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Artikelaktionen

Kritik der Hochschule

Eine Rezension von Jennifer Ch. Müller

Lohmann, Ingrid; Mielich, Sinah; Muhl, Florian; Pazzini, Karl-Josef; Rieger, Laura; Wilhelm, Eva (Hg.): Schöne neue Bildung? Zur Kritik der Universität der Gegenwart. Bielefeld: transcript, 2011.

Der von den Bildungs- und Erziehungswissenschaftler_innen Ingrid Lohmann, Sinah Mielich, Florian Muhl, Karl-Josef Pazzini, Laura Rieger und Eva Wilhelm herausgegebene Sammelband Schöne neue Bildung? Zur Kritik der Universität der Gegenwart leistet einen differenzierten Beitrag zur Politisierung der Diskussion um die Hochschulentwicklung. Die 14 versammelten Aufsätze verdeutlichen die Hintergründe des aktuellen Hochschulumbaus und die Widerstände gegen die Neudefinition der Hochschulstrukturen und  -funktionen. Einige Aufmerksamkeit wird in dem Sammelband der Forderung nach der Universität als öffentlichem (Zeit-)Raum sowie den notwendigen Maßnahmen zur Einrichtung solch einer demokratischen Form der Universität gewidmet. In eindrucksvoller Weise wurde hier ein gemeinsames Konferenzprojekt von Lehrenden und Studierenden der Erziehungswissenschaft in eine Publikation überführt, bei der die beiden beteiligten Gruppen vorgemacht haben, wie gleichberechtigtes wissenschaftliches Arbeiten aussehen kann.



In dem vorliegenden Sammelband Schöne neue Bildung? Zur Kritik der Universität der  Gegenwart von Ingrid Lohmann, Sinah Mielich, Florian Muhl, Karl-Josef Pazzini, Laura Rieger und Eva Wilhelm sind 14 Aufsätze versammelt, welche den Bildungsbegriff, die Strukturen und Aufgaben der Universität sowie ihre Veränderungen im Rahmen des Bologna-Prozesses kritisch diskutieren. Der Sammelband ist im Anschluss an die Konferenz Schöne neue Bildung? Zur kritischen Reflexion der gegenwärtigen Hochschulgestaltung und zur Entwicklung emanzipatorischer Alternativen entstanden, die 2010 an der Universität Hamburg stattgefunden hat. Die Herausgeber_innen wollen mit der Publikation ihrer Tagungsergebnisse in der Reihe
Theorie Bilden "zur Fortsetzung und weiteren Politisierung der Debatte über die Entwicklung der Hochschulen beitragen" (S. 13).

Die erste Sammelbandsektion "Schöne neue Bildung?" eröffnet ein Aufsatz über die "Unternehmerische versus demokratische Hochschule" von Sinah Mielich, Florian Muhl und Laura Rieger aus erziehungswissenschaftlich-studentischer Perspektive. Sie stellen fest: "Die Universität als Ort der Bildung, der Kritik, des Widerstands, des freien und öffentlichen Denkens, der Demokratie und der gesellschaftlichen Verantwortung steht gegenwärtig grundsätzlich zur Debatte." (S. 15) Die Autor_innen beklagen die Ausschlussmechanismen der unternehmerischen Universität im "internationalen Wettbewerb", die in der "Logik des kapitalistischen Wirtschaftssystems und einer Politik [steht], die […] offenkundig nicht das Ziel verfolgt, ein gutes Leben für alle Menschen […] zu ermöglichen" (S. 17). Die 'Aufgabe der Universität' sehen sie in der "Entwicklung eines guten – humanen, demokratischen und gerechten – Lebens für alle Menschen" (S. 20).
In zwei weiteren Beiträgen fordert zunächst der Erziehungswissenschaftler Michael Wimmer Bildung zwischen Neuhumanismus und Ökonomismus (vgl. S. 35), während der bildende Künstler, Erziehungswissenschaftler und Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini "Die Universität unter den Bedingungen von Passform und Anschlussfähigkeit" an die Sphäre der Wirtschaft thematisiert.

Die historische Bildungsforscherin Ingrid Lohmann beginnt die zweite Sektion "Kritische Analysen zum Struktur- und Funktionswandel der Universität" mit ihrem Aufsatz "Zehn Thesen zum Funktionswandel der Universität", in dem sie die historische Entwicklung und zentrale Aspekte der Volluniversität von ihrer Geburt zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart analysiert. An dem Zeitpunkt nach 1945 verortet sie die Entstehung der Massenuniversität und damit einhergehend den Beginn der "inzwischen vier Jahrzehnte andauernden strukturellen Unterfinanzierung der Lehre" (S. 65). Lohmann zeichnet Schelskys Humboldtinterpretation im Hinblick auf das gleichberechtigte Verhältnis von Lehrenden und Studierenden nach und  problematisiert darauf aufbauend die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftler_innen und die daraus resultierenden aberwitzigen Betreuungsverhältnisse an der Universität der Gegenwart. Außerdem bemerkt die Autorin, dass "die Konzepte von Kosmopolitismus, Weltbürgertum und global citizenship einige interessante Perspektiven" (S. 81) für die Diskussion um die Universität liefern können und beendet ihren Aufsatz mit der optimistischen These: "Emanzipatorische Wissenschaft findet ihren Ort, so oder so." (S. 82)
Der Theologe Peter Fischer-Appelt stellt dazu ergänzend vier ausgewählte Grundtypen 'der modernen Universität' dar: das preußische Humboldt-Modell, das napoleonische Modell in Frankreich, das englische und das amerikanische Modell (vgl. S. 87 ff).
Unter der Frage "Mehr und bessere Bildung durch Markt und Wettbewerb?" entfaltet der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Ralf Ptak die These vom Zusammenhang der Weltwirtschafts- und Finanzmarktkrise und dem Umbau des Bildungssektors. Dafür benennt er die auf internationaler und nationaler Ebene zentralen Akteure, bemängelt die fehlende Einbindung von "Bildungsgewerkschaften und anderen Akteuren des Bildungswesens" (S. 116) und bezeichnet die mit dem mehrgliedrigen Schulsystem untrennbar verknüpfte soziale Selektion als "ein herausragendes Strukturproblem des deutschen Bildungssystems" (S. 117).

In der dritten Sektion "Reflexionen über Idee und Aufgabe der Universität" entwickelt der Philosoph Plinio W. Prado Jr. die These der Kompetenz der 'neuen Geisteswissenschaften' im Bereich der Gestaltung einer "Universität der Zukunft" (S. 134). Die pädagogische Form der Universität als Besonderheit, die in der Konvergenz von "Erforschung, Bildung und Weltvertiefung" (S. 135) bestehe, diskutieren die Bildungsphilosophen Jan Masschelein und Maartens Simons in ihrem Aufsatz. An ihre Forderung nach universitärer Bildung im demokratisch-öffentlichen Kontext knüpft auch die Erziehungswissenschaftlerin Stephanie Maxim an.
In der vierten Sektion "Bologna-Prozess: Umgangsweisen, Kritik und Perspektiven" arbeitet der Volkswirt Klemens Himpele die verpassten Chancen des Bologna-Prozesses im Hinblick auf die soziale Dimension, die Berufsqualifizierung, das Lebenslange Lernen und die Mobilität heraus. Der Autor bewertet den Bologna-Prozess insgesamt als eine strukturelle und dezidiert nicht inhaltliche Studienreform (vgl. S. 183). Seiner Ansicht nach hätte mit dem Reformpotential dieser Hochschulreform die "Öffnung der Hochschulen" (S. 171) erreicht werden können. Abschließend macht sich Himpele für die Politisierung der Auseinandersetzung um die Ausgestaltung der Hochschule stark, für die eine reine Oppositionshaltung nicht ausreiche, da sonst die Widersprüche des Gesamtprozesses ignoriert würden (vgl. S. 187).
Auch Karl Dieter Schuck und Eva Arnold trennen in ihren jeweiligen Aufsätzen zwischen den ihrer Ansicht nach unterstützenswerten Zielen der Bologna-Erklärung und den Folgen des Umsetzungsprozesses. Noch Bologna-kritischer stellt der Politikwissenschaftler Wolf-Dieter Narr in seinem Aufsatz "eine zunehmende Finalisierung der Ausbildungsziele" (S. 212) bei 'substantieller Entleerung' des Studiums (vgl. S. 213) fest und charakterisiert die Exzellenzinitiave als zusätzliche Blockade vernünftiger Lehr- und Lernprozesse, da sie Ungleichheiten und Vereinzelung verstärke (vgl. S. 217 f).
Aus der Perspektive eines von der Reform betroffenen Studenten legt Till Petersen einen sehr anregenden Aufsatz mit dem Titel "Hochschulpolitisches Engagement in Zeiten, in denen niemand mehr Zeit hat" vor. Petersen bemerkt, dass die Wahrnehmung demokratischer Beteiligungsmöglichkeiten unter den belastenden Arbeits- und Studienbedingungen von Mitarbeitenden und Studierenden immer schwieriger wird (vgl. S. 226). Der Autor bewertet die Einführung der gestuften Studiengänge als Mittel zum Zweck der "auf […] unmittelbar profitable Verwertbarkeit" (S. 227) ausgerichteten Wissenschaft und Bildung. Das BA/MA-System sieht er als gescheitert an – das Scheitern im 'irrealen Menschenbild' begründet, das hinter den Studienreformzwecken liege (vgl. S. 231). Abschließend wirbt Petersen für die Partizipation an Verfasster Studierendenschaft und akademischer Selbstverwaltung – auch unter den Bedingungen zeitlicher Einschränkung (vgl. 232).

Der vorliegende Sammelband ist ein innovativer Beitrag für die Diskussion um die Hochschule der Gegenwart und ihre Kritik. Diese spannende Publikation zeigt, was Studierende zu leisten imstande sind, wenn man sie lässt. Insgesamt haben die Herausgeber_innen hier eine sehr gelungene Zusammenstellung kontroverser Positionen zur Hochschule der Gegenwart vorgelegt, die disziplinäre Grenzen überschreitet und als Bereicherung des Diskurses um die Idee der Universität gelten kann.


Lohmann, Ingrid, Mielich, Sinah; Muhl, Florian; Pazzini, Karl-Josef; Rieger, Laura; Wilhelm, Eva (Hg.): Schöne neue Bildung? Zur Kritik der Universität der Gegenwart. Bielefeld: transcript, 2011. 242 S., broschiert, 25,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1751-1


Inhaltsverzeichnis


Einleitung…7

SCHÖNE NEUE BILDUNG

Schöne neue Bildung?
Unternehmerische vs. demokratische Universität…15
Sina Mielich, Florian Muhl, Laura Rieger

Die Universität unter den Bedingungen von Passform und Anschlussfähigkeit...23
Karl-Josef Pazzini

Die Agonalität des Demokratischen und die Aporetik der Bildung: Zwölf Thesen zum Verhältnis zwischen Politik und Pädagogik…33
Michael Wimmer


KRITISCHE ANALYSEN ZUM STRUKTUR- UND FUNKTIONSWANDEL DER UNIVERSITÄT

Zehn Thesen zum Funktionswandel der Universität…57
Ingrid Lohmann

Die neue Universität.
Eine Idee verschlingt ihre Protagonisten…85
Peter Fischer-Appelt

Mehr und bessere Bildung durch Markt und Wettbewerb?
Thesen zur politischen Ökonomie der aktuellen Bildungsdebatte...105
Ralf Ptak


REFLEXIONEN ÜBER IDEE UND AUFGABE DER UNIVERSITÄT

Das Prinzip Universität als unbedingtes Recht auf Kritik...123
Plínio W. Prado Jr.

Die Universität als Ort öffentlicher Vorlesung...135
Jan Masschelein, Maarten Simons

Anmerkungen zum öffentlichen Charakter der Lehre in der Erziehungswissenschaft...159
Stephanie Maxim


BOLOGNA-PROZESS: UMGANGSWEISEN, KRITIK UND PERSPEKTIVEN

Widersprüche des Bologna-Prozesses bei der Neuorganisation von Wissensvermittlung mit Blick auf den Arbeitsmarkt...167
Klemens Himpele

Warum ich mich am Bologna-Prozess beteiligt habe...189
Kai Dieter Schuck

»...dass gestufte Studiengänge als Allheilmittel wirken würden, war im Ernst nicht zu erwarten...«
Eine Zwischenbilanz...195
Eva Arnold

Wider die öffentlich und privat verordnete Verdummung im Zeichen von »Exzellenz«.
Für Lernprozesse mit Menschen dienlichem Anfang und Ende...209
Wolf-Dieter Narr

Hochschulpolitisches Engagement in Zeiten, in denen niemand mehr Zeit hat...225
Till Petersen

Autorinnen und Autoren…235


Criticism of the University

The educationists Ingrid Lohmann, Sinah Mielich, Florian Muhl, Karl-Josef Pazzini, Laura Rieger, and Eva Wilhelm accomplish with their volume Schöne neue Bildung? Zur Kritik der Universität der Gegenwart (Brave New Educaion? For a Critique of the Contemporary University) an astute contribution to the discussion of the politicization of higher education development. The 14 essays gathered outline the background of the current tertiary school restructuring and the opposition to the redefinition of higher education structures and functions. Some attention is given to the idea of university as a public (time-)space and the necessary measures needed to establish such a democratic form. The collaborative project of a conference of teachers and students is here transformed into an impressive publication, which can be regarded as a role model for equally important scientific work.


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