist es gelungen, eine allumfassende Darstellung zu verfassen. Aufgrund der übersichtlichen Untergliederung lässt sich sein Werk auch als Nachschlagewerk zu einzelnen Thematiken des Kriegsalltages nutzen.


Chickering, Roger: Freiburg im Ersten Weltkrieg. Totaler Krieg und städtischer Alltag 1914-1918. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2009. 608 S., gebunden, 22,90 €. ISBN 978-3-506-76542-0



Inhaltsverzeichnis


Einleitung 9

1. "Eine der lieblichsten Städte Deutschlands" 19
"Wovon" lebt Freiburg? 26
Die Organisation der Arbeit 32
Die soziale Topographie 36
Machtstrukturen 56

2. Der Krieg beginnt 61
Juli 61
August 67
Lesarten des Krieges 73

3. Der Krieg kommt in die Stadt 83
Der Kriegsschauplatz in den Vogesen 83
Soldaten in der Stadt 88
Der Luftkrieg 96
Kriegstouristen 108

4. Die Kriegswirtschaft 113
Frühe Unordnung 113
"Eine erstaunliche Anpassung" 117
Der Krieg und die Arbeiterschaft 129
Arbeitnehmer und Arbeitgeber 137
Reglementierung 146

5. Das Sammeln 153
Krieg und örtlicher Markt 154
Die Mobilisierung von Lebensmitteln 158
Stadt und Land 171
"Das winzigste Bruchstück, den kleinsten Fetzen" 179
Papier ist Gold 185

6. Zusammenbruch und Ordnung 199
Die Stadtverwaltung im Kriegsregime 201
"Reicht natürlich bei weitem nicht aus" 207
Papierkrieg 216
Der Schwarzmarkt 229
Außenseiter und Insider 237

7. Der Krieg der Sinne 249
"Nahrhaft und von angehmem Geschmack" 250
Kälte und Hunger 261
Nähe und Front 267
Jetzt und Damals 280
Licht und Dunkel 284
Geräusche und Gerüche 287
Grau und andere Farben 293
Schein und Wirklichkeit 295

8. Privates wird öffentlich 303
Bis der Tod und scheidet 303
In Krankheit und Gesundheit 316
Lieben und ehren 335

9. Der Krieg und die örtliche Gemeinschaft 347
Verpflichtungen gegenüber der Front 348
Die leichte Muse und der "Ernst der Gegenwart" 354
Die Heimatfront und die Kriegsgemeinschaft 372
Vereine, Versammlungen und spontaner Protest 382

10. Nation und Volksgemeinschaft in der Stadt 389
Die Militarisierung der Sprache 391
Die Rationierung der Worte 394
Das Bollwerk des Nationalismus 400
Die Remobilisierung des Patriotismus 411

11. Krieg und Klasse 417
Das Teilen der Not 418
Verarmung mit Unterschied 425
Anspruch auf mehr 433
Der Krieg und die Bedeutung der sozialen Ungleichheit 437

12. Überschneidungen 447
"Stilles Heldentum": Die vielen Rollen der Frauen 447
Glaubensgemeinschaften 462
Die Jungen und die Alten 476

13. Zersplitterung 493
"Gar nichts ist sicher" 495
Patriotismus und Polarisierung 503
"Eine Sauerei in der Partei" 512
Die Grenzen des Konsenses 516

14. Erschöpfung 521
Das letzte Kriegsweihnachten 521
Schlechte Nachrichten von der Front 525
"Matt, fahl und sterbensmüde": Das Ende des Krieges 534

Statistischer Anhang 543
Verzeichnis der Schaubilder und Abbildungen 573
Abkürzungen 575
Quellen und Literaturverzeichnis 577
Register 603


Live and Let Live: Experiences from a German City during World War I

In his scholarly piece the American historian Roger Chickering examines the historical development of Freiburg during the years of World War I as an example case for a German metropolis. Like other historians, Chickering considers the First World War as a total war with all-encompassing influence on everyday life. This can be seen in his auspicious, varied study which is based on autobiographical and public sources and in which he describes in detail the experiences of Freiburg's population.


© bei der Autorin und bei KULT_online