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Artikelaktionen

Die auditiven Spuren des Holocaust in der Komplexität des DDR-Hörspiels


Eine Rezension von Britta Borrego

Gerlof, Manuela: Tonspuren. Erinnerungen an den Holocaust im Hörspiel der DDR (1945-1989). Berlin: De Gruyter, 2010.

Die vorliegende Dissertation, die interdisziplinär auf kultur-, medien- und literaturwissenschaftliche Methoden zurückgreift, untersucht den spezifisch auditiven Code von sieben exemplarischen Hörspielen der SBZ/DDR in der Zeit von 1945 bis 1989 in ihrer Funktion, einen kollektiven Erinnerungsprozess an den Holocaust zu generieren. Das Hörspiel als eigenständiges Kunstwerk wird dabei erfolgreich als kollektives Gedächtnismedium verortet. Manuela Gerlof kontextualisiert ihren Untersuchungsgegenstand in kulturpolitische, historische und medienästhetische Zusammenhänge. Dieses Vorgehen diagnostiziert eher diverse Stilmittel, als eine einheitliche Tonspur.



Bereits im Titel ihrer Dissertation Tonspuren. Erinnerungen an den Holocaust im Hörspiel der DDR drückt die Autorin Manuela Gerlof die Besonderheit des Auditiven aus, der sie im Prozess der gesellschaftlichen, kollektiven Erinnerung an den Holocaust in ihrem Buch nachgehen will: Existiert ein spezifischer auditiver Code in der Erinnerung an den Holocaust?

Ihre Studie ist innerhalb der kulturwissenschaftlichen Gedächtnis- bzw. Erinnerungsforschung und in der deutschen Literaturwissenschaft anzusiedeln. Methodisch erstellt die Autorin einen interdisziplinären Apparat medien-, literatur- und kulturwissenschaftlicher Ansätze, da noch kein umfassendes Analyseinstrumentarium für das Hörspiel existiere. Anhand von kulturpolitischen und historischen Zäsuren der SBZ/DDR (1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970/1980er Jahre) legt sie ihre Analysekapitel an, in denen sie dann aus knapp 50 Hörspielen mit relevanter Thematik dazu sieben "exemplarische[...] sowie herausragende[...], sich dem generellen Trend widersetzende[...]" (S. 25) für die Untersuchung auswählt. Worin dieser besondere Charakter besteht, muss sich der Leser jedoch mitunter selbst bei der Lektüre erschließen. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, warum gerade bei ihrer parallelen Besprechung von themengleichen Hörspielen der Zeit nicht auch andere relevante Hörspiele hätten analysiert werden können.

Problemstellung und Zielsetzung der Studie kann die Autorin durch die Benennung zweier Forschungsdesiderate schlüssig anbinden: So werde zum einen bei der Erforschung der Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und den Holocaust durch mediale Artefakte bisher lediglich die textliche und (audio)visuelle Ebene erfasst. Zum anderen sei dem Fehlen einer Aufarbeitung des kulturpolitischen Umgangs mit dem Thema Holocaust in einem Massenmedium der SBZ/DDR während ihrer gesamten Existenz zu begegnen (vgl. S. 3). Um diese Forschungslücke zu schließen, erhebt Gerlof das Hörspiel im Kontext einer genrespezifischen "Audiophilologie" in den Rang eines eigenständigen, "genuin radiophone[n] Kunstwerk[s]" (S. 20).

Für ihre Frage nach dem spezifischen auditiven Codes zur Repräsentation des Holocaust, beschäftigt sie sich zunächst mit der Funktion der Hörspiele innerhalb der deutschen Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit und erschließt  dabei ein bisher marginalisiertes und bisweilen unbeachtetes Gebiet. Nachvollziehbar erörtert sie die konstituierende Rolle des Hörspiels im kollektiven Gedächtnis der Deutschen seit Ende des 2. Weltkrieges in Bezug auf die Herausbildung eines gemeinsamen Geschichtsverständnisses.

In den folgenden Kapiteln schließt Gerlof zunächst einen historischen Überblick über den (kultur)politischen Umgang in der SBZ/DDR mit dem Judentum und Holocaust an und kann dabei die Ambivalenzen des Umgangs der Republik mit dem jüdischen Erbe in seiner Diversität nachzeichnen. Für die Etablierung des Hörspiels in ihren intendierten kulturwissenschaftlichen Analysezusammenhang greift sie im Anschluss Astrid Erlls Begriff des kollektiven Gedächtnismediums (2004) auf und situiert das Hörspiel innerhalb der von Siegfried J. Schmidt aufgestellten Komponenten eines integrativen Medienmodells (1991/2000). So gelingt es ihr, die für ihren Untersuchungsgegenstand relevanten Analysekategorien Zeichen, Technologien, künstlerische Artefakte und politische Indoktrination abzuleiten und sie zentral in den folgenden drei Analysekapiteln anzuwenden. Unter diesem Fokus werden in chronologischer Reihenfolge Professor Mamlock (Friedrich Wolf), Woher kennen wir uns bloß? (Wolfgang Weyrauch), Aussage unter Eid (Günter de Bruyn), Die Ermittlung (Peter Weiss), Jakob der Lügner (Jurek Becker), Bruder Eichmann (Heinar Kipphardt) und Knöpfe (Ilse Aichinger) werknah interpretiert. Neben der auditiven Analyse zieht die Autorin kontextualisierende Textmaterialien der jeweiligen Fassungen ergänzend heran (vgl. S. 21 und 23).

Ein exemplarisches auditives Zeichen innerhalb des kulturellen Gedächtnisses an den Holocaust ist beispielsweise das an Menschendeportationen mahnende Zug- bzw. Lokomotivengeräusch in Jakob der Lügner, was als rahmendes Element des Hörspiels die Unausweichlichkeit und Unabwendbarkeit des Todes veranschaulicht. Als weitere herausragende Hörelemente stellt die Autorin Stille und Schweigen sowie kollektives Gelächter als semantische Kodierungen von Machtverhältnissen zwischen Opfer- und Täterstimmen dar, die – zunächst partiell in de Bruyns Hörspiel verwendet – in der an eine reale Gerichtsverhandlung erinnernden Ermittlung von Peter Weiss ihren Höhepunkt erreichen.

Die jeweilige komplexe werkgenerische, rezeptionsorientierte, kulturpolitische und medienhistorische Kontextualisierung, in die Manuela Gerlof die jeweiligen Hörspiele situiert, wird dem selbst gestellten Anspruch gerecht, die Funktion und die Wandlungen des Hörspiels innerhalb der Erinnerungskultur der DDR an den Holocaust herauszuarbeiten (vgl. S. 27). Jedoch dominiert sie quantitativ, so dass die eigentliche Herausfilterung der akustischen Mittel insgesamt zu kurz gerät.

In ihrem recht knapp gehaltenen Resümee fasst die Autorin die diversen Stilmittel auditiver Art nochmals kurz zusammen, was dem zu Beginn benannten Anliegen der Ausführlichkeit entgegensteht (vgl. S. 27). Obwohl sich einige Stilmittel hörspiel- und medienübergreifend entnehmen lassen, erhält der Leser statt der Auffassung von einer "spezifisch akustischen Signatur des Holocaust" (S. 19) vielmehr den Eindruck von vielfältigen Signaturen und deren spezifischer Gewichtung innerhalb des jeweiligen Hörspiels. Die Ergebnisse der Werkanalysen bestätigen, dass die auditiven Codizes kontextabhängig und werkspezifisch zu betrachten sind. Die von der Verfasserin nachgezeichneten "Interferenzen von Politik, Literatur und Rundfunk" (S. 24) untermauern dies ebenfalls.
Manuela Gerlof widmet in ihrer Studie dem Hörspiel als Medium des kollektiven Gedächtnisses große Aufmerksamkeit. Die umfassende Kontextualisierung der Hörspiele stellt unbezweifelbar den erkenntnistheoretischen Mehrwert der Studie dar. Dies und ihr aufgestellter, interdisziplinärer Methodenapparat zeichnen Tonspuren als wissenschaftlich innovative Erweiterung der Cultural Memory- und Media Studies sowie der deutschen Literaturwissenschaft aus. Es ist daher dem Leser sehr zu empfehlen.


Gerlof, Manuela: Tonspuren. Erinnerungen an den Holocaust im Hörspiel der DDR (1945-1989). Berlin: de Gruyter, 2010 (Media and Cultural Memory/Medien und kulturelle Erinnerung; 12). 396 S., inklusive CD mit Hörproben, kartoniert, 99,95 Euro. ISBN: 978 3 11 022589-1



Inhaltsverzeichnis


Einleitung...1

Kapitel I: Das vergessene Medium oder das Medium gegen das Vergessen...39

1. Der Holocaust im kollektiven Gedächtnis der SBZ/ DDR...31
1.1. Judentum und jüdische ,Opfer des Faschismus'...33
1.2. Hierarchien und Konkurrenzen innerhalb der Opfergruppen...35
1.3. ,Antikosmopolitische Säuberungen' in den 1950er Jahren...38
1.4. Instrumentalisierung des Holocaust im Kalten Krieg...42
1.5. ,Sozialistische Staatsbürger jüdischen Glaubens'...45

2. Das Hörspiel als kollektives Gedächtnismedium...57
2.1. Kommunikationsinstrument mit Zeichencharakter: Ton...62
2.2. Medientechnologien: Radio und Tonband...79
2.3. Medienangebot: Hörspiel...83
2.4. Sozialsystemische Institution: Der Rundfunk in der DDR...89

Kapitel II: Der Jude als Integrationsfigur im Nachkriegsdeutschland und in den 1950er Jahren...95

1. Die Hörbühne als moralische Anstalt. Bildung und Erziehung im Rundfunk der SBZ 1945-1949...97
1.1 Die Gründung des ,deutschen demokratischen Rundfunks'...97               
1.2. Das Hörspiel als Instrument von Bildung und Umerziehung...99   
1.3. Nationalsozialismus und Judenverfolgung im Nachkriegsradio...105

2. Zwischen Assimilation, Zionismus und antifaschistischem Widerstandskampf. Friedrich Wolf: "Professor Mamlock"...107
2.1. Friedrich Wolfs Rundfunkarbeit...107
2.2. Judentum, Bildungsbürgertum und kommunistischer Widerstandskampf...111
2.2.1. Judentum und Judenverfolgung im Drama "Professor Mamlock"...111
2.2.2. Die Hörspielbearbeitung von "Professor Mamlock"...114
2.2.3. Die Figurenkonstellation als Spektrum jüdischer Identitäten...117
2.2.4. Mamlock als bürgerliche Identifikations- und Integrationsfigur...123
2.3. Verfilmungen des Dramas...127
2.3.1. PROFESSOR MAMLOCK unter der Regie von Herbert Rappaport und Adolf Minkin (UdSSR 1938)...127
2.3.2. PROFESSOR MAMLOCK unter der Regie von Konrad Wolf (DEFA 1961)...129

3. Zwischen Tabu und Tauwetter: Das DDR-Hörspiel in den 1950er Jahren...133

4. Religiöse Versöhnung vs. Aufarbeitung historischer Schuld. Wolfgang Weyrauch: "Woher kennen wir uns bloß?"...145
4.1. Wolfgang Weyrauch als deutsch-deutscher Hörspielautor...145
4.2. Metaphysische Überhöhung und religiöse Versöhnung (NWDR 1952)...147
4.3. Aufarbeitung historischer Schuld (Berliner Rundfunk 1957)...158

Kapitel III: Täter ohne Gedächtnis, Opfer ohne Stimme. NS-Kriegsverbrechen vor Gericht (1959-1970)...173

1. Im Westen nichts Neues. Instrumentalisierung des Holocaust im Kalten Krieg...175
1.1. Der Holocaust im Hörspielprogramm des Deutschlandsenders...175
1.2.  Der Holocaust im Hörspielprogramm anderer Radiosender der DDR...183

2. Unerhörte Zeugenschaft. Günter de Bruyn: "Aussage unter Eid"...187
2.1. Die Hörspiele Günter de Bruyns...187
2.2. Fakt und Fiktion im Hörspiel...189
2.2.1. Der Prozess um das Vernichtungslager Kulmhof als historische Referenz...191
2.2.2. Die Bundesrepublik als bürgerlicher (Un-)Rechtsstaat...195
2.2.3. Zeugnis der Gewalt...204

3. Gesang von der Gerechtigkeit. Peter Weiss: "Die Ermittlung"...207
3.1. "Die Ermittlung" zwischen den Fronten des Kalten Krieges...209
3.2. Vom Drama zum Hörspiel...211
3.3. Höllengelächter und Totenstille...220
3.4. Medienstimmen...229
3.5. Hörspielrezeption...235

Kapitel IV: Die Freiheit der Nische. Ästhetische und thematische Vielfalt (1971-1989)...239

1. Konstruktionen von Judentum und jüdischen Identitäten im DDR-Hörspiel der 1970er und 1980er Jahre...241
2. Medium Mensch. Jurek Becker: "Jakob, der Lügner"...260
2.1. Vom Ende des antifaschistischen Mythos...260
2.2. Zuschnitt der Romanvorlage...265
2.3. Die 'Auferstehung' des Juden im Radio der DDR...269
2.4. Hörbare Gewalt...271

3. "Der funktionale Mensch". Heinar Kipphardt: "Bruder Eichmann"...279
3.1. Adolf Eichmann vor Gericht...279
3.2. "Bruder Eichmann" und das dokumentarische Theater in Ost und West...283
3.3. "Bruder Eichmann" als Hörspiel im Radio der DDR...292
3.3.1 Die Bearbeitung für den Rundfunk...292
3.3.2 "Amtssprache ist meine einzige Sprache": Die Eichmann-Haltung...294
3.3.3. Bruder Eichmann: Die Analogieszenen im Hörspiel...299
3.3.4. Die Stimmen der Opfer...305
3.3.5. Das 'Tonband im Tonband': Authentifizierungsstrategien...308

4. Einbruch des Irrealen. Ilse Aichinger: "Knöpfe"...312
4.1. Aichingers Poetik der Übersetzung als Schreibverfahren der Holocaust-Erinnerung...312
4.2. Das Motiv der Verwandlung in "Knöpfe"...316
4.2.1. Metamorphosen und Verwandlungen im Hörspiel der 1950er Jahre...318
4.2.2. Die Verwandlung als Holocaust-Erinnerung in "Knöpfe"...322
4.3. Spezifisch weibliche Holocaust-Erfahrungen...332
4.4. Zwischen Romanze und Kriminalhörspiel (SDR/NWDR 1953)...339
4.5. Hörbilder des Holocaust (Berliner Rundfunk 1989)...342

Resümee...346

Quellen und Literatur...355
1. Hörzitate auf der Audio-CD...357
2. Holocaust-Hörspiele im Rundfunk der SBZ/DDR...358
3. Tonträger im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam...360
4. Dokumente im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam...361

Personen- und Werkregister...389


The Auditory Marks of the Holocaust within the Complexity of the Radioplay of the GDR

This dissertation investigates the auditive code of seven radioplays that originated in the former GDR/Soviet zone of occupation between 1945 and 1989 in their function of generating a social, collective process of recalling the Holocaust. Thereby the radioplay is considered as an independent artwork and within her combination of methods of cultural, medial, and literary studies, the author Manuela Gerlof succeeds in elevating the radioplay to the state of a medium of collective memory. Concurrently she embeds her object of investigation widely in cultural-political and medial-historical contexts, which reveals more kinds of stylistic devices, rather than only one auditory mark.


© bei der Autorin und bei KULT_online