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Artikelaktionen

Gesellschaftliche Krisen im Spiegel individueller Lebensgeschichte

Eine Rezension von Hans Christian Fromm

Preusser, Heinz-Peter; Schmitz, Helmut (Hg.): Autobiographie und historische Krisenerfahrung. Heidelberg: Winter, 2010.

Der von den Literaturwissenschaftlern Heinz-Peter Preusser und Helmut Schmitz herausgegebene Sammelband untersucht autobiografische Formen auf die erzählte individuelle Erinnerung von historischen Katastrophen und Krisen hin. Die 18 Beiträge stammen von Literatur- und Kulturwissenschaftlern, Historikern und Filmwissenschaftlern und sind in die drei thematischen Sektionen
Das Jahrhundert der Weltkriege, Das Ende der DDR und Gender und Generation aufgeteilt. Die narrativ konstruierte Erinnerung krisenhaften Geschehens in Lebensgeschichten ist das lohnenswerte Forschungsobjekt der Beiträge. In bemerkenswerter Weise können die Autoren den Zusammenhang zwischen Autobiografie und historischer Krisenerfahrung aufzeigen. 


Der Sammelband Autobiografie und historische Krisenerfahrung, 2010 im Universitätsverlag Winter in Heidelberg erschienen, ist das Ergebnis einer Tagung, die im September 2008 an der University of Leicester veranstaltet wurde. Helmut Schmitz, Associate Professor der University of Warwick, koordinierte die Tagung und übernahm mit Heinz-Peter Preusser die Herausgeberschaft des Buches, das als fünfter Band der Reihe "Jahrbuch Literatur und Politik" erschien. Die 18 Beiträge basieren auf den Tagungsvorträgen von Autoren aus den Literatur-, Kultur-, Geschichts- und Filmwissenschaften. Die in der Einleitung benannte zentrale Fragestellung, der alle Beiträge untergeordnet sind, ist die danach, "wie und auf welche Weise, mit welchen sprachlichen, insbesondere rhetorischen Strategien in diesen Texten Erinnerung und Erinnerungspolitik betrieben wird" (S. 16).

In der Einleitung stellen die Herausgeber außerdem einige wichtige Eckpunkte der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Autobiografie kurz zusammengefasst vor (vgl. S. 10). Dazu gehören Probleme und Streitfragen wie die Referenzialität autobiografischen Schreibens und dessen Spannungsverhältnis "zwischen Fiktion und Dokument" (S. 11).
Genauso informativ wie prägnant fassen Preusser und Schmitz die neuere Geschichte der Autobiografie und ihrer literaturwissenschaftlichen Untersuchung beziehungsweise den Wandel autobiografischer Autorschaft und des resultierenden Begriffs und der Definition der Autobiografie zusammen. Eine Positionierung innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses zwischen life writing, Autofiktion und paradigmatischer Gedächtnisgattung vermeiden die Autoren allerdings bewusst.
Darüber hinaus erläutern sie den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Krisen und der Entstehung von Autobiografien. So wenden sich die Menschen in den Zeiten nach Krisen wie beispielsweise den Weltkriegen oder dem Ende der DDR vermehrt dem Autobiografischen zu, die Herausgeber sprechen von der "unübersehbar[en] Indikatorenfunktion" des Genres (S. 15).

Die erste Sektion des Sammelbandes versammelt Texte zum Jahrhundert der Weltkriege. Darin beschreibt u. a. der Literaturwissenschaftler Robert Krause in seinem Beitrag die Verbundenheit von Lebensgeschichte und Weltgeschichte in den Autobiografien exilierter, deutschsprachiger Autoren nach 1933. Krause untersucht, ob Emigration mit "historischer Krisenerfahrung und persönlicher Diskontinuität" (S. 64) gleichgesetzt ist. Der Autor verwendet den Begriff der "Lebensgeschichte" (S. 64), der den drei autobiografischen Aspekten Literarizität, narrative Vermittlung und historische Selbstbeschreibung Rechnung trägt. In seinem Aufsatz kann Krause das Krisenhafte der 'Lebensgeschichten' nachzeichnen; das subjektiv Erlebte und die historischen Veränderungen und Brüche werden durch die "autobiografische Erinnerung und durch die narrativen Konstruktionen" (S. 80) verknüpft.

Inwieweit die Kenntnis fremder Quellen über das eigene Leben Einfluss auf autobiografische Texte hat, analysiert die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sara Jones in der Sektion Das Ende der DDR. Konkret beschäftigt sie sich in ihrem lesenswerten Beitrag mit der Wirkung der Einsicht in die Stasi-Akten auf Stefan Heyms autobiografisches Schreiben. Dafür vergleicht sie die Darstellung der Überwachung durch die Staatssicherheit in zwei Texten, von denen der eine vor und der andere nach Lektüre der eigenen Akte entstand (vgl. S. 118). Jones kommt zu dem Schluss, dass die plötzlich lesbare Lebensbeschreibung die Opfer der staatlichen Überwachung in eine "Erinnerungskrise" (S. 126) stürzt. Der Versuch, die Stasi-Akten als historische Quellen zu werten, ist aufgrund der subjektiven Perspektive und anderer Faktoren ähnlich gewagt wie bei autobiografischen Texten. Dennoch zwingen die Akten die bespitzelten Autoren auf erstere in ihren 'Lebensgeschichten' Bezug zu nehmen.

In der letzten Sektion Gender und Generation geht es in Gerhard Friedrichs Beitrag beispielsweise um krisenhafte Formen und ihre "Erscheinungen" in Texten. Der Literaturwissenschaftler befasst sich mit der Darstellung von Trauma und spukhaften Erscheinungen wie Gespenstern und Wiedergängern im deutschen Familienroman zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dabei zieht Friedrich in seinen Analysen geschickt Traumaforschung, Psychiatrie und volkskulturelle Vorstellungen zu den Topoi, die er aus den Texten herausarbeitet, zu Rate. Besonders die intergenerationelle Übertragung von Krisenerfahrung auf andere Subjekte kann Friedrich überzeugend an Texten wie Hans-Ulrich Treichels Der Verlorene (vgl. S. 229 ff.) nachweisen. Auch in seinem Beitrag ist die existentielle Verbundenheit (vgl. S. 226) des Individuellen mit der historischen Krise klar zu erkennen.

Der von Heinz-Peter Preusser und Helmut Schmitz herausgegebene Band bietet mit seinem differenzierten Ansatz einen außerordentlich spannenden wie lohnenswerten Zugang zur aktuellen Autobiografie-Forschung. Die Beiträge sind für Forscher aus allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, vorrangig aber für Literatur- und Kulturwissenschaftler, von Bedeutung. Das Hauptaugenmerk aller Beiträge, der Zusammenhang von individueller Erfahrung mit historischen Krisen und deren dargestellte Erinnerung in autobiografischen Formen, hat sich in den Beiträgen als fruchtbringend erwiesen. Autobiografie und historische Krisenerfahrung ist wegen seiner vielfältigen Beiträge und der daraus resultierenden interdisziplinär anschlussfähigen Form sowie der sehr guten Einleitung auch als Einführungswerk geeignet.


Preusser, Heinz-Peter und Schmitz, Helmut (Hg.): Autobiografie und historische Krisenerfahrung. Heidelberg: Universitätsverlag, 2010. 290 S., kartoniert, 38.00 Euro. ISBN: 978-3-8253-5739-9


Inhaltsverzeichnis

Heinz-Peter Preußer und Helmut Schmitz
Autobiografik zwischen Literaturwissenschaft und Geschichtsschreibung.
Eine Einleitung...7

Klaus F. Gille:
Goethes Dichtung und Wahrheit als kritische Geschichtsschreibung...21


I. DAS JAHRHUNDERT DER WELTKRIEGE

Adriana Cutieru:
Die Geschichte der Weimarer Republik als Privatgeschichte.
Sebastian Haffners Geschichte eines Deutschen...33

Vera Viehöver :
Kindliches Kriegserleben als autobiografischer Gegenstand.
Der Erste Weltkrieg als Kindheitserlebnis in den Autobiografien von Sebastian Haffner, Jean-Paul Sartre und Hilde Spiel...51

Robert Krause:
Zwischen Flucht und Akkulturation.
Spuren historischer Krisenerfahrung in Autobiografien exilierter Schriftsteller nach 1933...63

Heinz-Peter Preußer :
Wie baut man sich ein zweites Ich?
Erich Kästner als Überlebender des Dritten Reiches und sein Notabene 45...81

Henning Wrage:
Die Biografie des Autors als Kriterium literarischer Exzellenz.
Zur legitimierenden Rolle des Autobiografischen in Schlüssel- und Fernsehromanen der DDR...93


II. DAS ENDE DER DDR

Dennis Tate:
Subjective Anticipations of Historical Breakdown.
East German Literary Autobiography Before the End of the GDR...107

Sara Jones:
Wie man 'das Gruseln' lernt.
Stefan Heym, Autobiografie und die Stasi-Akten...117

André Steiner :
"Ich" und das Leben im Provisorium.
Die kaum versteckte Autobiografie des Wolfgang Hilbig...127

Christiane Lahusen:
Den Sozialismus erzählen.
Autobiografische Interpretationen von Diskontinuitäten...139

Ute Hirsekorn:
Kontinuitäten und Brüche in den Lebensbeschreibungen von Angehörigen der Parteielite der DDR nach der Wende...149

Eva Werth:
Nachwendepop als strategische Krisenverarbeitung...161


III. GENDER UND GENERATION

Joanne Leal :
Re-Stabilizing Masculinity Through Autobiography After 1968...177

Anthonya Visser :
Intertextualität und 'autobiografisches' Schreiben.
Frauengeschichte(n) als fortwährende Krise?...193

Alexandra Pontzen:
Vergewaltigung als historische Krisenerfahrung in autobiografischen Schriften der Söhne und Enkel. Grass, Treichel, Grünbein, de Bruyn u. a....207

Gerhard Friedrich:
Zwischen Psychiatrie und Volksfantasie. Trauma, Gespenster und Wiedergänger im 'neuen deutschen Familienroman...223

Helmut Galle:
Familiengeschichte und personale Identität in den transgenerationellen autobiografischen Texten von Uwe Timm, Monika Maron, Gila Lustiger und Katrin Himmler...245

Helmut Schmitz :
Postmemory. Erbe und Familiengedächtnis bei Hanns-Josef Ortheil, Thomas Medicus, Wibke Bruhns, Uwe Timm und Dagmar Leupold...259


IV. ANHANG

Bio-bibliografische Notiz
Zu den Autorinnen und Autoren des Bandes...279

Personenregister...283


Crisis of Society in Personal Life Stories

Inspired by the flourishing autobiographical genre, the volume Autobiografie und historische Krisenerfahrung (Autobiography and Historical Crisis Experience) focuses on the interrelation between individual recollection in autobiographical forms and historical catastrophes and their narration. The interdisciplinary approach of the volume is reflected in its 18 contributions – written by researchers from literary and cultural studies, as well as by historians and scholars of film studies. The articles are assigned to three topical sections regarding the century of world wars, the end of the German Democratic Republic, and gender and generation. The study's subject is the memory of historical crises in autobiographical forms, constructed by narrative means. In the course of the analyses this proves to be fruitful, showing the coherence between the topoi mentioned in the title.



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