Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Kuratorische Techniken – Ausstellungen als verbindungsstiftende Orte für Besucher

Eine Rezension von Carolin Rinn

Ziese, Maren: Kuratoren und Besucher. Modelle kuratorischer Praxis in Kunstausstellungen. Bielefeld: transcript, 2010.

Mit ihrer Dissertation legt Maren Ziese eine Diskursstudie vor, die sich mit der Frage auseinandersetzt, ob und wie Kuratoren einen Dialog zwischen den Besuchern ihrer Ausstellungen initiieren können. Bezugnehmend auf partizipatorische Theorien und Bourriauds 'relationale Ästhetik' untersucht die Verfasserin, wie das Potential des Ausstellungsraums als sozialer Ort nutzbar gemacht werden kann. Die u.a. an den Staatlichen Museen zu Berlin tätige Kunsthistorikerin erarbeitet einen Kriterienkatalog, anhand dessen sie vier zeitgenössische Kunstausstellungen zum Thema Religion detailliert analysiert und die eingesetzten kuratorischen Techniken offenlegt. Hierfür bedient sie sich vielfältiger Methoden, so beispielsweise Interviews mit Kuratoren und Ausstellungsfragebögen, und lädt dazu ein, über modifizierte, aber auch neue Präsentationsmodelle sowie Arbeitsweisen auf dem Feld des Kuratierens nachzudenken.



Wie können Kuratoren Austauschprozesse zwischen Besuchern initiieren, um ihnen damit neue Möglichkeiten der Teilhabe an einer Ausstellung zu eröffnen? Vor dem Hintergrund dieser Kernfrage analysiert Maren Ziese, die mit ihrer systematisch angelegten Studie 2008 an der Freien Universität Berlin promoviert wurde, kuratorische Praktiken zeitgenössischer Kunstausstellungen. Dies schließt an aktuelle Diskurse über das Kuratieren und die Bedürfnisse der Besucher an, welche zunehmend auch in den Blick kunsthistorischer Forschung rücken, wie das Züricher Forschungsprojekt zu Ausstellungs-Displays unter der Leitung von Sigrid Schade belegt (2005-2007, S. 25). Nicht nur die Begegnung mit Kunst, sondern ebenso kommunikative Aspekte, etwa das gemeinsame Erleben in einer Gruppe von Freunden, spielen bei einem Ausstellungsbesuch eine zentrale Rolle. Folgerichtig versteht Ziese den Ausstellungsraum, der sich seit den 1980er Jahren zunehmend dem Alltag angenähert hat, als einen sozialen, verbindungsstiftenden, gar politischen Raum (S. 56-57).

Im ersten Teil der Untersuchung legt die Autorin u.a. Begriffsdefinitionen von Partizipation und Gemeinschaft sowie ihre Vorgehensweise detailliert und für den Leser nachvollziehbar dar. Einen theoretischen Anknüpfungspunkt für ihre Studie innerhalb partizipatorischer Theorien sieht sie – in Abgrenzung zu Wolfgang Kemps Rezeptionsästhetik (Wolfgang Kemp (Hg.): Der Betrachter ist im Bild. Kunstwissenschaft und Rezeptionsästhetik. Berlin 1992) – in der vielfach debattierten, nicht unumstrittenen 'relationalen Ästhetik' des französischen Kurators und Kunstkritikers Nicolas Bourriaud (Anm. 276).  Ausgehend von einer zwischenmenschlichen Entfremdung begreift er das Kunstwerk als ein beziehungsstiftendes Medium. In Analogie dazu fungiert nach Ziese auch der Ausstellungsraum als ein Medium, um Distanzen zwischen Kunst und alltäglichem Leben, Besucher und Kurator sowie den Besuchern untereinander zu überwinden.

Besonders positiv hervorzuheben ist die Erarbeitung eines Kriterienkatalogs für Techniken zur Schaffung von sozialen Räumen, um Besucher zu aktiver Beteiligung, Reflexion und Diskussion zu ermuntern. Dazu gehören Interaktionen mit dem Ausstellungspersonal, die Offenlegung des vertretenen Standpunktes der Kuratoren, Vielstimmigkeit mit einer Bandbreite an unterschiedlichen Zugängen und Werkinterpretationen sowie nicht zuletzt der Besucherkomfort.

Anhand von vier Ausstellungen zum Thema Religion werden diese Kriterien im zweiten Block der klar strukturierten Untersuchung exemplarisch erprobt. Die Beispiele arbeiten mit unterschiedlichen Gestaltungs- und Vermittlungsverfahren, sog. 'Display-Techniken', und sind daher instruktiv und anregend gewählt. Zur Analyse bedient sich die Autorin eines breitgefächerten Methodenmix. Dieser schließt zum einen den Ausstellungsbesuch mit ein, bei dem Ziese u.a. jeweils das Besucherverhalten, die Hängung der Objekte und den Einsatz von erläuternden Texten hinsichtlich bestimmter Kriterien beobachtet. Zum anderen wurden alle Kuratoren mittels standardisierter, aber flexibel eingesetzter Fragebögen zur Entwicklung und Zielen der Ausstellung sowie dem eigenen Selbstverständnis interviewt. Der Abgleich mit Katalogtexten und Rezensionen diente einer kritischen Hinterfragung dieser Aussagen, um so aus interner und externer Perspektive die Ausstellung bewerten zu können. Die durchdachten, selbst angefertigten Abbildungen der Ausstellungsräume mit sorgfältiger Beschriftung unterstützen die Ausführungen.

Gleichsam als dialogische Metapher fasst Ziese jeweils zwei Ausstellungsmodelle in einem Kapitel "als Bild für das gemeinsame Zusammenkommen an einen Tisch" (S. 31) zusammen. Diese durchaus innovative, dem kommunikativen Ansatz ihrer Studie verpflichtete Überlegung kann sie jedoch kaum einlösen, da sich ihre Analysen linear hintereinander reihen und ein Dialog ausbleibt. Der einheitliche Aufbau der einzelnen Analysen bietet eine Art Steckbrief zur Ausstellung, Beobachtungen zu Inhalt, Rundgang, Vorstellungen und Arbeitsweisen der Kuratoren sowie einen Überblick zu relationalen Aspekten.
Einzig die 7. Werkleitz Biennale 'Happy Believers' verstand es in größerem Maße Diskussionsräume zu schaffen. Das fünftägige internationale Festival wurde von einem Kuratorenteam in Zusammenarbeit mit der Biennale-Leitung im Volkspark Halle an der Saale 2006 realisiert, welcher seit seiner Erbauung 1907 von der SPD, und zu DDR Zeiten von der SED, für kulturelle und politische Zwecke genutzt wurde. Diskussionsrunden mit Ausstellungsbeteiligten, freie Führungen und Musik sowie der Charakter einer spielerisch zu erkundenden Erlebnisausstellung, die sich der politischen Vergangenheit und Konnotationen der vorhandenen Räume bediente, um Aussagen von Kunstwerken zu betonen, trugen hier zur Eröffnung von Partizipationsmöglichkeiten bei.

Angesichts des Titels der Publikation Kuratoren und Besucher verwundert es, dass die Stimme der Besucher im Analyseteil nur an wenigen Stellen konkret benannt wird, so in Anmerkung 479, wo Ziese aus dem Besucherbuch der Ausstellung 'Happy Believers' zitiert.  Überzeugend gelingt es der Verfasserin dagegen die von Irit Rogoff und Okuwai Enwesor vertretene Behauptung zu widerlegen, das Format der Gruppenausstellung sei per se vielversprechend hinsichtlich gemeinschaftsaktivierender Techniken (Anm. 10 und S. 212). Auch ihre eigene, zu Beginn der Studie formulierte Annahme, dass Ausstellungen mit einem thematischen Anschluss, wie die im Religionsdiskurs diskutierten Fragen zu Konflikt und Trennung, Überwindung und Gemeinschaft, solchen Techniken Vorschub leisten, muss Ziese revidieren. Vielmehr hängt ihr Einsatz mit einem partnerschaftlichen Besucherbild und der Positionierung der Kuratoren zusammen. Eindrucksvoll macht die Autorin am Beispiel der Ausstellung 'I believe' (Moskau 2007) deutlich, wie die vorherrschende Selbstinszenierung des Kurators Oleg Kulik einem beziehungsstiftenden Moment entgegen wirkt. So wird im Fazit vor allem das Selbstverständnis der Kuratoren als hinderlich für die Anwendung relationaler Verfahren erachtet, fordern diese doch den Besucher zu einer ungewollten Infragestellung des Kurators und der jeweiligen Institution auf. Der Gestaltungsspielraum ist zwar vorhanden, wird aber nur ansatzweise ausgeschöpft.

Die vorliegende Arbeit erhebt den klar formulierten Anspruch einer Diskursstudie. Über die gelungene Dokumentation eines in Teilen zu erwartenden Ist-Zustandes hinaus regen die erarbeiteten Ergebnisse und die zum Ende hin von der Verfasserin formulierte Aufforderung zu weiteren sicherlich lohnenswerten Forschungen über kuratorische Inszenierungsmöglichkeiten und alternative Präsentationsformate an.


Ziese, Maren: Kuratoren und Besucher. Modelle kuratorischer Praxis in Kunstausstellungen. Bielefeld: transcript, 2010 (Reihe: Kultur- und Museumsmanagement). 316 S., kartoniert, 32,80 Euro. ISBN 978-3-8376-1392-6


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 9
1.1 Gegenstand 9
1.2 Einordnung in aktuelle Forschungspositionen 16
1.3 Ansatz und Ziele 27
1.4 Aufbau 30
1.5 Quellen 32

2. Voraussetzungen 37
2.1 Verwendete Methoden 37
2.1.1 Einführung in die Methoden 37
2.1.2 Dichte Beschreibung 39
Anwendung der Methode 42
Kritik an dem Verfahren 44
2.1.3 Kuratoreninterviews 46
2.1.4 Ausstellungsfragebögen 50
2.2 Annahmen 56
2.2.1 Der Ausstellungsraum als politischer Raum 56
2.2.2 Kurator und Curating 60
Definition, Herausbildung und Diskurse 60
Gestaltungsmacht des Kurators 63
2.2.3 Vermittlungssprachen 66
2.3 Theoretische Grundlagen 69
2.3.1 Museum und Besucher 69
2.3.2 Partizipation 71
Partizipationsdiskurs 71
Definition Partizipation 76
2.3.3 Relationale Ästhetik 78
Der Ansatz von Nicolas Bourriaud 78
Positionierung zur Theorie 82
Kritik an Bourriauds Ansatz und am partizipatorischen Paradigma allgemein 84
2.4 Techniken zur Schaffung von sozialen Räumen 85
2.4.1 Selbsttätigkeit, Offenheit und „natürliche Begabung“ 87
2.4.2 Angenehme Atmosphäre und Komfort 90
2.4.3 Vielstimmigkeit 91
2.4.4 Offenlegung von Bedingungen 92
2.4.5 Schule des Sehens 95
2.4.6 Ausstellungsräume als Orte der Begegnung 96

3. Kuratoren und Besucher: Modell 1 & 2 99
3.1 Choosing my Religion 99
3.1.1 Hintergrundinformationen 99
3.1.2 Inhalt der Ausstellung: Fragestellung und Thema 100
3.1.3 Die Kunstwerke 102
3.1.4 Der Rundgang 103
3.1.5 Kuratorische Vorstellungen und Arbeitsweisen 110
3.1.6 Das Konzept und seine Interpretation 113
3.1.7 Choosing my Religion und Relationalität 117
3.2 Die Zehn Gebote 119
3.2.1 Hintergrundinformationen119
3.2.2 Inhalt der Ausstellung: Fragestellung und Thema 125
3.2.3 Die Kunstwerke 128
3.2.4 Der Rundgang 131
3.2.5 Das Konzept und seine Interpretation 144
3.2.6 Die Zehn Gebote und Relationalität 147

4. Kuratoren und Besucher: Modell 3 & 4 153
4.1 Happy Believers 153
4.1.1 Hintergrundinformationen 153
4.1.2 Inhalt der Ausstellung: Fragestellung und Thema 159
4.1.3 Der Rundgang 162
4.1.4 Kuratorische Vorstellungen und Arbeitsweisen 169
4.1.5 Happy Believers und Relationalität 175
4.2 I believe 181
4.2.1 Hintergrundinformationen 181
4.2.2 Inhalt der Ausstellung: Fragestellung und Thema 188
4.2.3 Die Kunstwerke 191
4.2.4 Der Rundgang 192
4.2.5 Kuratorische Vorstellungen und Arbeitsweisen 198
4.2.6 I believe und Relationalität 201

5. Fazit: Kuratorischer Besucherumgang 207
5.1 Zusammenfassung 207
5.2 Erklärung 212
5.3 Schlussgedanke 215

6. Anhang 217
6.1 Quellen 217
6.2 Literaturverzeichnis 221
6.3 Dank 243
6.4 Bildnachweis 244
6.5 Abbildungen 245


Methods of Curating – Exhibitions as Relational Places for Visitors

Maren Ziese works as museum assistant at the National Museum of Berlin. Against the background of participation theories and the 'relational aesthetic' by Bourriaud, her dissertation poses the question if and how curators are able to initiate exchange processes between the visitors to create exhibition rooms that function as social places. In order to analyse four contemporary art exhibitions relating to the topic of religion and to disclose their curatorial methods, she develops a criteria catalogue. Therein she uses varied methods, for example interviews with the curators and an exhibition checklist, and invites her readers to think about modified as well as new models of curated presentations.


© bei der Autorin und bei KULT_online