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Auf der Suche nach Stimmungen. Hans-Ulrich Gumbrecht über einen neuen Zugang zur 'Wirklichkeit der Literatur'

Eine Rezension von Christoph Schanze

Gumbrecht, Hans Ulrich: Stimmungen lesen. Über eine verdeckte Wirklichkeit der Literatur. München: Hanser, 2011.

Der renommierte Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht plädiert für einen neuen Zugang zu literarischen Texten, der über die Analyse von Stimmungen, die in literarischen Werken konserviert sind, den Zugriff auf eine 'spezifische' Stimmung historischer Momente ermöglicht. Nach einer komplexen theoretischen Einführung zeigt Gumbrecht an weit gestreuten Beispielen – von den Liedern Walthers von der Vogelweide über Shakespeares Sonette und Thomas Manns Tod in Venedig bis hin zu einem Song von Janis Joplin –, wie solche stimmungsorientierten Lektüren aussehen und was sie leisten können. Trotz vieler Anregungen vermag der Ansatz nicht wirklich zu überzeugen, da er subjektiv, oft beliebig und letztlich selbst von einer altersmelancholischen Grundstimmung geleitet wirkt, die die präsentierten Stimmungslektüren beeinflusst.



Die Kategorie 'Stimmung' ist ein bisher vernachlässigter Parameter bei der Analyse von 'Texten', was v.a. daran liegt, dass Stimmungen schwer zu fassen und zu beschreiben sind. Genau das versucht Hans Ulrich Gumbrecht in seinem neuen Buch Stimmungen lesen. Über eine verdeckte Wirklichkeit der Literatur, das auf eine Artikelserie in der FAZ zurückgeht.

Das Einleitungskapitel legt die Messlatte für die folgenden Stimmungslektüren durch seine Komplexität und seinen theoretischen Anspruch recht hoch. Hier diagnostiziert Gumbrecht eine Krise der "akademische[n] Beschäftigung mit Literatur" (S. 7). Diese resultiere daraus, dass nach einer Reihe von turns der Widerspruch zwischen dekonstruktivistischen Ansätzen und den Cultural Studies bzw. den Kulturwissenschaften unüberbrückbar geworden sei. Während erstere die Möglichkeit einer sprachlichen Referenz auf die Wirklichkeit negierten, ließen letztere in ihrem "Vertrauen auf die Geltung quantitativ-empirischer Forschung [...] eine gewisse epistemologische Sorglosigkeit" (S. 9) walten. Als Ausweg wirbt Gumbrecht für "stimmungsorientierte" (S. 10) Lektüren, die die Frage nach der Wirklichkeitsreferenz von Literatur umgehen könnten.
Unter Stimmungen versteht Gumbrecht "leichteste Berührung[en] unseres Körpers durch die materielle Umwelt", die "auch und eigentlich immer auf unsere Psyche wirken" (S. 12). Er bezieht sich auf eine konkrete materiale Komponente von Texten, die sich z.B. in der Prosodie niederschlagen kann und eng mit dem "präsentischen Teil der Existenz" (S. 15) im Sinne von Gumbrechts Präsenz-Essay (Diesseits der Hermeneutik. Über die Produktion von Präsenz, 2004) zusammenhängt. Eine stimmungsorientierte Lektüre ermöglicht es, die Stimmung eines historischen Moments, die Texten 'eingeschrieben' ist, lesend und hörend zu vergegenwärtigen, die "substantielle[...] Präsenz von Vergangenheiten" (S. 25) jenseits des Problems ihrer Zeichenhaftigkeit zu spüren und so ein "intensive[s] und intime[s] Erleben von Alterität" zu ermöglichen. Stimmungslektüren haben eine 'historiographische' Qualität und können dazu beitragen, eine "weitgehend verlorene Frische und ästhetische Unmittelbarkeit im Umgang mit Texten" (S. 23) zurückzugewinnen.
Auch wenn das Theorie-Kapitel nicht explizit darauf verweist, spielen für Gumbrechts Verfahren Gedanken von Heidegger und Luhmann eine wichtige Rolle, was die Anwendungsbeispiele offenlegen. V.a. im Kapitel zu den Gemälden Caspar David Friedrichs wird deutlich, dass Luhmanns Denkfigur des 'Beobachters zweiter Ordnung' Gumbrechts Vorgehen prägt. Sie ermöglicht es, den Vorgang der Welterfahrung analytisch zu reflektieren, das Verhältnis von Erfahrung und Wahrnehmung zu beschreiben und beides begrifflich zu fassen. Dazu tritt Heideggers Verständnis von Stimmungen, die für ihn existentielle Erfahrungsformen darstellen, sich auf das Nichtbegriffliche des In-der-Welt-Seins beziehen und zugleich von der "existentiellen Dimension der Vergangenheit" (S. 126) beeinflusst sind.
Stimmungen gehören also ganz essentiell zur "Wirklichkeit der Welt" und beruhen nicht auf dem "Paradigma der Weltrepräsentation" (S. 34). Genau deshalb eröffnen sie für Gumbrecht den 'dritten Weg', der die wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur aus den Fesseln von Dekonstruktion und Kulturwissenschaften befreien und zugleich die Brücke schlagen kann zwischen dem professionellen 'wissenschaftlichen' Leser und den "nichtprofessionellen" Lesern, denen es beim Lesen v.a. "um Stimmung geht, ohne dass sie sich dessen notwendig bewusst wären" (S. 10).

Die Beispiellektüren beschränken sich nicht auf literarische Texte. Vielmehr liegt ein kulturwissenschaftlich weiter Textbegriff zugrunde, der auch Gemälde von Caspar David Friedrich und einen Song von Janis Joplin einschließt.
Eine erste Beispielreihe beschreibt Stimmungs-"Momente". Sie geht von den Liedern Walthers von der Vogelweide aus, denen Gumbrecht zu pauschal einen gewissen nervösen Ton und eine von der Ahnung des bevorstehenden Endes durchsetzte brüchige Freude entnimmt. Beides führt er auf eine Stimmung politischer Instabilität und religiöser Unsicherheit zurück, der sich Walther als Fahrender zeit seines Lebens ausgesetzt gesehen habe. Ob sich diese persönliche 'Befindlichkeit' Walthers tatsächlich auf eine "objektive Stimmung der Zeit um 1200" (S. 43) zurückführen lässt, wie Gumbrecht postuliert, scheint fraglich, zumal er die Gattungen Minnesang und Sangspruch unreflektiert vermengt.
Schlüssiger ist das Kapitel über Tod in Venedig, das die Stimmung der Erzählung in Beziehung zu Manns Venedigbesuch im Sommer 1911 setzt. Gumbrecht zeichnet nach, wie Mann die geschilderten Wetterlagen mit Aschenbachs Gefühlen und seiner Befindlichkeit verbindet. Dadurch entstünde ein "Drama von Wetter und Leidenschaft" (S. 105), das es dem Rezipienten ermögliche, lesend das Gefühl nachzuempfinden, "mit seinem Körper in eine materielle Welt eingehüllt zu sein" (S. 110). So könne die Verknüpfung von Wetter- und Stimmungslagen beinahe physisch spürbar erlebt werden.
Am wenigsten überzeugen die drei unter dem Schlagwort "Situationen" zusammengefassten Kapitel, in denen Gumbrecht versucht, über den einzelnen historischen Moment hinausgehende Zeitabschnitte anhand unterschiedlicher Texte auf gemeinsame Stimmungen zu befragen. Beispiele sind der Surrealismus, die 1920er Jahre und die Dekonstruktion von Jacques Derrida und Paul de Man. Allen drei "Situationen" entnimmt Gumbrecht eine übergreifende Stimmung, die auf der vermeintlichen "Unmöglichkeit der Weltrepräsentation" (S. 28) beruhe und im Gefühl einer umfassenden "Orientierungslosigkeit" (S. 152) zum Ausdruck komme. Allerdings bleibt unklar, wie sich diese Stimmung in den Texten konkretisiert, so dass auch der Versuch eines historischen Längsschnitts nichts Essentielles zur Klärung der Frage, was Stimmungen genau sind und wie man sie "lesen" und begrifflich fassen kann, beiträgt.

Irritierend sind neben diesen Unschärfen der Ton und die 'Stimmung' von Gumbrechts Buch. In den Lektüren überwiegen negative Stimmungen, und die meisten Kapitel lassen sich auf dieselbe Grundstimmung einer existentiellen Verunsicherung zurückführen. Gepaart ist das mit einer melancholischen Sentimentalität, einer "schönen Form der Traurigkeit", die "eher typisch für späte Phasen des Lebens" (S. 126) sei. So erweckt das Buch den Eindruck, das Projekt erwachse aus einer gewissen Altersmelancholie: "Die Sehnsucht nach Stimmungen ist gewachsen, weil viele von uns – vielleicht vor allem die Alten – unter dem Leben in einer Alltagswelt leiden, deren Fähigkeit, unsere Körper zu umhüllen und einzuhüllen, prekär geworden ist" (S. 33). Besonders deutlich wird das in dem Kapitel zu Janis Joplins Song Me and Bobby McGee, der Gumbrecht an seine Jugend und die mit ihr einhergehende Verheißung von Freiheit erinnert. Der Song bekommt für Gumbrecht durch die Wandlungsfähigkeit der Stimme der Sängerin einen präsemantischen Mehrwert, der die "existentielle Stimmung" (S. 132) der Generation spiegelt und erst im Rückblick deutbar wird: "Erst jetzt, wo wir eine Generation von etwas infantilen Alten geworden sind, zwischen den längst gestorbenen Eltern, gegen die wir rebellieren wollten, und den Jüngeren, die uns ohne Anstrengung überboten haben, erst jetzt ahnen wir, was die Versprechungen jener Monate gewesen wären, an die ich wie an einen kurzen ewigen Sommer zurückdenke. In der Stimme von Janis Joplin erinnern wir uns an eine Freiheit, die wir in der vergangenen Gegenwart nicht wahrgenommen haben" (S. 133). Dieser Eindruck einer altersbedingten Vorbestimmtheit weist deutlich auf die Subjektivität und vielleicht auch auf die Beliebigkeit einer stimmungsgeleiteten Lektüre hin, die immer auch von der Befindlichkeit des Lesenden beeinflusst ist. Da sich Gumbrechts 'spezifische' Stimmungen auch in Kunstwerken aus ganz unterschiedlichen Kontexten wiederfinden lassen, scheint sein Begriff der Stimmung zudem eher eine abstrakte Größe als eine in Relation zu historischen Stimmungen oder Mentalitäten zu setzende Kategorie zu sein.

Gumbrechts Essays haben ihren Platz dort, wo sie herkommen: im Feuilleton. Ob sie darüber hinaus auch im wissenschaftlichen Diskurs einen neuen turn anregen und die Literaturwissenschaft aus ihrer vermeintlichen "Lethargie" (S. 7) und "Stagnation" (S. 10) befreien können, scheint fraglich. Dennoch sind Gumbrechts Stimmungslektüren lesenswerte und anregende Miniaturen, deren sprachliche Brillanz beeindruckt. Das Vergnügen an diesem Aspekt der 'Präsenz' von Gumbrechts Buch hätte ein gründlicheres Lektorat, das die zahlreichen Satz- und Druckfehler beseitigt hätte, allerdings steigern können. So bleibt in jeder Hinsicht ein etwas zwiespältiger Eindruck.


Gumbrecht, Hans Ulrich: Stimmungen lesen. Über eine verdeckte Wirklichkeit der Literatur. München: Carl Hanser Verlag, 2011. 184 S., kartoniert, 17,90 Euro. ISBN: 978-3-446-23504-5.


Inhaltsverzeichnis


Stimmungen lesen
Wie man die Wirklichkeit der Literatur heute denken kann 7

Momente
Flüchtige Freude in Liedern Walthers von der Vogelweide 37
Die prekäre Existenz des Pícaro 44
Vielschichtigkeit der Welt in Shakespeares Sonetten 56
Die amouröse Melancholie der Novellen von María de Zayas 74
Rauhes Wetter und eine laute Stimme in Diderots Neveu de Rameau 81
Harmonie und 'Abbruch' unter dem Licht von Caspar David Friedrich 88
Die Schwere von Thomas Manns Venedig 99
Schöne Form der Traurigkeit in Joaquim Machado de Assis' letztem Roman 112
Die Freiheit der Stimme von Janis Joplin 127

Situationen
Ikonoklastische Energie des Surrealismus 137
"Tragisches Gefühl des Lebens" 152
Asketisches Selbstmitleid der Dekonstruktion 168

In Stimmung gebracht 175
Bibliographische Hinweise 177
Bildnachweise 181

Hans-Ulrich Gumbrecht Searches for 'Stimmung' as a New Approach to the 'Ontology of Literature'

Hans Ulrich Gumbrecht argues in favour of a new approach to literary texts. By analysing Stimmungen (the German word refers to moods, atmospheres, climate, tunes and tunings) which are preserved by literary works, this approach makes it possible to access a specific Stimmung with regard to historical moments. Following a complex theoretical introduction, Gumbrecht demonstrates how these readings work and how readers can benefit from them by giving various examples, such as songs by Walther von der Vogelweide, Shakespeare's sonnets, Thomas Mann's Death in Venice, and even songs by Janis Joplin. Despite many stimulating ideas, the approach fails to be convincing; it is subjective, arbitrary and, finally, it appears to be shaped by a melancholy due to old age which dominates the overall Stimmung and influences Gumbrecht's readings.


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